Dass es in der Nebensaison viel Wind gibt, wissen wir spätestens seit unserer Kite-Safari rund um die Welt auf Sardinien (siehe unseren Artikel auf pecora-nera.eu).

Aber was machen Kiter, Surfer, Segler und Drachenflieger, wenn der Wind doch mal ausbleibt, und sie weder Lust noch Zeit haben, ihm rund um die Insel hinterherzujagen, noch, den offensichtlichen Touristen-Aktivitäten nachzugehen? Sie warten. Sie schauen auf’s Meer. Sie chillen. Sie suchen nach anderen Abenteuern. Wie zum Beispiel Kajakfahren.

Dieser Tag im Mai war so ein Tag. Die Idee: Kajakfahren zu den Schiffswracks vor der Isola Tavolara. Der Tipp: Porto di San Paolo südlich von Olbia.

In dem kleinen Hafen, in dem auch die Boote Richtung Isola Tavolara abfahren, erkundige ich mich, ob man irgendwo Kajaks mieten kann. Ich bekomme die vage Antwort, dass wohl zwei der Hüttchen von verschiedenen Touren auch Kajaktouren anbieten.

Doch leider ist gerade keiner da. Die Sarden genießen die letzten langen Siestas vor der Hauptsaison. Der Restaurantbesitzer gegenüber weiß aber von einem jungen Mann mit Kajaks am Strand zwei Buchten weiter, in Porto Taverna.

Der Hafen entpuppt sich als wunderschöner karibischer Sandstrand mit glasklarem Wasser. Und macht seinem Namen alle Ehre. Es gibt genau eine Bar, „Da Marco“, mit sehr gutem Essen und täglich wechselnden Fischgerichten am Strand. Einen offiziellen Kajakverleih gibt es nicht. Aber hier arbeitet ein Sarde, der tatsächlich ein privates Kajak hat und es mir sehr gerne ausleiht.

Los geht’s. Auch wenn es wegen der Meeresströmung sehr schwer zu steuern ist, paddele ich weiter. Pirouette links, Gegensteuern rechts, Welle rechts, Gegensteuern links.

Nach der ersten Landzunge erblicke ich weit draußen etwas, das aus dem Wasser hervorragt und eher an einen komischen Vogel erinnert: kopfüber im Wasser, Füße gen Himmel gestreckt. Aber es bewegt sich nicht.

Es ist ein Schiffswrack. Da will ich hin. Also weiter. Es ist sehr wackelig, und jeden Moment fürchte ich eine ungewollte Eskimorolle mit dem Kajak. Nach unzähligen Drehungen und Wendungen entgegen der eigentlichen Zielrichtung komme ich beim Schiffswrack an. Direkt vor der Isola Tavolara. Was für ein toller Anblick!

Der „Vogel“ ist ein zypriotischer Frachter namens „Chrisso“. Er lief 1974 bei einem aus Norden kommenden Sturm nahe des Inselchens Reulino auf Grund und landete schließlich auf den Felsen von Punta La Greca hinter der Isola Tavolara.

Die raue See teilte das Boot im Laufe der Zeit in zwei Teile, welche beide aus dem Meer heraus ragen. Heute liegt das Schiffswrack etwa eine halbe Meile vom Ufer entfernt in bis zu 5 Metern Tiefe und ragt in Teilen aus dem Wasser heraus.

Die Chrisso ist vor allem ein beliebtes Ziel für Taucher, die rund um die Isola di Tavolara Mönchsfische, Meerjunkern, Brassen, Zackenbarsche, Barrakudas, Oktopusse, Krabben, Garnelen, Springkrebse, Muränen, Nacktschnecken, Congeraale, Gabeldorsche, Heuschreckenkrebse und Hummer sehen wollen.

Hier leben auch zahlreiche Delfine, Tümmler und auch Pottwale, doch wahrscheinlich sind die abgelenkt von der großen Fischauswahl, weshalb ich nicht in den Genuss komme, mit ihnen zu paddeln.

Ich genieße den Weg zurück durch das Naturschutzgebiet „Area Marina Protetta Isola Tavolara e Punta Coda Cavallo“, zu dem auch die Inseln Molara und Molarotto gehören. Das Gebiet im Osten von Molara wird auch „Le Piscine“, die Schwimmbecken genannt, wegen seines atemberaubend türkisfarbenen Wassers.

Das winzige, streng geschützte Eiland Molarotto ist der einzige Ort der Welt, an dem man die Eidechsenart Podarcis tiliguerta ronzii mit ihrer einzigartigen Blaufärbung findet. Sie ist eine Unterart der auf Sardinien und Korsika endemischen Tyrrhenische Mauereidechsen.

Als ich wieder am Strand ankomme, sind alle froh, dass ich und das Kajak wieder zurück sind. Ich auch. Ich bin glücklich und zufrieden. Ich erfahre noch, dass es sich um ein Flusskajak handelte, weshalb die Navigation so schwierig war.

Beeindruckend ist mal wieder die Gastfreundlichkeit, Hilfsbereitschaft und Unbekümmertheit der Sarden, die man besonders in der Nebensaison spürt.

Fazit: Einfach trotzdem mal nachfragen. Die Sarden mögen Menschen, die sich für die Insel und ihre Einwohner interessieren. Schwarze Schafe werden belohnt. Bleibt neugierig!

Weitere Informationen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.