Das erste, was den meisten Menschen zur Giara di Gesturi einfällt, sind ihre wilden Pferdchen. Verständlich, die sind ja auch toll. Doch von den archäologischen Stätten auf der Hochebene spricht fast niemand. Was schade ist – denn die sind ähnlich interessant.

Und so mag das schwarze Schaf das heute ändern.

Es ist auf einer lang geplanten Archäologie-Tour mit einem waschechten Archäologen auf der Hochebene unterwegs.

Und an den Hängen und in der Weite der Hochebene befinden sich Überreste von Bauwerken aus verschiedenen Zeiten.

Mein Guide ist Ignazio. Er kommt aus Gesturi, ist schon deswegen prädestiniert, aber ist eben auch vom Fach und schrieb seine Thesis über die Nuraghen der Giara.

Ignazio ist auch Gastgeber im Cortis Antigas in Gesturì. Mit viel Gespür für das alte Haus und traditionell-nachhaltige Bauweisen hat er es zu einem wahren Schmuckstück hergerichtet. Ich werde immer fürstlich umsorgt, fühle mich mega wohl und empfehle es nun nicht nur aus reinen Wohlfühl-Gründen, sondern auch speziell historisch und archäologisch interessierten Menschen! Mehr Infos » www.cortisantigas.it

Nun aber los – es erwarten uns einige archäologische Highlights auf der Giara di Gesturì!

Zunächst zur Klärung: Die Hochebene trägt zwar der Einfachheit halber einen gemeinsamen Namen, gehört aber korrekterweise zu den Gemeindegebieten von Gesturi, Genoni, Tuili und Setzu. Von dort finden sich auch jeweils eigene Eingänge auf die Giara.

Außerdem gibt es noch zwei weitere Giaras. Die vulkanischen Hochebenen der Marmilla Giara di Siddi, Giara di Serri und Giara di Gesturi haben vor allem an ihren Außenkanten Nuraghen und wichtige nuraghische Stätten. Allen voran denke ich an das Nuraghenheiligtum Santa Vittoria auf der Giara di Serri – mega sehenswert!

Doch auch Sa Jara Manna, wie die Giara di Gesturi von den Einheimischen genannt wird, kommt mir heute vor wie ein riesiger archäologischer Park.

Die Spuren reichen weit zurück: bis in die mittlere Bronzezeit, als die nuraghische Kultur sich entwickelte.

Weitblick von der Giara di Gesturì

Jahrtausendelang war die Giara für die Bewohner der Region eine Art natürlicher Festung, auf der sie ihre Tiere hielten, während sie unten in der Ebene wohnten und Landwirtschaft betrieben.

Die ganze Marmilla, wie die Region hier heißt, ist seit der Nuraghenzeit und war stets auch in den folgenden Epochen besiedelt. Das belegen die zahlreichen Nuraghen und nuraghischen Stätten – ein Nuraghe pro Quadratkilometer soll es sein. Einige sind noch gut intakt und zu besichtigen, andere sind eher Ruinen oder stehen auf Privatgelände.

Mit Ignazio besichtige ich heute zwei Stätten. Sie sind ganz unterschiedlich gut erreichbar: Die eine liegt sofort auf der Hand, findet sich ganz direkt und ohne Umschweife. Die andere nur mit Glück, über Quasi-Wildschweinpfade – und eben mit einem ortskundigen Guide.

Zuerst die leichte Kost.

Nuraghe Bruncu Madui oder Madugui – der „Vater aller Nuraghen”

Unterwegs mit Ignazio – das schwarze Schaf ist in seiner archäologischen Phase! 😉

Bruncu Madui befindet sich gleich dort, wo man aus dem Dorf Gesturì den Schildern zur Giara folgt und über eine sogenannte scala hinauffährt, eine Straße, die sich dem natürlichen Verlauf des Hangs folgend hinaufschlängelt.

Wir parken direkt vor dem Eingang der Giara und gehen linker Hand durch ein Tor.

