Tief, ganz tief in der Inselmitte befindet sich ein Lieblingsplatz des schwarzen Schafs: Sa Stiddiosa. Der Fluss Flumendosa hat in der Barbagia di Seulo ein irre schönes, einsames Tal gegraben und in diesem befindet sich eine kleine Oase mit einem Wasserfall. Wobei … lieber gleich vorab, um eventuellen Enttäuschungen vorzubeugen: “Wasserfall” ist übertrieben. Ja, hier fällt Wasser aus etwa 20 Meter Höhe hinunter. Sprachlich völlig korrekt. Aber eben nur tröpfchenweise.

Kein Wunder: “stiddius” ist das sardische Wort für “Tropfen”. Das erklärt bestens die Natur dieses Wasserfalls – der nämlich eher ein “Wassertropf” ist – gespeist aus einer Quelle oben am Berg. Das Wasser kommt also nicht literweise vor der grünen, moosbewachsenen Felswand herunter, sondern langsam, wie ein leichter, sanfter, warmer Regen und gesellt sich zu dem im Flussbett.

Wer zuhause gern mit Regengeräuschen und Wasserrauschen im Hintergrund einschläft, findet das Äquivalent in der Wirklichkeit genau hier. Genau so geht Entschleunigung.

Sa Stiddiosa, Oase am Flumendosa
Sa Stiddiosa, Oase am Flumendosa

Und das ist auch das Beste an Sa Stiddiosa: der profunde Frieden, den die Natur schenkt.

Fluss-Oase mit “natürlichen Pools”

Je nach Wasseraufkommen, sowohl im Fluss als auch in der Quelle, bilden sich zwischen den Felsen im Fussbett saisonalen Teiche, auch “piscine naturali / natürliche Pools” genannt. Man findet sie auch im Sommer in ganz vielen Flüssen (und viele davon deutlich leichter erreichbar als Sa Stiddiosa). Frag einfach die lokale Bevölkerung da, wo du gerade bist (tendenziell natürlich im Hinterland).

Die blaugrünen Wasser der "natürlichen Pools" von Sa Stiddiosa
Die blaugrünen Wasser der “natürlichen Pools” von Sa Stiddiosa

Der Flumendosa ist einer der größten und wichtigsten Flüsse Sardiniens: an ihm sind gleich drei Seen aufgestaut, die für die Energie- und Wasserversorgung der Region wichtig sind – und einer ist schöner als der andere. Das reduziert natürlich auch die fließende Wassermenge. Und so ist der Flumendosa wie nahezu alle sardischen Flüsse in Sachen Wassermenge saisonal äußerst wankelmütig (Ausnahme: der Cedrino im Supramonte).

Das Flussbett ist uneben und unbegradigt – wie es sich für einen echten, naturbelassenen Fluss gehört. Es wird immer wieder von großen, weißen Felsen unterbrochen, die auch dafür sorgen, dass diese kleinen “Pools” entstehen. Geh auch ein bisschen im Fluss spazieren (so schwer das fällt nach dem Trek), es ist quasi überall schön. Sa Stiddiosa befindet sich direkt dort, wo der Trekkingpfad endet (dazu gleich mehr), und die meisten bleiben gleich dort. Ein bisschen weiter nach links oder rechts sind im Zweifel weniger Leute.

Der Flumendosa
Der Flumendosa im Sommer: ein stiller, wasserarmer Geselle

Die Landschaft ist schlicht beeindruckend. Der Flumendosa hat über seeeeeeehr lange Zeiten eine Schlucht gegraben, die eindeutig ist und keine Zweifel über seinen Verlauf aufkommen lässt. Die hohen Hänge sind dicht bewachsen, dunkelgrün ragen sie auf und schaffen einen tollen Kontrast mit dem Himmel – egal ob Grau, wolkig oder strahlend Blau. Die Weite ist enorm. Da sind Ecken, in denen maximal Wildschweine und Füchse laufen, aber sicher kein Mensch.

