Verantwortungvolles Reisen. Oder auch: nachhaltiger, langsamer Tourismus: Was für manche sperrig und anstrengend klingt, ist für mich eine der besten Arten, ein anderes Land oder eben diese Insel zu entdecken.
Langsam und bewusst in eine andere Welt einzutauchen, eröffnet neue Perspektiven. Mehr noch: So lernst du ein Land wirklich kennen.
Denn nachhaltiges Reisen ist viel mehr, als keinen Müll zu hinterlassen, das beste Reisevehikel auszuwählen oder unvermeidbare Emissionen zu kompensieren.
Im Fall der Insel Sardinien ist auch ein Teil der Lösung, den eigenen, menschlichen Druck von den Küsten zu nehmen und sich ins Hinterland zu begeben.
Sich mit den Sarden – die historisch-traditionell bedingt im Hinterland leben – vor Ort auszutauschen, ist ein Schlüssel, möglichst viel von der Landeskultur mitzubekommen. Von dem, was den Menschen in ihrem jeweiligen Ort wichtig ist. Denn das variiert von Dorf zu Dorf.
Für mich persönlich meint es auch: Entdecken, welche menschlichen, natürlichen, kulturellen, kulinarischen und archäologischen Schätze es gibt – und helfen, diese zu bewahren. Mindestens: nichts davon zu zerstören.
Die schöne Sache an der Ogliastra, durch die ich diese Woche gereist bin: Menschen werden hier besonders alt. Wir befinden uns in der Blue Zone mit den meisten Hundertjährigen Sardiniens (hier gleich ein passender Buchtipp).
Diese Menschen tragen einen unfassbaren Wissensschatz in sich, den es zu bewahren und weitererzählen gilt.

Doch es sind nicht nur einzelne Menschen, die alt werden. Auch viele Dörfer veraltern – weil junge Generationen ihr Glück außerhalb Sardiniens suchen. Spopolamento / Entvölkerung nennt man das hier.
Gerade die Dörfer im Inselinneren sind von der Insel- und Landflucht existenziell bedroht.
Und da können sogar wir als Tourisen aktiv gegensteuern!
Wir Reisende sind gefragt, die Angebote der lokalen Gemeinschaften anzunehmen. So tragen wir direkt dazu bei, dass Tourismus nicht zum Störfaktor, sondern im Optimalfall zu einer Quelle der lokalen Wertschöpfung und des gegenseitigen Verständnisses wird.
Das kann durch das Ticket sein, das ich fürs Museum oder den Zugang zu etwas – wie einen besonders schützenswerten natürlichen Ort, z. B. Sa Stiddiosa – zahle. Das hat übrigens in den allermeisten Fällen auf Sardinien wenig mit Abzocke zu tun.
Von Tickets ist noch nie jemand reich geworden. (Leider.) Aber: Mit dem Ticketerlös können die Organisationen, die sich mit viel Engagement und Wissen um die Schätze kümmern, einen Teil der laufenden Kosten decken. Für mich ist das gut angelegtes Geld.