„Vater aller Nuraghen” ist der Beiname dieses Nuraghen. Das klingt vielleicht im ersten Moment einen Tick übertrieben, zumal unten in der Ebene bei Barumini der riesige Nuraghe Su Nuraxi steht, seines Zeichens Weltkulturerbe und als Repräsentant der bronzezeitlichen Türme auf den Werbeplakaten der Insel zu sehen ist.

Aber Su Nuraxi ist im Vergleich zu Bruncu Madugui durchaus jung. Daher nennt man letzteren auch Protonuraghen, da diese Bauwerke den Nuraghen vorausgingen – von griechisch protos (πρῶτος), der Erste.

Der Protonuraghe Bruncu Madui (lokal: Madugui, hin und wieder auch: Maduli) hingegen gilt als einer der ältesten Nuraghen der Insel. Er stammt aus den Anfängen der Nuraghenkultur in der mittleren Bronzezeit, etwa aus dem 16. Jahrhundert.

Die ältesten Teile von Su Nuraxi hingegen stammen etwa aus dem 14./13. Jahrhundert vor unserer Zeit, die Aus- und Anbauten aus dem 11. bis 10. Jahrhundert vuZ und das umliegende Dorf gar aus dem 9. bis 7. Jh. vuZ. (Quelle: https://www.fondazionebarumini.it/area-archeologica-su-nuraxi/).

So viel zum Thema, wer schon rein altersmäßig nur der „Vater“ sein kann.

Protonuraghen zeichnen sich meist durch eine einfachere Struktur und eine eher horizontal-eckige Raumaufteilung aus. Die spätere Tholos-Bauweise mit Rundtürmen erforderte rund zwei- bis dreihundert Jahre architektonischen Dazulernens und zeugt von einer weiterentwickelten Kultur.

Über 350 dieser Protonuraghen gibt es noch auf der Insel (» Liste der Protonuraghen auf Wikipedia).

Und Bruncu Madugui ist ein besonders schönes, charakteristisches und imposantes Exemplar.

Sehr imposante Längsseite: Nuraghe Bruncu Madui oder Madugui

Die Dimensionen des Korridor-Nuraghen sind beeindruckend: Satte 30 Meter umfasst die äußere Trockenmauer, die längste Ausdehnung liegt bei etwa 16 Metern – eine etwas unregelmäßige, leicht gebogene und doch ordentlich gebaute Wand an der inneren Längsseite.

Die weißgrauen Mauern sind nur noch drei bis viereinhalb Meter hoch. Früher mag es gut das Doppelte gewesen sein. Auch liegt ein guter Teil des Nuraghen verborgen.

Die Felsbrocken sind sorgfältig gestapelt. Insgesamt hat die Struktur die über 3.500 Jahre gut überstanden, steht stabil auf dem Untergrund.

Sein gedrungenes Aussehen und der zunächst unklare Grundriss – keinen klaren Linien folgend und es fehlt im Inneren die für spätere Nuraghen typische große runde Kammer – machen ihn für Laien am Anfang etwas schwer nachvollziehbar.

Mein Guide Ignazio verliert sich dennoch in Lobhudeleien über dieses Bauwerk. Er gibt ihm sogar eine besondere Bedeutung:

„Ich rate all meinen Gästen, sich zuerst diesen Nuraghen anzusehen und dann erst Su Nuraxi. Mit ihm kann man alles viel besser einordnen und die Turmnuraghen erst richtig verstehen.“

Archäologie für Einsteiger: Annähern an den Nuraghen Bruncu Madugui

Die Idee ist echt nicht schlecht: Sich erstmal in aller Ruhe in das Nuraghenthema „eingrooven“, einen der ersten Nuraghen ansehen, eine kleine Wanderung auf der Giara unternehmen.

