Teti kennt nicht mal jeder Sarde. Als ich einer Freundin, die aus Arzachena stammt, erzähle, wo ich an diesem Wochenende hinfahre, guckt sie mich groß an. Nie gehört, sagt sie.

Komisch eigentlich, denn hier liegt vermutlich die Wiege des sardischen Volkes. Warum, dazu gleich määähr.

Lago di Cucchinadorza - auf dem Weg nach Teti

Lago di Cucchinadorza – auf dem Weg nach Teti

Das 700-Seelen-Dorf liegt zugegeben sehr weit in der Inselmitte, in der Barbagia, hinter dem Lago di Cucchinadorza – einer kleinen Perle, die ein Staudamm in das Tal zauberte. Über die Energieanlage der Enel kann man gut hinwegsehen, bzw. daran vorbeiwandern.

Für Teti selbst sind die drei »sch« der Inseldörfer eine gute Beschreibung: schmucklos, schlicht und trotzdem schön.

Ich bin hier zum »Autunno in Barbagia«, zum Herbstfest in der Barbagia, und bin gespannt, was mich unter dem Motto »Sos Iscusorzos« erwartet.

Teti: Wie in einer anderen Welt

Herbst in der Barbagia

Herbst in der Barbagia

Hier sind wir so weit im Zentrum der Insel, dass es wie eine andere Welt wirkt. Auf den ersten Blick erkennen wir nichts, aber auch nichts was an das moderne Leben erinnert.

So gesehen frage ich mich natürlich, was ich hier mache. Gleich weiß ich die Antwort: Ich will wissen, was das Leben hier lebenswert macht, wie man Feste feiert und was für ein Schlag Mensch hier wohnt.

Wenn man nur mit sich selbst beschäftigt ist, wenn man seit Jahrhunderten nur sich selbst hatte – wie geht das?

Das nächste Dorf ist zehn Kilometer und zwei Täler weit entfernt. Natürlich ist man darauf angewiesen, dass das, was man hier an diesem Ort findet, ausreicht für das Glück und das Leben.

Shardana - ein Volk des Meeres - mitten in den Bergen

Shardana – ein Volk des Meeres – mitten in den Bergen

Das vorausgedacht, ist das, was Teti präsentiert, eine positive Überraschung: überhaupt nicht egozentrisch oder gar weltfremd.

Das Dorf zeigt nicht nur die eigenen Schätze, sondern lädt ein, die der ganzen Insel zu entdecken. “Sos Iscusorzos” bedeutet die Schatzsuche (eigentlich steht das Wort in der Mehrzahl, aber die kennt man für das deutsche Wort in der Umgangssprache nicht). Und die beginnt direkt am Ortseingang, wo uns das Bild der Shardana begrüßt.

Wiege des sardischen Volkes: die Shardana

Der kulturelle Schatz dieses kleinen Dorfes ist enorm: Teti ist einer der wenigen Orte auf der Insel, an denen unschätzbar wertvolle Bronzefiguren gefunden wurden, im heute kaum noch erhaltenen Nuraghendorf Abini, einige Kilometer außerhalb der Siedlung.

Diese Bronzen sind Darstellungen des Volkes der Shardana, einem heute fast als göttlich verehrten Volk.

Die berühmteste – oft sieht man sie in Reiseführern – ist die Darstellung des Gottes Sardan, oder Sardus.

Gefunden in Abini bei Teti: der göttliche Sardos

Gefunden in Abini bei Teti: der göttliche Sardos

Er sei ein Sohn des Herakles (und ich war erstaunt, als auch dei Namen Dionysos und Vishnu fielen), habe vier Augen, vier Arme und zwei Hörner. Kein Wunder, dass im fröhlichen weltweiten Web wird dazu behauptet, das seien Antennen, und die Körpermerkmale wiesen darauf hin, dass das Volk eigentlich Aliens seien. Aber das vergesse ich kurz mal wieder.

Die Erklärung auf dem Schild am Ortseingang beschreibt viel bodenständiger drei wesentliche Elemente: das Schwert, die tierähnliche Gestalt und einen Krieger.

Das Schwert sei heilig und ragt aus einem Schild, das dem aufsteigenden Mond gleicht; die Extremitäten gleichen dem Geweih von Hirschen und daraus erwachse eine “göttliche Persönlichkeit”.

