Auf rund 800 Metern Höhe ist es auf Sardinien im Winter vor allem eins: kalt. Ich spüre das an diesem Tag nicht. Nicht nur, weil auch die Sonne scheint. Die Szenerie ist so speziell, dass ich schlicht vergesse, zu frieren: Da sind zwei stattliche Ochsen im Weinberg, die einen Pflug ziehen. S’Aratura a buoi nennen sie das in Mamoiada.

Ich habe das Glück, diese uralte Tradition, ein landwirtschaftliches Ritual, zu beobachten, das bis in die heutige Zeit überdauert hat.

S’Aratura a buoi – das Pflügen mit Ochsen im Weinberg, vor allem an alten Lagen in Mamoiada

Tatsächlich bin ich mir nicht sicher, ob ich wirklich im 21. Jahrhundert bin. Vielleicht ist dies ja auch das tiefe Mittelalter? Oder die Zeit der nuraghischen Kultur, als die Menschen auf Sardinien ihr Nomadentum aufgaben und sesshaft wurden? Das ist durchaus möglich, denn der Weinbau auf Sardinien ist tatsächlich so alt – Funde in nuraghischen Dörfern aus der Bronzezeit belegen dies.

Natürlich sind der Klang der Erde, wie sie aufgebrochen wird, und das dumpfe Stapfen der Ochsen im Weinberg noch genauso wie vor Urzeiten.

Aber da ist auch das Heute. Da steht ein unübersehbares Windrad hinter dem Weinhang, als unmissverständliches Zeichen, dass man auch hier an die Erneuerbarkeit und die Zukunft denkt.

Tradition und Zukunft: Ochsen im Weinberg vor Windrad.
Tradition und Zukunft: Ochsen im Weinberg vor Windrad.

Eine Drohne fliegt über die Szene. Da stehen ein Haufen Leute vor dem kleinen zweckmäßigen Unterstand und werden mit Cannonau bewirtet. Einige sind gar in pinken Hosen und neonfarbener Trekkingklamotte gekommen. Auch das sehr “heute”.

Ich höre Lachen und Stimmen. Nichts anderes durfte ich erwarten. In einer Weinlage auf Sardinien fehlen niemals Wein und Geselligkeit!

Das Weingut Cantina Canneddu hält, was Mamoiada und Sardinien versprechen: ehrlich gelebte Gastfreundschaft aus Tradition (mehr Informationen zum Weingut weiter unten). Und immer etwas ganz Besonderes parat zu haben.

Das ist in diesem Fall auch, aber nicht vordergründig, der Wein.
Sondern ebendiese uralte, landwirtschaftliche Tradition.

Das traditionelle Pflügen mit Ochsen im Weinberg

Das Pflügen von Weinbergen wird heute auch auf Sardinien in den meisten Fällen mit Traktoren und modernem, schweren Gerät erledigt. Einige ebenerdige Bioweingüter nutzen Pferde.

Natürlich ist beides in normalen Lagen einfach und warum sollte sich der Mensch das Leben nicht leicht machen, wo es geht. Der Qualität tut es keinerlei Abbruch.

Ochsen vor dem Weinhang – im Hintergrund das Dorf Mamoiada

In diesen über achtzig Jahre alten Reihen in Mamoiada ist aufgrund der engen Anordnung und der unregelmäßigen Lage nicht möglich, mit schwerem Gerät hindurchzugehen. Auch der Wert der alten Rebstöcke erfordert sehr viel Vorsicht und Umsicht.

Und so setzt man Ochsen im Weinberg ein. Das klingt vielleicht wenig effizient. Für das Pflügen mit Ochsen geht selbst an so einem kleinen Hang schon mal ein Wochenende ins Land. Auch habe ich erst gedacht: Ochsen sind doch ein bisschen grob, oder nicht? Doch sie gehen mit natürlichem Instinkt durch die Hänge und nicht starr linear voraus. Sie achten auf ihre Umwelt.

Also, Effizienz ist nicht alles. Im Gegenteil, denn man weiß um die Vorteile von Ochsen im Weinberg.

Warum das Pflügen mit Ochsen im Weinberg?

Der Boden um die Reben wird so auf sehr natürliche Weise aufgelockert und Sauerstoff gelangt an die Wurzeln.

Beim Pflügen mit Ochsen ist der Boden hinterher – im Gegensatz zur mechanischen Bearbeitung, die ihn verdichtet – durchlässiger für Regenwasser. Und Regen wird auf Sardinien immer rarer.

