Der Mensch ist ein geselliges Wesen (Schafe ja auch). Hin und wieder aber ist er (oder sie) aber auf sich allein gestellt. Ob mit voller Absicht oder eher unfreiwillig: Manchmal geht er sogar allein in die Ferien.

Herausfordernd für Alleinreisende: die Einsamkeit des Supramonte

Herausfordernd für Alleinreisende: die Einsamkeit des Supramonte

Sei es, weil der/die Herzallerliebste plötzlich doch keinen Urlaub oder sich anderweitig aus dem Staub gemacht hat. Oder weil man vor Ort merkt, dass der / die beste Freund / Freundin doch ganz andere Vorlieben für die freien Tage hat, als man selbst und kurz mal getrennte Wege geht.

Wer viel arbeitet, braucht vielleicht einfach eine Auszeit von Terminkalendern, Meetings und ToDo-Listen und sucht bewusst die Ruhe.

Wohl dem, der dann in der Vielfalt Sardiniens landet – dort ist auch für einsame Wölfe und Sozialphobiker etwas dabei.

Sardinien hat ja eh kein großes Menschenmassen-Image. Dennoch fragen sich viele, ob man die Insel überhaupt allein bereisen kann bzw. sollte. Und was sie auf der Insel allein mit ihrer Zeit anfangen sollen.

Wer seit Jahren nur in Gesellschaft verreiste, mag der kargen und eigenartigen Insel da erstmal skeptisch gegenüber stehen. Völlig zu unrecht.

Das schwarze Schaf widmet sich ein paar »Alleinsei-Typen« und gibt ein paar Tipps für Alleinreisende:

„Der Grenzgänger“

Ein guter Grund, allein reisen zu wollen, ist seine eigenen Grenzen auszutesten. Abenteuer erleben. Für diese Grenzgänger gibt es auf Sardinien den perfekten Ort: den Supramonte.

Selvaggio Blu » Dieser mehrtägige, alpine Trekking- und Kletterweg an der Ostküste Sardiniens – einer der schwersten in ganz Italien – führt von Süden (Sa Pedra Longa) längs durch den Supramonte di Baunei bis zur Cala Fuili im Norden. Einige Etappen können auch als Tagestouren angesteuert werden. Die Schwierigkeit ist gleichwohl immer hoch: Der nicht immer erkennbare und mit vielen Kletterabschnitten gespickte Pfad fordert einiges Können, Kondition, Orientierungssinn und gute Ortskenntnis. Übernachten im Freien, Selbstversorgung, sportliche Anstrengung – wer hier nicht an seine Grenzen kommt, schafft vermutlich auch den Ironman ganz locker oder heißt Joey Kelly. Beschreibung und logistische Hinweise gibt es in italienischer Sprache auf www.selvaggioblu.it und hier http://www.supramonteselvaggio.it/selvaggio-blu.html – letztere können wir als Guide absolut empfehlen.

Sa Pedra Longa - die markante Felsnadel markiert den Beginn des Selvaggio Blu

Sa Pedra Longa – die markante Felsnadel markiert den Beginn des Selvaggio Blu

Grande Traversata del Supramonte » Hier ist der Grenzgänger genau richtig: Die Querung des westlichen Teils des Supramonte (beschrieben hier von Su Gologone bis Arcu Correboi am Rande des Gennargentu: www.grandetraversatadelsupramonte.it) ist ein Vorhaben, das sich nicht viele vornehmen. Wer hier nach drei Nächten im Freien noch nicht genug hat, geht weiter via Fonni und den Monte Spanu auf das Dach der Insel, die Punta Lamarmora. Auch im Gennargentu selbst ist eine Wanderung von Gipfel zu Gipfel zu Gipfel eine gute zusätzliche Herausforderung.

Oder wie wäre es mit einer Durchquerung der ganzen Insel?

