Wir befinden uns an einem von der Natur beherrschten Ort. Der Berg, Monte Albo oder lokal Montalbo, erklärt uns stolz, dass er sich ja seit Jahrhunderten gegen Orte an seinen Flanken gewehrt hat.

Erfolgreich: Der Mensch zog es vor, die Hauptstraße der Insel, die Carlo Felice SS 131 an seiner klar definierten Seite vorbei zu ziehen und sich dann küstenseitig anzusiedeln. Das beschert dem Berg und seinen Besuchern viel Ruhe, sogar in der Hauptsaison findest du hier Stille, soviel du magst und sogar ein paar schattige Plätze.
Gipfel des Monte Albo, Quelle: summitpost.org (Gipfel des Montalbo / Monte Albo, Quelle: summitpost.org)

Er verbindet dennoch Menschen: In seinem Norden liegt die Gallura, im Süden die Baronia, noch weiter südlich die Barbagia und den prägnanten, langgezogenen Berg siehst du von überall.

Ein Berg mit vielen Gipfeln

Gern geben wir uns diesem unglaublich eindrücklichen Ort hin: Ein Berg, dessen Fuß sich über 30 km, dessen Gipfel sich über 20 km Horizont und Land ergattert. Der Monte Albo (auch: Montalbo) hat mehrere prägnante Gipfel auf bis über 1100 Meter, besteht aus Kalkstein und Granit und prägt die Landschaft.

Wer die SS 131 entlangfährt, sieht ihn. Eigentlich kennt jeder ihn, der sich mal auf eine Nord-Süd-Tour (oder umgekehrt) gemacht hat. Auf einer langen Strecke sieht man ihn im Vorbeifahren, kommt gar nicht umhin, ihn zu betrachten, entdeckt seine eindrucksvolle weiße Ostflanke und, ja: Man kennt ihn bereits, ohne ihn zu kennen, weil er so charakteristisch ist.

Von Norden aus gesehen, liegt der vorerst letzte Ort, für den man die Schnellstraße verlassen könnte, direkt am Fuß des Berges: Siniscola, das sich eher zum Meer hin orientiert. Eine superschöne Serpentinenstraße zweigt unauffällig am Ortsrand ab, auf den Berg hinauf.

Oben, nach ca. 9,5 km Strecke (by the way: viele Höhenmeter, aber eigentlich gar nicht so anstrengend mit dem Bike bergauf, ein schnelles Träumchen bergab, Route siehe bikemap.net) lohnt es innezuhalten: Erst der traumhafte Blick auf die Küste und die Insel Tavolara, geradeaus dann ein kleines Dorf: Sant’Anna.

Zwölf Kilometer weiter entfernt vom Berg: Lodè, ein beschauliches Hirtendorf, schön eingebettet in sanfte Hügel und die Ausläufer des Montalbo. In anderer Richtung: 30 km nichts, dann Lula, eher verschwiegen, aber hübsch. Dahinter Bitti, das einzig bekannte Städtchen in der Region, sehr traditionell.

Du merkst, Menschen findest du hier oben wenige. Dafür aber eine reiche Flora und Fauna. Wenn Du Zeit und Ruhe mitbringst.

Eine Wandertour am freundlichen Berg

Wanderwege auf dem Monte Albo

Wanderwege auf dem Monte Albo

Der Montalbo ist ein echter Sarde, ein gastfreundlicher Geselle. Er erlaubte, einige Wanderwege auf ihm auszubreiten und auszuschildern.

Wir entscheiden uns, mit dem Auto von Siniscola hinauf zu fahren – zwei Backpacker schätzen unseren »Panda-Sessellift« sehr und fahren bis zum Abzweig Sant’Anna mit.

Wir biegen auf die Strada Provinciale (SP 3), fahren weitere 100, 150 Höhenmeter weiter hinauf bis zur Station Locanda Ammentos in Guzzura.

Von hier aus starten viele Exkursionen von »Montalbo Escursioni«, siehe Informationen am Ende des Artikels. Und so auch unsere.

Der Wanderweg 104 der Comune di Lodè beginnt hier, er soll einen Rundkurs beschreiben, und wir vertrauen uns ihm an.