Oder anders: Wenn ich in einer Strandbar bereitwillig 7,50 Euro für ein gekühltes, industrielles Flaschenbier oder gleich 10 für einen Aperol Spritz zahle, dann sind 5 Euro für eine archäologische Stätte oder 40 Euro für ein ausgiebiges Mittagessen mit hausgemachten Spezialitäten gerade mal gar nichts.
Um als Reisende den Dörfern – und damit ganz Sardinien – zu helfen, müssen wir …
1. ankommen
2. bleiben
Letzteres vergessen wir oft: Selbst wenn wir uns auf einen Roadtrip auf den kurvigen Landstraßen durchs Inselinnere begeben und von der Schönheit der Landschaften fasziniert sind, bleiben wir häufig in / auf unserem Gefährt. Einer, den ich in dieser Zeit sprach, meinte, er sei an einem Tag 220 Kilometer gefahren, ohne anzuhalten. Ja, das ist möglich. Ja, ich glaube, da ist noch Luft nach oben.
Denn in manchen Fällen sind einige Kurvenliebhaber mit ihren abgebauten Schalldämpfern ein echt lauter Störfaktor für die Locals. Wenn ein Dorf nur Durchgangsstation für Motorrad-Reisegruppen ist, hat das wenig mit gegenseitigem Verstehen und kulturellen Brücken zu tun.
Das Mindeste wäre, anzuhalten und sich etwas mit dem Ort zu beschäftigen. Einige treffe ich in der Dorfbar, wie sie eine Cola trinken. Ich frag sie, ob sie auch in Sadali (dem nächsten Ort) anhalten. Und in Esterzili, da gäb’s diese tollen Murales, Wandgemälde. Und eine Bar gäb’s ja auch in jedem Dorf.
„So viel Cola kann ich gar nicht trinken, wie es Dörfer gibt. Und dann komm ich ja auch nie an!“
Ankommen ist gar kein so schlechtes Stichwort – siehe oben.
Stell dir die Frage doch mal anders: Wo willst du denn ankommen? In deinem Ferienhotel, das du schon kennst? Auf einem Campingplatz ohne Anschluss an die Sarden? In der Pizzeria, in der ihr quasi jeden Abend seid?
Wenn du wirklich auf Sardinien ankommen willst, hätte das schwarze Schaf einen Vorschlag: Komm doch einfach in Gairo, Seui oder Esterzili an! Oder in Lanusei, Talana oder Villagrande! Oder in Nurri, Orroli oder Isili!
Oder oder oder … und dann: bleibe.

Nimm dir ein B&B, nimm dir Zeit für ein Mittagessen, entdecke Museen und Wandmalereien, kleine enge Gassen, frage die netten Leute vor Ort, was du dir ansehen kannst, mach eine kleine Wanderung, entdecke bei Mittag- oder Abendessen die Köstlichkeiten und schau dir an, wie das ganz normale Leben funktioniert.
Ja, vielleicht klappt das nicht in diesem Urlaub, weil das Hotel schon durchgebucht ist. Aber dann vielleicht im nächsten.
Lass dir Spielraum. Gerade im Hinterland funktioniert das spontan Reisen bestens – mein B&B in Seui (Rosa Gialla, sehr zu empfehlen) hatte noch zwei Zimmer frei. Wer’s schicker mag, findet im Hotel Miramar in Seulo eine komfortable, landestypische Unterkunft.
Tipp: Am besten machst du deine Hinterland-Rundreise rund um ein Wochenende. Schau im Internet oder Social Media nach lokalen Events und Aktivitäten an deiner Strecke. Ganz Pfiffige planen sogar ihren Roadtrip danach.
Und dann kannst du ja auch wieder wegfahren. Nur, um wiederzukommen, versteht sich 🙂
Das schwarze Schaf war natürlich so pfiffig 😉 und hat sich einfach mehrere Tage an die Ogliastra-Etappe des IT.A.CÀ-Festivals für verantwortungsvollen Tourismus geheftet.
Hier eine kleine Nachlese meiner Entdeckungsreise durch die Blue Zone – mit nur einigen, wenigen Impressionen aus den Orten Seui, Talana, Villagrande Strisaili, Lotzorai und Tortolì. Dazwischen Sadali, Ussassai und Gairo, die ich gleich mit besucht habe – wenn ich schonmal da war 😉









Im noch flachen Hinterland von Tortolì verwandelt die junge Stefania Demurtas mit ihrem Mann seit einigen Jahren einige Hektar Land in ein „Agroforestry“ – ein Konzept aus biologischer Landwirtschaft und Aufforstung mit heimischen Bäumen und Nutzpflanzen.










Lass dir Zeit. Das ist der Grundsatz im Agriturismo Murtarba. Wir waren dabei, wie die Pasta, die wir später essen sollten, von Hand gemacht wird und haben nicht nur Techniken gelernt, sondern auch Geduld und viel darüber, welche guten, der Gesundheit zuträglichen Eigenschaften langsam und biologisch produzierte Lebensmittel haben.





