Die nuraghische Kultur auf Sardinien ist etwa 7.000 Jahre alt. So alt sind die ersten gefundenen, menschlichen Siedlungsspuren auf Sardinien. Meine Güte. Ich erinnere ja kaum mehr, was letztes Jahr war – und da war ich noch selber dabei!

Die ersten Nuraghen gab es später, etwa vor 3.000 Jahren. Das alles hängt aber über die Jahrtausende zusammen. Und nun gibt es zum Glück ein Projekt, das die nuraghische Kultur erklärt und erlebbar macht: die Ausstellung NURAGICA. Die hat sich das Schaf angesehen, sich alles erzählen lassen und das Wesentliche hier aufgeschrieben.

Nuragica - eine Wanderaussstellung über die nuragische Kultur
Nuragica – eine Wanderaussstellung über die nuragische Kultur

Die temporäre Wanderausstellung NURAGICA erklärt dir die nuraghische Kultur wissenschaftlich fundiert, mit einem roten Faden. Und sorgt mit Virtual Reality dafür, dass du Teil der Geschichte wirst. Sie war bis Anfang April 2019 in Nuoro zu sehen. Zuvor war sie in Olbia, Sassari und Barumini. Sie wird immer neu konzipiert mit aufwändigen Exponaten und Edutainment-Elementen. Im Sommer 2019 reist sie weiter, in die Gallura – das schwarze Schaf wird berichten!

Infos auf www.nuragica.info »
Allein die Virtual Reality Session am Ende der NURAGICA-Ausstellung ist den Besuch wert

Das schwarze Schaf teilt gern ein paar Eindrücke – wissend, dass es immer noch nur den Hauch einer Ahnung hat (falls du hingegen ein Studierter oder sonstiger Experte in diesem Thema bist und etwas ergänzen möchtest, nutze gern die Kommentarfunktion am Ende des Artikels).

Das schwarze Schaf nimmt dich nun mit auf eine Zeitreise in die nuraghische Vergangenheit. Und hat sich – quasi für einen aktuellen »reality check« den Nuraghenkomplex Noddule in der Nähe von Nuoro angesehen, an der Straße Richtung Orune / Bitti gelegen.

Am Nuraghen Noddule kann man vieles aus der Ausstellung direkt nachvollziehen – und das auch noch in superschöner Landschaft

Die nuraghische Kultur auf Sardinien

Bereits etwa 5.000 vor Christus, gab es auf Sardinien eine für die Steinzeit relativ hoch entwickelte Gesellschaft. Wer nun meint, er kann das locker nachlesen, ist gekniffen. Zwar gibt es heute Bücher zum Thema. Auch das Internet gibt einiges her (ich meine gehört zu haben, dass sogar schwarze Schafe was über die nuraghische Kultur schreiben). Aber uns allen fehlt quasi das Original.

Denn die Nuraghier / nuragici auf Sardinien hatten – ähnlich wie die Maori in Neuseeland oder die Inuit in Kanada und Grönland – eine ganz persönliche Art, die Vergangenheit festzuhalten und an die nächste Generation weiter zu geben: Sprache statt Schrift.

Zum Vergleich: Kulturen wie in Europa, China, Indien oder Arabien hinterließen einen wahren Schatz an Schriftstücken, Literatur, historischen Epen, Volksmärchen sowie an fein säuberlich dokumentierten Bräuchen und Traditionen. Vorteil: Wir Europäer (natürlich auch die Chinesen, Inder und Araber) wissen heute genau, in welchem kulturellen Kontext wir uns bewegen – und wissen auch viel über die anderen. Quasi alles ist nachvollziehbar, alles bekannt, alles dokumentiert. Wir haben Herodot und Konfuzius, den Koran, die Bibel und die Veden, Pergamente und Keilschriften, und was nicht noch alles.

Auf Sardinien hingegen galt – und gilt bis heute – das gesprochene Wort. Bedeutet: keine Aufzeichnungen. Null. Zero. Nada. Nix.

