Lauter kleine Hinweisschilder an der Straße hinter dem kleinen Dorf San Pasquale in der Gallura tragen die Bezeichnung »Stazzu« und Namen wie »Ghjuannineddu«, »L’Avru de l’Olzu«, »Lu Pontareddhu« und »Lu Rinagghjolu«.

Ich hörte hier und da von dem »stazzu tipico gallurese«, die typisch galluresischen Landhäuser, und bin neugierig. So lockt mich eines der Schilder auf ein privates Grundstück.

Stazzu gallurese

Stazzu gallurese

Ich suche nach dem Hausbesitzer und treffe Mario. Ob es hier ein »stazzu gallurese” gäbe, frage ich ihn – und ob er mir dazu etwas erklären könnte und ob ich es fotografieren dürfe. Er guckt etwas fragend.

Bin ich zu direkt? Schnell sage ich noch, dass ich das Haus nur von außen sehen will – die Privatsphäre wird selbstverständlich respektiert. Denn ich gehe davon aus, dass er und seine Frau (eine Griechin) in dem Haus wohnen und will ja nicht stören. Nur gucken.

Er sagt dann, er hätte ein bisschen Zeit. Also gehen wir ein paar Schritte zusammen. Seltsamerweise vom Haus weg. Er zeigt mir sein Grundstück.

Das Anwesen liegt in der nördlichen Gallura, westlich von Palau und San Pasquale, an der SP 71, im Valle Lettu d’Ita. Das heißt soviel wie »Wiege des Lebens«, weil das Tal so fruchtbar ist.

Wir erklimmen einen kleinen Hügel, auf dem ein paar sehr hübsche, neu gebaute Häuser stehen. Davor eine Aja. Was das ist, dazu später mehr.

Stazzu, alt und neu

Stazzu gallurese: alt und neu in einem Gebäude

Denn während Mario erzählt fällt bei mir erstmal langsam der Groschen und mir wird klar, warum er erst gezögert hat. Denn sein “stazzu” ist nicht bloß ein Haus. Es umfasst auch das Land, das das Wohnhaus umgibt, die Nebengebäude und die landwirtschaftlichen Einrichtungen.

Ich habe ihn also – ohne es so zu meinen oder zu wissen – gebeten, mir sein Anwesen zu zeigen.

Das ist so ähnlich als würde ich einen holsteinischen Bauern bitten, mir seinen ganzen Betrieb und alle Ländereien, die er besitzt, zu zeigen. Das dauert natürlich ein Weilchen …

Ich entschuldige mich bei Mario und sofort erhellt sich sein Gesicht, er sagt »Figurati!”«, was so viel heißt wie »Mach dich gerade!« und das sei überhaupt kein Problem.

Wie so oft auf Sardinien bedarf es nur einer kleinen Freundlichkeit, mit der Menschen von Jetzt auf Gleich auftauen und ins Plaudern geraten.

Was ist ein Stazzu?

Das erste, was ich lerne: Es gibt kein »stazzu« (das Haus) ohne ein »stazzu« (das Land). Wohl aber ein »stazzu« (das Land), auf dem gar kein »stazzu« (das Haus) mehr steht. Alles klar?!

Ein Stazzu ist dabei auch nicht immer nur ein Haus, sondern eben manchmal auch ein Hof.

Und viele verkaufen zwar ihr Land, behalten aber den Teil, auf dem noch das Haus steht. Dann ist beides auch ein Stazzu, aber eines eben ohne Haus und das andere ein sehr kleines.

Stazzu e mare, Aglientu

Stazzu e mare, Aglientu

Durchschnittlich gehören zwischen 50 und 100 Hektar Land zu einem Stazzu in der Gallura, bei einigen auch deutlich mehr.

Das von Mario ist ein etwa 5 Kilometer langer Streifen Land, das sich über zwei Täler erstreckt. Es ist zwischen 300 und 800 Metern breit, unterbrochen von einer schmalen Provinzstraße, die nachträglich erbaut wurde.

Die Nachbargrundstücke haben ähnliche Dimensionen und gehören seinen Brüdern oder Schwestern. Teile davon sind an Touristen, die sich in Sardinien verliebten, verkauft.

Der Einfachheit halber, und weil ich mir vor allem Häuser angesehen habe, verwende ich nachfolgend “Stazzu” trotzdem als Begriff für das Hauptgebäude – weil es sich auch unter den Einwohnern der Gallura so eingebürgert hat.