Sa Stiddiosa selbst ist für mich ein wirklich genialer Ort, um zur Ruhe zu kommen. Ich wollte mal eine Yoga-Session da unten machen, aber hatte nach dem Trek dann echt keine Lust auf noch mehr Bewegung. Aber seinen Gedanken nachhängen und die Natur wirken lassen – das geht.

Auszeit pur: Regenerieren in der sardischen Einsamkeit
Regenerieren in der sardischen Einsamkeit

Diese Zivilisationsarmut lässt dich alles vergessen, was bis eben noch wichtig war. Sardinien schenkt dir an diesem Ort Zeit, Frieden und Ruhe. Auf ganz natürliche Weise. Diese Einsamkeit oder Menschenlosigkeit findest du allerdings eher in der Nebensaison (oder eben etwas abseits im Flusslauf). Zur besten Reisezeit unten mehr.

Denn, wie das oft so ist im Leben: Für die besten Dinge muss man sich anstrengen, die gibt es selten auf dem Silbertablett serviert. Das gilt auch für Sa Stiddiosa.

Der steinige Pfad zur Entschleunigung

Auch das schwarze Schaf hat ein bisschen zu tun, bis es ankommt: Erst die stundenlange Fahrt über endlose Serpentinen. Alles sehr schön, landschaftlich genial. Aber halt weit, wenn man von einem Küstenort kommt (Tipps für die Anfahrt am Ende). Schnell geht da grad mal gar nichts und Abkürzung ist da auch keine.

Das ist das Erste, das der zivilisierte Mensch im Inneren Sardiniens lernt. Alles dauert so lang wie es dauert. Und das ist okay.

Dann der Trek hinunter zum Wasserfall. Nichts für Flachland- und Sonntagswanderer, soviel ist sicher. Der Trekkingpfad (2 Kilometer) hat es in sich: etwa 400 Höhenmeter sind zu überwinden und das Ganze auf einem steilen, steinigen und naturbelassenen, engen Pfad, mit engen Kurven und ohne Schatten. Wer Gelenke und Füße schonen will, nimmt für den ersten Teil die Schotterstraße. Der Weg ist damit länger (insgesamt 3,5 Kilometer), aber es geht auf ebenem Boden und eben nicht ganz so steil bergab. Das heißt nicht, dass er damit einfach wäre: Auf den letzten 800 Metern wird der Pfad noch steiler und (du kannst sie dir auf Youtube ansehen: Sentiero Sa Stiddiosa Part 1 / Sentiero Part 2.

Trek zu Sa Stiddiosa. Spätestens ab hier wird's anstrengend.
Trek zu Sa Stiddiosa. Spätestens ab hier wird’s anstrengend.

Nicht ohne ist aber der Rückweg, immer nur bergauf, zwei Kilometer. Und natürlich genauso steil wie bergab. Das zieht sich und das eigene Körpergewicht wird irgendwann echt schwer. Wenn die Sonne scheint, gibt es tagsüber kaum Schatten – der Bewuchs ist nur mittelhoch und die wenigen Bäume sind am Wegesrand oder im oberen und unteren Abschnitt, wo man nur bedingt Schatten braucht. Man muss also gezielt irgendwo stehen bleiben. Das zieht den Weg und die permanente Sonneneinstrahlung ist nicht nur an heißen Tagen mega anstrengend (dann aber echt schwierig).

Im August würde ich nicht nochmal nach Sa Stiddiosa wandern ... ;)
Im August würde ich nicht nochmal nach Sa Stiddiosa wandern … 😉

Es gibt noch Alternativen für die richtigen Outdoorfreaks, nämlich von der anderen Seite, oder von Nord oder Süd durch das Flussbett, ohne Schild und ohne irgendwas. Je nach Jahreszeit, Witterung und Wasserstand hast du aber eventuell an einigen Stellen des Flusses das Problem, dass du an einem bestimmten Punkt nicht weiter kommst. Vielleicht auch nur, weil dort ein Fels im Weg ist und daneben Wasser fließt. Der Fluss ist, wie gesagt ziemlich eigen.