Vielleicht hier und da mal eine Inschrift irgendwo. Die einzig vorhandene Schriftsprache, die epigrafia nuragica basiert auf Zeichnungen oder Symbolen – ähnlich der Hieroglyphen im alten Ägypten und ist auch eher jüngeren Datums. Der wesentliche Unterschied: Die Ägypter hatten einen ausgeprägten Drang, Dinge zu notieren und für die Nachwelt oder die Weiterreise der Toten festzuhalten. Die Sarden nicht.

Die »epigrafia nuragica« ist existent, aber dem gesprochenen Wort unterlegen.
Die »epigrafia nuragica« ist existent, aber dem gesprochenen Wort unterlegen.

Ganz wertfrei gesagt, denn so bleibt hier ja auch deutlich mehr Spielraum für Deutungen, für das Weiterdenken, für Weisheiten, für Alternativen. Vor allem die Essenz, das Wichtige wird weiter gegeben. Eine Fokussierung des Wesentlichen – was die schnelle Entwicklung der Kultur sogar begünstigt haben mag.

Sardiniens kollektives Gedächtnis

Auch die Sarden von heute wissen für sich selbst haargenau, in welcher Kultur sie sich bewegen. Denn es hat sich auf der Insel eine Art kollektives Gedächtnis / memoria collettiva entwickelt, das vielleicht sogar in den Genen verankert sein mag. Nur so ein Gedanke. Jetzt wäre das schwarze Schaf gern Wissenschafler, das zu untersuchen.

Jedenfalls wissen nur die Sarden selbst, was sie wissen. Und wir Außenstehenden müssen uns erstmal mit ihnen auf einer solchen Ebene auseinandersetzen (was nicht verkehrt ist, aber einen sprachlichen Zugang voraussetzt und für den Normal- und Einmalurlauber quasi unmöglich ist).

Ein Beispiel: Wenn mir ein junger Mann erzählt, dass sein Großvater ihm sagte, dass früher die Leute manchmal mehrere Nächte in Domus de Janas / Feenhäusern schliefen, nur um den Seelen ihrer Lieben, ihrer Vorfahren und deren Wissen näher zu sein – dann war das vermutlich schon vor 3.000 Jahren so. Das ist nicht nur ein Satz. Wenn es so erzählt wird, dann gab und gibt es Menschen, die das so mach(t)en.

Hätte ich aber diesen Mann nicht getroffen oder hätte er mich vielleicht doof gefunden, wäre dieses Puzzlestück nie bei mir angekommen, nie auf diesem Blog aufgeschrieben worden, und damit zumindest auf diesem Wege auch nicht bei dir angekommen.

Symbole schaffen eine Verbindung zu den Sarden von damals (hier: Hörner / Stiersymbol in der Nekropole von Montessu)

Doch auch unter den Einheimischen verliert sich speziell das ganz alte, steinzeitliche, nuraghische Wissen im Dunkel der Jahrhunderte und Jahrtausende.

Ganz viele kleine und große Weisheiten sind nicht überliefert. Weil es der Gemeinschaft nicht wichtig schien. Weil es an irgendeinem Punkt unwichtig wurde. Weil die Liebe zum Detail nicht unbedingt zur Kultur gehört. Weil aufgrund äußerer Einflüsse der Hang zum Weitererzählen fehlte. Weil schlicht vergessen wurde, es weiter zu erzählen. Weil man kein erlerntes Bewusstsein hatte, dass Dinge auch anders als durch Sprache gespeichert werden konnten. Selbst Gutenbergs revolutionäre Buch-Erfindung hatte auf Sardinien keinen nennenswerten Effekt – die Insel hat relativ wenig international erfolgreiche Schriftsteller. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet eine Sardin die einzige italienische Literaturnobelpreisträgerin ist.

Eine Kulturfrage, ohne Zweifel. Gerade komplexe Zusammenhänge brauchen auf Sardinien zudem eine Gelegenheit, um erzählt zu werden. Die gibt es nicht immer und nicht überall.

Das Erzählte wird in Herz und Gehirn gespeichert. Doch selbst heute, wo alles doppelt und dreifach gesichert und in allen möglichen Formaten verfügbar gemacht werden kann, ist schwierig, aus Erzählungen und Emotionen eine dokumentierte Kultur zu machen.

