Die historische Region Sarcidano in der Mitte der Insel gehört zu den reichsten und fruchtbarsten Landschaften Sardiniens: von der Schnellstraße aus Richtung Cagliari kommend, dominieren weite Ackerflächen, Weiden und Getreidefelder. Richtest du dich weiter in die Inselmitte, nach Norden, wechseln sich ausgedehnte Wälder und Täler mit idyllischen Flüssen und Seen ab.

Das lässt schon beim ersten Besuch erahnen, welche Vielfalt dich hier erwartet. Kein Wunder, dass das schwarze Schaf schon mehrfach da war. So auch in diesem Sommer des merkwürdigen Jahres 2020 (siehe auch Hinweis am Ende des Artikels).

Im Frühling umfängt dich im Sarcidano ein intensiver Farbenmix aus Gelb, Grün und Blau. Im Sommer sind alle Felder goldgelb – und irgendwann abgeerntet. Das verspricht sehr viel, denn dann übertrifft sich das gesamte Medio Campidano selbst mit seinen regionalen, hausgemachten Spezialitäten – keine Sorge, der Artikel für Genießer folgt!

Das Sarcidano mit Escolca und Gergei, Blick in Richtung Marmilla
Das Sarcidano mit Escolca und Gergei, Blick in Richtung Marmilla

Frühling und Sommer sind für mich die besten Reisezeiten. Ich habe aber egal zu welcher Jahreszeit nur gute Erinnerungen an die Region. Auch Herbst und Winter haben was für sich, da findest du einfach das ganz normale Sardinien. Das ist aber genau genommen immer da – von Hauptsaison merke ich hier Ende Juli nicht wirklich viel. Zum Glück!

Im ganzen Jahr findest du hier echte, ungekünstelte Gastfreundschaft, gelebte Traditionen und wunderbare Ausflugsziele in der Natur.

Authentisch reisen mit dem kleinen grünen Zug

An diesem sonnigen, nicht zu heißen Julitag lasse ich mich mal wieder mit dem Zug durch die Insel fahren. Zwar habe ich das Auto dabei und ich bin auch gern unabhängig. Aber ich bin ja noch ein paar Tage da. Und diese Zugreise hat echt was für sich, du wirst sehen.

Der Barbagia Express an der Haltestelle Sarcidano
Der Barbagia Express an der Haltestelle Sarcidano

Der Trenino verde / das kleine grüne Züglein hatte einige schwere Jahre durchgemacht. Heute nennt er sich »Barbagia Express« und bietet an Wochenenden und Feiertagen ganzjährig wunderbare Touren an.

Ich bin ja an sich kein Freund von organisierten Reisen, aber das hier ist eine nostalgische, einzigartige Weise, das Land zu entdecken. Auf dieser Tour verbindest Du Zeit in der Natur mit dem sardischen Alltag, der lokalen Kultur und mit dir selbst. Es gibt einen Guide (auf Anfrage auch in deutscher Sprache) und der Tag ist gut organisiert. Ich nehm’s mal vorweg: Diese Zugfahrt ist echt empfehlenswert, auch wenn im Sommer passieren kann, dass Touristen mit Socken in Sandalen mitfahren 😉 » www.barbagiaexpress.com / Aktuelle Infos zum Programm auf der facebook-Seite des Barbagia Express

Das Ticketoffice / Biglietteria ist heute eine Bar :)
Das alte Ticketoffice / Biglietteria ist heute Teil der Bar 🙂

In jedem Fall ist diese Tour nicht nur hübsch, sondern auch historisch wertvoll: Wir fahren auf einer Strecke der Ferrovie della Sardegna, die es seit 1888 gibt, auf dem Teilstück von Mandas nach Laconi.

Mandas: wo schon D. H. Lawrence weilte

Mandas gehört zur historischen Region Trexenta und ich niste mich im Zentrum ein, auch, um noch Material für mein neues Buch zu sammeln. Da gibt es keinen besseren Ort als die Antica Locanda Lunetta (» Homestory und Empfehlung).

Im Zentrum ist das Museum Is Lollasa de Is aiaiusu (frei übersetzt: Die Zimmer der Ahnen) in einem hübschen, alten Anwesen aus dem 18. Jahrhundert untergebracht. Gezeigt werden die lokale Handwerkskunst und die Lebensart des Dorfes. Am südlichen Dorfende das ehemalige Kloster Convento di San Francesco, ein beeindruckender Bau und heute Bibliothek.

