Die zentrale Lage im Mittelmeer machte Sardinien als strategischen Seeposten schon immer extrem begehrenswert für Invasoren. Über das Meer kamen Eroberer, Besatzer, Piraten … nichts Gutes. Die Sarden zogen sich immer weiter ins Hinterland zurück. Zuletzt wurde ihnen auch das genommen.

In der Jungsteinzeit und Bronzezeit hatte Sardinien noch seine Ruhe. Die nuraghische Bevölkerung lebte lange Zeit auf der Insel in Frieden, von ein paar Stammesfehden mal abgesehen. Dann verließen nuraghische Navigtoren die Insel, um Handel zu treiben, vor allem mit Bronzen, Keramiken und Bodenschätzen. Das ging lang gut, im Mittelmeer fand ein reger Austausch an ökonomischen und kulturellen Gütern statt.

Erst am Übergang zur Eisenzeit nahmen andere Völker Sardinien ins Visier. Aber nicht um der Insel selbst willen, sondern vielmehr aufgrund ihrer Lage und Größe: Sardinien war als Basis im Mittelmeer ideal, um von sicherem Boden aus zu Eroberungszügen zu starten. Der kulturelle Reichtum Europas und Nordafrikas weckte Begehrlichkeiten bei quasi allen Völkern. Oder anders: Im Mittelmeer war seit etwa dem 10. Jahrhundert vor unserer Zeit reichlich was los.

Darum blickt Sardinien auf knapp 3.000 Jahre Invasions- und Besatzergeschichte zurück. So einige Völker versuchten, die Insel unter ihre Kontrolle zu bringen … als da waren (etwa in dieser Reihenfolge):

  • Phönizier
  • Karthager / Punier
  • Römer
  • Vandalen / Byzantiner / Ostgoten
  • Araber
  • Katalanen / Spanier
  • Araber
  • Franzosen
  • Habsburger
  • Spanier
  • Savoyer / Piemontesen
  • Italiener

Bis auf eine kurze Phase der Selbstverwaltung in Judikaten im Mittelalter (aber auch das Richtersystem basierte auf feudalistischen Strukturen) landete ständig jemand an den Küsten an – ob nun Völker oder Piraten / Corsari, die plünderten, enteigneten, vergewaltigten, mordeten. Eigentlich nie waren sie nett zu den Sarden. Die wiederum taten eines: Sie zogen sich in die unwirtlichen Bergregionen zurück, in denen ihnen kaum ein Besatzer folgte (von den Spaniern mal abgesehen). Darum findest du bis heute die echten, sardischen Dörfer genau dort.

Die nachhaltigsten Spuren auf Sardinien hinterließen die Katalanen (zum Beispiel in Alghero) und ...
Die nachhaltigsten Spuren auf Sardinien hinterließen die Katalanen (zum Beispiel in Alghero) und das …

Königreich Sardinien-Piemont

Sardinien gehörte nach der katalanischen Besatzung lang zum Königreich Spanien, das die Insel bis in den letzten Winkel besetzte und auch sie nahmen sich, was sie wollten. Du findest ihre Spuren nicht nur offensichtlich wie in Alghero, sondern auch bis ins noch so kleine Dorf in den Bergen – zum Beispiel ein spanisches Gefängnis in Seui.

Nach dem spanischen Erbfolgekrieg wurde Sizilien gegen Sardinien getauscht. Das Regno di Sardegna / Königreich Sardinien umfasste neben der Insel vor allem die savoyischen Grafschaften und Besitztümer in Norditalien (auch als Königreich Sardinien-Piemont bekannt). Mit Sardinien hatte das wenig zu tun: Die Insel war nur ein Namensgeber, mit dem die Piemontesen ihre Macht im Mittelmeer demonstrierten. Auch der König regierte in Turin.

Dieses Königreich ging 1861 nach dem Risorgimento im italienischen Staat auf (die italienische Geschichte ist echt spannend für alle, die sich für sowas interessieren), der sich – aus sardischer Sicht – nahtlos in die vorherige Besatzergeschichte einreihte.

Das Meer, oder wer darüber kam, war nicht wirklich ein Freund. In diesem Zusammenhang wird gern ein Sprichwort bemüht: »Furat chie benit dae su mare. / Es stiehlt, wer über das Meer kommt.« Das ist allerdings, wenn von den Spaniern, Piraten oder gar Touristen die Rede ist, nicht richtig zitiert.

