Gut zweieinhalb Stunden sind wir schon unterwegs. Erst auf der Schnellstraße, dann auf der Landstraße. Und mein Ziel Esterzili ist – so sagt es das Navi – immer noch 38 Minuten entfernt. Wie geht das?

Die Frage beantwortet sich gleich hinter Mandas: Kurven. Hinter Nurri: enge Serpentinen. Hinter Villanova Tulo: reines Wildschwein-Wunderland. Die Fahrt dauert ewig. Gut.

Zwischen Villanova Tulo und Esterzili: Wildschwein-Wunderland

Auf Sardinien finden sich Orte, zu denen es keine kurzen Wege gibt. So sehr man sich das auch wünscht.

Esterzili ist so ein Ort.

Nichts für die rastlose Instagram-Seele oder den Youtube-Doomscroller. Oder doch … Vielleicht gerade für die.

Eine Verlangsamung, ein Detox für die Seele und Aushalten lernen ist hier ohne weiteres möglich.

Esterzili. Wer bist du?

Nun war das schwarze Schaf schon zweimal in Esterzili. Das klingt wenig, aber ich kenne ausreichend Sarden, die noch nie einen Fuß in das Dorf gesetzt haben, geschweige denn, wissen, wo es überhaupt ist.

Eine erstaunlich tiefe Region rund um Esterzili: das Sarcidano und der Monte Santa Vittoria

Insofern könnte sich das Schaf fast Kenner nennen. Macht es natürlich nicht.

Denn wenn ich eins über versteckte, sardische Dörfer gelernt habe, ist, dass sie irre viele versteckte Geschichten, Traditionen und Besonderheiten in ihren engen Gassen, unverputzten Häusern und ihrem weiten Umland haben, von denen man als Durchreisender keinen blassen Schimmer hat. Das einzige Gegenmittel: Zeit dort verbringen. Auf Schatzsuche gehen.

Esterzili ist da keine Ausnahme.

Ziemlich klein und genauso unübersichtlich, wie man es von einem sardischen Bergdorf erwarten darf: enge Gassen, eine gewachsene Struktur dem vorhandenen Terrain entsprechend, hoch an den Hang gebaut.

Eine spektakuläre Lage, das muss man schon sagen. Und: Das reicht ungefähr 1000 Menschen zum Leben und Wirken. Bewundernswert, irgendwie.

Sie leben sogar ziemlich lang und fit: Esterzili liegt in einer Blue Zone, dem südlichen Gennargentu, und damit einer der Regionen der Welt, in der Menschen besonders alt werden.

Piazzetta dei Centenari – der Platz der Hundertjährigen in Esterzili

Die Piazzetta dei Centenari, der Platz der Hundertjährigen, ist ein Ort, der für die Bewohner von Esterzili geschaffen wurde. Und für Menschen, die den Ort kennenlernen wollen.

An der Piazza dei Centenari – dem Platz der Hundertjährigen (Künstler: Mauro Patta)

Zwar ist er klein, aber bei einem Dorfspaziergang nicht zu verfehlen: Das wunderschöne, riesige Wandgemälde eines alten Herrn zieht die Aufmerksamkeit auf sich.

Hier werden die Hundertjährigen des Ortes und der Region gewürdigt: die von gestern und heute, aber auch die von morgen. Der alte Mann blickt über Esterzili in die Ferne – auf die kommenden Generationen und hofft auf eine gute Zukunft für seine Heimat.

Das Gemälde lenkt tatsächlich ein bisschen von dem kleinen Eingang unterhalb ab. Durch das Tor gelangt man auf den Platz, der wie die Räume in einem Haus strukturiert ist. Eine Art „Wohnzimmer“ unter freiem Himmel, im öffentlichen Raum. Einen Eindruck von dem urbanen Architekturprojekt bekommst du hier: laiBE architettura

Ich betrachte den alten Herrn. Auch noch später, nachts, sehe ich auf das Foto von dem Mural und überlege mir: Wie schön wäre es, am Ende der Tage auch so ein zerfurcht-zufriedenes Gesicht zu haben. Warum sträuben wir uns eigentlich so gegen Falten und Unebenheiten? Ich finde den alten Mann und das Gemälde wunderschön. Danke, Mauro Patta (Instagram: patta.artist).