So muss jetzt halt mühsam alles wieder aus der Erde ausgegraben werden (mit lächerlichen Budgets und manchmal kümmern sich nur ein, zwei Leute um ein ganzes Projekt). Und aus dem, was da ist, muss man möglichst schlaue Schlüsse ziehen. Anthropologen, Geologen und Archäologen müssen sich austauschen. Und wenn man das dann mit der Welt teilen will, dann zaubern sie so tolle Ausstellungen wie NURAGICA.

Beginnen wir mit unserer …

Zeitreise durch die nuraghische Kultur

Beim Stichwort »nuraghische Kultur« denken wir vermutlich sofort an Nuraghen. Die steinigen Namensgeber traten allerdings erst viel später, quasi als Höhepunkt der kulturellen Entwicklung, auf den Plan.

Die nuraghische Kultur begann sich viel früher zu entwickeln.

5.000 vor Christus: Spuren menschlicher Besiedelung auf Sardinien

Die Jungsteinzeit (neolitico) markiert den Beginn der menschlichen Besiedelung auf Sardinien

Wir befinden uns in der Jungsteinzeit. Sardinien war wildes, unerschlossenes Territorium. Die Menschen lebten in Höhlen.

Im Norden der Insel finden wir die Grotta di Bonu Ighinu, auch Grotta Filiestru, bei Mara südlich von Sassari. Sie ist die älteste bekannte Höhle mit Siedlungsspuren. Zeichnungen und in den Stein geritzte Symbole lassen auf den Kult um den Stiergott / Dio Toro schließen – und damit auf religiöse Kulte, ergo eine Gemeinschaft mit Kultur. Das hielt sich lang, rund vier Jahrtausende. Insofern kann auch von einer nuraghischen Kultur über gesprochen werden.

Zu Beginn der Kupfersteinzeit wurden – ähnlich wie in Nordeuropa Dolmen, Menhire und andere megalithische Bauten – errichtet. Ab und zu wird Sardinien gern in einem Atemzug mit Anlagen wie Stonehenge erwähnt, und in einigen Fällen liegt das auch sehr nah.

3.000 Jahre v. Chr.: ein spirituelles Volk im Einklang mit Mutter Erde

Die Gesellschaft entwickelte sich in der Bonu Ighinu-Kultur im folgenden Jahrtausend weiter und die Verbreitung auf der Insel schritt voran. Ab ca. 3.200 v. Chr. gab es Ausprägungen wie die Cultura di Ozieri, Cultura di San Michele, Cultura di Abealzu-Filigosa. im Norden; etwas später die Cultura di Monte Claro (ca. 2.500 v. Chr.) im Süden. Die Cultura di Bonnanaro (ab ca. 1800 v. Chr.) breitete sich bis ins Sulcis aus.

Unter den archäologischen Fundstücken begegnen uns natürlich alltägliche Dinge wie Utensilien zum Essen, Trinken, Schlafen, Arbeiten, Verteidigung, etc.

Doch die wichtigen Bauwerke aus dieser Zeit zeugen vor allem von einer spirituell geprägten Gemeinschaft. Eine im Geist verbundene Gesellschaft, in der die Auseinandersetzung mit Themen wie Leben, Sterben und Wiedergeburt einen hohen Stellenwert hatte.

Die wichtigsten Bauwerke dieser Zeit:

  • Der Altar von Monte d’Accoddi – der einzige gut erhaltene Ziggurat im Mittelmeerraum, ein echtes archäologisches Unikum. Er befindet sich zwischen Sassari und Porto Torres und wurde etwa um 3.000 v. Chr. gebaut.
  • Die in Felsen gehauenen Grabstätten, Domus de Janas / Feenhäuser, entstanden in der Jungsteinzeit und wurden speziell in der Ozieri-Kultur aktiv genutzt.
  • Inselweit wurden in diesen Kulturen über 300 Gigantengräber / Tomba dei Giganti errichtet.

Ein besonders schönes Beispiel für die hohe Entwicklungsstufe, die Stabilität und Spiritualität der nuraghischen Kultur ist das Gigantengrab / Tomba dei Giganti Coddu Vecchiu (oder in Galluresisch: Coddu Ecchju) bei Arzachena.

