Der Sternenritt, »La Corsa alla Stella«. Für viele Besucher ist die Sartiglia einfach nur eine Art schönes Ringreiten mittelalterlichen Ursprungs, bei dem der Reiter im gestreckten Galopp einen an einem Band hängenden Stern mit einem Degen aufspießt.

Einigen entgeht schon, dass gleichzeitig in der Stadt ein akrobatisches Spektakel stattfindet: die »Pariglie«, bei der drei Reiter (natürlich ebenfalls im Galopp) Pyramiden und Figuren auf dem Rücken ihrer drei Pferde bilden.

Der Ort des Geschehens: Oristano, genauer: der Sternenritt findet in der Via Duomo und die Pariglie in Via Mazzini statt. Zeitpunkt: am letzten Sonntag und Dienstag des Karnevalszeit (montags reiten die Kinder).

Man könnte nach dieser Beschreibung aufhören zu erklären und einfach ein schönes Fest erleben.

Doch wie immer steckt viel mehr dahinter…

...im gestreckten Galopp

…im gestreckten Galopp

Die Sartiglia und ihre Geschichte

Einen ersten Hinweis auf das Alter des Festes erhalten wir von der Fondazione Sartiglia, die im Jahr 2010 den 545. Ritt stattfinden ließ – was auf ein erstes Fest im Jahr 1465 hindeutet, wenn es denn jährlich stattfand. Anderenfalls ist es natürlich noch älter.

Die älteste urkundliche Erwähnung der Sartiglia in Oristano findet sich in einem Dokument aus dem Jahr 1546, das ein Fest namens „Sortilla“ zu Ehren des Königs Carlo V. beschreibt. Das Wort „Sartiglia“ stammt aus dem Spanischen, dessen Ursprung wiederum steckt im lateinischen „sorticola“, was neben „Ring“ auch „Glück“ oder „Schicksal“ bedeuten kann und gleich auf zwei Elemente des Festes hindeutet: den Stern, durch dessen inneren Ring die Reiter mit ihrem Degen stechen und das Omen für eine gute oder schlechte Ernte, wenn der Anführer des Turniers, Su Componidori, trifft oder eben nicht.

Die Reiter stammten stets aus einem von zwei Gremien. Die „falegname“, die Tischler, produzierten die Degen aus Holz, mit denen der Stern aufgespießt wurde und die „contadini“, die Landwirte, stellten das Land, auf dem der Wettkampf ausgeführt wurde. Keine Rivalität, sondern ein gemeinsamer Kampf um das Überleben und eine gute Ernte – und nicht zuletzt eine gemeinsame Demonstration des sprichwörtlichen Stolzes des sardischen Volkes, auch gegenüber ihren Besatzern.

Die Kirche befürwortete und unterstützte das Spektakel, da sie meinte, dass es das ungezähmte Volk an der Sünde hinderte. Einige der wesentlichen Bestandteile sind auf die spanischen Besatzer zurückzuführen, die aber keinesfalls die Erfinder der Sartiglia sind. Turniere dieser Art wurden im Mittelalter in ganz Italien abgehalten, vermutlich zuerst verbreitet durch die Kreuzritter.

Heute ist die Sartiglia in Oristano in ihrer speziellen Ausführung in Europa fast einzigartig. Die Organisatoren streben eine Anerkennung als Weltkulturerbe an. Die Sarden sind pferdelieb und das Fest erfreut sich zunehmender Beliebtheit. Das ist auch an der Zahl der aktiven Teilnehmer abzulesen: Zu Beginn waren es zwölf Reiter, die die besondere Ehre hatten, an dem Sternenritt teilzunehmen. Mittlerweile zählen sie fast das Zehnfache – auf der Startliste stehen jedes Jahr weit über 100 couragierte Reiter und Reiterinnen.

Der Componidori (sard.: Su Cumponidori)

Der erste Reiter der Sartiglia: Su Componidori

Der erste Reiter der Sartiglia: Su Componidori

Die Bezeichnung für die Autorität des Festes, den Sternenreiter, stammt ebenfalls aus dem Spanischen, vom historischen Begriff „Componedor“. Auch er ist ein Zeuge des aragonesisch-katalanischen Erbes an der sardischen Westküste. Der Componidori ist die Autorität, der Anführer des Reiterfestes, stets elegant in die Gewänder des katalanischen Fürstenhauses Arborea gekleidet.

Der Teil der sardischen Geschichte unter spanischer Besatzung ist an sich nicht rühmlich, aber wenn heute ein Sarde in der fürstlichen Kleidung ihrer ehemaligen Herren ein solch fröhliches Fest anführt, ist das nichts anderes als eine Demonstration von Stärke und einem glücklichen Ausgang der Geschichte. Der Componidori trägt eine schlichte Maske, die ihm etwas Göttliches verleiht. Man nennt ihn auch den „König des Frühlings“.