Der sardische Autor Salvatore Cambosu überliefert den Satz in Miele Amaro so:

»Furat chie furat in domo, peius chie benit dae su mare.«

»Es stiehlt, wer im Haus stiehlt oder über das Meer kommt.«

Der Einfachheit halber wird der Spruch auf alle Besatzer Sardiniens bezogen. Er entwickelte sich aber erst nach 1823 während der Herrschaft von König Vittorio Emanuele I. von Sardinien-Piemont. Denn auch und gerade der regierte nicht zum Besten Sardiniens.

Eine ganz schlechte Idee: »editto delle chiudende«

König Vittorio Emanuele I. strebte zum Wohl seines gesamten Königreiches die Modernisierung der Landwirtschaft an. Erstmal okay. Aber leider an der Inselwirklichkeit vorbei: Mit dem Erlass »editto delle chiudende« erlaubte er auf Sardinien die Einzäunung von Land. Jedermann durfte mit Hecken, Gräben oder Steinmauern soviel Land einzäunen, wie er fand (wenn es sich nicht um Wege, Tränken, Futterplätze oder Quellen handelte). Steine gab’s wahrhaft genug.

Und so wuchs ein schier unendliches Netz aus Mäuerchen, bis in die abgelegensten Winkel der Insel. Das eingezäunte Land nennt man tanca. Der König dachte von seinem Thronsessel vermutlich sogar, dem Volk etwas Gutes zu tun.

Für Ziegen noch okay - für Schafe und Kühe quasi unmöglich zu passieren: die sardischen Mäuerchen
Für Ziegen noch okay – für Schafe und Kühe quasi unmöglich zu passieren: die sardischen Mäuerchen

Nun waren die Sarden aber gar nicht verrückt nach Besitz. Im Gegenteil. Seit ewigen Zeiten war Land auf Sardinien kollektives Eigentum (was bestens funktionierte). Die Dorfgemeinschaft versorgte sich gegenseitig. Die Frauen kochten für alle, und teilten alles – vom Brot bis zur Pasta. Die halbnomadischen Hirten zogen mit den Herden durch das Land – je nach Wetter und Ertragsreichtum der oft kargen Böden mal in dieses Tal, mal in jene Ebene. Dort, wo es Futter für die Tiere gab, blieben sie.

Die Savoyer führten nun de facto den Privatbesitz auf der Insel ein. Das passt in die Geisteshaltung jener Zeit, aber nicht nach Sardinien. Ja, die Sarden hatten zwar vorher auch schon Besitz, zum Beispiel ein Haus oder einen Hof. Aber die Hirten und Herden bewegten sich eben frei. Das Land war bis auf wenige Ausnahmen Allgemeingut und allen zugänglich.

Der damalige Erlass bewirkte, dass guter Boden eingemauert wurde und nur karger Boden frei blieb – ein Desaster für die Hirten. Das Land war durchzogen von Mauern, der libero passaggio / freie Durchgang, war oft unmöglich und es gab Streit um Besitz und Wegerecht. Reiche Barone mit Arbeitertrupps konnten mehr einzäunen, als ein Hirte mit seiner kleinen Familie. Bald war jeder sich selbst der Nächste und versuchte, für das eigene Überleben einen guten Anteil und das beste Stück Land zu bekommen. Neue Steuern und Abgaben wurden erhoben. Wenn jemand fremde Tiere auf seinem Land weiden ließ, konnte er Geld verlangen. Ganze Familien verarmten. Nicht selten verhungerten Mensch und Tier, weil das eingezäunte Land sie nicht zu ernähren vermochte.

Der »editto delle chiudende« trieb einen Keil in die Gesellschaft.

Und da sind wir bei dem Spruch: Furat chie furat in domo o benit da su mare. Die Regierung hat in domo, also zu Hause gestohlen: Sie hat ihrem eigenen Volk einen Teil seiner Kultur genommen. Das Leben der Sarden drehte sich um 180 Grad: vom halbnomadischen Hirtentum und kollektiven Besitz zu Sesshaftigkeit, Privateigentum und einer Frühform des Kapitalismus.