Am Ende findet sich in Esterzili das Geheimnis des langen Lebens?!

Spoiler: Das ist eigentlich gar nicht so geheim. Forschende in den Bluezones der Welt finden einige Gemeinsamkeiten, wie das Leben in einer langfristigen, festen Dorfgemeinschaft, im Einklang mit dem Lauf der Natur, mit gesunden lokalen Lebensmitteln, frischem Quellwasser … mehr liest du in unserem Blogartikel: A kent’annos! Was ist das Geheimnis der Hundertjährigen auf Sardinien?

Ich kann mir gut vorstellen, dass die natürliche Langsamkeit, zu der die Landschaft auf freundliche Weise zwingt, einen großen Anteil daran hat, zumindest nicht unter Stresssymptomen zu leiden.

Das Leben läuft hier langsam. Vielleicht ist das das Glück, das Esterzili hat.

Und ein bisschen steckt Esterzili auch im Gestern. Und das ist ganz positiv gemeint. Denn hier, im Abseits der sogenannten Zivilisation, bewahren sich neben Geschichten, Werten und Traditionen auch historisch bedeutsame, archäologische Schätze.

Für seine eigene Schatzsuche muss das schwarze Schaf höher klettern: auf den Hausberg von Esterzili.

Monte Santa Vittoria: 360-Grad-Blick vom Feinsten

Auch von Esterzili (wir erinnern uns: bis zum Dorf brauchte es bereits eine gefühlte Ewigkeit) sind es hier herauf nochmal knapp fünf Kilometer, dazu nochmal so weit auf den weiteren Strecken zu den archäologischen Stätten.

Diesmal geht es über enge, zwar asphaltierte, aber trotzdem langsame Bergstraßen. Mit Stopps zum Fotografieren und Staunen geht eine weitere halbe Stunde ins Land, wenn nicht mehr.

Der Monte Santa Vittoria (1234 m) ist ein sehr alter Gebirgszug aus Schiefergestein. Geologisch zum Gennargentu gehörend, bildet er dessen südliche Grenze.

Ich stehe auf der Vedetta auf 1212 Metern. Das kann man mit Wachtturm oder Ausguck übersetzen – hier hält man z. B. nach Feuern in der Region Ausschau.

Auch das schwarze Schaf sieht rundherum weit. Sehr weit.

Da sind die immer noch schneebedeckten Gipfel von Bruncu Spina und Punta Lamarmora. Und die Perda ‚e Liana: Obwohl nur etwa 15 Kilometer Luftlinie entfernt, scheint sie mir eine Ewigkeit weg und unerreichbar.

Am Horizont erkennbar: mittig die schneebedeckten Gipfel des Gennargentu, der hervorstehende Zacken weit rechts ist die Perda ‚e Liana

Obwohl ganze 600 Höhenmeter zwischen den Gipfeln dort und dem hiesigen liegen, wirkt die Landschaft nicht unbedingt alpin, sondern eher weit-hügelig.

Abends, bei Sonnenuntergang soll man an klaren Tagen gar die Reflexe der Sonne auf dem Golf von Oristano sehen können.

Und bei Sonnenaufgang lege sich die Morgendämmerung in sanften Farben auf die Felsen im Osten, die Tacchi d’Ogliastra.

Seen. Täler. Wiesen. Wälder. Andere Berge. Dörfer in die dunkelgrün-melierte Landschaft getupft. Darüber ein wolkiger Himmel, der Wind weht kalt vom verschneiten Dach der Insel herüber.

Ich fühle mich einmal mehr vom Rest der Welt getrennt, könnte ewig über die felsigen Hügel und Täler schauen. Ich atme tief durch. Und verstehe plötzlich, warum sich hier – im Irgendwo des Nirgendwo – gleich mehrere nuraghische Kultstätten finden.

