Mamuthones e Issohadores: Blick in die sardische Seele

20. Oktober 2010 | Von | Kategorie: Barbagia, Nebensaison, Sardischer Karneval, Winter
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Mamoiada, Ortseingang

„I Sardi siamo noi“ – „Die Sarden, das sind wir.“ Das schwarze Schaf ist im Dorf der Mamuthones, in Mamoiada, und die junge Sardin, die das sagt, meint das so.

Der Blick lässt auch gar keine Diskussion entstehen.  Geboren und aufgewachsen in Mamoiada, einem kleinen, auf den ersten Blick schmucklosen und doch überaus typvollen Dorf in den Bergen der Barbagia, spricht aus der Frau wie selbstverständlich die uralte Seele des Landes. In dieser Region, in Zentralsardinien, leben Traditionen, Werte und Kulturen, die anderswo längst vergessen sind. Selbst die weiteren Regionen der noch so ursprünglichen Mittelmeerinsel, wie die Gallura oder gar die Hauptstadt Cagliari, die dem urbanisierten Festlandeuropäer schon sehr ursprünglich und wie aus einer anderen Zeit vorkommen, gelten hier als weniger sardisch. Das ist keineswegs abwertend gemeint: Die hier lebenden Menschen sind einfach selbstbewusst und verliebt in ihr Land, die Barbagia. Das nennt man wohl Zuhause.

Sa Rosada, Innenhof

Wir sind am Sonntag da, nachdem der erste Maskenumzug der Mamuthones e Issohadores bereits stattgefunden hat – wir haben nämlich heute erstmal die Sartiglia in Oristano besucht.

Vier Tage, vom Sonnabend bis zum „martedi grasso“, dem fetten Dienstag, feiert das Dorf – mal mehr, aber auch mal weniger urtümlich. Wir verbringen die Tage wieder einmal bei Augusto im Sa Rosada. Seine familiäre Pension in einem Haus des 18. Jahrhunderts an der Piazza d’Europa hat den Charme des Landes perfekt eingefangen: ein heimeliger Hinterhof, spärlich aber mit schönen Antiquitäten möblierte Zimmer, ein Restaurant, in dem gut und einfach nach alten sardischen Rezepten gekocht wird. Eine Bar, die sich als der Treffpunkt für alle Feiernden zu bald jeder Tageszeit herausstellen sollte. Augusto ist bemüht und der erste, der uns begrüßt, als wären wir schon hundertmal dort gewesen und als hätte er nur auf uns gewartet. Ein wunderschöner, heimeliger Ort.

Maskenumzug in Mamoiada

Wir erhalten zwei Ridotto: kleine Plastikbecher gefüllt mit Cannonau, dem kräftigen Rotwein der Region. Aus einem Liter können 16 dieser Becher gefüllt werden und wir erleben nach wenigen Stunden, wie schnell man auch mit diesen kleinen Mengen seine Sinne einbüßt. Wenn man nicht mitzählt.

Wer vollständig in die Kultur des Karnevals in der Barbagia eintauchen möchte, beginnt nicht erst in der Karwoche, sondern sucht sich bereits zum 17. Januar eine Bleibe. Am Tag des heiligen Sant’Antonio di Abate beginnt die Festzeit. Im Dorf werden mehrere Feuer entzündet, aus den Höfen strahlt der Feuerschein und dringen urtümliche Laute. Der nicht mit den Traditionen vertraute Gast steht daneben, staunend, mit einem Gefühl irgendwo zwischen Romantik und Ehrfurcht. Spätestens wenn die „Mamuthones e Issohadores“ zum ersten Mal seit dem vorigen Jahr in Erscheinung treten und durch die Straßen ziehen, ist man gefangen von der Leidenschaft der Menschen für ihre eigenwillige Kultur. Seine Bewohner stürzen sich in diese Zeit, als hätten Sie Ewigkeiten darauf gewartet.

Von dem Tag, da die Feuer entzündet wurden, dauert der Karneval bis zum „martedi grasso“. Der Karnevalsdienstag schließt um kurz vor Mitternacht mit dem Erscheinen des „Juvanne Martis Sero“. Zwischen diesen beiden Ereignissen liegt ein gut gefüllter Kalender mit Terminen und Veranstaltungen, mit denen man einen Blick abseits von allen touristischen Pfaden auf die sardische Kultur werfen kann.