Mit seiner Geschicklichkeit, den Stern zu treffen, sorgt er für eine gute Ernte in der Region. Das Volk seinerseits erwartet sehnsüchtig „La Benedizione“, eine Segnung, die der Componidori mit einem veilchenverzierten Stab ausführt. Dessen Bezeichnung „sa pipia de maiu“ (in etwa „bambina di maggio“ bzw. „Kind des Mai“) symbolisiert die fruchtbare Erde, das Wachstum, die gute Ernte und soll seinen Ursprung in einem sehr frühen Fruchtbarkeitsritus der Insel haben. Die Maske lässt keinen Schluss auf das menschliche Gesicht seines Trägers zu.

Auch wenn wir wissen, dass der Reiter oft männlich ist – eine Ausnahme gab es zum Beispiel 2013: Valentina Uda ist eine der wenigen Amazonen, der diese Ehre zuteil wurde. Die Maske ist bewusst androgyn und ohne Mimik. Auch dies ein sehr präsenter Zeuge der alten Fruchtbarkeitskulte und ein Symbol für das gleichzeitige Vorhandensein von Männlichkeit und Weiblichkeit als Notwendigkeit für den Fortbestand des Lebens.

Zaumschmuck der Pferde

Zaumschmuck der Pferde

Ist die Maske des Componidori erdfarben, stammt der Reiter aus der Gruppe der Landwirte („Componidori Gremio dei Contadini“). Ist sie elfenbeinfarben, stammt ihr Träger aus der Gruppe der Tischler und Handwerker („Componidori Gremio dei Falegnami“).

Doch nicht nur die Maske ist der Grund für seine besondere Stellung. Bereits dem Moment seiner „Vestizione“ wohnt etwas Heiliges inne, der Besucher spürt das und sieht dem Ritual gebannt zu. In sardische Tracht gekleidete Frauen, die „Massaieddas“, angeführt von der „sa Massaia manna“, legen ihm langsam, mit sehr viel Sorgfalt die Maske und die fürstlichen Kleider an. Die alte Tradition liegt in jeder Minute in der Luft. Ein Getränk wird ihm gereicht, das göttliche Kraft verleihen soll.

Das elegant geschmückte Pferd wird herangeführt. Mehr als alle anderen spürt das Tier die Aufregung, die um seinen Reiter herrscht. Es fühlt die neue Macht, die er heute trägt und ausstrahlt. Heute ist alles anders als sonst. Es scheut, als er in den Sattel gehoben wird. Doch er hält das große und elegante Vollblut im Zaum.

Von dem Moment an, da er maskiert ist und auf dem Pferderücken sitzt, darf er bis zum Ende des Festes den Boden nicht mehr berühren. Er wird eins mit dem Pferd und sein gottähnlicher Habitus macht auch den Vierbeiner zu etwas Besonderem.

Die Pariglie

Alle Reiter gewinnen an diesem Tag an Ansehen. Alle sind maskiert. Einige tragen den schlichten dunklen Anzug der sardischen Landbevölkerung, die anderen eine bunte Tracht ihres Heimatdorfes, ganz gemäß ihrer Herkunft und Tradition.

Diejenigen, die den Stern zu treffen suchen, sind die einen. Aber auch denjenigen, die sich in halsbrecherischen Formationen auf dem Rücken ihrer Pferde versuchen, zollen die Zuschauer ihren Respekt und Applaus.

Die sogenannten „Pariglie“ fanden früher außerhalb der Stadttore statt. Heute markiert der alte „Torre Mariano“ den Beginn der Via Mazzini, die für das Spektakel mit Sand aufgeschüttet wird. Die Reiter starten hinter einem alten Tor und spornen ihre Pferde an. Man sagt, sobald sie hier hindurchreiten, sei ihr wilder Ritt gesegnet.

Pariglie

Rasante Pariglie

Drei Pferde starten nebeneinander, zuweilen mit einem Seil verbunden, das durch den Zaum gezogen wird. Im gestreckten Galopp geht es die Via Mazzini entlang, die drei Reiter formieren so schnell und so spektakulär wie möglich eine akrobatische Figur auf dem Rücken der Pferde. Eine eindrucksvolle Demonstration von Mut, Können und Geschicklichkeit.

Auch der Componidori nimmt an den Pariglie teil. Mit ihm starten der „Segundu Cumpoi“, der dem Anführer den gesamten Tag über folgt (er ist auch der Zweite des Sternenritts), ihm behilflich ist und ihm zur Seite steht. Er reitet stets rechts von ihm; die Pariglie formieren sie zusammen mit „Su Terzu“, dem Dritten im Bunde.

Während sich die meisten Pariglie möglichst spektakulär und gekonnt in der Formation präsentieren, gilt es den Componidori zu schützen und heil über das Geläuf zu bringen. So sitzt oder steht er in der Eröffnungsrunde einfach auf seinem Pferd und wird von den anderen gehalten. In der Schlussrunde liegt er auf dem Pferderücken und segnet mit seinem Blumenstab erneut das Volk. Ein wahrer Held.

Viele Monate vergehen, bis eine solche Formation funktioniert. Für alle Reiter dauert die Vorbereitung auf das Fest insgesamt fast das ganze Jahr. Zunächst braucht man ein Pferd und Freunde, auf die man sich verlassen kann. Das müssen Leute sein, die die Reitkunst beherrschen. Hat man das gefunden, ist es harte Arbeit, die akrobatischen Figuren zu üben und vor allem die Pferde auf das Geschehen auf ihrem Rücken und das laut jubelnde Volk in der überfüllten Stadt vorzubereiten.

