Als ich vor Jahren die archäologische Stätte Puttu Codinu das erste Mal besuchte, waren zwei Dinge anders als heute: 1. Es regnete und der Tag war grau verhangen. 2. Ich hatte nicht besonders viel Ahnung und war nur zufällig dort gelandet.
Im Vorbeifahren und vor allem als „Ersturlaubende“ ist ja nicht immer ganz leicht, Sardiniens frühzeitliche Geschichte zu durchblicken. Was sind überhaupt Domus de Janas? Was sollen mir diese Löcher im Fels sagen?
Das mit der Ahnung ist diesmal besser – zufällig war ich zwei Wochen zuvor bei einer Konferenz über das Neolithikum auf Sardinien.
Diesmal reist das Schaf also mit Vorwissen an und hat Zeit für Erklärungen vor Ort. Und findet, Puttu Codinu hat einen ganz eigenen Charme.

Domus de Janas oder Feenhäuser hat der/die ein oder andere vielleicht schonmal gehört. Sie sind seit 2025 Weltkulturerbe und haben ein wenig Berühmtheit erlangt.
Puttu Codinu gehört zu den 18 Stätten, die die ungefähr 300 Feenhäuser auf Sardinien und die neolithischen Bestattungstraditionen repräsentieren.

Lust auf eine kleine Zeitreise? Dann nichts wie hinein in eine wirklich tolle archäologische Stätte!
1987 und 1988 hatten Archäologen erstmals Gelegenheit, Puttu Codinu genauer zu untersuchen. Zuvor war die Stätte eher nur unter Locals und ein paar Studienreisenden bekannt.
Dank der zutage geförderten Artefakte kann die Anlage mittlerweile gut datiert werden – allerdings macht es das nicht zwingend einfacher.
Denn Puttu Codinu überspannt gut 3000 Jahre sardischer Geschichte: Der Zeitraum beginnt in der späten Jungsteinzeit, 3500–2700 v. Chr. – also vor gut 5.000 Jahren, ab heute gerechnet. Im Bereich der Gräber VII, VIII und IX fand man Keramikfragmente aus der „Filigosa-Abealzu“-Kultur (2800–2400 v.u.Z.). Sie waren lang verborgen und daher für Grabräuber nicht leicht zugänglich. Ein Glück für uns.
Die Zeitspanne endet in der Römischen Republik, etwa ein oder zwei Jahrhunderte vorm Zeitenwechsel mit der christlichen Zeitrechnung.
Erschwert wird die Einordnung dann auch durch die Nutzung in der Neuzeit – zum Beispiel von Hirten, die in den Höhlen vor Schlechtwetter Schutz suchten. Und sogar bauliche Veränderungen vornahmen.
Das Bewusstsein für die Bewahrung kulturhistorischer Stätten ist relativ jung. Und ja auch heute nicht in jedem menschlichen Gemüt vorhanden.
Nähern wir uns dem also vielleicht eher beobachtend.
Bei Puttu Codinu kommt man allein durch die Lage gar nicht umhin, etwas Schönes im Morbiden zu finden.
Die archäologische Stätte liegt mit direktem Blick auf den Stausee bei Monteleone Roccadoria und auf den Monte Minerva – einen tafelbergartigen, ehemaligen Vulkanberg.

Die Nekropole besteht aus neun Gräbern, die in zwei knapp aus der Erde ragende, ausgedehnte Kalksteinfelsen gehauen wurden.

Der weiche Stein war vor 5000 Jahren sehr praktisch, als man ihn aushöhlen wollte. Mit einfachen Mitteln aus jener Zeit, nämlich zum Beispiel härterem Stein oder später mit ersten Werkzeugen aus der beginnenden Kupferzeit (grobe Einordnung: Jungsteinzeit -> Kupferzeit -> Bronzezeit (mit Nuraghen) -> Eisenzeit).
Im weiteren Verlauf der Zeit haben allerdings auch Wetter und atmosphärische Vorgänge ihn allerdings gelöst und Decken einstürzen lassen. Das gibt der Nekropole ein paar schöne Aussichten, die mir schon beim ersten Besuch gefallen haben.

