Die zehn Gesichter eines Schafs: Bei der Schafschur („tosatura“)

1. Juni 2017 | Von | Kategorie: Agriturismo, Feste und Events, Gallura, Hirtentum, Traditionen
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Wer denkt, Schafe hätten nur ein (dummes) Gesicht, der kennt noch nicht die zehn Gesichter eines Schafes, das geschoren wird:

  1. Erwartungsvoll rennt es aus dem Stall auf den Schurplatz.
  2. Superschlau wähnt es sich, wenn es versucht, sich vor den Schafscherern zu verstecken.
  3. Skeptisch beäugt es den Schäfer, der sich ihm nähert, um es zur Schur zu bringen.
  4. Widerwillig lässt es sich an einem Hinterbein aus der schützenden Herde ziehen.
  5. Entrückt blickt es in die Ferne, während es auf dem Hintern sitzt und sich die Füße zusammenbinden lässt.
  6. Verwundert lässt es sich aufheben und in Richtung Schafscherer bringen.
  7. Grübelnd liegt es auf dem Bodenund fragt sich, was das alles soll.
  8. Entrüstet stellt es fest, dass es nicht weglaufen kann und blökt die Helfer an, die es zu lang liegenlassen.
  9. Ruhig abwartend liegt es da und verpasst fast, wenn’s los geht.
  10. Schicksalsergeben lässt es sich scheren, wenn es endlich an der Reihe ist.

1 – erwartungsvoll

2 – superschlau

3 – skeptisch

4 – widerwillig

5 – entrückt, die erste

5 – entrückt, die zweite

6 – verwundert

7 – grübelnd

8 – entrüstet blökend

9 – ruhig abwartend

10 – schicksalergeben

Eigentlich ist mein „Lieblingsgesicht“ ja Nr. 5. So deliriumsgleich kann nur ein Schaf gucken, dem die Welt gerade wirklich, aber so richtig wirklich egal ist. Ein tolles Gesicht. Favorit also. Eigentlich. Gäbe es nicht das „Schaf-in-der-Schubkarre-Gesicht“. Das ist in manchen Fällen eine Alternative zu Gesicht 5. Wenn nämlich das Schaf zu schwer ist, um getragen zu werden, hebt der Helfer es in eine Schubkarre und fährt es zum nächsten freien Schafscherer.

Schaf-Cabrio

Einige protestieren immer noch, aber nach dem ersten Schreck werden die meisten ganz schnell „fröhlich“!

Und wenn irgendetwas ein Schaf glücklich macht, dann ist das eine Fahrt im Cabrio! Ja, auch unter Schafen schätzt man, den Sommer, lässt sich den Wind um die Nase wehen und ist zwischen allen anderen der Held. Ich wette, allein deswegen fressen die Viecher sich im Frühling kugelrund, nur um dick genug zu sein, um Schubkarre fahren zu dürfen.

Doch was macht ein Schaf nun überhaupt in einer Schubkarre und bei der Schur? Dazu mal ganz zum Anfang zurück.

Warum eigentlich die Schafschur?

Bei der Tosatura geht es nicht, wie viele meinen, um die Wolle (die leider eh immer weniger wert ist), sondern vielmehr um die Gesundheit und das Wohlergehen der Tiere. Die alte, von Regen und dem Leben auf den Weiden zerzauste und verschmutzte Winterwolle wird den Schafen im Frühling abgenommen. Mit der Schur wird die natürliche Funktion der Haut reaktiviert und Hautkrankheiten vorgebeugt. Auch Ungeziefer, die sich im Frühling eingenistet haben, werden entfernt. Das Tier könnte sich mit langer Wolle in der üppigen Macchia der Sommermonate verheddern und sich verletzen.

Schaf als Handtasche?

Dass ein geschorenes Schaf das heiße sommerliche Klima besser erträgt, ist ein angenehmer Nebeneffekt für die Tiere. Sonnenbrand ist übrigens, wie vielleicht einige vermuten, kein Problem: Die Tiere stellen sich sofort nach der Schur instinktiv in den Schatten, meistens dicht an dicht unter Bäumen. Außerdem wächst das Sommerkleid relativ schnell.

Daher ist die Tosatura für Schafe keineswegs eine Tortur, wie die Wortähnlichkeit vermuten lässt, sondern vielmehr eine Erleichterung. Also dann, los geht’s: Freie Bahn für die Sommerwolle!

