Tosendes Meer, schroffe Klippen, starker Wind, ein Ort an einen Steilhang geklemmt – es sind die Bilder, mit denen Marian Cartons Film »Jenseits des Trubels« beginnt und mir gleich in den ersten Minuten Vorfreude auf die restlichen zwei Stunden schenkt: »Ja«, denke ich, selbst Seglerin, »das ist einer, der chartersegelt nicht nur die Türkistraumbuchten ab.«

Jep. Das Bild hat mich gleich gepackt! Das ist das natürliche Sardinien!
Jep. Das Bild hat mich gleich gepackt! Das ist das natürliche Sardinien!

Natürlich besucht er die auch, denn Sardinien ist quasi überall Traumtürkisrevier. Und er ist sogar in dem »Hotspot« vor der Küste Sardiniens unterwegs, dem Maddalena-Archipel / Arcipelago di La Maddalena – eigentlich ein Natur- und Meeresschutzgebiet, aber in der Hauptsaison so überlaufen, dass mich da keine zehn Seepferde mehr hinkriegen. Zumindest nicht im Sommer.

Also bin ich entsprechend neugierig, wie Marian »Steuer- oder Backbord der abgetretenen Pfade unterwegs sein« will. Denn gleich die erste Bucht, die er von seinem Starthafen bei Rom aus ansteuert, ist eine der beliebtesten Buchten auf Sardinien überhaupt: die Cala Coticcio auf der Insel Caprera – auch »Tahiti« genannt, wegen ihres sagenhaften Türkiswassers. Anfang Juni, zu Marians Segelzeit, ist sie aber üblicherweise mit Charterbooten und gemieteten Schlauchbooten und Badenden voll (obwohl sie zur geschützten Zone A des Naturparks gehört).

Ich will gar nicht zu viel aus dem Film verraten. Nur so viel: Marians »Taktieren« geht auf. Denn ganz in der Nähe der Bucht findet er einen viel ruhigeren und genauso schönen Ankerplatz. Ich habe selbst mal aus dem gleichen Grund südlich vor der Felswand geankert – ohne Strand, das Wasser in dunklem Grün-Türkis. Traumhaft.

Insofern: Auch im weiteren Verlauf des Films stelle ich fest, dass das, was Marian »Taktieren« nennt, auch mein »quasi-einheimisches« Segelverhalten ist. Wir, die ganzjährig hier segeln, wissen natürlich oft schon, wo die Buchten sich füllen und welche für welchen Wind geeignet ist.

Aber auch wir folgen dem Wind und lassen ihn (und eben nicht die ultimative »Must-See«-Buchten-Liste aus den Revierführern) den Ankerplatz entscheiden.

Das ist der Schlüssel zum individuellen Seglerglück vor Sardinien und damit landet der Film einen Volltreffer.

Magst du schonmal reinschauen? Hier der Trailer auf Youtube »

Das aber vor Ort bei stets wechselnden Wind- und Wetterverhältnissen auszutüfteln, ist für Revierfremde einigermaßen anspruchsvoll – gerade in einem Starkwindgebiet wie der Meerenge Bocche di Bonifacio.

Marian bemüht dazu Google Earth (das freundlicherweise häufig Bilder aus der Hauptsaison zeigt) und kombiniert Satellitenbilder mit Wind- und Wettervorhersagen. Das ist einigermaßen aufwändig, aber effektiv. Wer also zum ersten Mal vor Sardinien segelt und nicht unbedingt um den letzten Ankerplatz in der Traumbucht kloppen will, der bekommt in diesem Film richtig gute Tipps – auch wie man einschätzt, wie sich Wind und Wellen anhand der Landschaft verändern können.

Naja, und das Taktieren ist auch für alle, die in der Hauptsaison segeln und Hafengebühren sparen möchten (die gerade im Nordosten Sardiniens irrsinnig hoch sind – für ein 9-Meter-Boot verlangen z. B. Porto Rotondo und Olbia pro Tag im August knapp 90 Euro) und Übung im Ankern haben (oder gewinnen möchten) eine echt gute Methode.

