Das schwarze Schaf trabt durch die duftende Macchia, geheimnisvollen Orten, „Feenhäuser“ genannt, auf der Spur. Ha! Da ist eins! Und noch eins! Mehrere Öffnungen sind in den Fels gegraben, manchmal rund, manchmal eckig … und da ist ein ganzes Feld mit Felsen und Höhlen!
Begeistert und neugierig schaut das Wolltier in die Höhlen, geht erst mit etwas schafüblichem Argwohn, dann ohne Sorge hinein. Es muss sich klein machen, die Räume sind sehr niedrig. Es schaut sich um. Einige sind etwas größer, haben Kammern und aufgezeichnete Türen. Manchmal kann es sogar geheimnisvolle Zeichen ausmachen.
Es liegt Bedeutung in der Luft. Das Schaf wird noch neugieriger, findet Gefallen und fragt natürlich nach.
Das sind Domus de Janas. Feenhäuser. So hört es immer wieder. Was eigentlich lieblich und fast mystisch klingt, ist in Wirklichkeit ziemlich morbid: Feenhäuser sind in den Fels gehauene, unterirdische (oder eher: unterfelsige oder unterbergige) Gräber. Richtig gehört. Gräber. Gruften. Felsengräber.

Oft werden sie als Nekropole / necropoli bezeichnet, was »Stadt der Toten« bedeutet und Grabstätten größerer Dimension beschreibt. So eine Art städtischer Friedhof. Nur viel älter. Und mittlerweile natürlich leer, von den Verblichenen keine Spur mehr. Dennoch sind es für die Sarden wichtige Stätten – die Gräber ihrer Urahnen, mit denen viele sich immer noch verbunden fühlen. Mit entsprechendem Respekt und würdevoll sollten wir sie besuchen.
Diese Grabstätten sind aber nicht nur faszinierende, archäologische Stätten, sondern gehören seit dem 12. Juli 2025 offiziell zum Weltkulturerbe der Menschheit.
Das Weltkulturerbe umfasst „Zeugnisse vergangener Kulturen von außergewöhnlichem universellen Wert für die gesamte Menschheit“ – also auch für dich und mich. Bereits seit 1972 werden sie zusammen mit Naturdenkmälern und immateriellen Subjekten von der Welterbekonvention – dem Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt (World Heritage Convention) – der UNESCO erfasst, geschützt und erhalten. Es umfasst Denkmäler, Ensembles und Stätten auf der ganzen Welt und nun ingesamt 61 in Italien.
Die UNESCO begründet die Entscheidung zugunsten der Domus de Janas so: „Auf Sardinien geben 26 archäologische Stätten (Anm.d.Red.: in der Liste sind 27 Stätten – davon 17 Feenhäuser, in Wirklichkeit sind es viel mehr – rund 3000!) Einblick in das Leben der Menschen zwischen dem 5. und 3. Jahrtausend vor unserer Zeit. Sie zeigen, wie die damaligen Gemeinschaften lebten, arbeiteten und vor allem ihre Toten bestatteten. Besonders bemerkenswert sind die sogenannten Domus de Janas, zu Deutsch „Häuser der Feen“. Diese kleinen, in Fels gehauenen Grabkammern sind Beispiele einer einzigartigen Bauweise, die zwei typische Phänomene ihrer Zeit verbindet: das Bauen mit großen Steinen (Megalithismus) und das Anlegen unterirdischer Räume (Hypogeismus). Die Stätten zeigen, wie eng Sardinien mit anderen Regionen Europas und des Mittelmeerraums verbunden war.“
Noch korrekter wäre, die Feenhäuser mit „Seelenhäuser“ zu übersetzen – von sardisch domus / Haus und janas / Seelen (der Verstorbenen). Aber auch Feen ist irgendwie richtig – dazu kommen wir gleich.