Dann abends im B&B ein bisschen in die nuraghische Kultur einlesen – vielleicht mit diesem Blogartikel: „Was sind eigentlich Nuraghen?“ – und am nächsten Tag schon halb-schlau die Weiterentwicklung der Nuraghen mit ausführlicher Führung unten in Barumini bei Su Nuraxi oder den Nuraghen im Casa Zapata ansehen.

Und selbst wenn man beim ersten Mal nicht alles versteht: Allein die Aussicht ist wert, hier hinzugehen, bevor man auf Pferdchen-Suche auf der Giara oder eben Su Nuraxi besichtigt.

Leider machen die meisten Touristen es genau anders herum. Überdenkt das doch einfach mal.

Dank Archäologie gelingt ein Blick mehr als 3500 Jahre zurück

Die ersten Ausgrabungen fanden unter Leitung des wohl berühmtesten Archäologen der Insel statt: Giovanni Lilliu aus Barumini, der auch Su Nuraxi entdeckte. 1962 erkundete er den Nuraghen Bruncu Madugui und Teile des umliegenden nuraghischen Dorfes.

Ein Kuriosum: Die ersten Fundstücke datieren in etwa auf die Monte-Claro-Kultur, die der vorgelagerten Kupferzeit zugeordnet wird, also 2400-2100 vor unserer Zeit (Quelle: www.sardegnacultura.it). Die Besiedelung der Hochebene fand also vermutlich viel früher statt als der Bau des Nuraghen.

Die in den Nuraghen hineinführende Treppe (bzw. heute fühlt es sich eher „hinauf“ an, da die Räume nicht mehr geschlossen sind), führt zu einem der Korridore. Rechts in die Mauer ist eine klare Nische eingearbeitet. Weitere kleinere Räume sind erkennbar.

Hinauf führt eine Treppe. Hinter dieser sind mehrere Räume erkennbar.

Die Präsenz eines nuraghischen Dorfs gleich an der Flanke des Nuraghen, etwa 100 Meter entfernt, deutet auf eine sehr lange Nutzung hin. In den 1980er Jahren fanden hier weitere Ausgrabungen statt.

Kurioserweise sind die typischen Rundhütten hier zusammengefasst, teils miteinander verbunden und um gemeinsame Innenhöfe angeordnet. Eine Mauer in der Mitte scheint zu vermitteln, dass das Dorf irgendwann getrennt wurde.

Die Räume sind rund und haben gepflasterte Böden; an den Wänden befinden sich oft Feuerstellen, Nischen, Sitzbänke und Ablagen. Eine dörfliche Nutzung als Wohn- und Werkstätten gilt als wahrscheinlich. In den Hütten wurden Materialien aus der späten Bronzezeit (13.-10. Jahrhundert v. Chr.) gefunden.

Besonders die Position ist herausragend: Nuraghe Madugui steht am besonders exponierten, südöstlichen Rand der Hochebene und überblickt eine weite Landschaft.

Ich stehe hier und verstehe, wie die Ressourcen der Giara, der Marmilla und der Menschen damals verteidigt wurden. Mit Weitblick. Und das in jedweder Hinsicht.

Uns lockt nun das zweite archäologische Highlight.

Doch das wird wie erwähnt komplex. Schon bei der Anreise. Denn um die Stätte zu erreichen, gibt es Hürden.

Exkurs: Orientierung auf der Giara

Die Giara di Gesturì ist mit rund 45 Quadratkilometern groß – wirklich groß! Und sich stellenweise selbst so ähnlich, dass die Orientierung schwer fällt.

Ignazio hat mir einen Trick verraten, falls man sich auf der Giara verliert: Die Bäume sind sämtlichst nach dem Maestrale ausgerichtet – der kommt aus Nordwest, ergo zeigen die Bäume nach Südost. Und im Fall der Giara damit tatsächlich zum Eingang (bzw. ersehntem Ausgang) in Richtung Gesturi. Kleiner Haken: Weit im Inneren gibt es Abschnitte, in denen die Giara keine Bäume hat. Dann ist dein ganz persönliches, inneres Orientierungsvermögen gefragt.