Der Film eignet sich bestens zur Vorbereitung. Nicht nur vor Sardinien, denn das Prinzip ist denke ich, auf jedes andere »Top-Segelgebiet« übertragbar.

Die Unterwasserwelt: Es ist nicht alles Türkis, was glänzt

Sind die schön ... die Isole Monaci östlich von Caprera (Foto: M. Carton)
Sind die schön … die Isole Monaci östlich von Caprera (Foto: M. Carton)

An den Inselchen Isole Monaci bin ich immer nur vorbeigesegelt und die Inseln jetzt von einer anderen Seite, nämlich nah dran, dank Marians Drohne von oben – und dann auch noch unter Wasser zu sehen, ist ein Geschenk! Da eine Muräne … da ein Oktopus … Drachenköpfe … Dorsche … Seesterne … und der Barracuda-Schwarm hat mich echt verzaubert!

Ich nehme mir vor, dort im nächsten Jahr Tauchen zu gehen. Nicht nur, weil wunderschön ist, was da unter unserem Kiel schwimmt …

Nach dem Artikel über Mikroplastik im Canyon di Caprera und die Aufklärung über das Seegras Posidonia werde ich mich dank Marians Film demnächst einem weiteren marinen Umweltthema widmen: Schleimalgen. Die Bilder, die Marian aus einem Naturschutzgebiet (!) mitgebracht hat, sind alarmierend. Große Flächen unterhalb der Brandungszone (also schon unterhalb von etwa 20 Meter Wassertiefe!) des so gesund aussehenden Wassers sind reine Wüste, und sehen schlimmer aus als jeder Gartenteich oder das heimische Aquarium nach einer Woche ohne Pflege.

Ich bin ehrlich entsetzt und habe mir für den Sommer (sorry, ich bin Warmbader!) einen Merker in den Kalender eingetragen: Unterwasser-Tauchtour im Maddalena-Archipel. Und zwar nicht mit einer touristischen Tauchschule, sondern mit einem Umweltprojekt (SeaMe.org, in Zusammenarbeit der Uni Sassari), wo ich hoffentlich ehrliche und fundierte Informationen über den Zustand unseres geliebten sardischen Meeres bekomme.

Doch natürlich sind das großartige Aufnahmen der Unterwasserwelt – und damit (und den spektakulären Astro-Aufnahmen) zeichnet Marians Film ein sehr umfassenderes Bild von Sardiniens Segelrevier im Norden zeichnen, als es Segelfilme normalerweise tun.

Das Boot, die Abyss von unten (Foto: M. Carton)
Das Boot aus dem Film – die Abyss von unten (Foto: M. Carton)

Der wilde Norden: zwischen Capo Testa und Capo Falcone (Stintino) / Isola Asinara

Was mir richtig, richtig gut gefällt, sind Marians Ausflüge an die wilde Nordküste – und dass er sich als neuen Heimathafen Castelsardo ausgesucht hat. Denn ab dem Capo Testa hört das Gros des Touristensegelns auf, schon bei Santa Teresa in der Meerenge Bocche di Bonifacio bekommt man einen Eindruck von Sardiniens wilder Küste. Bis rund um das Capo Falcone bei Stintino segelt Marian und findet sogar an einem von Unterwasserklippen durchsetzten Küstenabschnitt einen Ankerplatz.

Zwar muss (will?) er immer wieder tauchen, um den Anker zu kontrollieren, so auch hier – was mir definitiv zu mühsam, in der Nebensaison zu kalt und speziell an dieser Küste auch zu wellig-gefährlich wäre. Aber er macht’s und geht auf Nummer sicher.

Er findet wirklich sehr viel wilde Küste und pure Natur – zum Beispiel nur einen halben Segeltag entfernt die paradiesische Bucht am Monte Russu. Ich habe dort nie geankert, es war immer zu windig und wellig, als ich da ankam. Mit Marians Wetter- und Wind-Taktik aber findet man genau solche Plätze an den für sie perfekten Tagen. Ich werde mir da einiges abgucken!

