Die ospitalità sarda / sardische Gastfreundschaft ist berühmt und ein offenes Geheimnis. Befragt nach dem, was Reisende am meisten an Sardinien in Erinnerung bleibt, ist die Antwort eindeutig: die Menschen, ihre Herzlichkeit und Offenheit – selbst gegenüber uns hundsnormalen Touristen. Sie beherbergen und versorgen dich zudem in einer menschlichen und kulinarischen Qualität, von der manches Sterne-Restaurant oder -Hotel nur träumen kann.

Das ist so, weil das Gastgeber-Sein für Sarden eine leidenschaftliche Berufung aus Tradition ist:

»Sa domo est minore, su coro est mannu.«

Das Haus ist klein, das Herz ist groß. (Altes, sardisches Sprichwort)

Das, was seit Jahrhunderten für Nachbarn, Familie und Freunde gilt, dehnt man wie selbstverständlich auch auf fremde Gäste aus. Und es ist ein inselweites Phänomen.

Für mich der Inbegriff des sardischen Sprichworts: das liebevoll geführte und gestaltete B&B Mario Cesare in Gergei
Für mich der Inbegriff des obigen sardischen Sprichworts: das kleine und geradezu liebevoll geführte und gestaltete B&B Mario Cesare in Gergei

Das erlebst du speziell dann, wenn du nicht das Ferienhaus im Touristenort in Strandnähe zehn Monate im Voraus buchst, sondern abseits der “touristischen Rennstrecken” dein Domizil aufschlägst. Und, noch besser, quer durch die Insel reist und dort bleibst, wo es dir gefällt. Wenn du für die Übernachtung oder ein gutes Restaurant nicht tripdings fragst, sondern die Einheimischen, oder Schildern am Straßenrand folgst, die dir sympathisch sind (» In diesem Artikel findest du noch mehr Tipps: “Acht Weisheiten zum landestypischen Reisen”).

Soweit so gut.

Aber da sind noch diese ganz besonderen Orte, von denen es auch auf Sardinien nur ganz wenige gibt. Die, an denen das obige Sprichwort noch ein bisschen “wahrer” ist. Die, an denen du dich wie Zuhause fühlst. Umfangen, geschmeichelt, umsorgt – ja, sogar lieb gehabt.

Da sind diese Gastgeber, dir das Gefühl geben, Teil ihres Lebens zu sein, dich in die unmittelbare Nähe ihres Seins lassen und für die Gastfreundschaft wirklich eine Freundschaft mit den Gästen ist. Die ihren Gästen mehr als ein Zimmer mit Frühstück geben: einen Platz, an dem du immer willkommen bist. Ein Zuhause im Urlaub.

Ich wollte schon immer so reisen – nah an Land und Leuten. Vermutlich bin ich deshalb an Sardinien hängen geblieben, weil bewusst Reisen (mit und ohne Corona) hier ganz wunderbar geht. In diesem Sommerurlaub habe ich mir eine Genussreise in Sardiniens Süden gegönnt – und in der Marmilla und im Sarcidano fand ich gleich ein ganzes Nest unheimlich gastfreundlicher Orte:

  • gewachsene Dörfer, wie Gesturì, Gergei, Escolca, Mandas, Nurallao, Isili, Laconi – eines reicher an gelebten Traditionen und tollen Sehenswürdigkeiten als das andere
  • wundervolle Gasthäuser und B&B, die mich noch tiefer in das offene Geheimnis sardischer Gastfreundschaft einweihen

Und zu denen gehen wir jetzt 🙂

Zuhause bei Freunden

Privatsphäre + Umsorgtwerden = Urlaubsglück
Privatsphäre + Umsorgtwerden = mein Urlaubsglück

Die folgenden vier Gasthäuser und B&B gehören allein ob ihrer landestypischen Schlichtheit und Schönheit in die Rubrik “Boutique” und “Charme”. Doch das Beste ist nicht diese (richtige) qualitative Kategorisierung, sondern sind die Gastgeber und ihre Philosophie. Die vier charmanten Häuser sind nämlich geführt von vier ebenso charmanten Freunden 😉

Sie umtreibt eine gemeinsame und umfassende und nachhaltige Idee von »Gastfreundschaft«:

  • sich nicht als Konkurrenz betrachten, sondern sich gegenseitig unterstützen und helfen
  • lokale Erzeugnisse und Produkte bei Kilometer Null (oder aus den Nachbardörfern) bevorzugen
  • hausgemachte, kulinarische Köstlichkeiten anbieten
  • den Gast in das tägliche Leben und Arbeiten einbeziehen
  • Bewahrung überlieferter Arbeitsmethoden und Traditionen
  • rustikales, stilvolles Ambiente
  • Naturmaterialien und antike Bauweisen
  • traditionelle Lebensart
  • kreativer Umgang mit allem, was ihre Vorfahren an Weisheiten, Rezepten, Methoden und Materialien hinterlassen haben