Genannt werden sie die “Shardana” – “das Volk des Meeres”. Neben den Figuren wurden tatsächlich auch halbmondförmige Schiffe aus Bronze gefunden.

Erklärung zu den Shardana

Erklärung zu den Shardana

Das Besondere der Shardana: In der sardischen Geschichte sind sie die einzigen, die nicht als Eroberer gelten, sondern als solche, die hier ihre Heimat fanden. Sie waren Freunde der Insel, Vorfahren der Sarden, die in der Nuraghenzeit hier ihre Spuren hinterließen.

Nicht dass sie deswegen als besonders friedliebend gelten: von Sardinien aus starteten sie Eroberungszüge, berühmt sind ihre kriegerischen Absichten gegenüber Ägypten (siehe hierzu http://de.wikipedia.org/wiki/Scherden unter “Herkunft”).

Aber wie fand ein “Meeresvolk” den Weg so weit in die Inselmitte?

Ich schwarzes Schaf ahne, dass wir hier nur an der Oberfläche einer irren Geschichte kratzen – und daher höre ich besser auf zu spekulieren, und merke mir das für weitere Recherchen (dazu, und um die Bronzefiguren zu sehen, muss ich übrigens ins Museo Archeologico Nazionale in Cagliari).

Jetzt aber zu den heutigen Schätzen!

Sardische Schätze beim Herbstfest

Die sardischen Schätze dieses Herbstfestes sind gar nicht so wenige, man präsentiert ein sehr buntes Bild. In Teti zeigt man sich vermutlich wegen der  Historie auf jeden Fall sehr welt-, oder vielmehr inseloffen.

Sardische Masken - ein wahrer Traditionsschatz

Sardische Masken – ein wahrer Traditionsschatz

Da sind traditionelle Gruppen des Karnevals, zum Beispiel Sos Thurpos e S’Eritaju aus Orotelli, die Maimones aus Oniferi (Onieri) und sardische Tanzgruppen, die an einem Feuer auf der Piazza vor der Kirche den Ballo Sardo und andere sardischen Tänze zeigen. Sehr traditionell und folkloristisch, aber das macht alles nur heimeliger.

In den Häusern werden Honig, Pasta, Liköre, Masken, Schmuck, Holz- und Korbarbeiten angeboten. Einzig die Räume, in denen man einkehren und sich wärmen und stärken kann, sind rar gesät.

Da müssen ein Panino und danach ein Mirto in der örtlichen Tzilleri / Bar reichen.

Man versteht dabei gleichzeitig, wie stark das Leben zwischen den Bergen die Menschen hier geprägt hat. Ihnen ist statt der bunten, weiten Welt der Stolz auf das Selbst der Insel geschenkt.

Interessanterweise ist ein guter Teil derer, die hier etwas darbieten, schätzungsweise um die 20, 25 Jahre alt. Da sieht man einen Teenie in Folklore-Outfit, mit Handy am Ohr. An alte Traditionen anzuknüpfen heißt also nicht, sich einzuigeln und weltfremd zu sein.

Sie zeigen einfach, wie das Leben damals hier oben war. Um nicht zu vergessen. Um die alten Werte zu schätzen.

Exkurs 1: Maimones di Onieri

Sos Maimones - in Reih und Glied hinter dem Esel her

Sos Maimones – in Reih und Glied hinter dem Esel her

Die Figuren tragen die Kleidung eines Landwirts und Hirten, und darüber Röcke oder ein schwarzes Tuch (“su vreseddu”), wie es damals die Frauen trugen. Das ist ein Zeichen dafür, dass immer auch die sardischen Frauen ihren Anteil am harten Landleben hatten.

Sos maimones tragen keine Holzmasken, wie anderenorts, aber sie schwärzen ihr Gesicht mit der Kohle von Steineichen.

Die Aufführung auf den Straßen Tetis folgt dem uralten Muster des harten Landlebens: Auf einem Esel sitzt eine gehörnte Figur, deren Gesicht aus den “Ohren” des Feigenkaktus gebaut und mit einem schwarzen Umhang bekleidet ist. Um ihn herum weitere, schwarz gekleidete und an Gesicht und Händen schwarz bemalte Figuren.