Mamuthones e Issohadores

Szenerie mit Mamuthones

Der Mamuthone und der Issohadore sind zwei völlig unterschiedliche Figuren. Vielen Besuchern fällt schwer, eine Verbindung zwischen ihnen herzustellen. Die Figuren existieren nebeneinander in ihrer jeweiligen Einzigartigkeit, ohne aber auf die jeweils andere Figur verzichten zu können. Viele halten den Mamuthone zunächst für ein Tier und glauben, der Issohadore sei da, es zu fangen oder zu dressieren. Das ist falsch und wird bei einem intensiveren Blick auf beide Figuren deutlich.

Der Mamuthone hat scheinbar etwas Unzivilisiertes an sich: Eine dunkle Maske, ein zotteliger Pelzumhang und seine wilden Tänze und Bewegungen lassen die Vermutung, es handele sich um ein animalisches Wesen, naheliegen. Doch wer genau hinsieht, entdeckt in erster Linie ein Menschengesicht, ein Kopftuch, das die Landfrauen tragen, eine Arbeitshose der Männer aus schwerem, dunkelbraunen oder schwarzen Stoff und damit die Kleidung des sardischen Volkes, der ländlichen Gegend, der Hirten und Feldarbeiter. An das Tier erinnert der Mamuthone auch mit seiner schweren Last, dem zwischen 20 und 30 kg schweren Glockenschmuck, die er feierlichen und kräftigen Schrittes („ai passi del boe“ – mit den Schritten des Ochsen) durch die Straßen des Dorfes. Ein Symbol dafür, wie hart und mühevoll die Arbeit hier ist – und wie sehr sie gleichzeitig wertgeschätzt wird.

Einen eindrucksvollen Kontrast bilden dazu die lebendigen Farben und der flinke Schritt der Issohadores. Die Figur trägt ein leuchtend rotes Jacket aus Baumwolle, um das ein Riemen (ledern oder aus Stoff) mit Glöckchen gebunden ist, dazu eine weiße Hose und schwarze Reitstiefel. Um die Hüfte ein blumenbesticktes weißes oder schwarzes Tuch gebunden und einen schwarzen Mütze auf dem Kopf, gebunden mit einer Schleife. Sie tragen Seile und damit fangen sie nicht die Mamuthones, sondern die Zuschauer am Straßenrand, vorwiegend Frauen. Sie werden immer wieder freigegeben. Einer der Issohadore führt die Ungleichen an und gibt den Takt vor. Er ist die Verbindung zwischen den beiden tanzenden Gruppen.

Aus diesen beiden Gruppen entsteht eine irreale Atmosphäre, die alte Symbole an heidnische Kulte in Erinnerung zurückruft und die Besucher in ihren Bann zieht. Die Theorien, die am meisten Anerkennung finden, gründen sich auf Riten aus dem Dionisos-Kult. Immer geht es auch um den Kampf zwischen Gut und Böse. Wie in vielen Kulturen dieser Welt wird auch mit diesem Fest das Ende des Winters und die Ankunft der schönen Jahreszeit gefeiert. Auch wir fühlen sie ankommen, noch bevor wir sie sie sehen können und noch während wir in der kühlen Berggegend leicht frösteln. Sardinien, Mittelmeer – das ist in unserem Kopf immer noch mit Sonne, Wärme und Meer verbunden. In Mamoiada müssen wir uns mit maximal 10 Grad bei einem leichten Wind und hoher Luftfeuchtigkeit arrangieren.

Und doch macht unser Herz einen Sprung und es scheint kein Zufall, dass noch viele weitere Besucher ihren Weg in das kleine Dorf Mamoiada finden. Jetzt, wenn die Mamuthones und Issohadores ihren lang geplanten Ausflug machen und durch die engen Gassen tanzen, werden sie von einer immensen Besucherzahl begleitet. Und alle merken, dies wird ein einmaliges Erlebnis. Es ist stark, die Figuren können Angst machen, die Szenerie wirkt in der grauen Wirklichkeit der Berge unheimlich und eindrucksvoll.

Das Dorf der Mamuthones: Mamoiada

Auf der Straße, die durch das alte Dorf führt, ist in dieser Zeit nur Fußgängerverkehr zugelassen. Wie bereits in den Tagen zuvor, öffnen die Familien auch am letzten Tag des Spektakels, dem Karnevalsdienstag, die Tore ihrer Garagen und Geschäfte. Die Hausherren und -frauen verkaufen Selbstgemachtes zu wunderbar moderaten Preisen. Die Kälte der Berge zieht in das Dorf, alle fänden schöner, wenn die Sonne schiene. Aber immerhin regnet es nicht, freut sich das Dorf. Wir suchen weiter nach Wärme.