Mandas by night im historischen Zentrum
Mandas by night im historischen Zentrum

Auch Literaturevents werden in Mandas veranstaltet, denn das Dorf hatte einen ganz berühmten Gast: den Schriftsteller D. H. Lawrence (Buchtipp: “Das Meer und Sardinien”). Er kam 1921 mit dem Zug von Cagliari und an der Bahnstation ist (wie viele auf Sardinien) es immer noch ein bisschen wie annodazumal.

Ich steige nach einem ausgiebigen Frühstück in den kleinen Zug und freue mich an der weiten Landschaft. Lawrence erinnerten das Dorf und die Region an »Cornwall and Derbyshire«. Er fuhr im Januar, da war alles fruchtbar und grün. Jetzt, Ende Juli, sind die Felder alle abgeerntet, auf einigen werden die Stoppeln abgebrannt. Und das während die Insel gegen Buschbrände kämpft. Ich wundere mich, aber man erklärt mir, dass das an windstillen Tagen unter fachkundiger Aufsicht in der ansonsten baumlosen, landwirtschaftlichen Gegend schon seit Jahrhunderten so gemacht wird. Man weiß also, was man tut. Was man von Feuerteufeln anderenorts nicht behaupten kann.

Der Zug fährt gaaaaanz langsam auf den alten Schmalspurgleisen und bringt uns zunächst nach …

Isili: ein See, ein Nuraghe, ein Kletterparadies

Im Ort treffen sich Antike und Moderne: Gleich hinter dem Sportplatz, quasi dem Lebensmittelpunkt des Dorfes, ist die Bahnstation und dort wartet der Nuraghe Is Paras auf dich. Seine Kuppel soll mit zwölf Metern die höchste in einem einzelnen Nuraghen sein.

Das Schneewittchen Sardiniens, kalkweiße Schönheit: Nuraghe Is Paras, Isili
Das Schneewittchen Sardiniens, kalkweiße Schönheit: Nuraghe Is Paras, Isili

Er ist aber auch eine Besonderheit, weil er aus dem weißen Kalkstein der Region gebaut ist. Wirklich ein strahlend schöner Bau. Normalerweise ist das Gestein nicht dafür gemacht, das enorme Gewicht über Jahrhunderte und gar Jahrtausende zu tragen. Aber Is Paras ist derart akkurat gebaut, dass er eben hält. Dennoch muss an einigen Stellen im Gegensatz zu anderen Nuraghen auch mit Füllmaterial nachgeholfen werden, und man unterstützt einzelne Strukturen mit Mauersteinen. Was seiner Schönheit keinen Abbruch tut.

Wir fahren weiter. Das schwarze Schaf wird nach vorn zum Fahrer gerufen. Warum bloß? Hat es was angestellt? 😉

Tatsächlich will man mir einen Gefallen tun – denn jetzt kommt nicht weniger als eine der schönsten Zugstrecken der Insel – über den See Is Barrocus. Ein Träumchen!

Der See Is Barrocus entstand durch einen Staudamm in der gleichnamigen Schlucht und sammelt das Wasser aus dem Rio Mannu. Sein zweiter Name ist Lago San Sebastiano, nach dem Heiligen, dessen kleine Kirche superhübsch in der Mitte des Sees auf einer kleinen Erhebung steht. Sie ist nur noch per Kanu oder Kajak zu erreichen.

Bevor der See ein See war, soll es in der Kirche ein Hochzeitsfest gegeben haben, bei dem das Brautpaar tanzend von einer Klippe stürzte und starb. Seit jenem Tag sei das Kirchlein vereinsamt und Hochzeiten werden hier vorsichtshalber schon gar nicht mehr gefeiert … 

Blick vom Wasser hinauf zum Kirchlein San Sebastiano
Blick vom Wasser hinauf zum Kirchlein San Sebastiano

Vorteil, wenn du ein bisschen in der Region verweilst: Dann hast du auch Zeit, auf dem See zu sein (in dem Baden allerdings verboten ist). Der Circolo Nautico Isili nimmt uns mit zu einer Kanufahrt und zeigt uns die Landschaft von der Wasserseite – genial! Auch ein SUP kannst du hier leihen. Einfach fragen » facebook-Seite des Circolo Nautico

Man zeigt uns am Fluss Rio Corrigas, der aus dem See abfließt, noch den Geheimtipp unter Freeclimbern und Sportkletterern: Die teils überhängende Wand Scala Urania ist ganzjähriger Treffpunkt mit vielen Routen, sowohl für Einsteiger als auch für Könner.

