“Waaaaas? Du bist so lang hier und hast Montessu noch nicht gesehen?” Meine Gastgeberin im B&B war geradezu geschockt. Als Sardinienblogger noch nicht in der größten Nekropole Sardiniens gewesen? Unfassbar!

Okay, Botschaft verstanden. Das schwarze Schaf machte sich gleich bei der nächsten passenden Gelegenheit auf nach Südsardinien. Genauer: ins Sulcis in den kleinen Ort Villaperuccio.

Kurz zur Erklärung: Inselweit werden Nekropolen und Grabstätten, die in Fels gehauen sind, Domus de Janas / Feenhäuser genannt. Es sind “Häuser” für die Seelen der Verstorbenen, oder: Gräber, Gruften, Felsengräber. “Nekropole” bedeutet “Stadt der Toten” und bezeichnet demnach schlicht und ergreifend Grabstätten größerer Dimension – sprich: Friedhöfe. Die Gräber sind mittlerweile natürlich leer, von den Verblichenen keine Spur mehr.

Schön – und ganz schön groß: die Nekropole Montessu

Normalerweise sind Domus de Janas auf Sardinien deutlich kleiner. Die Nekropole Montessu hingegen ist riesig. Es soll sogar die größte Sardiniens sein. Ich hab nicht nachgezählt, und na klar noch nicht alle Feenhäuser auf Sardinien gesehen. Aber vom ersten Eindruck her könnte das stimmen. In Cagliari gibt es noch die größte punische Nekropole, Tuvixeddu, ist aber von der Art her ganz anders.

Montessu: ein Friedhof aus der Jungsteinzeit

Die Nekropole von Montessu ist also eine Art Friedhof der Jungsteinzeit – und ob der Größe offensichtlich ein ziemlich wichtiger. Die Gräber wurden bereits in vor-nuraghischer Zeit ausgehauen, von der Kupfersteinzeit bzw. dem End-Neolithikum (3200-2800 v. Chr.) bis zur mittleren Bronzezeit (1800-1600 v. Chr.). Man beerdigte die Verstorbenen seinerzeit in Höhlen, nicht unter der Erde. Die Stätten waren häufig gleichzeitig Kultstätten.

Montessu wurde von unterschiedlichen Kulturen zu unterschiedlichen Zwecken genutzt. Das belegen archäologische Funde, von Votivfiguren bis zu alltäglichen Keramiken (zu sehen in den archäologischen Museen von Cagliari und Santadi).

Aber grundsätzlich sind die meisten Höhlen einfache Gräber: Der Körper des Verstorbenen wurde durch die schmalen Öffnungen und Türen in die Gruft gelegt und dort in eine fötale Position gebracht. Steintüren verschlossen dann die Eingänge, die in einigen Fällen einem Schädel ähneln. Der rote und gelbe Ocker, der teilweise noch an den Wänden hängt, hatte ebenfalls Symbolkraft für das Weiterleben: Rot war die Farbe des Erde und der Regeneration, Gelb die der Sonne und des Lichts.

Ein kleines Grab in Montessu

Sie befindet sich in einer fruchtbaren Ebene, etwa zwei Kilometer nördlich von Villaperuccio, auf dem Weg nach Narcao. Das Schaf nimmt leichte Trekkingausrüstung mit, denn die weitläufige Anlage ist von Wanderpfaden umgeben, die allesamt tolle Ausblicke auf die Landschaft bieten – von einigen Stellen sogar bis zum Meer.

Montessu wurde auf der Südseite des Hügels Sa Pranedda in einem amphitheaterähnlichen Halbrund aus trachytischem Gestein ausgegraben. 35 intakte Höhlengräber unterschiedlicher Größen, eins hübsch nach dem anderen in die Felswand gedengelt, erwarten dich.

Auf genau diesen Hügel muss man aber auch erstmal hinauf. Wieviele Stufen waren es? 100? Aber ich bin ja nicht nur zum Gucken hier, sondern auch um mich zu bewegen.

Montessu: reich an Symbolik

Die meisten Domus de Janas von Montessu sind mehrzellig. Sie bestehen aus einem Vorraum und einer Hauptkammer mit mehreren Nischen oder Gräbern, die über Korridore zugänglich sind. Es sind Säulen und Wandgravuren vorhanden, sowie Hohlräume für Votivfiguren (z. B. der Dea Madre). Die einfachsten Gräber bestehen aus einer Kammer mit einem Durchmesser von einem Meter und einem niedrigen Gewölbe.

Ein paar Gräber tun sich besonders hervor (ein Lageplan ist aufgestellt, eine Führung ist auf Wunsch im Preis inbegriffen – sofern ein Guide zur Verfügung steht):

1 – Sa Grutta de is Procus, die Schweinehöhle: Vor der Höhle gibt es einen megalithischen Halbkreis. Du betrittst durch einen der beiden monumentalen Eingänge von etwa zwei Metern Höhe einen Vorraum, der ursprünglich als Leichenhalle diente, und von dem die Gräber abgehen. Die Reliefs und Gravuren lassen auf eine religiöse Nutzung schließen, daher zählt die Gruft (wie auch das nächste Grab, Sa Cresiedda) als “tomba santuario”, eine Kultstätte zu Ehren der Toten. Der Name wiederum deutet darauf hin, dass die Nekropole in einer späteren Kultur unter Umständen von Schweinehirten genutzt wurde.