Die nuraghische, bronzezeitliche Kultur (ab ca 1500 v.u.Z) hat hier eine Art Kult- und Pilgerstätte geschaffen, die Suchende aus dem ganzen Mittelmeerraum angezogen haben soll. Was im Übrigen für ganz Sardinien gilt – wenn wir z. B. an Romanzesu in Bitti oder das Santuario Santa Vittoria di Serri denken – die Insel scheint eine Art spirituelles Zentrum gewesen zu sein.

Denn das hat schon seit fünfzehn Jahren eine ganz bestimmte Stätte auf der „Bucket List“ – und reist mit entsprechend hohen Erwartungen an: Domu ’e Urxia.

Eine Fundgrube der nuraghischen Kultur

Die Vedetta gibt einen ersten Hinweis darauf, dass es schon seit längerer Zeit Verbindungswege auf den Monte Santa Vittoria aus allen Himmelsrichtungen gibt.

Ganz, als strebte man schon immer auf den Berg. Auch wenn die Landschaft heute mit Stauseen und Feldern heute eine andere ist als vor 3.000 Jahren.

Endlose, schmale Straßen führen damals wie heute auf den Monte Santa Vittoria (hier Blick von der Vedetta bis zum Stausee Lago Basso del Flumendosa bei Nurri, links im Hintergrund der Lago Mulargia)

Man sollte hier ankommen. Denn hier steht einer der wichtigsten Kultstätten der Nuraghenkultur.

Ein ganz besonderer Ort: Domu ’e Urxia

„Das Monument liegt relativ abgelegen in einer wilden Berglandschaft.“ Ich muss an ChatGPT denken, das das im Voraus gesagt hatte. (Kleine Randnotiz: Wie ihr merkt, reise, fotografiere und schreibe ich selbst. Der K(I)ollege ist dennoch – wenngleich er nicht die Sorgfalt der Encyclopedia Brittannica oder von National Geographic hat – ganz gut für einen ersten Überblick.)

„Relativ abgelegen“ ist herrlich untertrieben. Domu ’e Urxia (ausgeschildert auch als Domu e Orxia) erreichen wir über weitere Kurven und Hügel, biegen noch einmal falsch ab, das Gebiet scheint noch endloser als erwartet.

Endlich angekommen, öffne ich das das rostrote Portal.

Der graue Himmel ordnet für mich Domu ’e Urxia genau richtig ein.

Ich fühle die historische Bedeutsamkeit. Liegt vielleicht an meiner allgemeinen Affinität zu uralten Geschichten.

Andere fühlen hier gar eine spirituelle Energie. Die macht sich mir nicht offenkundig bemerkbar, wohl aber überkommt mich – wie es mir auch in manch einer Kirche passiert, ohne speziell gläubig zu sein – eine gewisse Ehrfurcht.

Ein Infoschild steht an der Seite und ich lese mich erstmal ein (Infos finden sich z. B. auch auf der Webseite der Gemeinde Esterzili).

Der megalithische Megaron-Tempel

Wir stehen vor einem sogenannten Megaron-Tempel: 22,5 Meter lang und 7,8 Meter breit, mit teilweise über einem Meter dicken Mauern. Es hatte ursprünglich ein Dach. Die Außenmauern sind noch auf ca. 2,4 Meter Höhe erhalten.

Domu ’e Urxia – ein bedeutsames Heiligtum, ein sogenannter Megaron-Tempel

Diese Megalithgebäude kamen ursprünglich über kulturelle Einflussnahme der alten Griechen nach Sardinien. Sie zeichnen sich durch einen langen, rechteckigen Grundriss mit Vorhalle (in antis) aus.

Waren es in der Jungsteinzeit in der Ägäis am ehesten noch Häuser, hat die nuraghische Kultur diesen Bautyp für Kultzwecke adaptiert und zu Tempeln aufgewertet.