Um 16 Uhr soll der Umzug der „Mamuthones e Issohadores“ beginnen, der Grund unseres Hierseins. Jetzt ist es kurz nach drei. Also nehmen wir das gastfreundliche Angebot an und trinken einen „caffé a mendule“, einen Espresso mit Mandelsirup. Der Geschmack erinnert sofort an Nuss- oder Marzipaneis und trotz des ungemütlichen Klimas ist für kurze Zeit Sommer.

Von dem Platz vor dem Rathaus dringen seltsame Melodien, zu denen der „ballo sardo“ getanzt wird. Wir laufen den Tönen entgegen und entdecken einen Musiker mit Ziehharmonika, umringt von einer Menschenmenge, einige tanzend, alt und jung. Wieder zieht es uns in die nächstbeste geöffnete Tür. Hier wohnt ein Jäger und bietet uns fast zum Selbstkostenpreis ein Brötchen mit gekochter, körnig zerfallener Salsiccia an. Einfach und großartig. Dazu passt perfekt ein Ridotto. Natürlich ein Cannonau aus eigenem Anbau.

Seit einigen Jahren hat sich die Gewohnheit eingebürgert, sowohl am Montag als auch am Dienstag der Seite des historischen Karnevals, „i piccoli“, den Kindern zu erlauben, ebenfalls als „mamuthones e issohadores“ gekleidet durch die engen Straßen des Dorfes zu ziehen. Sie geben dem Dorf die Hoffnung, dass ihre Traditionen so schnell nicht aussterben werden.

Dafür wird auch der ortsansässige Karnevalsverein sorgen. Mehr als unsere neuzeitlich-politischen Vereine in deutschen Karnevalshochburgen, sind sie ganz den uralten Werten verpflichtet. Hier und heute geht es weniger um Politik – auch wenn Sozialkritik nicht zu kurz kommt – sondern mehr um das Bewahren des Alten und des Guten, der sardischen Traditionen und die Rückbesinnung auf all das, was das die sardische Seele ausmacht.

So sind diese Tage in Mamoiada dicht angereichert mit kulturellen Veranstaltungen, die sich um das Leben vor Ort drehen. Seien es Ausstellungen im Maskenmuseum oder die nicht zu verpassende Preisverleihung des „mamuthone ad honorem“, die am Sonntag im Saal des Gemeinderates stattfindet. Am Dienstag, wenn sich der Sonntagsumzug der Mamuthones e Issohadores wiederholt, folgen ihnen Gruppen in traditionellen sardischen Gewändern oder in Verkleidungen und lustigen geschmückten Wagen.

Wir lassen uns treiben und gegen Mitternacht werden wir erneut überrascht. Ein Eselskarren, gefahren von einem jungen Mann des Dorfes, sein Gesicht schwarz gemalt, zieht durch das Dorf. Hinten auf dem Karren liegt Juvanne Martis Sero, die Schlussfigur des Karnevals in Mamoiada. Er wird von den Einwohnern zutiefst bedauert, weil er das Ende des Festes symbolisiert. Er ist das Symbol für den sterbenden Winter. Um diese kleine Szene herum tanzen andere auf der Piazza di Municipio und lassen sich in die Nacht und das nun wieder folgende normale Leben treiben. Bevor nun auch die liturgische Fastenzeit bis Ostern beginnt, wird mit der Ausgabe von „fave e lardo“, einem Gericht aus dicken weißen Bohnen gekocht mit fettem Schweinefleisch und Schwarte, eingeläutet.

Irgendwo, zwischen intensivem Feiern und tiefer Besinnung endet die Innenschau der besonderen Art. Mamoiada kehrt zurück zu seinem Tagesgeschäft. Seine Besucher sortieren diese Eindrücke zu ihren Urlaubserinnerungen und fühlen: Hier haben wir in Sardiniens Seele geblickt.

Impressionen unseres Besuches bei den Mamuthones e Issohadores

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2 Kommentare auf "Mamuthones e Issohadores: Blick in die sardische Seele"

  1. sigrid sagt:

    liebes chef-schaf,
    danke für den schönen bericht.
    nun habe ich wieder ein klein wenig mehr der sardischen kultur verstanden, ein paar puzzelteile haben ihren platz gefunden, vielen dank!
    sardinien ist eine insel, die mich, je mehr ich erfahre, desto mehr fasziniert. eines tages möchte ich gerne zur fastnachtszeit hier sein und dein bericht animiert mich, dann im kleinen dorf mamoiada zu sein, wenn der winter verabschiedet wird.

    • admin sagt:

      Das freut uns so richtig, vielen Dank! Und die Reise wird sich ganz bestimmt lohnen! Nehmt aber ausreichend warme Sachen und noch einen Schlafsack mit, dann kann nichts schiefgehen 🙂

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