Die Schafschur – La Tosatura (it.) – Sa Tundimenta / Sa Tundidura (sard.)

Im Agriturismo Canu in der Gallura treiben die engagierten Schafscherer die ersten Tiere bereits um sieben Uhr morgens in einen sogenannten „korte“. Im Optimalfall ist dies ein gemauerter Pferch – dann haben es die Helfer etwas leichter, im weiteren Verlauf der Schur eine etwaige Flucht von Einzeltieren zu vereiteln. Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass sich Schafe vor ihren plötzlich wollfreien Genossen erschrecken… und ein einfacher Zaun ist von einem panischen Schaf schnell umgewalzt.

Vor der Schur

Nun können Schafe aber nicht nur schreckhaft sein, sondern auch richtig sauer werden. Wenn man sie zu heftig anpackt. Wenn man sie zu lang liegen lässt und vergisst. Wenn man sie zu lang eingepfercht hält. Wenn man sie zu sehr herumzerrt und schubst. Das schaukelt sich schnell zu einem Riesengeblöke auf, wenn die Scherer nicht schnell genug arbeiten. So eine Dauerbeschallung kann anstrengend sein.

Wir stellen schnell fest: Hier geht es recht ruhig zu. Man hat wohl Übung – sowohl die Scherer als auch die Schafe.

Füße werden gebunden

Die notwendige Prozedur, um den (noch) wolligen Zappelphilippen Herr zu werden, ist das Binden der vier Füße. Denn freiwillig stellt sich hier niemand zum Scheren an – die sind ja nicht blöd! Ein Schaf nach dem anderen wird gepackt, in gekonnter Bewegung umgedreht und hingesetzt.

Dann heißt es erneut „Gewusst, wie“: die vier Beine werden überkreuzt und eng aneinandergelegt, dann zusammengebunden und das Schaf auf die Seite gelegt.

Ab jetzt weiß das Schaf: Gegenwehr zwecklos. Bewegungsunfähig liegt es da und wartet auf die Schere oder Schermaschine. Na klar gibt’s immer einige vorlaute Gesellen, die extra laut blöken oder sich winden, aber was hilft das schon: Die Wolle kommt ab, so oder so. Manch ein Schaf ist beim Warten schon eingeschlafen.

Schafschurromantik? Na, manchmal.

Unromantisch dröhnt das Geräusch der Schermaschine und übertönt manches Geblöke. Wer hier ist, um blumenwiesenartige, fluffige Landidylle und Schäferromantik vorzufinden, kneift spätestens jetzt den Schwanz ein. Es ist ein schmaler Grat zwischen Effektivität und Vorsicht, der die Schafscherer hier zu Werke gehen lässt. Einige machen das schon ihr Leben lang, andere sind noch relativ jung. Als Schaf kannst Du Dir leider nicht aussuchen, wer Dich schert.

Warten auf die Schur

Warten auf die Schur

Ich wüsste, zu wem ich am liebsten gehen würde. Nämlich zu den Schafscherern, die  keine Schermaschine benutzen, sondern eine große, scharfe Eisenschere, „sos ferros de tundere“. Okay, auch dieses ellenbogenlange, spitze Schergerät mutet etwas archaisch an, flößt Respekt und dem ein oder anderen Schaf sicher auch etwas Angst ein. Tatsächlich soll es den Waffen aus der Nuraghenzeit entlehnt und bereits vor Jahrtausenden zum Scheren von Schafen eingesetzt worden sein.

Ihr Gebrauch erfordert einiges an Können und Geschick. Dieser Schafscherer hier kann. Wir fragen ihn, ob die Schur damit besser geht und ob es für das Schaf so angenehmer sei. „Ja“, sagt der kurz angebunden. Und nach einer (langen) Pause fügt er fast britisch-trocken hinzu: „Es sei denn, das Schaf bewegt sich zu schnell. Dann ist es tot.“ Als ich komisch gucke, versichert er mir mit einem Grinsen, unter seinen Händen sei noch kein Schaf gestorben.