Foto Mboesch - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0 https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=70339546
In der Höhle Is Procus erinnert die Architektur latent an einen Schädel – was wohl kein Zufall ist (Foto: M. Boesch, Wikivoyage.org)

2 – Sa Cresiedda, die Kirche (bzw. wörtlich: die kleine Kirche): An der gegenüberliegenden Seite des Hügels liegt dieses ebenfalls sehr große Felsengrab. Aufgrund archäologischer Funde weiß man, dass Montessu ein Ort für rituelle Handlungen und Opfer in Verbindung mit Begräbnissen und dem Gedenken war. Sa Cresiedda ist quasi eine Art Kirche und sicher zu diesem Zweck genutzt worden.

3 – Tomba delle spirali, das Grab der Spiralen: Es ist schon ein bisschen verwittert, aber wenn seitliches Licht einfällt, kann man tatsächlich einige der spiralförmigen Verzierungen erkennen. Die Spiralen sollen die Augen oder Brüste der Muttergöttin / Dea Madre symbolisieren, konzentrische Kreise sind aber auch ein Symbol für das Leben und das Wasser. Außerdem ist eine falsche Tür / porta falsa, die den Übergang ins Jenseits markiert, in den Stein geritzt.

4 – Tomba delle Corna / Grab der Hörner: Ich klettere durch den kleinen Eingang hinab in das Gewölbe und sehe über dem Eingang tatsächlich Hörner verschiedener Formen. Sie sind dem Stiergott / Dio Toro gewidmet, der den Schlaf der Toten schützen soll.

Trekking und archäologischer Park

Wem das noch nicht genug ist, der wandert durch den archäologischen Park, der aus weiteren Gräbern besteht, die allerdings nicht freigelegt sind, sowie den Resten von zwei Nuraghen und zwei Menhiren, dem kleinen, Bacc ‘e Fraus und einem fast fünf Meter hohen, Luxia Arrabiosa genannt.

Aber das Beste ist der tolle Weitblick über die Landschaft des Sulcis. Ist die Luft klar, sieht man auch das Meer sehr gut.

Das Trekking führt auf den Monte Narcao und ist mangels Schatten eher in der Nebensaison empfohlen. Zunächst umrundet man die Nekropole Montessu (quasi zum Aufwärmen), dann geht es wieder herunter vom eingezäunten Gelände und rauf auf den Nachbarberg Monte Narcao.

  • Diese Variante inklusive der Umrundung von Montessu ist etwa 12 Kilometer lang und hat einen Höhenunterschied von rund 500 Metern. Wer das auf sich nimmt, entdeckt auch die beiden Menhire. Empfohlen in der Nebensaison. Plane entsprechend Zeit ein, da es schon früh dunkel wird.
  • Die Wanderung im archäologischen Park von Montessu ist zwar kein richtiger Rundkurs, aber als “sportliche Erweiterung” mit knapp drei Kilometern, wenn man sich wirklich alles ansieht, durchaus mehr als ein Sonntagsspaziergang. Die einfachen und evidenten Wanderpfade befnden sich oberhalb der Nekropole (die Gräber sind aber nur von unten zu erreichen).
  • Im Sommer ist ein Spaziergang durch die Nekropole bereits ausreichend (man geht zwischen ein und zwei Kilometern). Es ist sehr warm und die Sonne steht direkt ins Halbrund – nur in den Gräbern findet man Schatten. Aber man ist wirklich viel der Sonne ausgesetzt, da nicht jedes Grab überdacht oder leicht betretbar ist.

Weitere Informationen

Montessu ist täglich und ganzjährig geöffnet, nur die Uhrzeiten variieren. Das Ticket kaufst du direkt vor Ort. Falls du länger in der Region bist, ist das Kombiticket mit der Siedlung Monte Sirai und einem Museum in Carbonia eine Überlegung wert. Aktuelle Infos bekommst du auf dieser Webseite.

Eine ausführliche Beschreibung der Anlage und der Gräber mit Bildern findest du auf Wikivoyage (Autor / Fotograf M. Boesch).

  • Narcao – Mine Miniere Rosas, ganzjährig geöffnet, und man kann dort wenn man möchte in den Wohnungen der ehemaligen Minenarbeitern wohnen
  • Dünen von Porto Pino – ein toller langer Strand mit schöner Dünenlandschaft, ideal zum Entspannen – aber auch zum Kitesurfen (Schule im Ferienort Porto Pino)
  • Carbonia – Grande Miniera di Serbariu, einst eine der größten und wichtigsten Minen im Sulcis-Iglesiente, Carbonia eine auf dem Reißbrett entstandene und von Mussolini gebaute Stadt
  • Tempio di Antas – römischer Tempel, umgeben von nuraghischen Stätten, an der Straße nach Fluminiaggiore gelegen
  • Grotte Su Mannau – eine tolle, weitläufige Grotte in der Nähe des Tempels von Antas, ein Wanderpfad verbindet beide Stätten

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