Ziel ist, die Schätze der eigenen Region aufzuwerten und nachhaltigen Tourismus in der Region zu etablieren. Denn natürlich werden die Marmilla und Sarcidano nicht ansatzweise so prominent wie eine Costa Smeralda oder eine Costa Rei. Und die vier Häuser – stellvertretend für alle, die keinen Strandzugang und Meerblick haben – werden zu Unrecht von vielen Touristen nicht einmal angeschaut. Wenn sie wüssten, was sie verpassen!

Falls du es dir anschauen willst: Unter dem Hashtag #sardiniasecretsexperience findest du auf Instagram viele Impressionen von einer Reise, die ich mit anderen Bloggern durch diese Regionen mit ihren abwechslungsreichen Landschaften gemacht habe: https://www.instagram.com/sardinia.secrets/

Gergei in diesem Sommer: einladend, weit und sonnenverwöhnt

Ich nehme euch jetzt mit in vier wundervolle, rustikale und kreative Häuser in authentischen Orten: Gesturi, Mandas und Gergei. Obwohl die Dörfer jeweils einige Kilometer weit auseinander liegen, sind diese Häuser sind wie unsichtbar, aber spürbar miteinander verbunden.

Und gleichzeitig ist jedes von ihnen einzigartig:

Cortis Antigas, Gesturi

Das »Cortis Antigas« in Gesturi lädt zum entspannten Verweilen ein
Das »Cortis Antigas« in Gesturi lädt zum entspannten Verweilen ein

Den Namen könnte man mit »Antike Höfe« übersetzen und ein Hauch von der »guten, alten Zeit« weht mir tatsächlich entgegen, als ich durch das offen stehende Holzportal in den Innenhof des Cortis Antigas eintrete. Es ist ein lauer Sommerabend, die Tische für unser Abendessen stehen im grünen Gras, die alten Steine des hohen Hauses sind diffus beleuchtet und von innen tönt es vielversprechend und geschäftig aus der Küche. Ein älterer Herr aus Gesturi sitzt da, flicht Körbe aus Binsen / Giunco.

Unser Gastgeber Ignazio vertraut, lässt alle Tore und Türen offen, die Welt ist in Gesturì noch in Ordnung. Er ist unaufdringlich fürsorglich, stellt uns mit einem freundlichen Gesicht alles, was wir brauchen, hin und lädt uns ein, alles in Ruhe zu erkunden. Er selbst ist ein wenig in Eile, heute ist das Haus voll und er hat alle Hände voll zu tun. Wir lächeln, verstehen und setzen uns einfach auf eine Steinbank im Garten. Vorab: Das Abendessen ist fantastisch und wenn man fast bis Mitternacht zusammen sitzt, ist Zeit komplett irrelevant.

Wortlos genießen wir die entspannte Atmosphäre. Später erzählt uns Ignazio bei einem Glas Wein von dem Haus. Er ist eigentlich Archäologe (also weder Hotelier noch Bauunternehmer) aber hat den Wert des Gemäuers erkannt und das Haus in liebevoller Kleinarbeit restauriert. Und so wohnen wir heute in einem Ambiente aus Natursteinen, konstruiert nach antiken Methoden aus Lehm und Stroh hergestellten Backsteinen (ladiri) und unter einem Dach aus Holz und Schilfrohr. Die Bodenfliesen aus dem 18. Jahrhundert sowie auch die Steine sind original, zusammen mit Freunden hat Ignazio mühevoll den alten Putz entfernt. Das Ergebnis ist ein absoluter Wohlfühlort, der sich sehen lassen kann. Complimenti!

Antica Locanda Lunetta, Mandas

Hier habe ich gleich ein paar Tage verbracht. Die Antica Locanda Lunetta ist aber nicht irgendein B&B und nicht nur ein schönes Gasthaus, sondern eins, das den Namen wirklich verdient hat – weil es nämlich auch historisch betrachtet ein ganz besonderer Ort ist: Meine Gastgeber folgen der Tradition des Urgroßvaters, der 1921 den Schriftsteller D.H. Lawrence beherbergte – der wiederum seine Reise und auch den Aufenthalt in Mandas in dem Buch »Das Meer und Sardinien« beschreibt.