Die domus de janas sind ein sogenanntes „serielles Kulturerbe“, bestehend aus mehreren Einzelstandorten auf Sardinien, die quasi stellvertretend für alle Feenhäuser auf der Insel stehen.
Kriterien, die zur Anerkennung führten sind:
(ii) Austausch menschlicher Werte, (iii) einzigartiges Zeugnis einer Kultur, (vi) Verbindung zu überlieferten Glaubensvorstellungen
1730-001 Nekropole Anghelu Ruju, Alghero
1730-002 Nekropole Puttu Codinu, Villanova Monteleone
1730-003 Nekropole Monte Siseri or S’Incantu, Putifigari
1730-004 Monte Baranta, Sassari
1730-005 Nekropole Mesu ‘e Montes, Ossi
1730-006 Ziggurat-Tempel Monte d’Accoddi, Porto Torres
1730-007 Nekropole Su Crucifissu Mannu, Porto Torres
1730-008 Domus de janas Orto del Beneficio Parrocchiale, Sennori
1730-009 Domus de janas Roccia dell’Elefante, Castelsardo
1730-010 Nekropole Li Muri, Arzachena
1730-011/012 Domus de Janas und Petroglyphen-Park, Cheremule
1730-013 Dolmen Sa Coveccada, Bonorva
1730-014 Riparo di Luzzanas, Ozieri
1730-015 Nekropole Sant’Andrea Priu, Bonorva
1730-016 Nekropole Sa Pala Larga, Bonorva
1730-017 Nekropole Sos Furrighesos, Anela
1730-018 Villaggio di Serra Linta, Sedilo
1730-019 Nekropole Ispiluncas, Sedilo
1730-020 Nekropole Mandras, Ardauli
1730-021 Nekropole Brodu, Oniferi
1730-022 Nekropole Istevéne, Mamoiada
1730-023 Grotta Corbeddu, Oliena
1730-024 Menhir of Monte Corru Tundu
1730-025 Su Forru de is Sinzurreddus, Sennixeddu
1730-026 Archäologischer Park Pranu Mutteddu, Goni
1730-027 Nekropole Montessu, Villaperuccio

» Informationen zu allen Stätten findet ihr auf https://lasardegnanellapreistoria.com/monumenti/
Quellen / Informationen:
Die in Felsen gehauenen Grabstätten finden wir inselweit, vor allem aber im zentral-nördlichen Teil der Insel. Und einige schauen wir uns mal genauer an.
Etwa 3.000 Feenhäuser / domus de janas gibt es auf Sardinien. Das ist eine ähnlich erstaunliche Anzahl wie die Zahl der Nuraghen, die aber zu einer späteren Epoche gehören.
Hier ein kurzer „Schlauschaf-Exkurs“ zur zeitlichen Einordnung: Viele der Gräber stammen aus dem fünften bis dritten Jahrtausend v.u.Z., fallen also in die mittlere Jungsteinzeit mit Übergang in die Kupfersteinzeit; eine Nutzung in der Bronzezeit (Nuraghische Kultur) ist nachgewiesen.
Oder anders: Sie sind fünf- bis siebentausend Jahre alt!
Um das in Sardiniens Kulturgeschichte einzuordnen, ist besonders die ca. 3200 v.u.Z. beginnende Cultura di Ozieri bzw. Cultura di San Michele zu erwähnen – viele der Grabstätten stammen aus dieser Zeit, als Sardinien bereits zu den großen Kulturen des Mittelmeers gehörte.
Viele Feenhäuser – und das haben sie mit den bronzezeitlichen Steintürmen gemein – sind verwittert und nicht erschlossen. Vielleicht haben sie sich gerade deshalb ihr mystisches Wesen bewahrt.
Wie es sich für einen ordentlichen Friedhof gehört, strahlen sie immer noch diese ewige Ruhe aus.
Die Feenhäuser helfen uns nicht nur, die Bestattungstraditionen der frühen Sarden zu verstehen, sondern auch ihre gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung.
Auch verraten sie uns etwas über das Glaubensgebilde: Sardiniens antike Bevölkerung glaubte an die Wiedergeburt und das Weiterleben nach dem Tod im Jenseits / aldilà. Daher legte man Verstorbene in die Erdhöhlen, hielt Bestattungsrituale ab und gab kleine Statuen mit hinein.
Besonders wichtig war die Dea Madre / die Muttergöttin, als Symbol für das Leben. Sie sollte sich um die Verblichenen kümmern, ihnen das Weiterleben im Jenseits ermöglichen und sie begleiten – ganz, wie sie es mit den Lebenden tat.
Das schwarze Schaf findet sie wunderschön. Und in diesem Artikel verrät es auch sein Lieblings-Domus. Schauen wir uns also mal ein paar der neuen UNESCO-Welterbestätten genauer an:



Sehr praktisch findet das schwarze Schaf die Feenhäuser auch bei Regen – da sie dann nicht nur Schutz vorm Nass bieten, sondern auch ganz besonders mystisch werden. Eine gute halbe Stunde von Anghelu Ruju entfernt, findet sich diese Nekropole:
Der berühmte Elefantenfelsen ist ein echtes Kuriosum: Er ist nicht nur ein vom Wind in seine heutige Form modellierter Felsbrocken, der sich aus einem nahegelegenen Berg gelöst hatte, sondern eben auch ein domus de janas / Feenhaus. Man kann in ihn hineinklettern und mit gutem Auge erkennst du die Gravur eines Stierkopfes in seiner Höhle. Diese Graffiti deuten auf den Kult um den Stiergott / Dio Toro hin.



Sie gehören zu meinen liebsten Domus de Janas, seit ich sie eigentlich mehr durch Zufall entdeckte, als ich . Ichund ich war erstaunt, sie in der Liste zu finden – sie sind nämlich nicht erschlossen und auf einem Privatgelände. Das tut ihrer Schönheit und Wichtigkeit natürlich keinen Abbruch – im Gegenteil.






» Informationen zu diesen Feenhäusern findet ihr auf sardegnacultura.it in englischer Sprache.
Pranu Mutteddu ist eigentlich mehr für seine Menhire bekannt. Doch am Rand des archäologischen Parks gibt es auch eine Reihe hübscher Feenhäuser und die archäologische Stätte passt bestens in die Thematik des Welterbes.






Der folgende Artikel beschäftigt sich mit der gesamten Stätte, die weit abseits aller touristischen Rennstrecken im Süden Sardiniens liegt und jeden Kilometer des Weges wert ist:
Sehr schön und weitläufig ist die Nekropole Montessu im Sulcis, mit vielen verschiedenen Gräbern. Montessu wurde von verschiedenen Kulturen zu unterschiedlichen Zwecken genutzt.
Im Grab der Spiralen / tomba delle spirali kann man bei richtigem Licht Petroglyphen von konzentrischen Kreisen zu findender Verzierungen erkennen. Konzentrische Kreise sind ein Symbol für das Leben und Wasser – was den Glauben der frühen Sarden an Naturgötter untermauert.
Aber auch Hinweise auf die Muttergöttin / Dea Madre sowie einen Stiergott / Dio Toro sind in Montessu zu finden.

In Montessu fand man eine Reihe weiblicher Statuetten ebenjener Muttergöttin, die als Votivbeigaben dienten und vermutlich mit Bestattungsritualen verbunden waren. In einigen der größeren Räume, die als eine Art Kirche verstanden werden können, kann man dem sehr gut nachspüren.
Eine der ersten Stätten, die ich mir auf Sardinien angesehen habe. Spannend sind nicht nur die großen Räume, auch ein Altar in Stierform (zumindest das, was nach vielen tausend Jahren davon übrig ist) lassen auf eine gewisse kulturelle Wichtigkeit dieser Domus schließen.
Leider sind mir meine eigenen Fotos von Sant’Andrea Priu abhanden gekommen. Daher hier ein Video der Region Sardinien (Quelle / Copyright Sardinia Digital Library):
Was bei der ganzen Weltkulturerbesache zu kurz kommt, ist der mythische Aspekt. Der wird ausgeklammert und ist eher eine Randnotiz, wenn’s hochkommt, ein kulturelles Detail. Man konzentriert sich auf die Naturgötter und das, was wissenschaftlich belegbar ist.
Doch es gibt noch einige andere Gestalten in der Wirklichkeit der Sarden. Diese sind aber nicht mit den archäologisch nachvollziehbaren Kulten um die Dea Madre zu verwechseln.
Die Janas sind in der sardischen Mythologie verankert, viele Legenden ranken sich um sie. Sie sind tatsächlich eine Art „Fee“. Ein bisschen lieblich, ein bisschen garstig – wie man es schon von Glöckchen aus Peter Pan kennt. Dazu gibt es gegen Ende des Artikels noch eine kleine Geschichte.
Die Janas sind eklektische Kreaturen, Fabelwesen mit vielen Kenntnissen und Fähigkeiten, und lassen sich nur schwer definieren. Auch, weil – wie es auf Sardinien oft passiert – jede Region ihre eigenen Deutungen und Vorstellungen hat.
Das Wort lässt sich immerhin auf den Namen der griechischen Göttin Diana zurückführen (die Verbindung zu griechischen Mythologien und Kulturen ist belegt und erlaubt), die auch inhaltlich viele Ähnlichkeiten mit den sardischen Janas aufweist. Wie diese sollen die Janas zum Beispiel an den Mond und die Mondphasen gebunden sein. Sie werden allgemein als sehr klein mit sehr heller Haut (sodass sie nur nachts aktiv sein können) und wunderschönem Aussehen beschrieben. Außerdem sind sie sind unverletzlich und unsterblich.
Und der Legende nach wohnen sie eben (bis auf wenige Ausnahmen) in den Feenhäusern. Einige sagen, sie bewachen die Seelen der Verstorbenen, andere sehen in ihnen Beschützerinnen für die Lebenden (insbesondere junge Frauen).
Frag im nächsten Dorf und du hörst noch eine andere Geschichte.