Denke auch an Proviant: Du hast einigen Energiebedarf (mal abgesehen davon, dass ein Picknick am Fluss richtig, richtig nett ist). Und du musst Wasser mitnehmen, unterwegs gibt es keins. Bewahre dir mindestens einen Liter für den Rückweg auf. Nein, die Quelle von Sa Stiddiosa ist nicht erreichbar und du kannst die Flasche nicht auffüllen (wenn du nicht gerade Flusswasser, in dem Menschen und Tiere baden, trinken willst).

Merker / unbedingt mitnehmen: Kopfbedeckung, 2-3 Liter Wasser, Proviant, langärmelige Kleidung und ein paar Euro fürs Ticket.

Tipp im Sommer: Nimm noch ein kleines Handtuch oder T-Shirt mit und bade es unten am Fluss im kalten Wasser und leg es dir bei Bedarf auf den Kopf.

Und denk immer dran: die Belohnung ist Sa Stiddiosa! Hier geht es zu einem Video auf Youtube (von unserer Tour im August):

Wann ist die beste Zeit für Sa Stiddiosa?

Ich war einmal im April da (für mich perfekt, nur das Bad ist kalt!) und einmal im August (würde ich nicht nochmal machen) und häufiger im Herbst (beliebt, weil das Wasser wärmer ist) im südlichen Gennargentu.

Also, Empfehlung für die Nebensaison, speziell Frühling und Herbst. Da muss man zwar gut das Wetter beobachten (nach Regenfällen wird der Trekkingpfad sicher nicht einfacher).

Im Herbst beginnt der Fluss vor allem nach starken Regenfällen wieder zu fließen und sorgt für mehr Wasser und Strömung. An mittelwarmen Sonne-Wolken-Tagen grenzt nicht nur Sa Stiddiosa, sondern die gesamte Barbagia di Seulo (mit den Trekkinggebieten bei Sadali, z. B. zum Wasserfall Su Stampu) an Outdoor-Perfektion.

Strömung im Frühling durch Schmelzwasser vom Gennargentu
Erhöhte Strömung im Frühling durch Regenwasser und/oder Schmelzwasser vom Gennargentu

Im Winter und im Frühling, wenn auf dem Gennargentu Schnee fällt und Schmelzwasser den Fluss speist, ist von ihm bereits auf dem Trek ein deutliches Rauschen zu vernehmen und an manchen Stellen im Fluss auch eine kräftige Strömung zu erwarten. Sa Stiddiosa selbst tröpfelt dann mit nahezu 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit und auch etwas kräftiger, wenn die Quelle vom Regenwasser überläuft. Weil in der tiefen Nebensaison auch weniger Touristen da sind, ist speziell an Wochentagen oft kein Mensch zu sehen – ein Träumchen für einsame Wanderer.

Im Sommer ist das anders: Du ahnst gar nicht, wie viele den langen Weg auf sich nehmen! Dann ist Sa Stiddiosa ein großer Picknickplatz und Badestelle, speziell an Wochenenden wollen auch viele Sarden das Bad genießen. Der “Wasserfall” selbst ist dann weniger aktiv (manche sind dann enttäuscht, aber das liegt leider in der Natur der Sache) aber der Reiz liegt jetzt in eben den kleinen “Pools”. Nach langen Trockenperioden sind diese natürlichen Teiche klein und flach, an einigen Stellen kann man vielleicht noch untertauchen. Man steht in glasklar-grünlichem, immer noch kühlen Wasser unter den Tropfen des Wasserfalls und freut sich über die Abkühlung … oder setzt sich auf die weichen Steininseln, macht ein Schläfchen … im Fluss kühlt man die vom Trek angestrengten Füße, Fische knabbern dran – Fish Therapy for free 🙂 …

Sagen wir mal so: Wer schon alle Strände am Ferienort gesehen hat und mal was anderes erleben will, der ist hier im Sommer bestens aufgehoben. Vorausgesetzt er/sie traut sich den Trek zu, speziell der August ist eigentlich zu heiß. Auch wenn gerade dann das Bad super ist: Im Sommer würde ich einen leicht bedeckten Tag abwarten (wenn nicht gleichzeitig ein Gewitter angesagt ist).