Hauptfigur der Maimones: die Figur auf einem Esel

Hauptfigur der Maimones: die Figur auf einem Esel

Eine Korbflasche, gefüllt mit Wein, wird an die Umstehenden ausgeschenkt. Um sich das zu verdienen, muss man an allerlei Scherzen teilnehmen – der einfachste ist, sich die schwarzen Hände im Gesicht gefallen zu lassen.

Die Gruppe geht durch das Dorf von Tür zu Tür und am Ende des Weges wird der Tod eines “Maimone” beklagt – der aber nach langem Klagen mit “unu cicchette de vinu”, einem Tropfen Wein, wiederbelebt wird – ein Geschenk der Götter Bacchus und Dionisios und Ausdruck sogar des christlichen Glaubens, dass nach dem Tod die Auferstehung folgt.

Exkurs 2: Sos Thurpos aus Orotelli

“Sos Thurpos” sind typische Masken aus einem Dorf, das von Teti nur 43 Kilometer aber damit locker eine Stunde Fahrtzeit entfernt ist.

Ein Bild des Landlebens

Ein realistisches Bild des Landlebens

Auch ihre Gesichter sind schwarz gefärbt, sie tragen einen schwarzen Umhang mit Kapuze, genannt “su gabbanu”. Die “thurpos” erklären das ländliche Leben.

Zwei sind Ochsen, die mit einem Seil zusammengebunden sind und Glocken tragen, deren Geschell alles Böse von ihnen fernhalten sollen – denn die Tiere waren wertvoll für die Menschen in den ländlichen Gegenden, ihnen durfte nichts passieren.

Sie laufen im Galopp zusammen und werden von ihrem Hirten mit einem langen Stab im Zaum gehalten – mal sehr ruppig, mal wird der Stock benutzt, mal treten die Tiere nach hinten aus und zurück.

Andere Figuren tragen einen Holzkasten oder die “Tiere” ziehen einen Holzpflug hinter sich her. Sie alle symbolisieren das Landleben im Inneren Sardiniens.

Sardische Tänze

Fröhlich geht es auf jedem Fest in der Barbagia zu. Da wird gesungen, gelacht und – getanzt. Immer beginnt es mit dem “Ballu tundu” – einen Rundtanz, bei dem alle mitmachen und der ein kleines bisschen an den irischen Riverdance erinnert, nur nicht so schnell und in einem anderen Takt.

Sobald die ersten Klänge auf der Piazza ertönen, fängt irgendjemand an, sich einzuhaken und  dann geht es los. Das schwarze Schaf sucht dann immer das Weite – es hat bis heute nicht gelernt wie die korrekte Schrittfolge geht. Es ist wohl einfach taktlos … 😉

Sardischer Tanz

Sardischer Tanz

Der nächste, den ich beobachte wird von fünf Paaren gezeigt. Sie stehen nebeneinander in einer Reihe, nacheinander tanzt jedes Paar voraus, macht ein paar Drehungen und stellt sich in der Reihe wieder hinten an.

Sind alle durch, tanzt man nach vorn, zur Seite, um dann wieder in einer Reihe zu enden. Immer nach den kleinen polyphonen Klängen des Akkordeons, das die sardische Musik so prägt und weithin erkennbar macht.

Tanz und Tradition - schon schön!

Tanz und Tradition – schon schön!

Eine Gruppe zeigt die “Höchstschwierigkeit” – Tanz und Gesang gleichzeitig. Die Herren singen die Melodie und einen sardischen Text, und tanzen mit den Damen in einem kleinen Kreis. Ich habe leider Namen und Herkunft des Tanzes nicht aufschnappen können – aber beeindruckend war die Darbietung allemal.

Zu guter Letzt gibt es den “Ballu a Ifferrere” – ein traditioneller Tanz aus Teti mit Gesang vor dem Feuer. Erstaunlich – fast nur die Jungen tanzen mit und lassen uns wieder wissen, dass die alten sardischen Traditionen auch ein geschätzter Teil des Heute sind.

So beendet Teti sein Herbstfest mit Tanz und Gesang und feiert die Schätze der Barbagia bis weit nach Mitternacht …

 

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