Nachbau des Gigantengrabes Coddu Vecchiu in der Nuragica-Ausstellung

Ein Gigantengrab ist zunächst mal das, was es sagt: ein Grab. Die Bezeichnung Gigant beschreibt vermutlich wichtige Persönlichkeiten. Die im Komplex von Coddu Vecchiu verwendeten Baumaterialien deuten aber auf eine mehrfache Nutzung hin, als heilige Stätte oder Ort für rituelle und heilende Handlungen.

Die erste Bauphase des Gigantengrabes war in der Kupfersteinzeit, etwa um 2.200 v. Chr. Die bei Ausgrabungen gefundenen Behälter, Schalen, Vasen, teils mit Prägungen und Verzierungen, bestätigen die rituelle Nutzung in der Bronzezeit, der Cultura di Bonnanaro. Verwendete Steine und weitere Funde zeugen von einer späteren Umgestaltung, etwa ab 1.600 v. Chr.

Die rituelle / spirituelle Nutzung von Coddu Vecchiu über mehrere Jahrhunderte kann durchaus als Beweis gewertet werden, dass in der nuraghischen Gemeinschaft durchaus ein Bewusstsein für die Bewahrung von Weisheiten, Bräuchen, Symbolen und Werten existierte.

Das haben sie gemein mit dem identitätsstiftenden Element der sardischen Kultur: den Nuraghen.

2.000 v. Chr.: Die ersten Nuraghen auf Sardinien

Die Nuraghen stammen alle aus der Bronzezeit: Etwa ab 2.000 vor Christus wurden die ersten Protonuraghen gebaut, bis ca. 1.200 v. Chr. Danach begann man, bestehende Nuraghen zu erweitern. Ab 800 v. Chr. etwa wurde aufgrund des demografischen Wandels keine Nuraghen mehr gebaut. Dazu gleich mehr.

Nuraghen gelten als wahnsinnig mysteriös – und man pflegt dieses Image natürlich. Vieles liegt tatsächlich noch im Dunkeln (weil unter der Erde). Von ursprünglich geschätzten 10.000 gibt es noch etwa 7.000. Von denen wurden vergleichsweise wenige ausgegraben und erforscht.

Beachtlich ist die Architektur der Nuraghen: Sie bestanden aus einem bis zu fünf Türmen, die mehrstöckig, doppelwandig und mit Treppen versehen waren. Der Clou: Sie wurden ohne Zement mit einem Kuppeldach gebaut. Die Dächer sind zumeist eingestürzt, aber die Grundkonstruktion steht bis heute.

Ein schönes Exemplar: der Nuraghe von Santa Cristina
Ein schönes Exemplar: der Nuraghe von Santa Cristina

Das heißt auch: Nuraghen waren eigentlich geschlossene Bauten. Viele denken ja, sie sind grundsätzlich oben offen und irgendwie nach Sonne, Mond und Sternen ausgerichtet. Das widerspricht leider den bisherigen Erkenntnissen. Soll nicht heißen, dass die damaligen Sarden sich nicht an astronomischen Elementen orientiert hätten und eine Reihe von Kulten in Verbindung mit Himmel und Erde, dem Diesseits und dem Jenseits pflegten. Aber der Nuraghe an sich hat damit (bis auf wenige Ausnahmen) relativ wenig zu tun.

Eigentlich sind es ganz normale Bauten. Der Nuraghe ist mit einiger Sicherheit ein zentraler Ort für die Gemeinschaft. Seine Nutzung ist je nach Lage und Größe entsprechend vielfältig.

Vielleicht im einen Fall ein Treffpunkt, im anderen Fall um sich zu beraten oder wichtige Entscheidungen zu treffen. Ein Dorfgericht könnte hier tagen oder ein Bauprojekt beschlossen und geplant werden. Vielleicht wurden auch Festmähler veranstaltet, bei Geburten und Hochzeiten. Oder wichtige Utensilien, Schätze und Vorräte für die Gemeinschaft aufbewahrt. Von größeren, späteren Anlagen hielt man vielleicht Ausschau nach Angreifern und versteckte bzw. schützte sich vor selbigen. Nuraghen besaßen auch oft einen Brunnen und einen Innenhof, wo Wasser geholt und Tauschhandel betrieben wurde.