Der Monte Russu ist wirklich genial, Top-Tipp! (Foto: M. Carton)

Und wenn auch die Themen Urlaub und “vor Sardinien segeln” grad einigermaßen fern sind, können wir uns den Traum des Segeln vor Sardinien mit diesem Film zumindest schonmal virtuell erfüllen und uns eine kleine Auszeit gönnen.

„Am wertvollsten ist es, einfach Zeit zu haben.“ 

Marian Carton, segelnd vor Sardinien

Fazit: Ein Film für freie Segler

Der Film ist vor allem für solche Segler, die mit dem eigenen Boot oder mit Anker- und Segelerfahrung als Charterer unterwegs sind. Er gibt tolle Tipps zum »Motorsegeln« und eben dazu, wie man geschützte und gute Ankerplätze findet, auch wenn man das Revier nicht kennt.

Für Segler, die vielleicht schon den Hauptsaison-Trubel erlebt haben und nun bereit sind für mehr als nur die beliebten Traum-Türkiswasser-Buchten, ist der Film ideal. Denn er zeigt eine andere Küste als die der berühmten Costa Smeralda. Und von dieser »anderen« gibt es noch sehr, sehr viel mehr – denn auch der Norden macht nur rund ein Zehntel der Küstenlinie aus.

Für den “Normal-Sardinienurlauber” hat der Film vielleicht Längen, wenn es um die Arbeiten am Boot geht (die ich als Bootseignerin wiederum interessant fand). Aber dennoch ist er für alle, die vor Sardinien segeln wollen, aber nie Zeit und Gelegenheit hatten, zu chartern, eine Ermutigung genau das einmal zu tun.

Insgesamt schürt der Film die Sehnsucht nach Urlaub, nach Meer und nach all dem, was uns in der heutigen Zeit so oft fehlt. Nämlich das Echte, das Ursprüngliche, das Einfache.

»Jenseits des Trubels« von Marian Carton ist bei segel-filme.de zum Download erhältlich »

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Ich wünsche euch viel Spaß beim Ansehen – ich hab die zwei Stunden sehr genossen. Der Film ist professionell gemacht und genau das richtige für einen Winterabend!

P.S. – Nach(denk)wort des schwarzen Schafs: määähr als Meer

Einen klitzekleinen Wermutstropfen hinterlässt bei mir jeder Segelfilm über Sardinien. So auch dieser. Aber ich erlaube mir diese Anmerkung in meiner Eigenschaft als schwarzes Schaf – allein weil vermutlich niemand sonst überhaupt auf den Gedanken käme.

Denn naturgemäß ist für die meisten das Wichtigste bei einem Segelurlaub das Meer und das ist auch okay so (und dem Film tut es sicher keinen Abbruch).

Aber der Großteil, ach – gefühlt alle! – segelt an Sardinien vorbei. Marian macht in seinem Film schon vieles richtig, und er findet das natürliche, wilde Sardinien auf der Seeseite und unter Wasser, er segelt individuell und naturverbunden, erzählt von der Geschichte und trifft in Castelsardo auch einen Korbflechter, der noch altem Fischerhandwerk des Reusenflechtens nachgeht.

Aber da hört er wie alle vor ihm auf – und ich finde nicht, dass ein Segelfilm das unbedingt muss. Gerade nicht auf einer Insel wie Sardinien.

Von alten Traditionen gibt es auf Sardinien noch tausende määäähr! (Foto: M. Carton)
Von alten Traditionen gibt es auf Sardinien noch tausende määäähr! (Foto: M. Carton)

Sardinien geht nämlich – und da beißt die Schiffsratte keinen Faden ab – vor allem an Land weiter. Und die Häfen, die man mit dem »Taktieren« in der Sommersaison zwar meiden kann (und vielleicht sogar sollte), sind nicht nur »Zivilisationsschock« oder »Tourismus« – sondern eben auch der Link zu dem, was sich im Inneren Sardiniens befindet: zu den Menschen, zu Land und Leuten, zum Herz der Insel. Denn der nächste Bus nach Orgosolo oder Oliena oder Mamoiada oder auf die Giara di Gesturi oder gar in die Bergwelt der Insel fährt nunmal nicht ab der noch so individuellen Traumbucht.

