Menschen schreiben, ritzen und malen seit Urzeiten an Wände und Mauern. Um zu dokumentieren, Botschaften zu verbreiten, um sich auszudrücken. Murales sind wie Fenster in andere Zeiten und Welten. Sie geben allein gelassenen, trostlosen Wänden Sinn. Sie klagen (an) oder nähren die Hoffnung auf eine bessere Welt. Sie erklären Fremden bildhaft die Kultur und Werte des Volkes.

Auf Sardinien ist diese Kunst im öffentlichen Raum sehr positiv belegt und weit verbreitet. Vor allem Orgosolo ist als das „Dorf der Murales“ mittlerweile auch dem letzten Sardinienurlauber bekannt. Doch über ein halbes Jahrhundert nach dem ersten Wandgemälde, das in dem kleinen sardischen Hirtendorf entstand, darf Sardinien sich ohne weiteres die „Insel der Murales“ nennen.

Ein Murales handelt oft von Gesellschaftskritik, wie hier in Orgosolo

Murales sind aber nicht nur ein Weg für Künstler, sich auszudrücken oder aktuelle Themen zu visualisieren, sondern auch immer häufiger eine Methode der Dorfverschönerung für die oft roh gelassenen, grauen Wände mancher Orte. Wandgemälde mit traditionellen, sardischen Motiven finden sich heute in fast jedem Dorf, das was auf sich hält.

Beginnen wir unsere kleine Rundreise ruhig am Anfang.

Orgosolo: Sehnsucht nach Frieden und die Mutter aller Murales

Eine Nachbildung des ersten Murales der Gruppe Dioniso in Orgosolo

In Orgosolo nahm die Kunstbewegung ihren Anfang. Die aus Mexiko stammende Kunstform hielt während der 68er-Bewegung als politischer Protest Einzug, initiiert von der studentischen anarchistischen Gruppe Diòniso aus Mailand, die 1969 die erste Hauswand bemalte und mit „Guerilla Poetry“ durch Sardinien reisten. Sie klagten das Desinteresse des Staates an seiner Bevölkerung an. In Orgosolo wurde der Weg bereitet, hier ist das Zentrum der Obrigkeits- und Gesellschaftskritik und hier ist die vielleicht wichtigste Transformation geschehen: vom ehemaligen „Banditendorf“ zu einem wunderbaren Ort für Reisende mit einer wichtigen Botschaft, zeitgemäßer denn je.

» Frieden: die Botschaft der Murales von Orgosolo

San Sperate: Künstlerische Freiheit und Vielfalt

In San Sperate, nördlich von Cagliari, findest du rund 350 Kunstwerke unter freiem Himmel, ohne Eintritt: Murales, Street Art, Graffiti, Skulpturen, Zeichnungen, Fotos, Arrangements von Gegenständen. Dir begegnen von Matisse oder Mondrian inspirierte Werke und überhaupt verschiedene Stilrichtungen der Kunst. Dahinter steckt eine inspirierende Geschichte. Der Künstler Pinuccio Sciola initiierte in San Sperate ein weiteres Kunstdorf unter freiem Himmel.

» Vielfalt der Kunst in San Sperate: Murales, Street Art und Skulpturen

San Gavino Monreale

Murales mit Esel in San Gavino Monreale
Murales mit Esel in San Gavino Monreale

Das Dorf im mittleren Süden hat sich der Street-Art verschrieben. Das „Schmuddelimage“ der Straßenkünstler ist längst passé und mittlerweile hat die Insel viele ernst zu nehmende Künstler. Ich meine, wer ein mehrstöckiges Haus mit einem Kunstwerk versehen kann, hat alle Achtung verdient. Ich könnte das nicht. Die Motive sind unterschiedlich: von realistischen Darstellungen alter Handwerke bis zu Portraits z. B. von Grazia Deledda bis zu fantasievollen Werken.

