Ein nebliger Abend, irgendwann im 11. Jahrhundert. Die Dunkelheit der Nacht kroch hinter den Bergen herauf und  junge Bischof Giorgio stand vor einer riesigen Felswand.

Felswand: Du kommst hier nicht durch!

Felswand: Du kommst hier nicht durch!

Hundert Meter hoch. Unüberwindbar. Sein Weg hatte ihn direkt davor geführt – und endete nun abrupt. Keine Alternative in Sicht. Fast hätte der Geistliche geflucht, aber man darf ja nicht …

Diese Bischofsweihe, mit nur 22 Jahren … erst hatte er sich ja gefreut, aber dann teilt man ihm die Diözese Barbagia und Suelli zu. Aus dem lebendigen und großen Casteddu (Cagliari) verschlug es ihn in das wilde Niemandsland. Sein Amt erforderte den Besuch aller Gemeinden. Das bedeutete: viele, lange Fußmärsche durch unwegsames, bergiges und waldiges Gelände.

Demut, Giorgio, Demut. Hat man ja so gelernt.

Er nahm die Aufgabe natürlich an. Und die war wirklich nicht einfach: Er sollte aus den Einwohnern der Barbagia Christen machen. Na vielen Dank auch, da kann man schonmal verzweifeln.

Dieser Teil Sardiniens ist seit der Nuraghenzeit bewohnt und man glaubte hier an eine ganze Menge. Ihre Kultur war durchaus werteorientiert, aber die Kirche hatte ein paar andere Vorstellungen und Weltbilder.

Die Bewohner waren ziemlich eigenwillig, und nach vier Jahrhunderten Christentum auf Sardinien musste Giorgio immer noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten.

Aber erstmal musste er überhaupt ankommen.

Tut sich die Erde jetzt auf?

Tut sich die Erde jetzt auf?

Von seinem letzten Aufenthalt in Seui aus hatte er schon gut 20 Kilometer hinter sich gebracht – auf ausgewaschenen, kaum befestigten Wegen, durch Täler, über Berge, durch Wälder und dichtes Gestrüpp.

Mit Einbruch der Dunkelheit wurde das Territorium kaum erkennbar, und manche Wege verloren sich einfach im Wilden.

Seiner endete vor einer Wand, die sagte: „Du kommst hier nicht durch.“

Aber was so ein echter Gottesmann ist, und einen guten Draht nach oben hat – den hält so ein bisschen Stein ja nicht auf. Klettern war keine Option, also musste ein Wunder her. Sowas finden die Leute ja auch immer gut.

Der Bischof vertiefte sich in ein Gebet und schloss darin alle armen Wanderer ein, die hier so kurz vor dem Ziel nicht weiter kamen. Dann hob er die Augen zum Himmel und – frei nach Moses, der einst die Wasser teilte – rief er in die Nacht vermutlich irgendetwas ähnliches wie:

„Brich‘ auseinander und gib‘ mir den Weg frei!“

Der Legende nach tat die Wand aus Kalk- und Dolomitgestein ihm diesen Gefallen.

Felsen brachen auseinander, eine Schlucht entstand und gab den Weg frei. “Sa Brecca ‘e Usala” nennt man die Wand heute. „Sa brecca“ bedeutet „Die Höhle“ oder „Das Loch in der Wand“ – und vermutlich ist das der Punkt, an dem das Gestein damals nachgab.

Der Weg war frei: Osini vecchio

Der Weg war frei: Osini vecchio

Auch eine Quelle tat sich auf. Berge in Sardiniens Osten sind häufig von Wasserläufen durchsetzt (wie z. B. im etwas nördlicher gelegenen Supramonte), und wenn da was auseinander bricht, dann tritt halt auch das Wasser an die Oberfläche.

Verwerfungen, Brüche und Erdrutsche sind nicht selten auf Sardinien und im gesamten Mittelmeerraum gibt es tektonische Aktivität – irgendwann brechen auch große Brocken, wenn sie lang unter Spannung stehen.

Ob sie das nun zufällig taten, oder tatsächlich der große Meister des Universums seine Finger im Spiel hatte, ist dem Wanderer heute eher gleich.

Dem Bischof damals nicht – die einzige Erklärung für ein solches Phänomen war ein Wunder. Basta. Das konnte er bei seinem Vorhaben der Christianisierung am besten gebrauchen.

Von oben gesehen: Passo oder Scala di San Giorgio

Von oben gesehen: Passo oder Scala di San Giorgio

Der Bischof weihte also den Ort und die Quelle dem Heiligen Georg, seinem Namensvetter, Ritter und Drachentöter. Geboren war der “Passo di San Giorgio” – der Pass des Heiligen Georg.