Ein Gegenentwurf zu dem, was man landläufig unter Agriturismo versteht: Viel essen, fast platzen und abgefüllt nach 1-2 Stunden wieder rausrollen. Ein großer Fehler – und in touristischen Orten oft noch befeuert durch Restaurants und Agriturismi, die so viele Gäste so effizient wie möglich bedienen wollen.
Im Agriturismo Murtarba ist das anders. Ein ganz großartiges Erlebnis, das sowohl den Wert von Zeit als auch von Lebensmitteln und dem gemeinsamen Essen hervorhebt und die moderne Lebensart ein bisschen infrage stellt.
Über das Konzept „Zeit“ werde ich an anderer Stelle noch berichten.
Erst verhinderte ein dramatisches Gewitter, dass das Theaterstück „Ballo con le Janas“ an der archäologischen Stätte Sa Carcaredda aufgeführt werden konnte …



Dann schloss sich der Kreis zu den Janas aber doch – mit einer Vorführung im Gemeindesaal von Villagrande. Manchmal wird ein Plan B wirklich gebraucht und entwickelt eine ganz eigene Magie.



Die Domus de Janas – die Häuser ebenjener Feen, oder: der Seelen – sind ja unlängst zum Weltkulturerbe erklärt worden. Die Schlusskonferenz widmete sich ihnen und der Kultur im Neolithikum (Jungsteinzeit), um dann noch kurz auf die folgende nuraghische Kultur einzugehen.



Das Wissen darüber, wie gesund Olivenöl ist und wie man ein wirklich gutes, wirksames degustiert und erkennt, vermittelt Stefania Tangiu von Olivina.


Ein gelungener Abschluss einer mehr als gelungenen Woche!
Obwohl ich die Insel seit vielen Jahren bereise und wirklich schon fast überall war, finde ich bei jeder Reise etwas Neues.
Insbesondere den Janas auf Sardinien werde ich mich über Winter widmen – das ist sooo ein weites Thema.
In diesem Jahr war IT.A.CÀ besonders intensiv. Sich an die lokalen Gemeinschaften zu hängen und sich mit dem Ort zu verbinden – sei es über Museen als Leuchttürme, Kulturvereine, archäologische Stätten oder die Gastgeber – ist wirklich der Schlüssel für ein nachhaltiges, verantwortungsbewusstes Reisen.
Sein Reiseziel wirklich kennenzulernen bedeutet, mit denen zu wandern, die dort jeden Tag leben, und von denen zu lernen, die ihre Traditionen bewahren, und die Produkte zu genießen, die sie mit tiefer Leidenschaft und Freude herstellen.
Wir gewinnen neue Sichtweisen auf ein anderes Land, eine andere Kultur, auf andere Menschen – und damit auf unsere eigene Welt.
Und: Wir können dazu beitragen, die kleinen Dörfer am Leben zu erhalten – indem wir Kontakte knüpfen, Beziehungen aufbauen, Verbindungen herstellen, Brücken zwischen Menschen bauen und die lokalen Initiativen und Gemeinschaften unterstützen.
Reisen ist dann kein reiner Selbstzweck mehr: Wir konsumieren unser Reiseziel nicht, sondern verbinden uns mit den Menschen und tragen aktiv zum Erhalt dieser wunderbaren Dörfer, Geschichten und Traditionen bei.
Viel Spaß bei deiner Entdeckungsreise!
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kate h.
18. Oktober 2026 at 15:17Dass spontanes Reisen im Hinterland bestens klappt, würd ich aus zwei freien Zimmern in Seui nicht ableiten. Gerade wenn der Roadtrip wie empfohlen rund um lokale Events am Wochenende liegt, würd ich die Unterkunft vorher anfragen.
Nicole Raukamp
19. Oktober 2026 at 12:21Also bei mir hat’s geklappt und ich leite das aus rund 15 Jahren Sardinienreisen ab. Hab immer noch irgendwo ein Zimmer bekommen 🙂
Aber ja, bei Events kann man natürlich auch vorausbuchen, wenn man das möchte.