Die Megaron-Tempel (templi a megaron) entstehen auf Sardinien während der nuraghischen Hochkultur, um 1000 vor unserer Zeit. Sie gehören zu den rituellen Gebäuden (edifici cultuali) in der ausklingenden Bronzezeit (ca. 1.000 v.u.Z.).

Zeitliche Einordnung der Megaron-Tempel der nuraghischen Kultur in der ausklingenden Bronzezeit

Das belegen vor allem die hier gefundenen bronzetti, kleine Bronzefiguren, die mit einiger Sicherheit für rituelle Handlungen genutzt wurden. Dabei spielte vermutlich – wie in vielen anderen Stätten auf Sardinien – eine weibliche Person, eine Priesterin / sacerdotessa eine Rolle.

Der Archäologe Giovanni Lilliu deutete Domu ’e Urxia – auch wegen der mit ihm verbundenen überlieferten Legenden – als ein der Muttergöttin gewidmetes Heiligtum.

Auf den kultigen (oder mindestens kulturellen) Zweck deuten neben den bronzetti auch die steinernen Sitzbänke entlang der Innenwände hin: Hier trafen sich Menschen aus einem ganz bestimmten, gemeinsamen Grund.

Die KI ist so freundlich, auf Nachfrage eine konzeptionelle Zeichnung zu erstellen. Sicher ist sie mit Vorsicht zu genießen, da nicht archäologisch belegt / verifiziert. Aber einen Eindruck, wie es mal ausgesehen haben KÖNNTE, gibt es schon:

Konzeptdarstellung Domu ’e Urxia – KI-generiert mit ChatGPT (inhaltlich nicht verifiziert – nur für einen groben Eindruck)

(Noch ne Randnotiz: Ich mach eigentlich meine Sachen selbst und kann sogar ein bisschen zeichnen. Die Abbildung oben wär mir zugegeben trotzdem nicht aus der Feder geflossen. Insofern fühl ich mich inhaltlich zwar etwas unwohl – aber das Schaf ist entspannt und lässt sich halt auch mal helfen.)

Als Tempel weist Domu ‚e Urxia durchaus profunde architektonische Ähnlichkeiten mit einigen mykenischen und anatolischen Megaron-Tempeln auf, die zum Beispiel in Troja gefunden wurden (2. Jahrtausend v.u.Z.).

Auf viele wirkt die Ruine von heute trotzdem unspektakulär.

Stimmt ja auch irgendwie: Der rechteckige Grundriss mit zwei Kammern gewinnt sicher keinen Architekturpreis und graue Mauern sieht man auch überall auf der Insel.

Schaut man sich aber noch andere Kultstätten auf der Insel an, besucht das ein oder andere archäologische Museum, fangen solche Monumente eben an, zu leben und wir beginnen, die Steine zu verstehen.

Beeindruckend: der Megaron-Tempel Domu e Urxia

Richtig spannend werden sie, wenn wir örtliche Legenden und Erzählungen der Leute dazu nehmen.

Legenden sind nie die ganze Wahrheit, sie sind weder wissenschaftlich fundiert noch in diesem Fall schriftlich dokumentiert – und es ist gut, sich das immer wieder in Erinnerung zu rufen.

Im Kern jeder Legende steckt jedoch etwas, das uns hilft, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen und zu verstehen.

Also: Wer oder was ist oder war die „Urxia“?

Die Legende: Domu ’e Urxia – das Haus der Urxia

Während der Wissenschaftler Lilliu an Kulte zu Ehren der Muttergöttin (Dea Madre) denkt, ergänzt der Archäologe meines Vertrauens zu Urxia selbst eine Erklärung: „Ich habe sie immer als eine göttliche Gestalt aus der Volksüberlieferung verstanden, die an Orten der Vorfahren lebte, für die die Menschen keine Erklärung hatten. Wie die Gigantengräber.“ Oder eben der Tempel auf dem Monte Santa Vittoria.

Ob sie selbst „göttlich“ waren oder ein Mittler zwischen den Welten? Manche denken auch eine Schamanin, andere an Hexen.