Abgesehen davon, dass ich mich in dem feinen, rustikalen Ambiente stets wohlgefühlt habe, war es ein menschliches Highlight … meine Gastgeberin Barbara und ihre Familie haben mich mit ihrer ganz natürlichen Wärme und unkomplizierten Art umfangen – nachzulesen in meiner Homestory. Haus und Garten sind Orte der Begegnung und Privatsphäre zugleich. Wunderbar all die kleinen schattigen und sonnigen Ecken, in denen man lesen, ein Glas Wein trinken, mit anderen Gästen oder miteinander reden oder auch einfach nur sein kann. Kräuter und Blumen sorgen für ein Aufatmen, Zitronenmelisse und Rosmarin duften um die Wette. Es ist alles da, was Mensch zum Wohlfühlen braucht.

Übrigens, das Haus scheint tatsächlich schriftstellerisch zu inspirieren: ein Kapitel meines neuen Buches habe ich hier geschrieben und bin nochmal auf ganz neue Ideen gekommen. Herzlichen Dank auch dafür, und für eine wunderbare Zeit!

Domu Antiga, Gergei

Eintritt in eine Oase: »Domu Antiga« in Gergei

Ein altes Holztor, in Himmelblau gestrichen. Ich trete ein und lande in einer anderen Welt: Der Innenhof ein Garten, eine Oase, ein kleines Paradies. Zwischen einer rankenden Weinpflanze klingeln Schafglocken, als wäre ein Hirte mit seiner Schafherde gleich um die Ecke. Das große Haus mit den dicken Steinmauern bedient mein diesjähriges Bedürfnis nach Sicherheit und “weniger Mensch”. Mir persönlich ist das tatsächlich positiv aus der Pandemie im Gedächtnis geblieben – ich brauche nicht viele Menschen, um glücklich zu sein. Erst recht nicht in einer solchen Umgebung, wo ich das Leben genießen, meiner Seele und meinem Körper etwas Gutes tun kann.

Bei einem Kochevent (hier mein Video auf Youtube) lerne ich zudem was fürs Leben, nämlich über die Art, wie hier im Sarcidano Kochen und Essen zelebriert wird. Mein Gastgeber Samuel macht Käse selbst – so wie es ihm seine Großmutter beigebracht hat – und sitzt fast meditativ hinter seinem uralten Kupferkessel. Ich werde von ihm und seiner Familie in das Geheimnis der sardischen Form des “Slow Cooking” eingeweiht (mehr dazu in der Homestory).

Und, was am wichtigsten ist: Hier gelingt meine “kleine Auszeit”, die ich brauchte. Wer einen Ort sucht, an dem er all dem, was die Welt bewegt, eine Zeitlang entfliehen kann, ist im Domu Antiga genau richtig.

Mario Cesare, Gergei

Künstlerhaus »Mario Cesare« in Gergei
Das Künstlerhaus »Mario Cesare« in Gergei

Gegenüber den drei beeindruckenden, alten Landhäusern nimmt sich das Mario Cesare fast bescheiden aus. Es ist ein einzelnes kleines, flaches Haus, das unsere Gastgeberin Giulia (übrigens die Schwester von Samuel aus dem Domu Antiga) mit enormer Liebe zum Detail und ihrem enormen kreativen Talent renoviert, gestaltet und für Gäste hergerichtet hat. Ein überaus inspirierender Ort, vermutlich, weil es mal das Eltern- und Wohnhaus eines Künstlers war – ebenjenes Mario Cesare. Ein Bildhauer und Autor, der weder Künstler noch Poet genannt werden wollte, eine spannende Persönlichkeit – um den werde ich mich in einem anderen Artikel und nach einem anderen Urlaub in diesem herrlichen Häuschen kümmern 🙂

Im Garten summen Bienen und Hummeln um den Lavendel, eine Hängematte in der Ecke lädt zum Entspannend ein, ein Kunstwerk inmitten von Kräutern und Pflanzen. Alles hat seinen Sinn und erzählt eine Geschichte, in der Schlichtheit ist nichts dem Zufall überlassen. Erinnerungen an den Künstler in jedem Zimmer. Das Große sind die Kleinigkeiten – zum Beispiel wenn man abends in das Häuschen zurückkehrt: Ein paar Blüten, die Giulia mit ihrem sagenhaften Talent mit einer freundlichen, ja fast liebevollen Notiz ob der morgigen Abreise an die Tür gehängt hat, lässt meiner Mitreisenden fast die Tränen in die Augen treten vor Rührung: »Sie ist ein Engel.«

Wenn du dich in Sachen Unterkunft zwischen diesen vieren nicht entscheiden kannst – ich verstehe total, dass das schwer fällt! – möchte ich dir mit Giulias Worten eine kleine Hilfestellung geben:

»Wenn es zuviel Zeit in Anspruch nimmt, sich für eines zu entscheiden … nimm sie einfach alle!«

– gemeint waren die Kacheln im »Mario Cesare«, aber ich finde, das passt hervorglänzend auch hier … Verbringe in jedem Dorf zwei, drei Tag. Oder nimm dir für jeden Urlaub ein anderes Gasthaus vor – so mach ich das 😉

Nachhaltiger Urlaub in der Marmilla und im Sarcidano

Die Region im mittleren Süden ist absolut für einen längeren Urlaub gut. Nicht nur haben es diese kleinen Perlen der Gastfreundschaft verdient, nein, es ist auch sehr empfehlenswert, speziell wenn man auch im Urlaub Wert auf Nachhaltigkeit legt.