In der Folge entwickelte sich das Banditentum / banditismo auf Sardinien, man stahl in den meisten Fällen, um zu überleben, wenn möglich von den Wohlhabenden. Robin Hood spielen hat na klar eine Schattenseite, ist aber ein anderes Thema.

Sardinien und Italien heute

Sardinien ist nicht Italien. Wahr ist es wohl ...
Sardinien ist nicht Italien. Wahr ist es wohl …

Jedenfalls begründet diese Episode der Geschichte die bis heute andauernde Skepsis der Sarden gegenüber ihrem politischen »Chef« – und ihnen ist historisch betrachtet im Grunde egal, ob das Araber, Spanier oder Italiener sind. Als aufmerksame Reisende erkennen wir das durch die immer wieder an Wände geschriebene Botschaft »Sardigna no est Italia / Sardinien ist nicht Italien«.

Daran änderte auch der 1946 erklärte Status als »Autonome Region Sardinien« nichts. Eine Selbstverwaltung ist keine Unabhängigkeit.

Der Liedermacher Fabrizio De André, der im August 1979 mit seiner Frau Dori Ghezzi aus seinem Anwesen S‘Agnata bei Tempio Pausania (in dem man heute übrigens ganz vorzüglich wohnt und isst) von sardischen Banditen entführt, im Supramonte versteckt und erst nach Monaten freigelassen wurde, sagte:

I sardi a mio parere deciderebbero meglio se fossero indipendenti all’interno di una comunità europea e mediterranea.

«Die Sarden täten meiner Meinung nach gut daran, sich für eine Unabhängigkeit inmitten einer europäischen und mediterranen Gemeinschaft zu entscheiden.» – Fabrizio De André (1940 – 1999)

Daraus spricht viel Zuneigung zu den Sarden, und das, obwohl sie ihm übel mitgespielt hatten. Aber ob er wirklich Recht hat? Wäre das die Lösung?

Das Aufstülpen fremdartiger Konzepte hat sich jedenfalls nicht als tauglich erwiesen. Als unabhängiges Land wäre Sardinien vermutlich nicht schlechter dran als heute. Wie eine echte staatliche Unabhängigkeit zu verwalten, zu sichern und zu finanzieren sei, müsste natürlich geklärt werden. Und genau da hapert es bei der Unabhängigkeitsbewegung auf Sardinien, und auch in den Köpfen vieler Sarden. Ob der schlechten Erfahrungen der Vergangenheit sind viele Sarden dafür, sich komplett zu isolieren. Was vielleicht nicht der schlaueste Ansatz wäre, aber nationalistische Tendenzen lassen diese Stimmen immer lauter erscheinen. Einigkeit ist zudem nicht zwingend des sardischen Volkes Stärke (das beobachteten schon die Spanier, die die Sarden als »pocos, locos e malunidos / wenige, verrückt und nicht vereint« bezeichneten – und selbige geben zu, dass darin bis heute ein Fünkchen Wahrheit ist.

Aber die Sarden haben ein kollektives Elefantengedächtnis. Als Volk kann man sie durchaus als nachtragend bezeichnen und alles, was nach einer anderen als einer rein sardischen Regierung aussieht, ist für viele nicht akzeptabel. Auch Europa ist nicht unbedingt populär. Vielleicht wäre der Inselstaat mit seiner antiken Kultur, bewahrten Werten und Traditionen aber sogar ein gutes Vorbild in der Europäischen Union?

Das echte Sardinien als Traumziel im ganzen Jahr

Denken wir erstmal ans heute, nämlich in Richtung des modernen Tourismus. Sardinien ist das Traum-Reiseziel für Sommer- und Strandurlaub schlechthin. Und da stellt sich quasi sofort die Frage, ob der exzessive Nur-Strandurlaub in acht bis zwölf Wochen des Jahres der Insel alles sein kann. Oder ob er ihr nicht auch irgendwie Identität und Kultur raubt – indem es nämlich das Bild dessen, was Sardinien ausmacht, nach außen verfälscht.

Vor den Küsten ankern heute Segelboote und keine Schlachtschiffe.
Vor den Küsten ankern heute Segelboote und keine Schlachtschiffe.