» San Gavino Monreale: Streetart und Murales im Safran-Dorf

Tinnura: Das Dorf soll schöner werden

Traditionelles Motiv: Ein Hirte mit seiner Herde vor einer Pinetta

Früher fuhr man durch den Ort zwischen Tresnuraghes und Suni einfach hindurch, es gab zumindest für Touristen fast keinen Grund anzuhalten. Heute ist er bunt gestaltet, mit vielen murales und Kunstwerken im ganzen Dorf. Die ersten entstanden auf Veranlassung des Bürgermeisters, der wollte, dass sein Heimat schöner wird. Ist gelungen, heute machen die Einheimischen immer mehr Wände zu Kunstwerken, häufig mit traditionellen und aus dem Leben gegriffenen Motiven, wie der Schafschur.

» www.muralestinnura.it

Urzulei: Schwarzweiße Kunstwerke

In Urzulei beschäftigen sich die Murales mit Personen und Geschichten aus dem Ort. Alle sind schwarzweiß und sehr detailverliebt gemalt. Besonders schön ist das Murales zu Sa Murra (ein im Mittelmeerraum verbreitetes Zählspiel mit den Händen) auf der zentralen Piazza. Jährlich im Herbst findet in Urzulei „Murramundu„, ein internationales Turnier der Murra-Spieler statt. Aber auch an der Seitenwand der Bar Silana im Supramonte di Urzulei oben an der Landstraße SS 125 hat mich sehr begeistert, es zeigt einen Adler und die Schlucht Su Gorropu.

Cagliari: die neue Freiheit

"Sotto la città" - Street Art in der Via Tevere
„Sotto la città“ – Street Art in der Via Tevere

Als einzige Großstadt der Insel und mit innovativem Anspruch ist Cagliari auch der Motor der Street Art, der Kunst im öffentlichen Raum. Wie In der Galleria del Sale in Cagliari. 14 Künstler gaben schmucklosen Brückenpfeilern unter dem Thema »Mensch und Natur« ein schöneres Gesicht. Der Künstler Tellas schuf das beeindruckende Gemälde Under the city / Sotto la città auf der Seitenwand eines mehrstöckigen Gebäudes in der Via Tevere 26 in Cagliari. Im Stadtbild von Cagliari begegnen dir auch immer wieder Wale. Also an den Wänden. Die Wale mit den netten Augen / Balene dagli occhi dolci stammen von Crisa, Schriftsteller und Street Artist und gehören fest zum Stadtbild. Federico Carta (Bruder des sardischen Sängers / San-Remo-Gewinners Marco Carta) unterschreibt mit crisa.db, das bedeutet crisalide del bruco = verpuppte Raupe.  

» Meine Tipps für Cagliari: Cagliari, die schönste Inselhauptstadt der Welt

Fonni: Murales einer Hirtenkultur

Die Murales sind gekonnt und detailverliebt; sie erzählen Geschichten aus dem Dorf und zeigen lokale Besonderheiten wie die Hunderasse Cane Fonnese und die Karnevalsfiguren Urthos e Buttudos (Seite 51). Und Schafe: ein Hirte und seine Herde auf der Transhumanz sind zu sehen.  

» Cortes Apertas: Impressionen aus Fonni

Und das ist erst der Anfang!

Nuoro, Sennariolo, Sadali, Onani, Muravera, Lanusei, Olbia … Murales finden wir in so viel mehr Orten auf Sardinien – einer Insel, die ihr antikes Kulturerbe hegt und pflegt und für uns Reisende auch über den Weg der Kunst zugänglich und verständlich macht.

Murales in Nuoro
Murales an einer privaten Hauswand in Villanovafranca
Kein Murales, aber Streeetart – Die Treppe zur Kirche von Santa Lucia in Arzachena wird jährlich neu gestaltet (Motiv 2022)
Schaf am Straßenrand in Südsardinien. War Bansky hier?

Määährkwürdiger Weise sind bei all der Vielfalt in Motiven und Stilrichtungen schwarze Schafe auf Murales ziemlich unterrepräsentiert! Das schwarze Schaf macht weiterhin in jedem Ort seine Augen auf und sucht nach schönen und schafigen Murales! Findet es welche, teilt es die übrigens auf Instagram. Bitte hier entlang, wenn du ihm folgen magst 🙂

» https://www.instagram.com/pecoraneraeu/

» https://www.instagram.com/sardinienreisebuch/

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