Transsardinia mit dem Mountainbike » Natürlich kann man auch mit dem Bike mal eine Schippe drauflegen. Der Klassiker von Olbia nach Cagliari dauert acht Tage, ist 450 km lang, 12.000 Höhenmeter auf 80% Offroad-Straßen werden überwunden. Mittlerweile gibt es auch die Transsardinia West – von Villanova Monteleone (bei Alghero) nach Pula (bei Cagliari). Schwierigkeitsstufe 5 von 5. Mehr zur Transsardinia auf www.transardinia.it.

Der Geheimtipp für Kletterer:

Extremklettern im Sulcis-Iglesiente » Viele wissen nicht, dass das Iglesiente im Südweseten die Region Sardiniens mit der höchsten Konzentration an schwierigen Kletterwänden mit atemberaubendem Panorama ist. An der Felswand „Bronx“ bei Domusnova findet sich die schwerste Kletterwand Sardiniens („Marina Superstar“, 9a+/9b geklettert und zugänglich gemacht von Adam Ondra, Beschreibung auf www.arrampicatasardegna.com); oder Banana Republic, Sardus Pater in der Nähe von Buggerru. Verschiedene Arten von Felsen, unterschiedliche Schwierigkeitsgrade und Kletterstile – ein echtes Paradies. Das Klettern selbst ist konzentriertes Alleinsein in Perfektion – dafür braucht man vielleicht nichtmal hohe Schwierigkeitsgrade.

Der „Lonely Wolf“

Für denjenigen, der nicht mal ein wenig Gesellschaft haben und so richtig ins menschliche Nichts abtauchen möchte hat das schwarze Schaf ein paar Tipps parat. Es selbst hat ja auch manchmal „Mensch“ – und schlicht zu viel Zeit mit Leuten verbracht und braucht etwas Ruhe und Zeit für sich.

Dann ist Tapetenwechsel in Richtung Stille angesagt. Und davon hat Sardinien besonders in der Nebensaison wirklich genug.

Dichter Wald bei Seulo

Dichter Wald bei Seulo

Für den „Lonely Wolf“ (man ist ja aufgeschlossen und hilft sogar den einsamen Wölfen!) gibt es hier eine kleine Auswahl an Orten, an denen es wirklich, wirklich ruhig ist.

Allen gemeinsam ist eine lange Anfahrt und eine traumhafte Natur.

Barbagia Seulo: Man nehme die Sardinienkarte und zeige mit dem Finger mitten hinein. In dieser bewaldeten Gebirgsregion gibt es Trekkingpfade, die sogar Dauerbesuchern der Insel nicht bekannt sind. Der Wald „Foresta di Montarbu“ hat eine zusammenhängende, unbewohnte Fläche von 2800 Hektar, ein uralter Wald mit vielen Flüsschen, hohen Bäumen, dichtem Dickickt, tollen Felswänden. Acht Trekkingpfade führen durch die Barbagia Seulo, beschrieben z. B. auf www.leviedellasardegna.eu. Bei unserer Wanderung zum Wasserfall Su Stampu e Su Turrunu waren wir bis auf zwei Momente komplett allein.

Su Suercone » Die Doline „Su Suercone“ ist eine Senke im Supramonte di Orgosolo auf 900 Metern über dem Meer und mit beeindruckenden 500 Metern Durchmesser, in der ein Jahrhunderte alter Wald steht. Und – sie ist gut versteckt. Die Landschaft ist rau, wild und wunderschön, aber weitgehend eben und durchaus als eintönig zu bezeichnen – was die Orientierung für Neulinge schwierig macht. Das vollständige Fehlen gut gebürsteter und ausgeschildeter Wege macht die Suche für Outdoor-Fans aber erst so richtig interessant. Ja, hier kann man sehr schnell verloren gehen. Daher raten die meisten davon ab, allein auf die Suche nach Su Suercone zu gehen. Wer nicht zurückfindet, sollte Ruhe bewahren und sich auf eine kalte Nacht in einer Hirtenhütte, ggf. in der Gesellschaft von Wildschweinen und Ziegen gefasst machen.