Apropos Wasser: Der Standort eines Nuraghen ist quasi immer in der Nähe einer Quelle.

Wo Wasser ist, ist Leben

Da gibt es bis heute das Sprichwort, das in Zusammenhang mit Nuraghen gern gebraucht wird: »Dove c’è acqua, c’è vita – e non c’è vita senza acqua.« – Wo Wasser ist, ist Leben – und es gibt kein Leben ohne Wasser. Seit Jahrtausenden spielt Wasser eine extrem wichtige Rolle in der sardischen Kultur – bis heute.

Natürlich folgte das vor allem praktischen Überlegungen: Wasser ist auf Sardinien überlebenswichtig. Heiße Sommer, kurze Regenphasen und ausgedörrte, karge Landschaften gab es schon damals. Die Sarden hielten Vieh, das getränkt werden wollte.

Und so findet man an vielen Quellen weitere, hoch interessante Bauwerke der Nuraghenkultur: die pozzi sacri / Brunnenheiligtümer. Ein sehr schönes Beispiel ist das Brunnenheiligtum von Santa Cristina in Paulilatino – ein präzise gebauter Brunnen, ausgerichtet auf die Tag- und Nachtgleichen im Frühjahr und Herbst. Hier wurden auch kleine Bronzestatuen gefunden.

Einer der Macher von NURAGICA erklärt das innere des Brunnenheiligtums Santa Cristina
Einer der Macher von NURAGICA erklärt das innere des Brunnenheiligtums Santa Cristina

Bei Oliena findest du die nuraghische Kultstätte / complesso nuragico Sa Seddà e Sos Carros – hier wurden rituelle Handlungen und Kulte gepflegt, von Waschungen bis zu Opfern. Die Anlage ist richtig schön, gepflegt und hat zudem einen traumhaften Blick über das Valle di Lanaitto. Der Besuch lohnt sich.

Im Nuraghenkomplex von Noddule, in der Nähe von Nuoro, das sich das schwarze Schaf begleitend zur Ausstellung angesehen hat, finden wir einen besonders gut erhaltenen pozzo sacro, bzw. eine fonte sacra / heilige Quelle.

Die heilige Quelle in Noddule: Hier wurde ein Wasserkult gepflegt
Die heilige Quelle in Noddule: Hier wurde ein Wasserkult gepflegt

Das Gebäude ähnelt einer Kirche oder einem kleinen Tempel (ganz ähnlich auch Su Tempiesu in Orune, ein paar Kilometer weiter) und ist relativ gut erhalten. Da sind Sitzbänke für Gläubige und eine altarähnliche Schale sowie Stufen zur Quelle – man kann der rituellen Nutzung hier gut nachspüren.

Tipp: Lass dir die Anlage und den Brunnen von einem der dortigen Guides zeigen, und am besten in einer regenarmen Zeit: im Inneren gibt es noch gestalterische Besonderheiten, die nur zu sehen ist, wenn die Quelle wenig Wasser trägt.

Die nuraghische Stammesgemeinschaft

Von wegen böhmisch - bei so viel Mysterium sind das für mich nuraghische Dörfer!
Von wegen böhmisch – bei so viel Mysterium sind das für mich nuraghische Dörfer!

Das ganz normale Leben fand also vor allem um den Nuraghen statt. Darum nennt man die ein oder andere Stätte auch nuraghisches Dorf / villaggio nuragico oder Nuraghenkomplex / complesso nuragico – je nachdem, was man da so alles vorfindet.

Der Stamm / tribù lebte im Dunstkreis des Nuraghen. Sie wohnten aber tendenziell nicht darin, sondern in kleinen Rundhütten, die darum angesiedelt waren.

Die Rundhütten dienten zum Wohnen und Arbeiten. Ein einzelner Raum, in dem das Leben einer kleinen Gemeinschaft – wie der Familie – stattfand. Eine Art Nukleus. Die Familie war ein wichtiger Wert der damaligen Gesellschaft.