Von Anfang an begeistert, stapfen wir durch die unberührte Natur. Nein, was heißt unberührt: Vor uns hat eine Rotte Wildschweine den Boden aufgewühlt und im Wurzelwerk nach Nahrung gesucht. Haben die Förster abgestorbenes Buschwerk zusammengetragen.

Hier sind wir nicht die ersten… aber vielleicht doch, zumindest heute? Es sieht nicht so aus, als frequentierten viele Menschen diesen Weg.

Früher, als die Hirten noch mit ihren Schafherden durch die Insel zogen, und sie aus dem Gennargentu zu den fruchtbaren Weiden im Norden führten, war der Monte Albo eine feste Wegmarke.

Die alten Hirten- und Maultierpfade sind von dem Projekt „Tramudas“ wiederbelebt und stehen heute Trekkingfreunden und allen, die tiefer in die Kultur und Geschichte einsteigen möchten, zur Verfügung – auch am Monte Albo: www.tramudas.com.

Flora und Fauna am Montalbo

Wir werden aufgefordert, den Blick auf den Boden zu halten: Nicht nur, um nicht zu stolpern, sondern weil zu dieser Jahreszeit (bis etwa Anfang Mai) spontan wachsende Zwergorchideen zu sehen sind.

Wir halten brav die Augen offen und jede leuchtende Blüte sehen wir uns genauer an. Nein, ein Veilchen. Nein, ein Bodendecker. Dann aber sehen wir viele kleine zarte Blüten und müssen uns zusammenreißen, nicht hineinzubeißen … superschön!

Unseren Pflanzenführer haben wir zuhause gelassen und freuen uns so an allem, was auf dem Gestein und in den Wiesen und Wäldern blüht. Wir sammeln frische Minze und der Rucksack riecht ganz wunderbar!

Ha, ein Hirsch! Der sardische...?

Ha, ein Hirsch! Der sardische …? Schön grün, inmitten von Veilchen

Was die Fauna betrifft: Die ein oder andere Internetseite kündigt uns den sardischen Hirschen und das Mufflon an – die wir leider, aber auch verständlicherweise, nicht treffen. Zu weit ist das Gebiet und zu gut gelaunt unsere Gruppe, die schon das erste Picknick mit Wein hinter sich hat. Lachen und Plaudern verschreckt Tiere leider eher.

Ach doch, wir sehen einen Hirschen! Zumindest sein moosbewachsenes Äquivalent aus alten Ästen. Vielleicht sogar älter als das Original aus Fleisch und Blut. Und gleich daneben einen Dackel. Lustiges Tiereraten auf traumhaften Wegen.

Was will Wanderer weiters, wenn er nur einige Stunden hier weilt?

Glück oder Geduld, beides unendlich, benötigt man wohl, um die wilden Tiere zu beobachten.

Hoch hinauf und über den Grat

Die Station Guzurra liegt auf 776 Meter – wir sind mittlerweile am „Janna Pretu Arche“ angekommen, der auf 910 Meter liegt. Die Wanderung auf dem Weg 104 führt uns weitere an einen Abzweig, an dem wir uns in aller Stille ein kleines Picknick mit mitgebrachtem Pecorino, Salami und Brot gönnen. Dann biegen wir auf den Weg 105 ab, der uns weiter hinauf durch einen kleinen Wald direkt auf den Grat führt.

Während der Wanderer über die Westflanke über sanfte Hügel bis Lodè und weit hinten zum Monte Limbara blickt, fällt die Ostflanke steil ab. Was für ein Ausblick, das Fast-360-Grad-Panorama hält allerlei Sehenswertes bereit.

Als wir den Grat übertreten und den Wind direkt im Gesicht spüren, fühlen wir uns gesund und stolz, hier hoch gewandert zu sein.

Wir blicken hinunter, auf die Staatsstraße SS 131, die sich hart durch ein klar definiertes Tal zieht. Dahinter können wir bis hinüber zum Supramonte blicken und sehen durch Einschnitte in der Bergwelt sogar bis hinüber zum Meer.