Antikes Schurwerkzeug im Einsatz

Antikes Schurwerkzeug im Einsatz

Beim genauen Hinsehen ist seine Behandlung wirklich sehr sanft, geradezu liebevoll. Gelassen lässt Frau Schaf die Schur über sich ergehen und scheint tatsächlich keine Todesangst auszustehen. Auf mich macht es sogar den Eindruck, als würde sie gern schnurren, wenn sie könnte. Das wohlklingende „klapp-schnapp“ der Schere, die Hand des Schäfers auf den Fellstoppeln, manchmal sein beruhigendes Streicheln über den Kopf: dieses Schaf ist ein zufriedenes Schaf und hat es heute gut getroffen.

Zufriedenes Schaf

Zufriedenes Schaf

Vorgesorgt ist auch für den Fall, dass doch einmal kleine Verletzungen vorkommen, ob nun von ungeübten oder für einen Moment unachtsamen Scherern oder wenn sich einzelne Tiere sträuben und doch gar keine Lust darauf haben, geschoren zu werden: Der kleine Junge, der heute die Dose mit dem desinfizierenden Wundspray trägt, hat heute allerdings wenig zu tun. Er ist fast ein bisschen enttäuscht, färbt das Spray doch so lustige blaue Punkte auf das Schaf.

Auf den Spuren der „Transumanza“

In früheren Zeiten, als die meisten Schäfer auf Sardinien noch nomadisierende Hirten waren, fiel die Tosatura auf den Tag im Frühling, an dem sie mit ihren Herden von den fruchtbaren Weidegründen wieder auf den heimischen Hof zurückkehrten. Dieser lag häufig in den kargen Bergen, wo es im Winter nicht genug Nahrung für die Schafe gab. Dieses im gesamten Mittelmeerraum bekannte und praktizierte Phänomen nennt man „Transumanza“.

Schafschur: Vorher - Nachher

Schafschur: Vorher – Nachher

Die lang ersehnte Ankunft feierte die Familie traditionell mit einem großen Fest. Der Schäfer wurde von Nachbarn, die ihn vielleicht zu Pferd oder von einem Hügel in einiger Entfernung gesehen haben, angekündigt. Doch vor dem Fest stand erst einmal die Arbeit: Erst mit der Tosatura endete das Nomadenjahr. Der Schäfer war wieder zuhause und konnte man sich mit der Familie neu den Aufgaben und Herausforderungen der Weide- und Landwirtschaft im Wechsel der Jahreszeiten stellen.

„Non c’è il vino senza lavoro“, heißt es auch hier im Agriturismo, als ein Gast fragt, wo es denn hier etwas zu trinken gäbe. Ganz klar: Kein Wein, bevor nicht die Arbeit getan ist. Dabei erwähnt natürlich keiner der Schafscherer, dass es bereits am Vormittag eine kleine Zwischenmahlzeit mit Leckergetränk gab. Aber – da hatten sie ja auch durchaus schon ein paar Schafe von Wolle befreit. Das hier ist in erster Linie ein Arbeitstreffen – bei dem neugierige Zaungäste aber äußerst willkommen sind.

Essen, Trinken und Feiern

Zackige Frisur

Am frühen Nachmittag ist es dann vollbracht: Rund 400 Schafdamen grasen wollfrei auf den Weiden. Ob sie mit ihren Frisuren zufrieden sind? Ein Trost: Das auf die „antike Art“ geschorene Schaf sieht kein Stück besser aus als die mit der Schermaschine geschorenen. Zackige Frisuren werden hier im Sommer getragen, Basta. Mailänder Modewoche hin oder her.

Nun beginnt das Fest: Die Hausherren, etwa 20 Schafscherer und Helfer, ihre Familien, sowie nochmal so viele Schaulustige treffen sich zu einem rustikalen „pranzo“, dem gemeinsamen Mittagessen. Hier im Agriturismo Canu hat man sich auf die Fahnen geschrieben, die Gastronomie und Kultur der Barbagia auch im Inselnorden in der Gallura zu leben. Wir sind daher reichlich erstaunt, als zum Antipasto nicht nur hausgemachter Käse und Schinken auf dem Tisch stehen, sondern auch Meeresschnecken – eindeutig kein typisches Gericht der Berge. Aber: gut, richtig gut!

„Pecora in capotto“ heißt das Hauptgericht, das traditionell zur Tosatura serviert wird: Eine starke, zuvor angesetzte Schaffleischbrühe wird erhitzt, darin Stücke eines erwachsenen Schafes zusammen mit Kartoffeln und ganzen Zwiebeln und wilden Kräutern, die man in der Umgebung findet, ausreichend lang gekocht. Serviert wird das Ganze mit Pane Carasau. Der Hit: frischer Pecorino, der in der Brühe schon leicht Fäden ziehen konnte.