Sardinien mag, wenn sich unerklärliche Legenden um irgendwas ranken. Eines der Feenhäuser ist in der Beziehung besonders beeindruckend: Der Monolith Pedra Mendalza in der Nähe von Giave. Sieht gar nicht aus wie ein Feenhaus – tatsächlich ist er der Lava-Pfropfen eines ehemals aktiven Vulkans – ist aber eins.
Der Monolith galt als Tür ins Jenseits, unter ihm soll ein immenser Schatz liegen und er wird bewohnt von – genau, den Janas.
Die Janas (hier auch Fadas genannt) machten sich oft auf ihren Weg – su camminu ′e sas fadas – in den Ort. Verweigerten die Bewohner ihnen einen Wunsch, wurden sie mit fürchterlichen Flüchen belegt. Die Janas bekamen immer, was sie wollten.
Eines Tages überlegte sich eine der Feen, einen Mann, der stets in der Nähe seine Felder bestellte, heiraten zu wollen. Er war nicht begeistert, doch nachdem sie ihm unermessliche Schätze gezeigt hatte, die im Felsinneren lagen, gab er nach. Nur war das Leben im Dunkel auf Dauer eine Qual für ihn, und so bat er freigelassen zu werden. Die Fee dachte gar nicht daran: Verheiratet – Pech gehabt, mein Lieber! Er wurde immer trauriger. So ließ sie ihn eines Tages doch gehen. Aber als sie sah, wie glücklich er draußen war, wurde sie ärgerlich und lockte ihn wieder herein. Das wiederholte sich mehrmals. Als sie ihn mit einer Frau antraf, platzte ihr der Kragen. Sie zwang ihn zum Pedra Mendalza zurück und verschloss die Tür für immer – von innen. Man sagt, wenn man das Ohr an den Felsen legt, sei ein Weinen zu hören …
Und hier noch einige, die ich sehr schön finde, die nicht auf der Weltkulturerbe-Liste und unter besonderem Schutz stehen, aber als Stellvertreter des Erbes in einem Atemzug mitgenannt werden dürfen.






Mehr dazu lest ihr unter anderem in diesem Artikel: Macomer und der Marghine: eine melancholische Reise.
Hier fuhr das schwarze Schaf mal wieder über irgendwelche Nebenstraßen irgendeinem Schild nach und kletterte ganz unbedarft über einen Zaun – nur um diese wunderschönen Feenhäuser zu entdecken. Belohnung: ein wunderbarer Ausblick über die bis heute kaum besiedelte Gegend.











Vielleicht sind die Grabkammern mit tollen Wandmalereien mittlerweile restauriert! Ich müsste mal wieder hinfahren!
In jedem Fall sind Feenhäuser eine echte Bereicherung des Reiseprogramms – das schwarze Schaf kann nur wärmstens empfehlen, sie auf die Liste für den Urlaub zu setzen.
Viel Freude beim Entdecken!
PS. – Und weil du es bis ans Ende dieses Artikels geschafft hast, findest du zur Belohnung einen meiner Lieblingsorte auf Sardinien mit märchenhaften Feenhäusern: Nekropoli di Prunittu, Sorradile mit etwa 15 Grabkammern in außergewöhnlich geformten Felsen.

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