Hier am Monte Santa Vittoria wird am ehesten die erwähnte Figur der „Sacerdotessa“ wieder interessant.

Für Ersteres sprechen die vielen anderen überlieferten Kulte auf Sardinien. Die Sacerdotessa / Priesterin hatte einen hohen gesellschaftlichen Rang.

Darstellung einer Sacerdotessa in Teti

Kleiner Exkurs: Mich erinnert das stark alles auch an den sardischen Karneval – wo wir mit Su Battileddu einen Verrückten haben – gesellschaftlich geächtet und missverstanden. Frauen hingegen hatten in der damaligen, fast matriarchalischen, sardischen Gesellschaft eine andere Wahrnehmung: Ihnen wohnte eine Lebenskraft inne, weswegen man ihnen oft eine besondere Rolle zugestand. Zweite Assoziation ist zum Karneval der Barbagia, nämlich Sos Iscosorzos aus Teti. Deren Geschichte ist an das nuraghische Heiligtum in Abini geknüpft. Ob es da Zusammenhänge gab? Eine etwas spezielle Theorie, ich weiß. Vielleicht schreibe ich dazu irgendwann ein Buch. Mich faszinieren diese Dinge. Auch, weil die Insel so ein abgegrenzter Raum ist und noch so viele bronzezeitlichen Stätten erlebbar sind.

Die Legende vom Schatz der Urxia

Die Geschichte der Urxia beginnt dramatisch. Lassen wir die Fantasie mal ein bisschen laufen.

Lag hier, im Haus der Urxia, ein Schatz?

Sie soll sich ihrer spirituellen Kräfte zunächst nicht bewusst gewesen sein und als junge Frau durch einen Fehler ihre eigenen Kinder versteinert haben. Vielleicht hat man sie dann aus Angst und wegen dieses gesellschaftlich nicht kompatiblen Verhaltens ausgegrenzt (kurz: damals eine „Verrückte“) und auf den Berg getrieben. Man weiß ja leider selbst heute, wie Menschen mit „Andersartigen“ umgehen.

Oder man hat sie angesichts ihrer unerklärlichen (damals = übernatürlichen) Fähigkeiten als Priesterin zu ihrem Schutz auf den Berg gebracht.

Auf den Kern reduziert, ist sicher, dass sich bei der Urxia um eine von der Gesellschaft getrennt auf dem Berg lebende Frau handelt.

Einmal auf dem Berg und mit speziellen Fähigkeiten ausgestattet, hat sie vielleicht bewusst den unerklärlichen Ort der Ahnen aufgesucht – und wurde dessen neue Statthalterin und gar Mittlerin zu einer anderen Welt.

Aber das ist noch nicht alles. Im Inneren des Hauses oder Tempels soll die Urxia zwei Behälter aufbewahrt haben:

  • Der erste enthielt „sa musca maccedda“, gern übersetzt mit „mörderische Fliegen“. Schauen wir etwas genauer drauf: Das Wort musca ist sardisch und bedeutet „Fliege“. Macca bedeutet eigentlich „Verrückte“ – das könnte ein Hinweis auf eine Frau sein (die Zauberin oder Priesterin), die abseits der Gesellschaft auf dem Berg lebte und die man aus (aber)gläubischen Zwecken kontaktiert … also: „die Fliegen der Verrückten“ – die wiederum die Fähigkeit hätten, zu töten.
  • Der zweite Behälter enthielt einen Schatz aus Silber und Gold. Immer wieder sollen Schatzsucher (Su Scusorxu) danach gegiert haben. Bei dem Wort denke ich sofort an Sos Iscosorzos aus Teti, die ebenfalls einen Schatz aus der historischen Stätte in Abini stahlen.

Das mit der Fliege habe ich mal in eine facebook-Gruppe gegeben, die sich mit sardischen Sprache beschäftigt.