Einige Weinbauern in Mamoiada verzichten gerade bei sehr alten Hängen, die es nicht anders gewohnt sind, dennoch auf künstliche Bewässerung, damit die Mineralien einen noch stärkeren Eindruck im Wein hinterlassen. Und dann ist es umso wichtiger, jede Feuchtigkeit einzufangen und direkt an die Pflanzen zu leiten.

Auch im Weingut Canneddu setzt man auf diese natürliche Methode des Pflügens mit Tieren.

Das Pflügen mit Ochsen im Weinberg ist mehr als eine landwirtschaftliche Technik

Die beiden Ochsen / buoi aber auf eine „Methode“ zu reduzieren, würde ihnen keinesfalls gerecht werden: Grassiosu und Amorosu sind zwei echte Prachtexemplare.

Erst dachte ich: Den einen den „Graziösen“ und den anderen den „Liebevollen“ zu nennen, ist mindestens ironisch.

Wunderschöne Tiere: Grassiosu und Amorosu

Mit der Zeit, in der ich ihnen zusehe und die irgendwie sehr langsam vergeht, werden die Namen wundersamerweise immer passender.

Die schweren Ochsen gehen mit einer Sanftheit und Anmut durch die Weinreben, die ich ihnen niemals zugetraut hätte – immerhin wiegt jeder von ihnen rund 600, 700 Kilogramm. Einzelne Stiere der Rasse sarda-bruna erreichen auch ein Lebendgewicht von 750 oder 800 Kilo.

Im lokalen Sprachgebrauch werden die Tiere auch Sos Voes genannt und als Gespann: Su Juvu – nach dem Joch.

Ebenjenes Joch zu nutzen, erfordert Erfahrung, Wissen, Übung und Geduld. Und eine enge Beziehung zu den Tieren. Diese Beziehung wirkt auf manch Außenstehende/-n zunächst wenig liebevoll, ja gar etwas ruppig.

Aber es ist genau wie mit den Namen: Sie erschließt sich einem erst bei genauem Hinsehen und Hinhören auf die Zwischentöne. Sie basiert auf Vertrauen und das braucht nicht viele Worte.

Die Ochsen lassen sich das Holzjoch auflegen und mit Lederbändern und Seilen festbinden.

Geduldig warten die Tiere, als das Joch aufgelegt wird

Langsam schreitet das Trio aus Ochsen und Hirte durch Reihen voran und folgen den knappen Rufen und klaren Anweisungen, während er den Pflug hält. Sie kennen seine Rufe und hören auf ihn.

Es klingt fast wie eine Art Mantra. Vielleicht gar nicht so falsch, um diese anstrengende Arbeit stundenlang zu verrichten: Zumindest ist der Mann nicht mehr der Jüngste.

Aber wie seine Ochsen geht er unbeirrt weiter. Langsam. Schritt für Schritt. Reihe um Reihe.

Mich fasziniert die Achtsamkeit der Tiere: kein falscher Tritt, kein Sprung zur Seite, keine Rebe wird verletzt. Der Mensch hingegen tritt ein paar Mal daneben, weil die Ochsen zu schnell werden und ihm die Kraft fehlt, den Pflug gerade zu halten.

Je langsamer die Ochsen gehen, desto besser ist das gemeinsame Ergebnis. Die beiden Jungs machen das gut und horchen auf die Kommandos, und werden – vielleicht dem Hirten zuliebe – langsamer.

Er benutzt die Peitsche – einen Stock mit langem Lederband. Aber er trifft die Tiere nicht, und wenn doch, merken die beiden das kaum.

Amorosu verzieht jedenfalls keine Mine. Es ist mehr das Geräusch, das sie vorantreibt, kein Schmerz. Eine Frau wendet sich trotzdem ab. Der Ochse tut ihr leid. Sie hat da was nicht verstanden. Wenn es Rindern irgendwo gut geht, dann hier.

Nach einigen Reihen gönnt er den Ochsen und sich selbst eine kleine Pause. Die Arbeit ist anstrengend.

Die Ochsen dreht der Mann am Ende der Reihe um und lässt sie dann einfach stehen.

Nicht festgebunden, nichts.

Das Joch schaut teilnahmslos in die Ferne und bewegt sich keinen Zentimeter.

Pause.

Er trinkt einen Becher Wein, beantwortet einige Fragen, ist nett, aber eher wortkarg. Dann setzt er sich still an die Seite.

Wieder kann ich mir gut vorstellen, dass das ganze Geschehen eigentlich etwas Meditatives hat.