Die Bäume weisen den Weg …

Jedenfalls heißt es von hier aus: wandern, wandern, wandern.

Bis ans andere Ende der Giara (genauer: in die Giara von Genoni, wo sich Stätte Nummer 2 befindet) sind es zwölf Kilometer. Die man ja auch wieder zurückgehen muss.

Und glaub nicht, dass wenn du da angekommen bist, es dann leicht wäre – au contraire!

Ich gebe zu: Wir waren „Fuchs“ und sind mit dem Auto zum Eingang bei Albagiara gefahren, um Zeit zu sparen. Denn Sarden wollen immer auch noch irgendwo ein Picknick einlegen und mega viel Zeug dabei haben. Da reichen die etwa drei Kilometer einfach, die wir ab dem Eingang an der Nordflanke der Giara laufen.

Aber auch von dort musst du überhaupt wissen, wo genau du hinwillst. Und da kommt der lokale Guide ins Spiel. Ohne Ignazio hätte ich diesen Ort nie gefunden.

Kein Schild, kein Wegweiser und am Ende nicht mal ein Weg.

Das ist alles so typisch sardisch, dass ich mich einfach nur darüber freuen kann.

So. Und hier jetzt bitte zurechtfinden.

Natürlich vertraue ich mich blind meinem Guide an – das ist auf Sardinien noch immer gut gegangen.

Ich dackle Ignazio hinterher, der Buschwerk beiseite biegt und mich über Wildschweinpfade führt. Die hier oben und in anderen Inselteilen wirklich zu einem Problem geworden sind. Also nicht die Pfade, sondern die Wildschweine.

So komplex wie das Ankommen bei dieser Stätte ist dann auch die Erklärung selbiger – und entsprechend sperrig der Name.

Die nuraghische Rotunde: Santa Maria S’Ungroi – Luogo sacro-rotonda di Corona Arrubia

„Heilige Maria – heiliger, runder Ort der rötlichen Krone.“ Na, herzlichen Glückwunsch. Ein etwas umständlicher Name.

Das mit der roten Krone hab ich schonmal auf einer anderen Giara gehört – nämlich in Siddi. Die Erklärung dort: Die Nuraghen seien wie die Edelsteine einer Krone am Rand der Giara aufgereiht und im rötlichen Abendlicht schimmern sie wie ebensolche. Ein hübsches Bild. Auf der Giara di Gesturì sollen es etwa zwanzig sein, jeweils an einem Vorsprung situiert.

Die Rotonda Corona Arrubia befindet sich im Gemeindegebiet von Genoni, und auch dieser Ort ist ein ganz besonderer.

Lang war man sich nicht einig, ob es nicht auch einfach ein nuraghisches Dorf war. Ignazio weiß, es steckt mehr dahinter. Er packt einige Hypothesen aus, während wir durch die Landschaft wandern.

Ich muss all meine grammatikalischen Sprachkenntnisse bemühen, um die „Hätte-wäre-wenns“ und Konjunktive I und II zu begreifen, mit denen er (und auch vertiefende Internetseiten) hantiert, um die Stätte zu erklären. Und dann fragt mich noch jemand, warum manche Artikel so lang brauchen, bis sie fertig sind … ts …

Eine Rarität: die Rotonda Corona
Eine Rarität: die Rotonda Corona Arrubia Santa Maria S’Ungroi – kreisrunde, tempelähnliche Kultstätte auf der Giara di Gesturi

Zur Sache: Die Rotunde Corona Arrubia ist eben kein nuraghisches Dorf, sondern ähnelt an zentralen Stellen einem nuraghischen Tempel.

Einem heiligen Ort also, der im Allgemeinen mit überlieferten Wasserkulten der alten sardischen Bevölkerung in Verbindung steht. Auch das eine Hypothese, denn schriftliche Aufzeichnungen, aus denn wir das sicher wissen könnten, gibt es nicht.