Der Sternenritt

An der Hauptattraktion, dem Sternenritt, hing früher das Schicksal des ganzen Volkes. Vor der „Cattedrale di Santa Maria Assunta“ ist der Stern aufgezogen. Wer ihn trifft – allen voran der Componidori – sorgt für eine reiche Ernte und sichert den Wohlstand der Stadt. Das erhöht den Druck auf die Reiter – in früheren kargen und abergläubischen Zeiten sicher noch mehr als heute.

Sternenreiter der Sartiglia

Sternenreiter der Sartiglia

Doch Ruhm und Ehre des Reiters hängen auch in modernen Zeiten von diesem einen Erfolg ab, der so einfach aussieht und doch so schwer zu erreichen ist. Doch hier reitet keiner auf Nummer Sicher. Hier wird nicht detailliert Maß genommen, weder langsam noch vorsichtig das Ziel anvisiert. Das Pferd wird nicht beruhigt, um möglichst sicher im Sattel zu sitzen.

Hier herrscht nur Ruhe vor dem Sturm. Tönen die Fanfaren, wissen alle: Jetzt geht es los! Das aufgeregte Pferd wird bereits auf den ersten paar hundert Metern zu einer starken Galoppade angetrieben und im enormen Tempo auf die Gerade vor der Kirche gelenkt.

Der Moment größter Anspannung und Konzentration beim Reiter, Glück und Geschicklichkeit müssen jetzt seine Gefährten sein. Für alle, die vom Componidori erwählt wurden, ihr Glück am Stern zu versuchen, ist die Jagd auf den Stern eine außergewöhnlich emotionale Erfahrung, die in dem Moment explodiert, wenn der Ring durchstochen ist und auf dem Degen des glücklichen Reiters steckt.

Weiter geht es unter dem tosenden Applaus des Volkes, der Jubel lässt das Pferd noch schneller werden.

Reiter mit Degen

Reiter mit Degen

Am Ende der mit Sand aufgeschütteten „Via Duomo“ haben die Gewinner die Ehre, noch einmal umzukehren und gemächlich zum Start zurückzutraben, den Stern auf ihrem Degen zu präsentieren und in ihrem Ruhm zu baden, während die Trommeln und Trompeten nur für ihn spielen. Den kleinen silbernen Stern, den sie als Zeichen der Anerkennung ihres Erfolges erhalten, tragen viele stolz ihr Leben lang bei sich.

Die Gefahr

Manch Pferdefreund wird beim Anblick der Vollblüter nicht nur warm ums Herz, sondern auch ein wenig angst um die Tiere. Nur noch selten sieht man die kleinen aber ausdauernden Pferde der Landbevölkerung. Vielmehr als früher sind hoch gezüchtete und empfindliche Heißsporne anwesend. Auch unter ihnen finden sich zarte Gemüter, die den gesamten Tag in einem hoch aufregenden Umfeld nur schwer durchstehen.

Stolze Hengste werden präsentiert und zuweilen noch unberechenbarer, als sie bereits von Natur aus sind. Aufgeregte Stuten und furchtsame Wallache können scheuen. Als sensibles Fluchttier kann jedes Pferd Applaus, Jubel und Aufregung als Gefahr begreifen.

Vorsicht ist am Rand des Geschehens immer geboten: Es sind bereits Tiere gestürzt, haben einen Herzinfarkt erlitten oder haben sich und Zuschauer, die unvorsichtig an oder auf der Strecke standen, verletzt. Auch zu schweren Unfällen ist es in der Vergangenheit gekommen, das darf man bei all der Fröhlichkeit nicht vergessen.

Wir glauben aber sicher, dass alle Teilnehmer neben dem Stolz auch eine gewisse Zuneigung und ein grundsätzliches Gespür für ihr Pferd und seine Fähigkeiten haben. Der Tierarzt ist ständiger Begleiter des Festes und kontrolliert den Zustand der Pferde. Und doch bleibt eine Restgefahr, da Tiere eben nicht vernünftig handeln.

Der Besucher ist daher unbedingt aufgerufen, sich vorsichtig zu verhalten, die Tiere nicht noch zusätzlich zu irritieren, bei Übergängen über die Piste sehr vorsichtig zu sein und immer auf die Ordner und die Trompeten, die die nächsten Reiter ankündigen, zu achten. Lieber einmal mehr umsehen als zuwenig: Pferde sind schneller, als man denkt und bei dem enormen Tempo, das sie hier gehen müssen, sollte sich kein Mensch in ihrem Weg befinden.

Wir wünschen uns für eine gelungene Sartiglia, dass alle Teilnehmer – Reiter wie Besucher – den Traditionen und den Tieren mit dem notwendigen Respekt begegnen. Dann wird das jahrhundertealte Reiterfest auch heute noch zu einem wunderschönen und unvergesslichen Spektakel!

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