Zwei Antworten fand ich sehr interessant:

„Sa musca maccedda bedeutet „Metzgerfliege“. Es ist ein Name, der Teil der sardischen Mythologie ist: ein riesiges Insekt, das wie eine riesige Fliege aussieht, mit großen Fühlern und einem tödlichen Stachel.“

Vielleicht gab es tatsächlich Insekten – z. B. Hornissen, die dort oben flogen. Oder große Moskitos, die Erreger übertrugen. Beides war für Menschen damals ohne Gegenmittel tödlich.

Auch die Pferdebremsen oder Wespen können in Mengen einen menschlichen Organismus an die Grenze bringen. Oft gibt es ja gute Erklärungen für das, was vor 3000 Jahren noch gänzlich unbekannt war. Und beides ist irgendwie richtig.

Aber: „Ein riesiges Fabelwesen mit tödlichem Stich, Hüter der Schätze.“ – DAS fand ich mal richtig interessant, mit Blick auf die Schatzsucher. Was hier wohl versteckt war …

Die 50:50-Chance, die tödlichen Insekten zu erwischen, hielt jedenfalls viele Diebe ab.

Aber irgendwann hatte offensichtlich jemand Erfolg – denn bei Ausgrabungen wurden zwar ein paar Münzen und die erwähnten Bronzetti gefunden, aber kein exorbitanter Schatz. Wobei ja eh offen ist, was vor Tausenden oder Hunderten von Jahren der Überlieferungen als „Schatz“ galt.

Auch hier in Esterzili ist es wie so oft auf Sardinien: Sobald man nachhakt, um etwas klarer sehen zu wollen, eröffnet sich ein neues Mysterium.

Kommen wir wieder zurück in die Gegenwart, zu dem, was wir wissen:

Das Haus könnte also einfach das Haus sein, in dem eine Frau namens Urxia lebte, die Pech im Leben hatte oder nicht ganz in die gesellschaftlichen Normen der Zeit passte.

Oder der Tempel, in dem eine Priesterin zu Ehren der Muttergöttin wirkte.

Oder beides. Oder eins nach dem anderen.

Genau wissen wir es nicht, denn die nuraghische Kultur ist keine schriftlich dokumentierte, die man einfach nachvollziehen könnte. Hier muss man graben.

Das schwarze Schaf hat jedenfalls das Gefühl, einem Schatz, nämlich einer ganz großen, frühzeitlichen Story, auf der Spur zu sein.

Das schwarze Schaf auf Schatzsuche am Domu ‚e Urxia. Kalt und windig war’s hier oben im April!

Auf die Bedeutsamkeit des Ortes zahlen nämlich auch noch die weiteren archäologischen Stätten ein, die sich am Monte Santa Vittoria befinden.

Nuraghische Siedlung und megalithischer Rundkreis

Die Barbagia di Seulo, inklusive dem Monte Santa Vittoria – so abgelegen es uns auch scheint – war stets besiedelt und belebt. Zeitweise mehr als heute. Bereits zwischen dem zweiten und ersten Jahrtausend v.u.Z. lebten hier Menschen.

Domu ‚e Urxia liegt an einem alten Viehtriebweg am Salto di Cuccurueddi. Die hochgelegenen Weiden am Monte Santa Vittoria werden von den Schäfern auch heute noch geschätzt.

Uns begegnen ein paar frei laufende Pferde – eins okay, eins recht mager, abseits steht eine hoch trächtige Stute.

Frei laufende Pferde auf dem Monte Santa Vittoria

Auch wenn ich so einen eingebauten menschlichen Zwang habe, den Tieren irgendwie „helfen“ zu wollen (mit einem warmen Stall oder einer Handvoll Kraftfutter) nehme ich mich zurück. Die können das. Das machen die seit Jahrtausenden allein. Die Natur ist schlauer als ich. Und hier ist sie noch wirksam. Es braucht nicht überall die menschliche Kontrolle. Und erst recht nicht meine. Alles wird gut.

Frei weidende und allein gelassene Tiere sind auf Sardinien immer noch recht normal. Auch die Transumanza, der halbnomadische Weidewechsel, kann auf Sardinien bis heute noch intensiv nachvollzogen werden. Das erklärt auch viele frei laufende Hunde, die auf die Herden selbstständig acht geben.

