Nuraghen sind prähistorische Bauten aus Stein, die es in dieser Art und vor allem Menge (man sagt über 7.000 inselweit) nur auf Sardinien gibt (» Karte Nuraghendichte auf Sardinien).

Du findest sie in unterschiedlicher Architektur und Dimensionen: Da sind kleine Nuraghen, große Nuraghen, komplexe Nuraghen bzw. Nuraghenkomplexe, Nuraghendörfer, Nuraghenreste, Protonuraghen, eintürmige Nuraghen, mehrtürmige Nuraghen, nuraghische Heiligtümer, nuraghische Brunnen und Tempel …

Nuraghe Ruju, Ploaghe
Nuraghe Ruju, Ploaghe

Protonuraghen gehören zu den ersten und ältesten Bauten, sind eintürmig und stammen aus dem 2. Jahrtausend vor Christus. Sie können also im Einzelfall über 4.000 Jahre alt sein. Und die architektonischen Wunderwerke stehen immer noch!

Welchen Zweck haben Nuraghen?

Die Frage, wofür genau man die Nuraghen gebraucht hat, ist quasi sofort da: Waren es Wohnungen, Lager oder Wehrtürme? Das kommt drauf an!

Nuraghe Mannu, Cala Gonone
Nuraghe Mannu, Cala Gonone – heute Ziegenspielplatz, früher mit einiger Sicherheit als Wachturm vor Feinden, die vom Meer kamen, genutzt

Der Verwendungszweck ist sehr unterschiedlich – je nach Größe, Form und Lage, und manchmal sind die Funktionen eines Nuraghen auch kombiniert. Die Frage, zu welchem Zweck es Nuraghen gibt, muss im Einzelfall beantwortet werden

Hier die wichtigsten Formen:

  • Fast alle Nuraghen haben durch ihre Bauweise (dicke Mauern, kleine Fenster) eine Schutzfunktion. 
  • Sie waren mit einiger Sicherheit ein zentraler Treffpunkt eines Stammes oder später einer Dorfgemeinschaft, ein Ort an dem Entscheidungen getroffen wurden.
  • Sie dienten in vielen Fällen auch der Kommunikation zwischen den Stämmen, z. B. von einer Siedlung zur nächsten.
  • Nuraghen auf Bergkuppen, die weite Landstriche überblicken, hatten in der Regel die Funktion eines Wach- und Rufpostens, mit dem die Bevölkerung vor Feinden gewarnt wurde.
  • In Nuraghendörfern / villaggio nuragico  hat der zentrale Nuraghe eine Funktion als Gemeinschaftshaus, in den Rundhütten / Capanne drumherum wohnten die Menschen.
  • Einzelne Hütten oder kleinere, nahe gelegene Nuraghen dienten als Lager für Getreide oder Ställe für Tiere (ovile).
  • Nuraghenkomplexe / complesso nuragico sind burgähnliche Anlagen, auch hier wohnten die Menschen in den Hütten.
  • Nuraghische Heiligtümer / santuario nuragico und Brunnenheiligtümer / pozzo sacro sind religiöse Stätten, häufig an natürlichen Wasserläufen (auch unterirdisch) oder Böden mit magnetischen Eigenschaften.
  • Ob Zufall oder nicht: einzelne Nuraghen sollen – ähnlich der Pyramiden – an astronomisch interessanten Punkten erbaut sein – fragt das Schaf jetzt bitte nicht welche, das weiß der Astronom deines Vertrauens besser 😉
  • Der am besten erhaltene Nuraghenkomplex ist Su Nuraxi in Barumini – er stammt aus der Bronzezeit und wurde stellvertretend für alle Bauten in das Weltkulturerbe der Unesco aufgenommen.
Schafe auf dem Weg zu "Su Nuraxi" bei Barumini
Schafe auf dem Weg zu “Su Nuraxi” bei Barumini

Eine religiöse Nutzung der Nuraghen selbst lässt sich hingegen nicht belegen. Manchen wird eine religiöse Bedeutung zuerkannt, z. B. wenn sie in der Nähe von Nekropolen oder Domus de janas oder an Wasserläufen erbaut sind.

Als Kultstätten wurden aber eher separate Bauten genutzt, wie die pozzi sacri oder die Gigantengräber. 

Zum Trost: Viele Nuraghen haben tatsächlich astronomische Elemente, wie Lichtnischen (wobei Lichteffekte durchs das Loch im Dach eben nicht beabsichtigt sein können) oder Pforten ins Jenseits. Auch hat die Mehrzahl der Nuraghen einen nach Südosten ausgerichteten Eingang.