Und landschaftlich einfach irre schön. Infos auf » www.isiliturismo.it/sport/arrampicata/

Kletterer an der Wand am Rio Corrigas, Isili
Kletterer an der Wand am Rio Corrigas, Isili

Unser Zug hält ebenfalls direkt am See, an der frisch renovierten Haltestelle Sarcidano. Wir fragen uns aber auch, wer hier zusteigen soll. Fische, vielleicht? Bevor der Stausee 1985 angelegt wurde, war es aber wohl mal eine ziemlich wichtige Station. Gut, wenn man einen fähigen Guide hat.

Übrigens: Tags zuvor war das schwarze Schaf schonmal in Isili – bei den letzten Kupferschmieden der Insel, Vater und Sohn Pitzalis. Besuch in der Werkstatt der Kunsthandwerker nach Voranmeldung » www.luigipitzalis.it

Die Zugfahrt geht weiter zum nächsten Reiseziel, vielen Strandtouristen komplett unbekannt:

Nurallao: Trüffelschweine, aufgepasst!

Aus einem Zimmer im ersten Stock der Bahnstation hat man einen grandiosen Panoramablick über Nurallao und das Sarcidano
Aus einem Zimmer im ersten Stock der Bahnstation hat man einen grandiosen Panoramablick über Nurallao und das Sarcidano

Nurallao ist berühmt für seine Trüffel, die in den Wäldern rund ums Dorf versteckt sind. Ich weiß noch, wie ich das erste Mal im Dorf war, aber beim besten Wollen keine auftreiben konnte. Aber nun gut, ein Schaf ist aber auch kein Trüffelschwein.

“Heute hast du mehr Glück”, verspricht mir unser Guide, als ich wieder in den Zug steige. Ach ja? Und warum fahren wir dann weg? … hmmmm …

Früher war der Zug mal ne Dampflok. Zu ganz besonderen Anlässen holt man sie auch noch aus dem Depot ...
Früher war der Zug mal ne Dampflok. Zu ganz besonderen Anlässen holt man sie auch noch aus dem Depot …

Nurallao ist wundervoll für einen längeren Aufenthalt, du kannst hier einfach aussteigen und bleiben. Bei besagtem Erstbesuch machte ich ein Trekking zu einem Wasserfall. Ein 1,5 bis 2 Stunden langer Fußweg führt von der Station des Trenino verde zum Parco di Funtana Is Arinus. Dann noch ein Stück durch einen Stein- und Korkeichenwald, entlang des Rio Sarcidano, eines der Wasserwege / Vie dell’aqua. Du läufst gegen den Flusslauf und erreichst nach kurzer Zeit die Cascata Su Cradaxioleddu.

Wo aber quasi immer, zu jeder Jahreszeit Wasser ist:

Laconi: wasserreich und elegant

Ein erstaunlich elegantes Dorf: Die fruchtbare Umgebung hat auch die Einwohner reich gemacht. Davon zeugt der Parco Aymerich. In dem kleinen botanischen Paradies rund um die gut erhaltene Burgruine schaffen exotische und heimische Pflanzen, Teiche und Wasserfälle, eine faszinierende Ruheoase. Der Park ist im 19. Jahrhundert tatsächlich mit einigem Fachverstand so angelegt, dass der große Wasserfall Cascata Maggiore quasi nie trocken fällt.

Cascata maggiore im Parco Aymrich bei unserer Tour im Juli

Zwar trägt der Fluss oberhalb des Parks im Sommer auch weniger Wasser, aber es ist trotzdem da und sehr erfrischend. Die Quellen kannst du zum Auffüllen deiner Wasserfallsche nutzen (außer die, an denen explizit “acqua non potabile / kein Trinkwasser” steht). Wir laufen durch den Wald mit exotischen Bäumen, einige davon nicht auf Sardinien heimisch, sondern von der reichen Familie Aymerich, die lang Verwalter der Region war, importiert, zum Beispiel eine um die 200 Jahre alte Kirsche.

Man empfiehlt uns explizit, im November zurück zu kehren, wenn sich einige Bäume bunt färben. Auch im Frühling ist die Region sehr schön, dann blüht und sprießt es überall. Du brauchst auch keinen Guide – der park ist zwischen 9 und 20 (im Winter bis 18) Uhr frei zugänglich.