Glücklicherweise hat die Wissenschaft andere Methoden ersonnen. Und so wissen wir, dass die Stätte aus der späten Bronzezeit stammt. Ausgrabungen bestätigten zudem, dass sie fortwährend auch in späteren historischen Epochen genutzt wurde.

Vielleicht traffen sich zu der Zeit, als der Nuraghe Su Nuraxi unten in der Ebene als eine Art nuraghischer Leuchtturm und Handelsplatz fungierte, die Pilger hier oben für religiöse Handlungen. Liegt irgendwie nahe.

Vielleicht wurde in den auf Sardinien oft lang währenden Trockenperioden auch um Wasser gebeten. Allein die kreisrunde Form gibt einen Hinweis auf die Naturkulte – wie die Wellen, die das Wasser schlägt, wenn man etwas hineinfallen lässt.

Wasserkreise und nuraghische Symbolik

Man muss dazu wissen, dass bei alten, ländlichen Kulten alles an bekannte und sichtbare Dinge geknüpft ist. Die Symbolik ist meistens nicht zu kompliziert. Insofern ist das spekulative „Hätte-wäre-wenn“ wohl durchaus nah dran.

Im Gegensatz zu den späteren, filigraneren nuragischen Brunnenheiligtümern (wie Su Tempiesu in Orune oder Santa Cristina in Paulilatino) unterscheidet sich Santa Maria d’Ungroi deutlich – vor allem, weil im Inneren kein Quelle vorhanden ist. Wohl aber Wasser.

Am ehesten noch kann man sie daher mit der nuraghischen Stätte Gremanu bei Fonni vergleichen (selbige um einiges klarer strukturiert und besser erhalten).

Weitere Stätten die eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen, sind Serra Niedda in Sorso, Punta ‘e Onossi e Gioerre bei Florinas, Sa Carcaredda a Villagrande Strisaili und Su Monte a Sorradile.

Ein Vergleich mit manchen Gebäuden von Romanzesu bei Bitti könnte auch helfen.

So oder so: Es braucht weitere Ausgrabungen, um das zu klären.

Santa Maria S’Ungroi (die Namensgebung der Heiligen Maria ist natürlich nur eine der üblichen späten Versuche, das Heidnische mit dem Christlichen zu verbinden und damit das Volk bei Laune zu halten) ist jedenfalls vergleichsweise gut erhalten und die kreisrunde Anordnung gut herausgearbeitet erkennbar:

Das Rund hat elf Meter Durchmesser und eine Nische aus Basaltblöcken. Eine Sitzreihe rundherum ist angebracht. Der Trachyt ist in klare Formen gehauen.

Das mit dem Wasserkult erklärt sich hier spätestens im Frühling, denn eine eigene Quelle fehlt hier. Dennoch floss Wasser. Mit einem kleinen Kanal und Einfassungen ist das sogar architektonisch abgebildet. Und warum sollte man das tun, wenn es keinen Sinn hatte?

Wir erinnern uns: Die Symbolik verarbeitete meist das Offensichtliche der Natur.

Eine Ader, ein Kanal aus Stein: Hier floss mit Sicherheit Wasser.

Wasser ist auf der Giara lebenswichtig – und alles Lebenswichtige war in alten Kulturen an Kulte geknüpft. Die Giara ist neben den kleinen Seen (Pauli genannt) voll mit kleinen Teichen, die teils auch den Weg abschneiden.

Einer ist genau hier. Auch das in unserer Neuzeit gebaute Aquädukt, das Wasser hinab in die Dörfer führte, wurde vermutlich genau deshalb hier positioniert.

Das Herz der Stätte schlägt bis heute, ihre Besonderheit ist spürbar. Auf jeden Fall für Ignazio. Ich glaub, er würde lieber heute als morgen genauer unter die Steine schauen.