In dieser Rundhütte in Noddule könnte die zentrale Feuerstelle auch eine Art Altar gewesen sein.

Später wurden die Hirtenhütten (Cuiles, Pinettas) diesem nuraghischen Vorbild nachempfunden. Also waren auch handwerkliche Fähigkeiten, Baukonzepte und Architektur im kollektiven Gedächtnis gespeichert.

Im Laufe der Zeit entstanden in oder in der Nähe von nuraghischen Dörfern auch heilige Stätten – was wieder für die weite Entwicklung der Kultur spricht.

Spiritualität hielt die nuraghische Stammesgemeinschaft zusammen. Glaube war allerdings kein Dogma, und es gab auch keine Kirchen, wie wir es von modernen Religionen kennen.

Rituelle Handlungen und heilige Stätten

Alles gründete auf dem natürlichen Verhalten des Einzelnen und der Gemeinschaft. Ein Volk, das nah an der Natur und zudem isoliert auf einer Insel lebt, musste dem Leben und Sterben auf natürliche Weise begegnen und sich Erklärungen suchen.

Man griff also auf Erfahrenes und Erzähltes zurück. Man zog eigene Schlüsse suchte und fand Trost in einem Baum, der Schutz bietet oder einem Fels, der menschliche Züge hat. Man hatte auch das Bedürfnis, Dankbarkeit auszudrücken oder Unheil abzuwenden, Unterstützung und Heilung zu erbitten. Man bekämpfte kleine und große Ängste. Und ganz zuletzt hoffte man auf ein Weiterleben im Jenseits / al di là an oder eine Wiedergeburt / rinascita.

Als übernatürlichen Adressaten für Bitte und Danke und Hoffnungen gab es neben dem bereits erwähnten männlichen Dio Toro auch das weibliche Pendant, die Dea Madre. Das ist als Gleichgewicht / equilibrio zu verstehen. Ein bisschen Yin und Yang in der nuraghischen Kultur.

Die Frau, speziell die Mutter, wird als Quelle neuen Lebens verehrt. Der Mann als starker Beschützer dieses Lebens (das Wort Balente meint im Prinzip ebenfalls das) ist ihr Gegengewicht. Bei identischer Wertigkeit. Das Leben braucht beides.

Und auch das ist nirgendwo aufgeschrieben, sondern sowohl durch die Archäologie als auch durch das kollektive Verhalten der Sarden bis heute bestätigt. Vielleicht auch der Grund, warum es damals wie heute auf Sardinien ein traditionelles Rollenverständnis gibt und Frauen hoch geachtet werden. Das eine schließt das andere nicht aus.

Quasi jedes Dorf hatte eine Priesterin / Sacerdotessa, die Gaben für die Götter entgegennahm und Opfer darbrachte. Im Wasser konnte sie auch Schuld oder Unschuld erkennen.

Kleine Bronzefiguren wurden als Opfergaben in Brunnenheiligtümern verwendet
Kleine Bronzefiguren wurden als Opfergaben in Brunnenheiligtümern verwendet

Meistens waren die Brunnenheiligtümer oder schlicht die Wasserquellen im Dorf der Ort, an dem rituelle Handlungen vollzogen wurden. Später wurden auch Rundhütten als Ort für die Kulte genutzt.

Stätten, die dem Übernatürlichen und Göttlichen gewidmet waren, setzt Menschen voraus, die sich auf eine religiös-philosophische Weise mit dem Leben und den wichtigen Fragen auseinandersetzen: «Wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Welchen Sinn hat das Leben? Welcher Sinn liegt im Sterben?»

Eine ganz besonders schöne Möglichkeit, der Komplexität der nuraghischen finden wir im Medio Campidano: Da ist zum Einen Santa Vittoria auf der Giara di Serri. Sehr gut erhalten, ähnlich eines Klosters, mit einem kleinen Nuraghen und einem wunderschönen pozzo sacro.