Über das Meer kommen heute zwar Touristen, und keine Besatzer. Aber manchmal eben doch der ein oder andere kleine Kolonialherr – ob nun aus Rom, Mailand, Hamburg, München, Zürich oder Wien – der meint, die Sarden seien bloß Dienstleister und das »gute Geld«, das er auf die Insel brächte, sei alles, was sie für ihr Glück brauchen.

Erstens: Nein, ist es nicht.

Zweitens: Das gute Geld kommt beim Strandurlaub in der touristischen Siedlung eben leider ganz selten als effektives Einkommen beim Hirten, Winzer, Kunsthandwerker oder Museumsbetreiber in den echten, authentischen Dörfern an. Das meiste verpufft in den Taschen ausländischer Investoren und wohlhabender Betreiber in den touristischen Küstensiedlungen.

Die Sarden sind uns also schon zweimal nicht unendlich dankbar. Gewöhnen wir uns ruhig mal an den Gedanken. Denn der Tourismus macht gar nicht so viel vom Inselgeschäft aus, wie wir glauben. Tatsächlich sind es nur 21% des Bruttoinlandsproduktes PIL – das wiederum eh nur knapp 70% des mittleren europäischen Levels ausmacht. Aktuelle Wirtschaftsdaten findet man bei CRENOS, Centro di Ricerche Economiche Nord-Sud delle Università di Cagliari e Sassari).

Wieviel kommt beim St-r-andardurlaub tatsächlich bei den Einheimischen an?

Reich wird ganz Sardinien durch uns Reisende schon seit geraumer Zeit nicht. So gern wir (und viele Sarden) das auch hätten.

Vor diesem historischen und aktuellen Hintergrund ist das, womit die Sarden antworten, höchst erstaunlich: quasi unendliche Gastfreundschaft.

Heute wie gestern heißen sie Fremde (auch dich als Urlauber, der du ja auch über das Meer kommst) als Freund in ihrer Mitte willkommen. Eine Meisterleistung in Sachen Nächstenliebe.

Was können wir tun, damit ganz Sardinien profitiert?

Lasst uns diese offenen Arme der Sarden nicht ausschlagen. Lasst uns nicht nur von ihnen nehmen, sondern auch geben:

  • Fahren wir zum Abendessen ins Hinterland oder in die kleinen abgelegenen und authentischen Dörfer.
  • Wohnen wir bei sardischen Gastgebern.
  • Bauen wir auch ein paar Tage “Inselinneres” in unseren Urlaubsplan ein.
  • Reisen wir auch in der Neben- und Nichtsaison: das italienische Zauberwort heißt “destagionalizazzione” – und meint die Ausdehnung der Saison auf das ganze Jahr. Das ist etwas, das vielen lokalen Betrieben wirklich helfen würde. Auf diesem Blog findest du viele Tipps für einen wunderbaren Urlaub.
  • Geben wir einheimischen Erzeugnissen von lokalen Produzenten und auf dem Wochenmarkt den Vorrang vor Industrieware aus dem Supermarkt – auch wenn sie den ein oder anderen Euro mehr kosten (dann hat der Spruch mit dem guten Geld jedenfalls etwas Sinn).
  • Begegnen wir den Sarden – vom Handwerker bis zum Hirten, vom Zimmermädchen bis zum Koch – mit Respekt.
  • Gehen wir pfleglich mit ihrer Heimat und der Natur um, seien wir umweltbewusst.
  • Halten uns an lokale Gepflogenheiten und freuen wir uns an den alten Traditionen, statt touristische Extrawürste zu wollen.

So gewinnen wir vielleicht das Herz der Sarden, statt nur unseres an die Insel zu verlieren.

Nicole Raukamp ist »das schwarze Schaf auf Sardinien« (italienisch: pecora nera). Sie ist Bloggerin und Autorin und berichtet hier von ihren Reisen im ganzen Jahr. Im »richtigen Leben« berät sie bei geschäftlichen Aktivitäten und Vorhaben auf Sardinien, hilft sardischen Unternehmen und Anbietern bei ihrem Eintritt in den deutschsprachigen Markt, organisiert und begleitet fundierte Fachreisen und entwirft erlebnisreiche Events und höchst individuelle Reiserouten - authentisch, nachhaltig, an Land und zu Wasser auf Sardinien im ganzen Jahr.

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