Sie ist übrigens nicht nur für Archäologen, sondern auch für Geologen interessant. Basalt und Trachyt finden sich hier vereint. Der dunkle Basalt beweist die vulkanische Herkunft der Giara. 

Rosa – Trachyt, Dunkelgrau – vulkanischer Basalt

Der Trachyt, rosa schimmernd, stammt aus der Region und wurde heraufgetragen. In ihm sind Intarsien zu verzeichnen, die den wichtigen Charakter des Ortes unterstreichen.

In der Neuzeit ging man leider (wie so oft) etwas unsanft mit der Stätte um. Man nutzte verstreute Bauteile einfach beim Neubau eines Aquäduktes für die umliegenden Dörfer.

Ich nehme mir fest vor, im März-April noch einmal wiederzukommen. Im Frühling ist die Giara eh am schönsten.

Pauli Maiore im Frühling

Und außerdem war das ja auch noch nicht alles. Hier gibt es so viel zu entdecken!

Und nein, ich rede immer noch nicht nur über die Pferde.

Leben und Viehhaltung auf der Giara di Gesturì

Genauer: Das Leben von halbnomadischen Hirten mit ihren Schafen, Ziegen, Schweinen und Kühen. Das sich bis heute hält.

Die rund 2000 Hektar der Giara di Gesturì sind kommunalen Eigentums – und damit für alle Gemeindemitglieder nutzbar und zugänglich.

Gegen einen kleinen Obulus darf das Land auch für gewisse kommerzielle Aktivitäten genutzt werden. Darunter die Haltung von Tieren oder die Arbeit als Guida Ambientale.

Früher fand von und zur Giara di Gesturi eine kleine Transhumanz statt: der Weidewechsel gemäß der Jahreszeiten und der Fütterungsbedingungen.

Landwirtschaft und Viehhaltung betrieb man unten in den Ebenen. Die Menschen lebten dort. Wie schon zu nuraghischen Zeiten wohnt und lebt man heute in den Dörfern rund um die Giara. Oben war das, was besonders wertvoll und ihnen heilig war. Die Geschichte wiederholt sich.

Allerdings – und das knüpfte die heiligen Kulte damals eben an das praktische Leben – war unten irgendwann alles abgefressen und verbraucht.

Um das Land zu entspannen, brachte man die Tiere also hinauf auf die Giara. Vielleicht brachte man auch sich selbst hinauf, um neue Hoffnung, neues Leben zu finden, und den Göttern etwas Wasser und etwas Fruchtbares abzuringen.

Stall und Haus nebeneinander – so wohnten die Hirten früher

Auch auf der Giara gab es nicht exorbitant viel zu fressen, aber das Vorgehen, das die Menschen natürlich antrieb, hatte viele Vorteile. Vor allem für die Giara selbst.

Vor allem die heraufgebrachten Ziegen hielten den sottobosco frei, fraßen also alles, was unter den Bäumen wuchs und dann von unten auch die Bäume ab. Damit wurden Flächen offen gehalten, mehr Licht fiel auf das Land, dort wuchs wieder Kraut, der Kreislauf begann von neuem.

Mit so langem Dauerfraß war der neue Bewuchs nicht in allen Jahren gut verwertbar. Und doch trug die Haltungsform zur Biodiversität bei und schützte die Giara auf ihrem engen Raum bis heute vor Parasiten.

Im Hochsommer gab es auch auf der Giara wenig zu fressen – und die Pauli waren ausgetrocknet

Die Pferde fraßen im Frühling die Ranunkeln in den Teichen. Die sardischen Schafe und Schweine, im Allgemeinen anspruchslos, fügten sich gut ein, nahmen was da war und der Mensch ihnen gab.

Die einzigen, die zuviel fraßen, waren die Kühe. Auch deswegen ist ihre Haltung bis heute eingeschränkt.