Im Sommer suchen ziemlich viele Abkühlung im Fluss
Im Sommer suchen ziemlich viele Abkühlung im Fluss

Anfahrt und Ticket

Von Norden / Nordwesten: Bis kurz hinter Nuoro geht es über die schnellen SS 131 und SS 389 noch zügig. Aber dann geht der Spaß los.

  • “Schnellste” Strecke (ab Olbia knapp 3 Stunden): Auf der SS 389 bei Fonni abfahren und dann über Fonni / Desulo / Aritzo / Gadoni bis kurz vor Seulo.
  • “Schönste” Strecke (ca. 3,5 Stunden): SS 389 (relativ flott bis Villagrande Strisali, dann weiter gerade aus auf der alten Strecke, es wird mega kurvig über Gairo / Gairo Vecchio / Ussassai / Seui / Seulo. Nach Seulo bei der Kirche links ab.

Von Süden (z. B. Cagliari) ist es landschaftlich bedingt schwieriger und auch niemals schnell (mindestens zwei bis drei Stunden). Ich fand am angenehmsten und einfachsten, über die SS 125 (Schnellstraße) erst nach Osten in Richtung Muravera / Costa Rei zu fahren, dann bei San Vito abzufahren auf die SS 387. Diese bis Escalaplano dann auf der Provinzstraße SP 53 nach Esterzili, dann die SS 198 nach Sadali und auf die Provinzstraße SP 8 nach Seulo. Ein ziemlicher Weg, aber landschaftlich ein Träumchen!

Von Osten z. B. Oristano fährst du von der SS 131 bei Tramatza oder Simaxis ab, bei Siamanna auf die SP 33 nach Allai / Samugheo / Atzara / Aritzo / Gadoni / Seulo. Klingt kurz, dauert aber auch zwei Stunden.

Und wenn du denkst, gleich bist du da - sind es immer noch über 30 Kilometer ;)
Und wenn du denkst, gleich bist du da – sind es immer noch über 30 Kilometer 😉

Allen Wegen gemein ist das Ende: Bei der kleinen Kirche / Chiesa Campestre di Santa Barbara ist Sa Stiddiosa ausgeschildert. Man fährt erst etwa 2 Kilometer über Asphalt, dann nochmal zwei Kilometer über Schotter, bis zu einer “Ticketstation” und ein paar Hundert Meter weiter ist der offizielle Parkplatz.

Noch ein Wort, bevor sich alle über das Ticket aufregen: Das ist vor allem da, um den ganzen wild parkenden Dödeln Einhalt zu gebieten – das war in den letzten Jahren mit steigender Aktivurlauberzahl ein ziemliches Chaos. Der Bürgermeister von Seulo hat zum Schutz der Natur mit einer “Ordinanza” interveniert und jetzt kostet es halt. Sieben Taler finde ich zwar einen Tick zu viel, andererseits kommt das Geld an der richtigen Stelle an und wird tatsächlich direkt am Ort zu guten Zwecken (Aufforstung, Instandhaltung, erste Hilfe) eingesetzt. Allerdings waren für mich zuletzt im August zu viele unbeschäftigte Leute da – allen drei Vögel zum Ticketverkauf. Mit etwas besserer Organisation könnte man auch bei weniger Personal = weniger Kosten = einem günstigerem Ticket landen. Da kommt mein deutsches Optimierungs-Gen durch, ich geb’s zu! 😉

Aber alles in allem schmälert das ganz und gar nicht die Schönheit von Sa Stiddiosa. Also, warm-wollige Empfehlung vom schwarzen Schaf!

Tipps Übernachtung

Ich finde einen mehrtägigen Aufenthalt in der Region mit Übernachtung absolut machbar. Hier meine Übernachtungstipps:

Ich bin Nicole, auch bekannt als »das schwarze Schaf auf Sardinien« (italienisch: pecora nera) und Gründerin dieses Blogs. Hier berichte ich von meinen Streifzügen im ganzen Jahr auf, durch und rund Sardinien. Im »richtigen Leben« bin ich Beraterin für Kommunikation und Tourismus sowie Content Creator.

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