Zwar gibt es inselweit nur ganz wenige Hirten, die auch das Leben wie früher leben. Doch die Spuren in der Kulturlandschaft sind immer noch da. Und eben auch hier.

Nicht weit von Domu ‘e Urxia entfernt, sind die Ruinen eines Nuraghen, eines nuraghischen Dorfes mit rundförmigen Hütten, eine rund eingerahmte Megalithanlage sowie ein heiliger Brunnen zu finden.

Fangen wir mit letzterer an: Die Quelle Monti ‘e Nuxi ist den wandernden Hirten zur Wasserversorgung gut bekannt. Der darüber und darum erbaute Bau deutet auf eine rituelle Nutzung hin – wie bei anderen Brunnenheiligtümern. Auch einzelne, architektonische Besonderheiten (wie eine Wand mit einem Fischgrätmuster, das zu jener Zeit kein alltägliches Element war) deuten darauf hin.

Für die Monumente hatten wir ob der einbrechenden Dunkelheit leider keine Zeit mehr. Außerdem hatte sich mein Handy-Akku wegen des schneidenden, kalten Windes bald verabschiedet.

Einige Eindrücke konnte ich aber noch sammeln:

Die Bauten am megalithischen Rundkreis – recinto megalitico

Hübsche blühende Pflanzen direkt an der Quelle Monti ‚e Nuxia

Insgesamt deute ich diese Tiefe, die ich in Esterzili und auf dem Monte Santa Vittoria erleben konnte, als Zeichen dafür, noch einmal zurückkehren zu müssen.

Und ich werde das wandernd tun. Der intensive Duft von Bergthymian (armidda) ist vielversprechend und einladend.

Wanderpfade auf dem Monte Santa Vittoria

Schöne wie spannende und weite Wanderpfade führen dich über den Monte Santa Vittoria

Besonders interessant sind die Wanderpfade der CAI 552 und 553 – sie führen zu den archäologischen Stätten. Der Pfad 551 ist hinter Esterzili angelegt; Pfad 554 führt weiter in den Süden.

Hier schließt sich der Kreis zum ersten Eindruck: Die Wege zu Fuß werden weit sein. Und obwohl du schon da bist, wirst du noch viel Zeit brauchen.

Mein Guide an diesem Tag im Sarcidano war übrigens der super sympathische Filippo Aresu aus Isili. Wir waren in Nurallao und rund um den Lago di San Sebastiano unterwegs und er erklärte uns die kulturlandschaftlichen Zusammenhänge. Isili ist gefühlt fast so weit entfernt von Esterzili wie Olbia, von wo aus ich an dem Tag gestartet bin ;))) … Folgt Filippo gern auf Instagram – dort publiziert er ganz viele tolle Eindrücke aus der Region!

Miteinander in Verbindung gebracht hat uns Claudia Piu – eine Frau, die sich mit Herzblut und ihrer Agentur Veritaly Travel | Sardinia DMC darum kümmert, die Barbagia di Seulo, eine Region abseits aller touristischer Rennstrecken und Touranbieter-Programme, bekannt zu machen – folgt auch ihr gern. Dem schwarzen Schaf war eine wahre Freude, Menschen wie diese beiden kennenzulernen!

Und wenn die Wanderung beendet ist, wartet noch ganz Esterzili auf dich und möchte, dass du bleibst.

Das kannst du in einem sehr sympathischen B&B tun, der an die zuvor besuchten Stätten anknüpft.

Einkehr im nuraghischen Sinn: Nuragic Temple, Esterzili

Als „Retreat House“ versteht sich der Nuragic Temple am Ortsrand von Esterzili: ein Ort oder Haus der Einkehr.

Hinter dem Tor eröffnet sich mir eine wirklich entspannte Welt. Schon der Ausblick von der weiten Terrasse ist toll. Nuraghische und spirituelle Symbole geben der Stimmung die inhaltliche Richtung. Hier kommst du vor und nach der Wanderung auf ganz neue Gedanken.