Das Haus, das typische »stazzu gallurese«

Stazzu di Monte Ruiu

Stazzu di Monte Ruiu (Foto: www.escursionigallura.it)

Aber wie war das jetzt – mit Stazzu ist zwar nicht nur, aber kann auch ein Haus gemeint sein.

Allerdings ist nicht jedes Landhaus, das in der Gallura steht, ein Stazzu. Und was macht ein Haus nun zu einem »echten« Stazzu?

Ein typisches Stazzu ist recht leicht zu beschreiben, und auch leicht erkennbar.

  • Das Haus hat eine sehr schlichte, rechteckige und zweckmäßige Form – es sieht eher aus wie ein Stall.
  • Die Mauern sind aus Granitfelsen der Region errichtet und mit Lehm verfugt.
  • Die Steine sind naturbelassen.
  • Pro Zimmer gibt es ein kleines Fenster an der länglichen Seite.
  • Die Eingangstür ist auch an der länglichen Seite, die kurzen Seiten sind geschlossen.
La casa manna, innen

La casa manna, innen

  • Die Häuser haben ein Spitzdach, manche sind asymmetrisch.
  • La Casa Manna – “das große Haus”: Das ursprüngliche Stazzu hat nur ein großes Zimmer.
  • Lu Foghju – “das Feuer”: Die Feuerstelle (auch genannt “la ziddha a meza casa” – das Licht in der Mitte des Hauses) befand sich in diesem Hauptraum. In einigen Fällen wurde die Feuerstelle an die Außenwand gelegt, dort wird sie “lu furru” genannt.
  • Früher war das Zimmer sehr praktisch und spartanisch, nur mit Tisch, Stühlen (“balastragghju”) und einem großen Schrank, eingerichtet.
  • L’appusentu: Das ist der direkt angrenzende Stall oder Vorratsraum, der zu jedem Stazzu gehört.
  • La cambara: Wer noch Nebengebäude hatte, hielt seine Tiere dort und nutzte l’appusentu zum Schlafen – dann nennt man diesen Raum “la cambara”.
  • Lu palazzu: Wird ein originäres Stazzu nicht in der usrprünglichen Form erweitert (also z. B. durch ein zweites Stockwerk), nennt man es fortan “Palazzo”.
  • Die verwendeten Materialien für Türen, Fenster und Dachstühle sind ebenfalls typisch für die Gallura: Ginepro (Wacholderbaum), Canne (Rohr / Schilf) und Quercia (Steineiche).
Hübscher, teilrenovierter Stazzu

Hübscher, teilrenovierter Stazzu

Die »stazzi« (Mehrzahl von »stazzu«) wurden im Laufe der Zeit immer größer: Wer es sich leisten konnte, baute an den Stirnseiten weitere Zimmer an.

Einzelne stazzi wurden auch gleich größer errichtet, aber immer in dem gleichen Grundprinzip: sehr schlicht, sehr zweckmäßig.

Viele der alten Häuser werden im Rahmen einer Restaurierung mit Farbe getüncht. Das kann man verstehen, ist aber bereits der erste Eingriff in die Echtheit. Ein Trend, der kaum aufzuhalten ist.

Gerade die nicht-galluresischen Eigner, die es romantisch-charmant finden, ein solches Haus als Feriendomizil in der idyllischen Landschaft zu besitzen, scheuen keine Veränderung und keinen Aufwand, das Haus nach ihren Bedürfnissen zu gestalten.

Der heutigen Wohnkultur entsprechen zum Beispiel große Fenster, hellere und flexibel nutzbare Räume, eine grundsätzlich andere Raumaufteilung mit Küche, Bad und mehreren verbundenen Räumen. Und nicht zuletzt so praktische Dinge wie Wärmedämmung und Heizung.

Privater, voll renovierter und umgebauter Stazzu

Privater, voll renovierter und umgebauter Stazzu

Das sehen manche als Angriff auf das galluresische Kulturgut und nennen das als Grund, warum es heute kaum noch echte Stazzi gibt.

Wie echt es bleiben muss, ist die Frage, denn oft entstehen aus verlassenen Häusern zuweilen wahre Schmuckkästchen, in denen es Freude macht, zu leben, während andere langsam vor sich hin rotten.