Vino e Acquavite …

In einigen Regionen wird übrigens ein Gericht nach einem alten überlieferten Rezept serviert: Ein mit Blut und Käse gefüllter und ausgebackener Schafmagen… Dazu „casu marzu“, ein Käse, der noch lebendige Würmer enthält und eigentlich (Danke EU!) gar nicht mehr hergestellt werden dürfte. Wir sind ganz froh, dass beides hier und heute nicht auf den Tisch kommt.

Der Landwein wird aus Plastikbechern getrunken und ist kein Kandidat für „gambero rosso“ und „tre bicchieri“. Doch trotzdem wird das Traubensäftchen schnell ein sehr guter Freund – die Devise heißt: Einfach trinken, den Rest erledigt das Getränk selbst. Der Acquavite, der anschließend angeboten wird, zieht Dir eh die Schuhe aus – der ist garantiert hausgemacht!

Ganz schön geschaf(f)t!

Zurück auf der Weide

Zurück auf der Weide

Am Ende bleibt das Fazit: Irre schön! Aber: nichts für zarte Gemüter. Da wird zugepackt. Da wird gezerrt, gerupft, gebunden, gezogen, geschoren und zuweilen auch getreten, da gibt es ruppige Helfer und hektische Scherer. Für die Männer ist das Arbeit, die möglichst effizient vonstatten gehen muss. Manch Schafliebhaber steht am Rand und mag den Tierchen am liebsten die Pfoten halten.

Doch die wenigen Minuten im Jahr sei das jedem Schaf zuzumuten. Die Schafherde, die da hinten friedlich auf der Weide grast, scheint jedenfalls ganz zufrieden. Das „Nach-der-Schur-Gesicht“, können wir leider nicht mehr sehen, sind aber sicher, es ist wohlwollig und alle Strapazen für Mensch und Tier wert.

Schafkultur auf dem Agriturismo Canu in der Gallura

Die Gründe, eine Tosatura mitzuerleben, lassen sich auf einige wenige verdichten: 1. Ihr wollt etwas über die Kultur der Schäfer auf Sardinien erfahren, 2. Ihr wollt fernab von Stadt oder Strand einen ursprünglichen Teil Sardiniens kennenlernen, 3. Ihr wollt mal wieder ordentlich feiern, 4. Ihr liebt Schafe und wollt die zehn Gesichter der Schafe sehen!

Agriturismo Canu

Agriturismo Canu

Auf ganz Sardinien finden im Frühling (vorwiegend im Mai) Schafschuren statt. Wir waren auf dem Agriturismo Canu, der von drei Brüdern und ihren Familien bewirtschaftet wird. Traumhaft oberhalb des Lago di Liscia in der Gallura gelegen, ist er ein wirklich toller Platz für einen solchen Tag. Wir bedanken uns von Herzen und sind schafglücklich wieder nach Hause gefahren.

Wer zwischen Mai und Oktober Lust auf Urlaub in einem 200 Jahre alten, galluresischen Stazzu hat, wende sich vertrauensvoll an den Agriturismo:

CANU – Agriturismo ed Azienda Agricola
Loc. Canu (Strada Luogosanto – Arzachena)
I-07020 Luogosanto (OT)
www.agriturismocanu.com

Von hier aus lassen sich wunderbare Ausflüge in die nähere Umgebung unternehmen. Der Agriturismo Canu ist gut organisiert und für deutsch- oder englischsprachige Reisende stehen ortskundige Begleiter bereit, die zu Fuß, per Mountainbike (der Hof ist mit GalluraBikePoint befreundet, da lässt sich ein individuelles Programm zusammenstellen) oder gar zu Pferd durch die Schönheiten der Gallura führen.

Die Tosatura ist hier in diesem Jahr leider schon vorbei. Doch auch im nächsten Jahr werden wieder Schafe geschoren!

 

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Ein Kommentar auf "Die zehn Gesichter eines Schafs: Bei der Schafschur („tosatura“)"

  1. Meinereiner sagt:

    Herrlicher Bericht… Daaaaaaaaaaaaanke…

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