Dann schritt er auf dem neu entstandenen Weg hinunter in das nur noch zweihundert Höhenmeter entfernte Osini. Vermutlich mit einer Menge Pathos erzählte er den staunenden Bewohnern, was geschehen war.

Und das halbe Dorf ist sicher im Hellen direkt hinaufgestiegen und hat sich die neue „Abkürzung“ in Richtung Gennargentu, und die Quelle frischen Wassers angesehen.

Beides war extrem willkommen – für Hirten, die zur Transumanza mit ihren Herden aus dem Gennargentu und über die Hochebenen und schliesslich Ussassai und den Tacco di Brebeis (Berg der Schafe) in die Niederungen zogen.

Man war also begeistert, und der Erfolg des Bischofs in dem kleinen Dorf überwältigend. Die Christianisierung schritt schnell voran, und am Fuss des Berges wurde bald eine kleine Landkirche errichtet (von dem Aussichtspunkt Casteddu kann man sie sehen), die den seinen Namen trägt.

Blick auf Rio Pardu

Blick auf Rio Pardu

Und weil zwei Wunder besser sind als eines, und noch mehr Wunder noch viel besser, hat der Bischof Giorgio sein Talent weiter ausgelebt. Vermutlich war er selbst ziemlich beeindruckt von dem beeindruckenden Naturereignis.

Ihm werden zahlreiche Heilungen zugeschrieben, unter anderem soll er in Urzulei einen Blinden wieder sehend gemacht haben. Und irgendwann nach seinem Tod im Jahr 1127 sprach man auch ihn heilig.

Ob mit oder ohne Wunder – die Treppe, oder der Pass von San Giorgio ist ein sehr beeindruckender Platz.

Die kleine Serpentine, die von Osili hinaufführt ist manchen Autofahrern schon zu mühsam. Aber wer an das Mittelalter zurückdenkt, überlegt sich vielleicht nochmal, darüber zu jammern. Zu Fuß geht es natürlich auch hinauf – für alle, die dem alten Giorgio ein bisschen nachfühlen wollen.

Am Passo angekommen (eine Haarnadel-Kurve zwischen hohen Wänden), wartet jemand in einem kleinen Info-Häuschen und zwackt Euch für Erhalt und Pflege des von der Region Sardiniens geschützten Naturdenkmals einen symbolischen Obulus von EUR 1,50 ab.

Blick auf die Haarnadelkurve Passo San Giorgio

Blick auf die Haarnadelkurve Passo San Giorgio

Das ist für das, was getan werden müsste, viel zu wenig, aber sicher gut angelegtes kleines Geld und schadet niemandem.

Zwei Wege führen hinauf, um den grandiosen Blick auf die Schlucht und die Umgebung zu bekommen.

Den höchsten Punkt auf 900 m über dem Meer erreicht ihr über den Aufstieg “S’assa e su casteddu” (parete del castello, bedeutet in etwa „Burgwand“).

Ein wirklich grandioser Aussichtsplatz auf das Tal des Rio Pardu und auf das „alte“ Osini, das seit einer Überschwemmung im Jahr 1951 aufgegeben und sich selbst überlassen wurde.

Ein anspruchsvoller Pilgerpfad: Cammino di San Giorgio Vescovo

Wer dem alten Bischof Giorgio noch intensiver und vielleicht sogar auf eine spirituellen Ebene nachspüren möchte – und das nicht nur auf diesem kleinen Abschnitt sondern auf seiner ganzen Reise durch die Barbagia – dem sei der Pilgerpfad „Cammino di San Giorgio Vescovo“ ans Herz gelegt.

Blick auf Gairo St. Elena

Gairo St. Elena auf der anderen Talseite

Der ist natürlich nicht nur was für Geistliche oder Gläubige, sondern auch für Naturliebhaber und solche, die mit möglichst einfachen Mitteln eine der schönsten Ecken der Insel durchwandern wollen.

Der Pfad geht von Suelli bis nach Oliena (wahlweise Arbatax). Er ist nicht technisch anspruchsvoll, sondern wegen des Territoriums und der Abgeschiedenheit auf manchen Strecken, sehr intensiv. Der Mensch, der ihn allein geht, muss schon mit sich selbst klarkommen.

Langsamkeit ist hier Prinzip, nichts geht wirklich schnell, nie kommt man wirklich weit – aber wenn der gesamte Weg am Ende geschafft ist, weiss man was für einen Berg man geschafft hat. Hier die Etappen und Dörfer.

Es starten auch geführte Touren entlang dieses Weges, denen man sich anschliessen kann; mehr Informationen (in italienischer Sprache) über den Pilgerpfad www.camminodisangiorgiovescovo.it

Der „Normal- und Tageswanderer“ in Osini läuft von der Scala San Giorgio aus den Weg weiter auf die Hochebene, zur Nuraghe Orruttu und zum Nuraghenkomplex Serbissi.

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