Santa Vittoria – Heiligtum aus der Nuraghen-Zeit

Und wenn du dir davor oder danach das nicht weit entfernte Weltkulturerbe Su Nuraxi in Barumini anschaust, erkennst du vielleicht den Unterschied: Der dortige riesige Nuraghe ist Teil des unterhalb angesiedelten Dorfes mit vielen Rundhütten ist ähnlich einer Burganlage, nur kleiner. Aufgrund der offenen Landschaft ist er tatsächlich auch robuster gebaut (und aus anderen Steinen als Santa Vittoria) und hat eine Wehrfunktion.

Ab 1.400 v. Chr.: Demografischer Wandel in der Nuraghenkultur

Die Welt verändert sich und auch auf Sardinien gab es irgendwann einen Moment, da war die Stammesgemeinschaft überholt. Der Mensch entwickelte sich.

Hirten begannen als Halbnomaden zu leben, anderswo nach besseren Weidegründen zu suchen und gründeten so auch neue Siedlungen. Wieder andere verließen gar die Insel, brachen zu neuen Ufern auf und trieben Handel im Mittelmeerraum.

Schafe und Nuraghen gehörten lange Zeit zusammen - bis die Hirten aufbrachen und als Halbnomaden lebten.
Schafe und Nuraghen gehörten lange Zeit zusammen – bis die Hirten aufbrachen und als Halbnomaden lebten.

Irgendwann hörte man daher auch auf, Nuraghen zu bauen. So gibt es auch Nuraghendörfer ohne einen zentralen Nuraghen – wie zum Beispiel das Villagio di Serra Orrios bei Dorgali.

Der Grund ist einfach. Wer mit seiner Herde unterwegs war, baute nicht mal eben umständlich einen neuen Nuraghen. Ihm reichte erstmal eine Hütte / cuile, pinnetta und für die Tiere einen Stall / ovile – und fertig. Das machten noch zwei drei andere Hirten. War der neue Ort ein Erfolg, wurde die Familie umgesiedelt, und schwupp – war ein neues Dorf gegründet.

Um die Verbindung zu ihrem Stamm zu halten, erstellten sie Repliken, dessen, was ihnen wichtig oder heilig war. Man erstellte auch kleine Nuraghen, quasi originalgetreue Miniaturausgaben des großen, an dem man gelebt hatte. Diesen stellte man zum Beispiel in das Zentrum einer gemeinschaftlichen Rundhütte.

So wurden die Nuraghen ein identitätsstiftendes Symbol.

Mini-Nuraghen (hier ausgestellt im Museo Civico in Cabras)

Krieger, Jäger – und Künstler?!

Dank jüngerer Ausgrabungen weiß man, dass in der nuraghischen Kultur ein Hang zur Selbstdarstellung existierte. Man erstellte kleine Bronzefiguren / bronzetti und Repliken von größeren Objekten, Menschen oder Tieren.

Warum? Sicher ist ein spiritueller Hintergrund – da die meisten der Bronzefiguren in Nekropolen, Gigantengäbern und Brunnenheiligtümern gefunden wurden. Sie waren vermutlich Teil ritueller Handlungen und Gaben an die Gottheiten.

Kleine Bronzefigur des vieräugigen Kriegers aus Teti – und eine detailtreue, lebensgroße Nachbildung in der NURAGICA-Ausstellung

Dann allerdings fand man bei Cabras vor nicht allzu langer Zeit zufällig die Giganten von Mont’e Prama. Statt kleiner Repliken hatte man hier Nuraghier in Lebensgröße vor sich! Was darauf schließen lässt, dass man auch Repräsentationszwecke verfolgte.

Die Nuraghier waren jedenfalls die ersten, die – völlig unbeeinflusst von anderen Kulturen – detailgetreue, dreidimensionale Modelle in groß und klein von sich selbst erstellt haben.

Gut für uns – denn so haben wir immerhin eine Originalquelle (wenn auch eine bildliche) und eine fundierte Vorstellung, wie sie aussahen und welche Symbolik ihnen wichtig war.

Waren am Ende Künstler dafür zuständig, die Kultur zu dokumentieren? Allzu abwegig ist das nicht. Eine derart hoch entwickelte Kultur hat natürlich nicht nur Jäger, Hirten und Priester – sondern auch Künstler.