Piscinas / Ingurtosu » Selbst in der Hauptsaison ist man hier im Südwesten Sardiniens weitgehend allein. In der Nebensaison fehlen Menschen an manchen Tagen gänzlich. Dabei meinen wir nicht nur die Dünen von Piscinas, sondern auch die Schotterstraßen, die vorher oder oberhalb der Landschaft abgehen. Die Gegend ist übrigens ein Naturpark, in dem auch der sardische Hirsch und ein paar Adlerpärchen leben.

Mit dem Trenino Verde in die Berge der Ogliastra

Mit dem Trenino Verde in die Berge der Ogliastra

Tacchi di Ogliastra » Nehmen wir an, du hast doch den Fehler gemacht, in der Hauptsaison und mit der ganzen Familie anzureisen – und nun stehst du im Resort in Arbatax, der fünfte Tag am überfüllten Strand voraus – und das alles geht dir kräftig auf die E… Dann setze dich in den Trenino Verde und fahre rund zwei Stunden bis zur Haltestelle „Ussassai“. Dort beginnt ein traumhafter Trekkingpfad in den Wäldern der Barbagia di Seui (Karte hier als PDF). Alternativ kannst du auch in „Villagrande“ oder „Gairo Taquisara“ aussteigen. Menschen? Vermutlich nicht so viele. Die Haltestellen sind allesamt außerhalb der Orte, mitten in der ruhigen Berglandschaft. Bis zur Rückfahrt (nicht verpassen, sonst wird’s spannend …) am frühen Abend hast du genügend Zeit, die Landschaft auf eigene Faust zu erkunden. Unbedingt Wasser und Proviant mitnehmen! Oder an der Station „Arzara“ aussteigen – dort ist eine ganzjährig geöffnete und gut sortierte Bar.

Sarrabus (Sette Fratelli / Monte Genis) » Diese Region lassen viele links liegen. Oder sagen wir es anders: In der Saison sind schon viele Touristen in der Gegend (Costa Rei), aber die wenigsten erkunden das Hinterland: Nur selten trifft man bei Ausflügen auf andere Umherstreifende. Die Strandseen des Sarrabus sind im Frühling sind die ein echter Hingucker, eine wahre Blumenpracht, und von Flamingos bevölkert). Auf den „Vie dell’acqua“ in der gebirgigen Region westlich von Muravera sind im Frühling mehrere Wasserfälle zu bestaunen. Unendlich quasi die Berglandschaft des Sette Fratelli bis hinauf zum Monte Genis – hier leben übrigens auch der seltene sardische Hirsch und Mufflons. Auch die haben es gern ruhig.

Überall auf der Insel gibt es Guides, die dir mit dem Wissen über ihre Heimat ein paar besondere Sehenswürdigkeiten zeigen können.

Und das ist auch das wesentliche Argument dagegen, wirklich alles allein machen zu wollen. Manche Dinge findest du nur mit der Hilfe anderer Menschen.

Der reisende Entdecker

Auch eine sehr entspannende Übung, wenn man allein reist: Kilometerfressen mit Rundreisen, vorzugsweise über kleine Provinzstraßen, Tierherden auf den Straßen bestaunen und einfach der Nase nach fahren. Abends einfach schauen, wo man ist und übernachten. Dort einkehren, wo es einem gefällt.

Natürliche Strassensperre auf der Provinzstrasse

Natürliche Strassensperre auf der Provinzstrasse

Das kostet wenn der Tag zur Neige geht, ein wenig Geduld, aber irgendein Hotel oder B&B findet man eigentlich immer – wir erinnern uns an eine Suche im Dezember im Medio Campidano (zum Artikel: Auf eigene Faust – Hotelsuche in der Nebensaison).