Alle Eingänge sind nach Ost-Südost ausgerichtet – in Richtung der aufgehenden Sonne.
Die Symbolik ist wohl nicht zufällig und beschreibt die ewige Wiederkehr des Lebens durch die Sonne, die mit ihrer Wärme alles nährt.
Wer genau hinschaut, entdeckt kleine Menhire, aufrechte in den Boden gelassene Steine vor manchen Eingängen. Das deutet darauf hin, dass hier bedeutende Persönlichkeiten bestattet worden waren, denen besonders gedacht werden sollte.
Domus de Janas – direkt übersetzt: „Häuser der Seelen“, frei: „Feenhäuser“
– Sardische Bestattungskultur aus der Jungsteinzeit

Viele Gräber haben einen „T“-förmigen Grundriss. Hier und da finden sich Asymmetrien, vermutlich aufgrund späterer Veränderungen.
Aber das Spannendste in Puttu Codinu sind die Intarsien – graffitiähnliche Gravierungen, die in den Stein gehauen wurden.
Die Struktur, die der Jungsteinzeit am nächsten kommt, befindet sich in Grab 8. Hier scheinen noch die ursprünglichen Kammern erhalten, und dort finden sich ganz besondere Dekorationen an der Decke und an der Wand.
Man kann deutlich einen Ausschnitt erkennen, viereckig, quadratisch, und darüber horizontale Linien mit leicht gebogenen Enden. Diese kennt man auch aus anderen Stätten und Gräbern, daher wissen wir mit einiger Sicherheit, dass es die Hörner des Stiergottes sein sollen.
Und die Symbolik? Er war – nach damaligem Volksglauben – derjenige, der die Seelen ins Jenseits beförderte.


Mir wurde allerdings gerade auf der anderen Seite der Insel, im Osten von einem Archäologen erklärt, dass dies die Aufgabe der Dea Madre, der Muttergöttin in Mittelmeer-Kulturen war.
Vera, die sich hier und heute um Puttu Codinu kümmert, erklärt mir lächelnd: „Ja, sie arbeiten zusammen.“
Was spontan so einfach klingt, wollte mir lange Zeit nicht aufgehen. Aber natürlich hat das Sinn! Der Felsen ist ewig – die zu Bestattenden wollten in den Mutterleib der Erde zurückkehren. Der Tod war für die Menschen damals nur eine Rückkehr in den Bauch der Mutter(göttin).
Für diese Rückkehr, um wiedergeboren zu werden, brauchte es jedoch eine Art Träger. dieser musste – wenn wir in der Wahrnehmung der damaligen Menschen bleiben, eine gewisse Stärke haben.
Sagen wir mal so: Wenn es Kraft brauchte, um irgendetwas von A nach B zu tragen, war der Träger in damaligen Zeiten physisch gesehen der Stier. In der Landwirtschaft bewegte er beim Pflügen die Erde, bewegte Waren, besaß Kraft.
Das Grab war ein Ort des Übergangs. Der Stier sollte – wie es das wirkliche Tier in der Landwirtschaft tat – die Arbeit verrichten und den Körper in die neue Welt hinübertragen. Dies geschah durch eine falsche Tür, einen angedeuteten Durchgang im Stein – da man nicht wusste, was sich dahinter verbarg.