Wunderschön. Die Atmosphäre ist sehr heimelig, man fühlt sich jederzeit geborgen.

Wieder erheben sich die Kalkgestein rings um uns herum und wir suchen den auf dieser Seite nun nicht mehr gut beschilderten Weg.

Weitblick auf die Schnellstrasse

Weitblick auf die Schnellstrasse

Einer führt direkt über den Grat wieder zurück, für einen anderen soll man ein, zwei Stunden einplanen, um um den dortigen Kalkgipfel (es müsste nach Karte der Punta Su Mutucrone sein) herumzuwandern und von ganz vorn am Berg zum Punta Cupetti und wieder zurück zur Guzzurra zu laufen.

Wasser, Proviant, bequemes Schuhwerk sind heute das wichtigste. Und Lust auf den Berg, mehr können wir kaum empfehlen.

Der Wanderpfad 101 übrigens, der alle anderen miteinander verbindet, führt einmal entlang des Massivs, mal auf der West- mal auf der Ostseite: Veranschlagt werden hin sieben, zurück siebeneinhalb Stunden… ein wahrhaft strammes Programm.

Überhaupt verlangt der Montalbo dem zivilisierten Menschen viel ab, allein auch seiner Vorstellungskraft. 240 Millionen Jahre her soll es sein, da sich das Massiv herausgebildet hat.

Wir haben kaum die Ruhe, mehr als fünfzehn Minuten irgendwo zu verweilen, aus lauter Sorge, nicht rechtzeitig vor der Dunkelheit wieder hinunter zu finden.

Was waren das für Zeiten, als selbst Kinder noch keine Angst vor der Dunkelheit hatten (viele sardische Erzählungen und Märchen beginnen auf diese Weise).

Blick von oben in die Weite

Blick von oben in die Weite

Jahrhundertealter Bewuchs, jahrtausendealtes Gestein, jahrmillionenalter zerklüfteter Fels.

Wir wissen: Die Natur ist uns um einiges überlegen.

Von Lula nach Lodè – auf der SP 3

Eine schöne und fußschonende Art, den Montalbo zu erkunden ist außerdem die Strada Provinciale, SP 3.

Ob nun per Bike oder gar per Auto: Alles, was der Reisende braucht, ist Zeit.

Der Weg von Lula nach Lodè ist einer der naturbelassensten auf der ganzen Insel. Einer der wenigen Orte, auf denen man das Meer gar nicht vermisst.

Wir treffen wenige Menschen und wenn, dann grüßt man sich, selbst aus dem Auto heraus. Hat man doch die Gemeinsamkeit, diesen abgelegenen Ort zu schätzen und zu besuchen. Wenig Verkehr ist hier. Und so passiert es, dass wir den Gegenverkehr auf den knapp 40 km Straße an einer Hand abzählen können.

Wandgemälde / Murales in Lula

Wandgemälde / Murales in Lula

Die SP 3 schlängelt sich auf ca. 800 Meter an der dem Meer abgewandten Seite entlang und macht den Sardinienreisenden mit dem Hinterland auf eine ruhige und vorsichtige Art und Weise vertraut.

Die Straße folgt jedem Auswuchs des Monte Albo und hinter jeder Felswand, die hervorspringt, tut sich ein neuer erstaunlicher Blick auf.

Oft muss man einfach stehenbleiben, um die ganze Schönheit überhaupt im Ansatz erfassen zu können. Oder weil eine Schafherde den Weg versperrt. Langsam fahren ist das Gebot.

Wir waren noch mehrmals auf dem Montalbo. Haben uns stundenlang mit ihm beschäftigt. Und lernten ihn kennen, den Montalbo.

Doch seine ganze Vielfalt und Weite kennen wir immer noch nicht.

Weitere Informationen:

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1 Comment

  1. Dr. Günther Sander

    16. Juni 2018 at 20:04

    Ein sehr kenntnisreicher & einfühlsamer Bericht. Von meinem Haus bei Brunella sehe ich über den Stausee Maccheronis (Lago di Posada) auf den Mont’Albo und die Lichter von Sant’Anna.

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