Wir Gäste, die von aussen kommen, und das alles nicht kennen, könnten es als „Travel Experience“ missverstehen und die wirklich tollen Momente verpassen, weil sie irgendwie „langweilig“ sind und gefühlt nichts passiert.

Für mich ist genau das das Erlebnis. Anders, als es der landläufige Sardinienurlauber oder Influencer es erwarten würde. Die Ochsen sind schon beeindruckend und ich genieße die Ruhe.

Erst, als ihr Herr wiederkommt und sie auffordert, setzen sie sich in Bewegung und ihre Hufe wieder in die Erde.

Das alte Holzjoch beginnt wieder zu ächzen und der Pflug macht sein Wellengeräusch.

Nachhaltiger Weinanbau – wie in den guten, alten Zeiten

Nachhaltigkeit im Weinbau heißt in Mamoiada, alte Handwerke wie eben das Pflügen mit den Ochsen, am Leben zu erhalten.

Nachhaltige Bewirtschaftung – und wer sich das ansehen möchte, ist Willkommen

Die Aratura ist mitnichten ein touristisches Event (auch wenn sich jedes Jahr Leute finden, die neugierig sind und dem Geschehen gern beiwohnen), wohl aber eines im Sinne des nachhaltigen Tourismus.

Wo der Unterschied ist?

  • S’Aratura richtet sich vor allem nach den landwirtschaftlichen Bedürfnissen und den natürlichen und meteorologischen Gegebenheiten im Weinhang. Wenn’s nicht geht, dass eine Horde unwissender Leute sich dort herumtreibt, dann ist das so.
  • Es ist kein öffentliches Event, bei dem plötzlich 200 Leute im Weinhang stehen könnten, sondern privat und familiär – im wahrsten Wortsinn, denn wir sind Gäste der Familie Canneddu.
  • Privat, ja – luxuriöses, schickes Happening, nein. Das Pflügen findet so statt, wie immer. Es ist vor allem harte Arbeit.
  • Warum soll sich ein Weinbauer also in den fein Zwirn werfen, den er in Wirklichkeit nie anziehen und auch sofort dreckig machen würde – für instagram? Auch die Ochsen werden nicht extra mit Shampoo geputzt, was auch gar nicht der natürlichen Pflege entspräche.
  • Das Pflügen findet ausschließlich im Winter statt, wenn die Reben ruhen. Nicht im Sommer, wenn die Touristen da sind. Das wäre schlicht absurd.
Privat, aber nicht schick: Das Pflügen im Weinberg ist harte, landwirtschaftliche Arbeit.

Ein Stückweit ist die Welt noch in Ordnung. Wenigstens hier.

Das Weinbaugebiet in Mamoiada hat einen wirklichen Vorteil mit Blick auf eine natürliche, biologische Weinproduktion: die geoklimatische Lage der Rebstöcke in einer Höhe zwischen 600 und 900 Metern über dem Meeresspiegel.

Die ständige Sonneneinstrahlung, ein steter und weit über das Meer heran gereister Wind sowie hohe Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sind der Grund, warum in Mamoiada keine chemischen Eingriffe an den Rebstöcken erforderlich sind.

Die natürlichen Bedingungen schützen sie quasi automatisch z. B. vor Mehltau und anderen Krankheiten.

Der Boden besteht überwiegend aus leicht säuerlichem Granit. Speziell die beiden autochthonen Sorten Cannonau und der Granazza fühlen sich in diesem kargen Umfeld in Mamoiada sehr wohl.

In Mamoiada entscheidet die Natur, wie das Jahr sein wird. Eben ganz wie früher.

Und sogar der Markt gibt ihnen recht. Die Zeit ist genau richtig für eine nachhaltige Weinbauphilosophie und die Weine aus MAmoiada verkaufen sich gut und heimsen Preise ein.

Cannonau in purezza meint hier in Mamoiada also nicht nur die Sortenreinheit, sondern eben auch die Freiheit von Pestiziden und Chemikalien.

Ein schöner, kräftiger Cannonau – in Mamoiada von Natur aus gesund

Die Weinbauern in Mamoiada können ohne großes eigenes Zutun einen reinen, naturbelassenen Wein ziehen.

Es ist eine Frage der Tradition und der Ehre, davon nicht abzuweichen. Und dann legen die Weinbauern und -bäuerinnen in Mamoiada alles Wollen, Wissen und Können hinein.

Mamoiada, die Heimat des Cannonau

Nahezu jede Familie in Mamoiada besitzt einen Weinhang und macht Wein. Das gehört hier dazu. Der Landwein wurde traditionell für Familie und Freunde und den kleinen Verkauf hergestellt.