Villaggio nuragico di Tiscali, Supramonte di Oliena
Villaggio nuragico di Tiscali, Supramonte di Oliena – ehemaliges Nuraghendorf in einer eingestürzten Grotte

Auffällig ist, dass heute quasi alle Nuraghen oben offen sind. Regnet’s da nicht rein? Doch! Darum hatten die meisten Nuraghen früher auch Dächer 😉

Allerdings nagt der Zahn der Zeit nach ein paar tausend Jahren an jeder noch so genialen Konstruktion: Die Dächer stürzten quasi als erstes ein.

Der Nuraghenkomplex Barumini im Modell
Der Nuraghenkomplex Barumini im Modell (Museo Sa Corona Arrubia, Lunamatrona)

Vor allem in der jüngeren Zeit wurden viele Strukturen geschwächt, weil der reisende Mensch bzw. wandernder Tourist gern AUF den Nuraghen herumdackelt und nicht IN ihnen wohnt, wie das Jahrtausende zuvor der Fall war. Das wäre so, als würden wir in Heidelberg auf den Dächern spazieren, um die Stadt zu besichtigen. Macht ja auch keiner.

Naja, es kam über die Jahrzehnte mit dem wachsenden Tourismus wie es kommen musste: Da lösten sich erst einzelne Steine, kam Bewegung in die Wände … und Wind, Starkregen und heftiger werdendes Wetter setzten den so uralten Nuraghen weiter zu, dass der Bau hier und da nachgab.

Im letzten Jahrhundert verschwand durch die Kombi aus unkontrolliertem Zugang und natürlichen Ursachen sogar ein ganzes Dorf, das eigentlich in einer Grotte geschützt lag, das Nuraghendorf Tiscali. Man kümmert sich heute mehr um sein Kulturerbe – für Tiscali ist es allerdings schon zu spät.

Und was die Horden Touristen, die per Tagesausflug von den Kreuzfahrtschiffen busweise herangekarrt werden mit den nuraghischen Hotspots machen – z. B. mit Su Nuraxi im Falle von Cagliari und La Prisgiona für Olbia – das bleibt abzuwarten.

Nuraghe La Prisgiona, Arzachena
Nuraghe La Prisgiona, Arzachena – gut erhalten, einer der wenigen Nuraghen der Gallura.

Einzigartig und vielfältig: Nuraghen auf Sardinien

Sind doch alles bloß Steinhaufen? Weit gefehlt! Sie sind auch noch Inspirationsquellen für Gedichte und Nuraghenreime. Und das Nuraghenhugging, bei dem du dich an sie schmiegst und in der Zeit jahrtausendeweit zurückreist, erfreut sich zumindest beim schwarzen Schaf größter Beliebtheit.

Hier ein paar Beispiele der nuraghischen Vielfalt auf Sardinien (auf www.nuraghi.com findest du noch määähr):

Nuraghe Tamuli, Macomer
Nuraghe Tamuli, Macomer – hatte mit einiger Sicherheit eine religiöse Bedeutung
Nuraghe und Kirche Santa Sabina, Silanus
Nuraghe und Kirche Santa Sabina, Silanus
Nuraghe Arrubiu, Orroli -Lichteinfall
Nuraghe Arrubiu, Orroli -Lichteinfall
Nuraghe Seruci, Gonnesa
Nuraghe Seruci, Gonnesa
Nuraghe Aleri, Marina di Tertenia
Nuraghe Aleri, Marina di Tertenia
Nuraghe Loelle, Buddusò
Nuraghe Loelle, Buddusò
Nuraghe Arrubiu, Orroli, innen
Nuraghe Arrubiu, Orroli, innen
Nuraghe Arrubiu, Orroli - Capanne
Nuraghe Arrubiu, Orroli – Capanne
Nuraghe Arrubiu, Orroli
Nuraghe Arrubiu, Orroli
Nuraghe Santa Cristina, Paulilatino
Nuraghe Santa Cristina, Paulilatino
Nuraghe an der alten SS 125, Muravera nach Cagliari
Nuraghe an der alten SS 125, Muravera nach Cagliari
Nuraghe Serbissi, Osini
Nuraghe Serbissi, Osini
Nuraghe Burghidu, Ozieri
Nuraghe Burghidu, Ozieri
Nuraghe Orruinas, Gennargentu Arzanese
Nuraghe Orruinas, Gennargentu Arzanese
Nuraghe Burghidu, Ozieri
Nuraghe Burghidu, Ozieri
Nuraghe Oes, Giave (SS)
Nuraghe Oes, Giave (SS)
Nuraghenhugging auf der Giara di Siddi
Nuraghe Albucciu, Arzachena (OT)
Nuraghe Albucciu, Arzachena (OT)
Nuraghe Santu Antine, Torralba (SS)
Nuraghe Santu Antine, Torralba (SS)
Nuraghe Arrubiu
Serbissi, aus fast weißem Kalkstein, fast einmalig schön
Serbissi, aus fast weißem Kalkstein, fast einmalig schön
Ein schönes Exemplar: der Nuraghe von Santa Cristina
Ein schönes Exemplar: der Nuraghe von Santa Cristina

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