Und auch das mit dem galluresischen Kulturgut darf man lächelnd hinterfragen, denn das Stazzu ist:

Ein korsisches Erbe

Richtig gelesen, das “stazzu gallurese” ist keine typisch galluresische oder gar sardische Angelegenheit (in anderen Teilen Sardiniens findet man sie gar nicht).

Denn tatsächlich ist die Bauweise korsischen Ursprungs.

Stazzu: korsischen Ursprungs

Stazzu: korsischen Ursprungs

In Korsika bezeichnete man als “Stazzu” (frz. auch “Bergerie” genannt) ein frei stehendes Haus, das als Unterkunft der Hirten und Schafe diente. Der Ausdruck “stazzu” stammt aus dem Lateinischen, von “statio”, das bedeutet auch “Station” und bezeichnete früher einen Bauernhof oder das Wohnhaus des Bauern.

Die Stazzi auf Korsika stehen übrigens allesamt unter Denkmalschutz – das sagt einiges, aber zum Glück nicht alles über die Wertschätzung der Sarden für ihre alten Höfe.

Die Häuser, bzw. die Bauweise, fanden ihren Weg nach Sardinien im 17. Jahrhundert. Etwa vom 15. Jh. an war Sardinien die Goldkammer von Piraten. Auch die Gallura hatten sie geplündert und die Einwohner vertrieben.

Zur gleichen Zeit, als die Piraten sich andere Ziele suchten, verließen einige korsische Familien – teils aus politischen Gründen, teils wegen familiärer Fehden und Streitigkeiten – ihre Heimat.

Korsische Bauweise mit Granit und Felsen der Gallura

Korsische Bauweise mit Granit und Felsen der Gallura

Über das Meer gelangten sie in den nun unbewohnten, wenngleich schwer zugänglichen Norden der Nachbarinsel. Hier fühlten sie sich sicher, ließen sich nieder und gründeten Familien.

Und: Sie bauten die Häuser mit dem Granit der Gallura, aber nach dem ihnen bekannten, korsischen Vorbild. Sie brachten übrigens auch die Sprache mit: Das »Gallurese« ist eine Variante des Korsischen und ähnelt sehr dem Dialekt der rund um Sartene auf Korsika gesprochen wird.

Aber: was seit immerhin vierhundert Jahren einen festen Platz hat, darf durchaus auch als galluresischer und damit sardischer Kulturschatz gewertet werden.

Landleben in der Gallura – »la vita rurale«

Zurück zu den Stazzi. Sie waren die Zentren des Lebens. Arbeiten, Essen, Schlafen – das Leben mehrerer Menschen fand quasi in einem Raum statt.

Wegen der natürlichen Gegebenheiten in der Gallura lagen die Höfe weit voneinander entfernt, in unterschiedlichen Tälern. Aus diesem Grund musste ein Hof alles zum Leben Notwendige selbst erwirtschaften.

Landleben in der Gallura

Landleben in der Gallura

Es gab allerdings auch eine Art “Arbeitsteilung” unter mehreren stazzi, genannt “la cussogghja”: Geografisch zusammenhängende Höfe bilden eine soziale Einheit, ein Art Bund zur gegenseitigen Hilfe, Versorgung und Zusammenarbeit: Der eine hielt Vieh, der andere baute Korn an.

So teilte man sich die harte Landarbeit, und nicht selten verband die Menschen eine sehr enge Freundschaft, die so stark war wie familiäre Bande.

In der Gallura dominierte schon immer das Landleben – es ist untrennbar mit dem Stazzu und seinen Menschen verbunden.

Die Nutzung eines Stazzu als reines Wohnhaus ist ein Phänomen der Neuzeit – der ursprüngliche und Jahrhunderte alte Zweck war die Landwirtschaft.

Als irgendwann in den sechziger Jahren der Tourismus an der Costa Smeralda Einzug hielt (siehe unseren Artikel Vecchia Costa), lief er der Agrarwirtschaft innerhalb weniger Jahrzehnte den Rang ab.

Das änderte aber nichts an der Einstellung der Galluresen zu ihrem Land, und so lebt man heute in kleinerem Rahmen von dem, was das Stazzu hergibt – ob nun aus der Ziegen-, Rinder- oder Schafhaltung oder aus dem Getreideanbau.

Wir stehen auf dem Hügel “l’Avru de l’Olzu”, das heißt soviel wie “Berg von Gerste” und beschreibt, dass hier Korn angebaut wurde. Das musste weiterverarbeitet werden – und damit sind wir wieder bei der Aja.