Fenster in der Burgruine im Parco Aymerich
Fenster in der Burgruine im Parco Aymerich

Und dann – endlich – gibt es die versprochenen Trüffel aus Nurallao: Der Kiosk im Park hat geöffnet und zaubert uns ein Panino mit Pecorino, Salat und geraspeltem Trüffel. Dazu ein kühles Bier im Schatten der Bäume – perfekt! Und der Barmann gibt mir die Telefonnummer von seinem Lieferanten, bei dem ich diverse Trüffel-Spezialitäten bekommen kann. Läuft doch!

Zurück in Laconi erwartet uns das sehr sehenswerte, archäologische Museum im herrschaftlichen Palazzo Aymerich, mitten im Zentrum. Die Umgebung nennt man auch »Land der Menhire«; sie beherbergt etwa 40 Monolithen von klein bis groß, mit spannenden Details. » Bericht von meinem Besuch im Artikel “Menhire auf Sardinien: Wo der Mensch Kopf steht

Beherbergt das Menhir-Museum: der Palazzo Aymerich
Beherbergt das Menhir-Museum: der Palazzo Aymerich

Laconi ist zwar beschaulich, aber ohne Hilfe leider für Ausländer etwas schwer zu begreifen. Darum ein paar sachdienliche Hinweise zur Orientierung: Die Bahnstation ist oberhalb des Dorfes. Die Strecke hinunter ins Dorf beträgt etwa einen Kilometer. Runter kann man das laufen und landet quasi automatisch am Park und im Zentrum. Zurück ist das ganze schon anstrengender, vor allem im Sommer oder wenn man gerade gefuttert hat – denn es geht steil hinauf. Aber, Trick 17: der Überlandbus hält vor dem Palazzo Aymerich und macht einen Schlenker hinauf zur Bahnstation. Der Busfahrer hat uns freundlicherweise einfach so mitgenommen.

Das Sarcidano sagt: Bleib!

Nach Norden würdest du nun in den Gennargentu gelangen, zum Beispiel zu besagter Kupfermine Raminosa – dazu gibt es im Programm des Barbagia Express auch eine Tour, die eine Führung durch die Mine beinhaltet.

Wir fahren wieder zurück nach Mandas und bleiben noch ein wenig. Das ist auch meine Empfehlung für dich: Zwei, drei, vier Tage gibt die Region mindestens her, wenn nicht noch mehr.

Denn da warten noch Gergei und Escolca und Serri und Nuragus … Ach ja, und Orroli mit seinem riesigen Nuraghen Arrubiu und und Nurri am mega schönen Stausee Lago Basso del Flumendosa. Lies dazu gern meinen Artikel » Stille. See. Nuraghe. – Ein Schaf im Taumel … und gleich um die Ecke sind ja auch noch Gesturi und Barumini

Außerdem sind da so viele wunderbare Gastgeber – das schwarze Schaf wollte gar nicht wieder weg! Denn das ist das tolle am echten Sardinien: Je tiefer du eintauchst, desto mehr fühlst du dich im Urlaub wie Zuhause – und bist nicht nur ein Tourist auf Durchreise.   

Kleiner Nachtrag in Corona-Zeiten:

Die Reise haben wir Ende Juli 2020 gemacht. Die Corona-Fallzahlen waren zu dem Zeitpunkt auf Sardinien gering und alle trugen Masken z. B. in Bus und im Zug, ansonsten reichlich Abstand, Vorsicht und Rücksicht. Es gab leider auch Leute (leider mal wieder Deutsche), die im Urlaub eher keine Maske tragen wollten. Was das Risiko der Reise betrifft, hab ich für mich beschlossen, weit abseits der touristischen Küstenorte (wo im August die ersten Corona-Hotspots für einen Anstieg der Fallzahlen sorgten) hier im Landesinneren einigermaßen sicher zu sein. Das muss letztlich jede:r für sich und seine Familie beurteilen. » Mehr Ideen zum Urlaub in Pandemie-Zeiten und zur Lage (Stand Februar 2021).

Ich bin Nicole, auch bekannt als »das schwarze Schaf auf Sardinien« (italienisch: pecora nera) und Gründerin dieses Blogs. Hier berichte ich von meinen Streifzügen im ganzen Jahr auf, durch und rund Sardinien. Im »richtigen Leben« bin ich Beraterin für Kommunikation und Tourismus sowie Content Creator.

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