Die Pferdchen übrigens, rund 500 wild lebende Tiere, sind ziemlich wählerische Fresser, haben heute eine Art Freifahrtschein. Früher wurden sie noch eingefangen und zur Feldarbeit heruntergeholt. Heute sind sie aber eben auch eine touristische Ressource – und dürfen bleiben.

Und wie alle Tiere gehen sie von allein auch nicht weg. Selbst nicht in kargen Jahren, die es immer wieder gibt. Sie könnten ohne weiteres hinunter in die Ebene laufen und dort fressen. Tun sie aber nicht. Sie sind extrem angepasst und fühlen sich hier oben sicher.

Auch, wenn sie mal sehr sehr mager sind, wird nur wenig zugefüttert, um auch dieses Gleichgewicht nicht zu stören. Das mag dem/der ein oder anderen, die nur gut genährte Ponys aus Reiterhöfen kennt, komisch vorkommen.

Doch auf der Giara geschah und geschieht vieles nach dem Lauf der Natur. Die Hirten lebten selbst halbnomadisch, auch die Tiere wurden und werden in halbwilder Haltung auf der Giara gelassen.

Lassen wir das einfach zu, auch wenn es anders ist, als wir denken.

Schweinestall auf der Giara

Und noch’n Exkurs … zur Biodiversität

Hat nichts mit Archäologie zu tun, ist aber ein weiteres nettes Kuriosum der Giara: Die kleinen Seen, Pauli, sind einem ständigen Wechsel ausgesetzt, da sie sich fast ausschließlich aus Regenwasser speisen, das auf dem Basaltboden nicht abfließen kann. Gleichzeitig trockneten sie schnell und ständig aus.

Dabei überlebten gewisse kleine krebsartigen Tierchen. Für uns Reisende unsichtbar und nicht halb so interessant wie die Pferde – aber wichtig für das ökologische Gleichgewicht und ein bedeutsames Element der Biodiversität der Giara.

Ignazio holt zu einem kleinen Exkurs über die Tierchen aus. Der weiß wirklich alles.

Mein Kopf ist allerdings schon voll – und so notiere ich nichts, höre ihm einfach zu und erzähle euch vielleicht ein anderes Mal davon.

Lepidurus apus – wichtiger Teil der Biodiversität auf der Giara

Also, spannend ist das alles schon. Wie alles zusammenhägnt, können wir uns zum Glück heute Dank der Wissenschaft gut erklären.

Damals, zu nuraghischen Zeiten, war es ein blindes Vertrauen auf die Kräfte der Natur und ein fast instinktives Verhalten, was richtig war. Beides ist richtig.

Für die wenigen Hirten von Gesturì ist die Nutzung der Giara ein Glücksfall. Für nur wenig Geld können sie hier etwas eigenes, etwas von Wert schaffen.

Die Ländereien der Marmilla, dem Landstrich, in dem wir uns befinden, sind frei von fremdem Eigentum. Keine fremden Besitzer großer Flächen, keine Intensivproduktion, auch nicht in den Ebenen.

Und am Ende sehe ich tatsächlich auch noch ein paar Pferdchen samt Fohlen.

Pferdchen mit Fohlen auf dem ausgetrockneten Pauli Oromeo: Die Zukunft wächst heran. Das Leben geht weiter. Die Geschichte wiederholt sich.

Archäologie: ein Blick ins Gestern, Heute und Morgen

Archäologie ist schon eine spannende Sache. Sie entzündet die Fantasie, lässt uns weit zurückblicken, verbindet uns mit der Vergangenheit, gibt uns eine Basis von der aus wir das Hier und Jetzt wertschätzen und gleichzeitig nach vorn schauen können.

Denn das alles sagt uns heute eigentlich nur eines: Die Giara war und ist ein wertvolles Stück Land auf Sardinien, das es zu schützen gilt.

Mir scheint, hier ist die Welt noch irgendwie in Ordnung und ich gehe zufrieden zurück ins Cortis Antigas auf ein entspanntes Glas Rotwein und plaudere noch ein wenig mit Ignazio.

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