Als reisender Entdecker durch die Insel zu streifen, ist richtig schön und horizonterweiternd. Hier noch ein paar schwarzschafige Tipps:

1.  Tanks füllen, auf die Uhr gucken.

Um sicher und gut allein durch die Insel zu kommen (vor allem im Dunkeln, und es wird seeeeeehr dunkel auf Sardinien) gibt es zwei Flüssigkeiten, die nie ausgehen sollten: Wasser und Benzin. Wer durch einsame Gegenden fährt, möchte nachts sicher nicht liegen bleiben. Aber auch an den Land- oder Schnellstraßen kostet es für manche(n) etwas Überwindung, nachts auszusteigen und zu tanken. Falls du Bus und Bahn fährst, ist das auch kein Problem auf Sardinien – die meisten Orte, in denen Menschen leben, sind ganzjährig gut angebunden. Nur die gängigen Touristenorte solltest du meiden, weil du ausgerechnet dort vermutlich keine Unterkunft findest. Achte zur Winterzeit nur darauf, dass es bereits früh, rund um 17 Uhr dunkel wird.

2. Reden hilft.

Ein paar Sätze Italienisch helfen enorm, besonders im Inselinneren. Einfach Sprachführer und Wörterbuch einpacken, vor Ort auch benutzen und sich selbst einen Schubs vorwärts geben – dann findest du auch in dem kleinsten Dorf Gesellschaft. Wer das nicht schafft, der ist vielleicht mit einem Sprachkurs vor Ort ganz gut bedient, die das Ganze auch mit Exkursionen verbinden. In allen größeren Städten gibt es Anbieter. Und manchmal auch in kleinen Dörfern. Gibt gleichzeitig ein bisschen Anschluss an Land und Leute.

3. Aktiv sein.

Ob (Mit-)Segeln auf Sardinien, ein Kurs im Kitesurfen, lange Ausritte oder intensives Trekking: Wer tagsüber aktiv ist, braucht die Pizza allein abends nicht zu fürchten – die ist eh nur dazu da, um den Kalorienbedarf zu decken. Danach fällst du direkt ins Bett und merkst gar nicht mehr, dass irgendwas oder -wer fehlt. Wenn du dich einem Guide anvertraust, hast du auf jeden Fall temporär Gesellschaft, was in langen einsamen Phasen ja sehr willkommen ist.

Wintergast am Stagno Molentargius in Cagliari

Einsamer Wintergast am Stagno Molentargius in Cagliari

4. Keine Angst.

Die ist auf der Insel nicht angebracht. Die Leute sind nett und gastfreundlich. In manchen Regionen vielleicht etwas grantig (besonders die älteren), aber immer hilfsbereit. Um nicht in Gefahr zu geraten, gelten hier die gleichen Vorsichtsmaßnahmen wie zuhause in einsamen Ecken. Kommt dir irgendwer oder irgendwas komisch vor, gehe einfach weg und lasse dich in nichts hineinquatschen, was du nicht wirklich willst. Hier findest du eine ausführlichere Antwort des schwarzen Schafs zum Thema Sicherheit »   

5. In die Hauptstadt fahren.

Wenn es irgendwann mühsam wird und dir doch die Decke komplett auf den Kopf zu fallen droht, hilft nur ein Ausflug nach Cagliari. Wie in jeder guten Hauptstadt gibt es hier alles – Cafés, Bars, Clubs, Museen, Kultur, Shopping, Leben, Menschen … eine Wohltat nach so manchem Einsamkeitswahnsinn – und man kann sich hier ganz einfach mehrere Tage gut beschäftigen.

Und wenn man dann doch wieder allein sein will und einem das alles zu hektisch ist – in den weitläufigen Salinen und am Poetto kann man der Welt wunderbar weiter aus dem Weg gehen.

Das schwarze Schaf wünscht allen, die den Alleinreisemodus einschalten, viel Spaß auf der Insel!

1 Comment

  1. sigrid

    14. April 2015 at 11:28

    danke fürden schönen, ermutigenden artikel für alle single-reisenden.
    ich bin auf der insel meist allein unterwegs undgeniße diese zeit im jahr sehr!

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