Und auch in diesem „Kleinen“ sind die Frauen und Männer, die in Mamoiada im Weinbau arbeiten, stolz auf ihre Arbeit, die sie wie jeder Weinbauer und jede Weinbäuerin mit genauso viel Leidenschaft und überliefertem, landwirtschaftlichen Wissen verrichten.

Aus dieser inneren Überzeugung heraus sind knapp 30 kleine und mittelgroße Weingüter in Mamoiada entstanden – nahezu alle produzieren Weine von herausragender Qualität. 

Weingut Cantina Canneddu: nachhaltiger Weinbau mit Ochsen und ohne Chemie

Auch die Cantina Canneddu ist in erster Linie eine Familie.

Das Weingut entstand aus dem Wunsch heraus, die Liebe zum Weinbau in einen richtigen Beruf zu verwandeln. Auch die Tochter, die Jura studierte und auf dem italienischen Festland ihrer Arbeit nachging, kehrte zurück, um sich ganz dem Familienbetrieb und dem Weinbau zu widmen – auch, um eine offene Tür für Innovationen im Betrieb zu sein.

Die Weinberge der Familie liegen auf 750 Metern über dem Meeresspiegel und sind rund 80 Jahre alt und bis ins Detail gepflegt und mit menschlicher Kraft bewirtschaftet. Im noch älteren Teil wird wie erzählt, mit Ochsen gepflügt.

Die Trauben werden von Hand geerntet, die Hefen sind heimisch, die Gärung erfolgt spontan. Unsere Weine sind biologisch zertifiziert, ebenso wie die Weinberge und der Weinkeller.

Ein zeitgemäßer und jugendlicher Cannonau aus Mamoiada – ideal für den Einstieg in sardische Weine.

Ich degustiere später den Wein von den jüngsten Reben. Der Zimò von 2020 ist ein reiner Cannonau, sehr gefällig. Ausgewogen und fruchtig. Die Noten von schwarzem Pfeffer und geröstete Mandeln bis hin zu Myrte gefallen mir ausgesprochen gut.

Canneddu verwendet keine Chemikalien, sondern verlässt sich auf die Wirksamkeit der Natur. In einigen Fällen wird eine präventive Schwefel-Kupfer-Behandlungen durchgeführt, die im biologischen Weinbau erlaubt ist.

Respekt vor der Tradition zeichnet das Weingut aus.

Und ich bin sehr glücklich, diese uralte Tradition, ein Ritual, das in Mamoiada die Zeit überdauert hat, miterlebt zu haben.

Wer das Glück hat, im Winter auf Sardinien zu sein, sollte sich das nicht entgehen lassen. 🤗

Weitere Informationen

Schwarzschaf-Tipp: Am 17. Januar ist das Fest zu Ehren von Sant’Antonio – auch das hat mit der Landwirtschaft zu tun: Der Heilige ist der Schutzpatron der Bauern und Tiere. Zu diesem Termin treten auch die traditionellen Karnevalsfiguren Mamuthones e Issohadores in Erscheinung. Der Maskenkarneval der Barbagia kommt ebenfalls mit starker Symbolik aus dem Landleben daher. Niste dich am Besten zu dieser Zeit ein paar Tage in Mamoiada ein und tauche ganz in das Fest ein.

@cantinacanneddu auf Instagram 🍷🍇

Webseite des Weinguts Canneddu: www.cantinacanneddu.it – Degustationen und Besuche auf Anfrage

Die Weine aus Mamoiada werden im Ort in der La Rossa Enoteca angeboten und degustiert, auch eine kleine, richtig gute Küche wird angeboten. (instagram @larossaenoteca)

Die in Mamoiada heimische Fremdenführerin und meine liebe Freundin Sara Muggittu, organisiert zu dieser Zeit häufig eine kleine Wanderung aus dem Ort hinauf in die Weinlagen, verbunden mit anderen Traditionen des Ortes in der Barbagia, wie einem Besuch bei einem Kunsthandwerker, der Holzmasken herstellt oder zum Fest von Sant’Antonio. Anfragen an: viaggioinsardegna.net / instagram @viaggioinsardegna

1 Comment

  1. Max Born

    21. Januar 2024 at 18:08

    Tolle Beschreibung!
    So klingt die Mamoiada:
    https://www.youtube.com/watch?v=vpJaeJwhY2Q
    Die Ochsen sind auch zu sehen.

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