Ich glaube, man kann die Atmosphäre im Nuragic Temple schon als einzigartig beschreiben. Denn von nuraghischer Symbolik inspiriertes Design in den Zimmern und Gemeinschaftsräumen habe ich so auf der Insel noch nicht gesehen.

Ein Ort der Einkehr – mit Zugang zu einer anderen kulturellen und spirituellen Welt

Der Anspruch ist eher experimentell: Die Pintadera, die im alten, ländlichen Sardinien zum Brotbacken verwendet wurde, findet sich neben einer Abbildung der Dea Madre des Mittelmeers und indischen Räucherstäbchen, morgen gibt’s nen Yoga-Kurs und auch die große Terrasse kann genutzt und auch von anderen gemietet werden. Cross-over ist hier erwünscht – und der Beweis dafür, dass Gäste jeder Kultur sich hier willkommen und wohl fühlen dürfen. In ihrer ganz persönlichen Lebenssituation und Gegenwart sollen sie hier einen möglichst authentischen Zugang zu der sardischen bzw. nuraghischen Kultur und Vergangenheit erhalten. Dazu passen auch Kurse über die medizinischen Pflanzen auf Sardinien oder Yoga-Kurse. Ein gegenseitig respektvoller Umgang versteht sich von selbst; ein neugieriges Beobachten ist erwünscht. Da ist auch die Sprachbarriere irgendwann nicht mehr relevant – es geht in erster Linie um die innere Wahrnehmung.

Mich sprechen natürlich auch die Rinderschädel an – Glücksbringer, Hoffnungsträger, die ich auch auf meinem Sardinenbuch als Titel habe. Ratet mal mein Sternzeichen … 😉

Der Ort passt sicher nicht für jede/n Reisende/n. Keine Standard-Unterkunft, kein durchgestyltes B&B, sondern man ist autark zwischen dem eigenen Zimmer (eins von vier) und der Gemeinschaftsküche als Halb-Selbstversorger unterwegs, entdeckt den Ort von dort aus. Mir gefällt das, ich brauche keinen Dauerservice, sondern nur Platz zum Sein.

Der Nuragic Temple ist natürlich „nuraghisch vorgeprägt“, aber offen für alle Neugierigen, Suchenden und Findenden – und für alle, die einfach nur ein Zimmer brauchen. Denn Esterzili, klein wie es ist, hat nicht wirklich viele Anbieter.

Der Einkehr in Esterzili steht also nichts im Wege. Vielleicht lernst ja auch du, statt ewig durch Instagram-Reels lieber mit den Augen durch die weite Landschaft zu scrollen, und ein Stück zu dir selbst zu finden.

Und wenn du mehr willst: Die Idee zum Nuragic Temple hatte Alessandro, der aber nicht nur ein sehr sympathischer Gastgeber ist und Zimmer anbietet, sondern sich in erster Linie der spirituellen Dimension der nuraghischen Kultur widmet und diese in der Neuzeit begreifbar machen möchte. Mehr erfahrt ihr auf www.nuragicshamanichealing.com

Die Buchung ist entsprechend „privat“: Kontaktiert Alessandro Olianas am besten auf whatsapp unter ‪+39 324 860 8230‬ oder per E-Mail nuragictemple@gmail.com (IUN: S6699 / CIN:IT111020C2000S6699). Auf Instagram findet ihr ihn mit nuragic.temple

Fazit: Esterzili taugt für eine echte Schatzsuche

Wieder einmal hat es sich bestätigt: Sardinien ist für Überraschungen gut.

Mit meinem Besuch in Esterzili bin ich noch lang nicht am Ende, sondern kehre sicher zurück, um all die Schätze, für die ich nicht ausreichend Zeit hatte, zu entdecken.

Der Ort hat Lust gemacht, die Barbagia di Seulo ausgiebig zu erkunden und meiner Schatzsucher-Theorie weiter zu folgen …

Vielleicht finde ich ja sogar den Schatz der Urxia. Ich werde im Fall berichten.


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