Alles stand im Zeichen der Fruchtbarkeit, also des Wiedergeborenwerdens und des Weiterlebens.
In Verbindung mit der Muttergöttin – von der in den Nischen der Gräber oft kleine Statuetten gefunden wurden – sind sie gemeinsam die Verwirklichung dieses Übergangs. Ja, das passt schon gut zusammen.
Diese Verzierungen findet man aber nicht in allen domus de janas – tatsächlich ist es eine spannende und gut erhaltene Besonderheit von Puttu Codinu und Nekropolen im Nordwesten der Insel.
Das Element der „falschen Tür“ oder Scheintür hingegen ist in vielen Domus de Janas, aber auch in Gigantengräbern sehr häufig anzutreffen.
An Puttu Codinu treffen sich sowohl verschiedene soziale Schichten als auch Zeiten.
Ein besonderes Grab ist ein Ausdruck von Macht. Nicht alle wurden so begraben. Es ist ein Ausdruck von: „Ich bin mächtig und will, dass man sich für immer an mich erinnert. Ich will, dass mein Körper weitergeht.“ Für das „normale Volk“ gab es zu jener Zeit auch die Einäscherung.
Die potenten Menschen hingegen wählten die Architekten jener historischen Epoche aus und beauftragten sie, um diese Art von Gräbern zu erhalten. Menschen, die auf das Aushöhlen von Fels und die Gestaltung spezialisiert waren.
Hier und da sind Muscheln im Fels eingeschlossen. Das sind keine absichtlichen Dekorationen, sondern ein geologisches Merkmal: Hier war mal Meeresboden – es sind Fossilien von Austern. Das ist rund 20-30 Millionen Jahre her – und das wussten die steinzeitlichen Menschen natürlich nicht.

Die Erbauer der Gräber stießen im Fels immer wieder auf diese Elemente, die den sauberen Ausbau störten. weil sie sich lösten und Löcher hinterließen. Perfektion war also schwer zu erreichen.
Außerdem ist es heute nicht mehr nur eine Nekropole oder neudeutsch: ein Friedhof. Denn nach und nach sind viele Kulturen an diesem speziellen Ort gewesen.
Zu denken, dass das, was wir heute sehen, einen Anspruch auf Richtigkeit über alle Zeiten hinweg hat, ist eher schwierig.
Tatsächlich ist Puttu Codinu heute aus archäologischer Sicht ein bisschen wie ein Tatort, an dem zu viele Leute vorbeigekommen sind. Es ist mit dem Blitzlicht von heute erst einmal schwierig zu verstehen, wer und was wann und warum dort war – und was man zu dem Zeitpunkt vorfand.
So gibt es in den Steinen einige architektonische und „technische“ Hinweise, dass es mal eine Art Holzgerüst gegeben haben muss (vielleicht um den Friedhof imposanter zu gestalten) oder dass die Gräber vermutlich Holztüren hatten.

Außerdem findet man einige Kanäle, durch die offensichtlich Wasser fließen soll.
Was zunächst nach Ritualen aussieht (auf Sardinien gab es in späteren, nuraghischen Perioden einen regelrechten Wasserkult) entpuppte sich bei genauerer Forschung eher als eine Art Kanalisation, um die Bauwerke trocken zu halten und das Wasser in einer tieferen Lage zu sammeln.
Die Region ist wasserreich, der Fluss Temo ist in der Nähe. Heute hat man ihn aufgestaut und einen Stausee gebildet. Früher behalf man sich anders.
Wasser war immer ein großes Thema – auch die Menschen der Jungsteinzeit waren zur Versorgung von den Jahreszeiten und einer permanent guten Wasserversorgung abhängig.

Vor den Gräbern sind Steine im Halbkreis angeordnet, darunter befindet sich ein kleiner Brunnen. Und in der Nähe des Lindenbaums wächst immer wieder ein Feigenbaum – ein Indikator dafür, dass es eine gute, verlässliche Wasserquelle gibt.
Wasser ist immer der Faktor, der Menschen dazu bringt, sich niederzulassen. Und man lebt, da wird leider auch irgendwann gestorben. Also brauchte man Friedhöfe und Nekropolen.
Einen kleinen Rundgang durch eines der Gräber (Grab IX) findest du hier auf Youtube:
… und wer es bis hier geschafft hat, bekommt einen Extratipp: Fahre auf der wunderschönen Küstenstraße von Alghero nach Bosa (oder umgekehrt).
Von dieser gibt es einen Abzweig nach Villanova Monteleone. Zwar geht es recht steil hinauf, aber der Ausblick ist noch schöner als von der Küstenstraße selbst:
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