Ein nuraghischer Krieger, vor dem Abbild der Giganten von Mont ‚e Prama

Die kleinen Bronzefiguren nahm man auch mit auf weite Reisen.

Denn die Nuraghier entdeckten ab 1.400 v. Chr. auch den Wert der Bodenschätze und Produkte der Insel, wie z. B. Keramiken.

Sie bauten Boote und auch von diesen gibt es Repliken, die man interessanterweise in den Bergregionen an heiligen Stätten fand. Vermutlich wollte die Dorfgemeinschaft so Kontakt zu denen halten, die auf dem Seeweg die Insel verließen.

Möglicherweise waren diese seefahrenden Sarden die Shardana, die von Sardinien aus Handel trieben und auch in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt wurden, sich als Söldner verdingten. Allerdings ist das nicht ausreichend erforscht. Doch die phönizische Schreibweise šrdn für Sardinien und viele archäologische Funde lassen diese Deutung zu.

Mindestens waren die Sarden Teil einer Art Koalition auf See. Sie trafen auf andere Völker, Handelspartner, mit denen man sich zum Schutz verbündete. Man trieb Handel im gesamten Mittelmeerraum, vor allem mit Italien und Afrika, aber auch bis Kreta und Zypern und an die Atlantikküste.

Die Nuraghier als Seefahrervolk im Mittelmeer (Copyright: NURAGICA)

Und so kam es, dass wiederum Völker auf Sardinien anlandeten, die die Insel wegen ihrer Bodenschätze und ihrer strategisch interessanten Position im westlichen Mittelmeer nicht nur als Handelspartner verstanden, sondern sie direkt einnehmen wollten.

Der Auslöser für den Niedergang der nuraghischen Kultur.

Ab 800 v. Chr.: Das Ende durch Invasoren

Die Geschichte, die folgte, handelt von Invasionen und Besatzern. Von Kriegen und Verteidigung. Im besten Fall beeinflussten und veränderten sie die Gesellschaft und es gab eine Koexistenz. Im schlechten Fall töteten sie die Einwohner oder unterdrückten und beuteten sie aus.

Ab ca. 800 v. Chr. begann die phönizisch-punische Invasion auf Sardinien. Den initialen Handelsabsichten folgten kriegerische Auseinandersetzungen und Landnahme, ausgehend von Cagliari in ganzen Süden und Richtung Norden. Die Nuraghier, kein kriegserfahrenes Volk, verloren den Reichtum, den sie sich über Jahrtausende aufgebaut hatten.

Die Karthager bauten ab 600 v. Chr. das erste Straßennetz und Häfen, um den Handel zu begünstigen. Sie kolonialisierten von Tunesien aus zunächst die Gegend um Cagliari und das Medio Campidano.

Ihnen folgten im 3. Jahrhundert v. Chr. die Römer, die den strategischen Posten im Mittelmeer eroberten.

Die Sarden verloren erneut wichtige Schlachten. Um nicht in Sklaverei zu geraten, zogen sie sich ins unzugängliche Inselinnere zurück. Das erklärt, warum man dort auch viele der Bronzetten, zum Beispiel von kleinen Schiffen findet – sie hatten sie mitgenommen oder produzierten sie vor Ort aus dem Bedürfnis, ihre Identität zu bewahren.

Die Boote der Nuraghier, mit stolzen Symbolen, die sie an die Heimat erinnerten
Die Boote der Nuraghier, mit stolzen Symbolen, die sie an die Heimat erinnerten

Dort verteidigten sie das wenige was ihnen geblieben war, bis aufs Blut. Das Bild des Barbaren entstand, das sich heute noch im Namen Barbagia spiegelt. Und das, obwohl sie eigentlich ein friedliches Volk waren.

Diese Jahrhunderte der Niederlagen und die Aversion gegen Besatzer aller Art sind unauslöschbar im sardischen Kollektivgedächtnis gespeichert.

Aber eben auch alles, was davor geschah. Darum gibt es eigentlich auch gar kein Ende.

Und in diesem Sinne stimmt auch der Titel dieses Artikels: Die nuraghische Kultur ist mindestens 7.000 Jahre alt und lebt vermutlich auch noch ein gutes Weilchen weiter.

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