Die »Aja« – der Korndreschkreis

Eine Aja (oder Aia) ist ein riesiger, aus kleineren Felsen errichteter, etwa 30, 40 cm hoher Kreis mit ca. 25 Metern Durchmesser. Auf ihr wurde in früheren Zeiten das geerntete Korn zum Dreschen ausgebreitet.

Aja: Hier wurde das Korn gedrescht

Aja: Hier wurde das Korn gedrescht

Es gibt nicht mehr viele dieser Ajas, die meisten sind zerfallen, von Macchia überwuchert oder nur noch rudimentär erhalten.

Die Aja von Mario ist in sehr gutem Zustand, weil er sich um ihren Erhalt kümmert. Hier wird natürlich längst kein Korn mehr gedroschen.

Vielmehr dient sie als wunderbare Sonnenterrasse und Spielplatz für die Hunde.

Das Stazzu und der Tourismus

Der sogenannte “agro-pastorale” Zweck ist Mario als gebürtigem Gallureser hingegen in die Wiege gelegt. So plant er in diesem Jahr eine Art Agriturismo für Feriengäste, die mit ihrem Zelt in freier Natur als Selbstversorger leben wollen.

Lebens- und liebenswert

Lebens- und liebenswert

Er legt gerade einen kleinen Obst- und Gemüsegarten an, und bereitet auf seinem Land kleine Nischen zwischen den Felsen vor, in denen man sein Zelt aufstellen kann. Die Natur mit ihren Steineichen und großen Granitfelsen bildet den Rahmen. Und so wohnt man schließlich wie in einer Art großem Zimmer unter freiem Himmel.

Wir finden das eine sehr schöne Idee und lassen Euch wissen, wenn das Projekt fertig ist.

Noch heute sind einige Agriturismi in der Gallura auf diesen alten Ländereien und in einem echten Stazzu untergebracht – so zum Beispiel der Agriturismo Canu.

Er liegt auf einer Hochebene, etwa acht Kilometer östlich von Luogosanto, inmitten reiner Natur, mit herrlichem Blick auf den Monte Limbara und den Stausee Lago Liscia. Das Haupthaus ist gut 200 Jahre alt und aus galluresischem Granit erbaut.

Agriturismo Canu

Agriturismo Canu

Der Agriturismo versorgt sich und seine Gäste fast vollständig selbst. Auf dem Land weiden Schafe, ein großer Gemüsegarten und auf die eigene Wurst- und Schinkenproduktion ist man besonders stolz.

Usrprünglich aus Fonni stammend, haben die Besitzer die sprichwörtliche sardische Gestfreundschaft hier wärmstens etabliert. Wir durften sie erleben, als wir 2011 mit ihnen die Schafschur, die Tosatura (Artikel auf pecora-nera) feierten.

2012 brannte das Haus jedoch vollständig aus und musste mühevoll restauriert werden. Die dicken Grundmauern haben das schlimme Ereignis überstanden, und jetzt ist im Canu zum Glück fast wieder alles beim alten. Natürlich sind Gäste jederzeit herzlich willkommen.

Das Stazzu und seine Zukunft

Heute findet man alles in der Gallura: Von der Ruine, über uralte Häuser kurz vor dem Verfall und restaurierten Stazzi, bis zum modernen Nachbau.

Wahr ist: Das originale, gut erhaltene Stazzu ist eine Seltenheit. Ob nun korsisch oder galluresisch – das “stazzu gallurese” mit Haupthaus, Nebengebäuden und weitläufiger Landschaft ist schützenswertes Kulturgut.

Weitere Informationen und Quellen:

  • Agriturismo Canu auf terranuragica.com
  • http://www.escursionigallura.it/stazzo.html
  • http://www.aiagrande.com/pageID_3937070.html

Wer unsere Tour nachfahren will, startet hinter Palau, fährt Richtung Santa Teresa, biegt nach San Pasquale ab, fährt quer durchs Dorf hinaus ins Valle Lettu d’Ita, geradeaus weiter durch das Valle di Mela, nach Rena Majore, dort links ins Hinterland und folgt den Schildern bis nach Aglientu. Ein anderer weg führte uns von San Pantaleo über Olbia nach Telti und Monti – dort muss man die stazzi dann langsam wirklich suchen.

Hier die vielen Impressionen unserer Tour durch die Gallura zu den “stazzi gallurese”:

(alle Bilder urheberrechtlich geschützt)

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