Insofern einfach mein kleiner Wunsch, oder vielmehr, mein ergänzender Tipp für alle Segler vor Sardinien:

  • Nutzt gerade Starkwindphasen (die hier gern mal ein paar Tage dauern) zum Landgang!
  • Mit einem Scooter oder Mietwagen kann man die Insel frei Schnauze und individuell erkunden. Gerade im Hinterland findet sich auch in der Hauptsaison immer spontan eine Unterkunft.
  • Auch Busse sind eine gute Möglichkeit, die halten in allen Häfen der Insel und bringen dich in spannende Orte – und sind manchmal für sich genommen schon ein kleines, feines Abenteuer.
  • Gönnt euch ein, zwei Tage in einem landestypischen Hotel oder schnuckligen B&B, während das Boot im Wind schaukelt. Vielleicht sogar explizit, als Kontrastprogramm im Inselinneren oder einer ganz anderen Region – da gibt es ganz wunderbare Gastgeber.
  • Kauft euren Vorrat in kleinen Dörfern oder einer azienda agricola ein, unterstützt die kleinen, einheimischen Produzenten. Holt den Wein fürs Boot beim Weinbauern, und nicht im Supermarkt. Degustation inklusive, versteht sich 😉
  • Geht nach einem anstrengenden Segeltörn im Agriturismo essen.
  • Entdeckt, dass es auf Sardinien mehr Bier gibt, als das Ichnusa … 😉

Insofern, an der Stelle auch noch eine warm-wollige Empfehlung für das Segeln »off-season« vor Sardinien: Tatsächlich sind auch die Häfen in der echten Nebensaison deutlich entspannter als in den Sommermonaten. Zwischen Oktober und Mai ist sogar die Costa Smeralda ein erschwingliches und entspanntes Träumchen! Ein Monat im Dezember kostet in etwa so viel wie ein Tag im August. Lohnt sich, mal drüber nachzudenken 😉

Und die überfüllten Traumbuchten sind im Winter (der auch wettertechnisch recht ruhig ist) wie leergefegt und Sardiniens Meer einfach so ist, wie es immer sein könnte: natürlich, frei von Ausflugsdampfern und einfach nur paradiesisch.

Oder wie Marian das Segelrevier im Norden Sardiniens beschrieb:

»So genial hab ich es mir beim besten Willen nicht vorgestellt.« 

Die Hotspot-Traumbucht bei Santa Maria im Maddalena-Archipel im Winter (mein eigenes Foto vom Neujahrsmorgen)
Die Hotspot-Traumbucht bei Santa Maria im Maddalena-Archipel im Winter (mein eigenes Foto von einem friedlichen Neujahrsmorgen)

P.P.S.: Unterstützung individuelles Segeln / Teamsegeln vor Sardinien

Wenn ihr für euren eigenen Segelurlaub Tipps braucht, und Lust auf individuelles, naturverbundenes Segeln habt, vielleicht sogar in einer kleinen Flotte als Team oder Unternehmen unterwegs seid und braucht UND gern bei Landgängen das echte Sardinien kennenlernen wollt: Einfach das schwarze Schaf fragen – ich mach euch gern ein Angebot für die Törnplanung und revierkundige Unterstützung / Skipperbriefing vor Ort.

Dazu passend darf ich noch meine eigenen Segellinks empfehlen:

Und … immer ne Handbreit Wasser unterm Kiel und n Schluck für Rasmus in der Buddel! 😉

Ich bin Nicole, auch bekannt als »das schwarze Schaf auf Sardinien« (italienisch: pecora nera) und Gründerin dieses Blogs. Hier berichte ich von meinen Streifzügen im ganzen Jahr auf, durch und rund Sardinien. Im »richtigen Leben« bin ich Beraterin für Kommunikation und Tourismus sowie Content Creator.

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