Denn allen vier Gasthäusern ist eins gemeinsam: Sie produzieren und verarbeiten sie grundsätzlich vieles selbst. Oder achten darauf, dass die Zutaten und Erzeugnisse wie Gemüse, Fleisch, Wein, Olivenöl, Eier, Mehl aus antikem Getreide und anderes von lokalen Produzenten stammen – denn sie möchten natürlich auch der ganzen Region helfen.

So geht Nachhaltigkeit: alles, was auf den Tisch kommt, wird bei Kilometer Null kultiviert oder eingekauft
So geht Nachhaltigkeit: alles, was auf den Tisch kommt, wird bei Kilometer Null kultiviert oder eingekauft

Und wenn das Gute direkt vor der Haustür liegt – warum dann in die Ferne schauen? Ein Prinzip, das wir uns auch für das tägliche Leben merken können: Schau erst bei Kilometer Null, dann in die Nachbarorte, dann in die Region. Und meide das Globalisierungs-Regal im Supermarkt.

Was mich begeistert hat, ist die Art der Gastfreundschaft. Ungekünstelt und einfach tief verankert. Für mich ein absolut wunderbarer Gegenentwurf zum erlernten Service in “normalen” Restaurants und Hotels, die man so an der Küste vorfindet (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Wie viel lieber sind mir Samuel, Giulia, Barbara und Ignazio als der überaufmerksame Kellner in Livree, der mit gelernten Phrasen sein Serviceprogramm abspielt. Hier fragt keiner bei jedem Gang ob alles in Ordnung ist (quasi als Vorab-Versicherung gegen nachrangige Beschwerden). Hier IST alles in Ordnung. Und die Komplimente an Küche und Gastgeber verteilt jeder Gast jederzeit gerne und weil er es so meint.

Noch mehr Perlen auf Sardinien!

Wenn du dich auf das Experiment »Authentischer Sardinien-Urlaub« einlassen magst, fahre doch beim nächsten Mal in den mittleren Süden Sardiniens (oder in ein anderes Hinterland deiner Wahl – die gesamte Insel ist voll mit tollen Gastgebern) und lass dich von der sardischen Gastfreundschaft einfangen.

Merke: Die kleinen Wunder und die wunderbaren kleinen Dinge sind immer da. Wir müssen sie nur wollen. Wolle! 😉

* Hinweis zu Werbung und Empfehlungen

Empfehlungen wie diese sind gesetzlich als Werbung zu kennzeichnen. Einige Gastgeber und Produzenten (z. B. das Domu Antiga und das Cortis Antigas) kenne ich schon lang und von eigenen privaten Reisen, die ich grundsätzlich selbst bezahle. Einige Elemente der diesjährigen Sommer-Reise waren für die teilnehmenden Blogger, also auch mich, kostenfrei – wofür ich mich bei den Anbietern herzlich bedanke und was natürlich erwähnt werden muss. Das Prinzip, sich zu revanchieren ist auf Sardinien schon lebendig – aber ich versichere euch: Wie immer schreibe ich diese Art von Artikeln nur, wenn mich etwas wirklich packt und begeistert. Und das war / ist hier so. Einige Links in diesem Artikel sind außerdem Affiliate Links, z. B. zu booking.com (Prinzip: Wenn ihr darüber bucht, bekomme ich eine kleine Provision, für euch bleibt der Preis gleich. Eine Direktbuchung ist für die Anbieter gegenüber den Portalen manchmal vorteilhafter – entscheidet einfach selbst).

Insofern ist dieser Artikel korrekt als Werbung zu kennzeichnen, aber noch vielmehr als von Herzen kommende Empfehlung für Leute, die das echte Sardinien kennenlernen wollen.

Ich bin Nicole, auch bekannt als »das schwarze Schaf auf Sardinien« (italienisch: pecora nera) und Gründerin dieses Blogs. Hier berichte ich von meinen Streifzügen im ganzen Jahr auf, durch und rund Sardinien. Im »richtigen Leben« bin ich Beraterin für Kommunikation und Tourismus sowie Content Creator.

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