Die Situation der Posidonia an Sardiniens Stränden ist zu Saisonbeginn ein jährlicher Aufreger. Die Pflanze wird aus Unwissenheit als Alge denunziert und sich auftürmende, verrottende Matten am Strand werden als gesundheitsschädlich verschrien. Dabei ist genau das Gegenteil wahr.

Die Posidonia Oceanica kommt ausschließlich im Mittelmeer vorund ist darin die vielleicht wichtigste Pflanze für die Gesundheit und die Artenvielfalt des Meeres. Sie bildet große Wiesen und Felder, die zu den artenreichsten Lebensräumen des Meeres zählen und unverzichtbar für das ökologische Gleichgewicht und die Meeresgesundheit sind – und damit letztlich unserer eigenen.

Das schwarze Schaf hat sich um ein Interview mit dieser wichtigen Persönlichkeit bemüht, um aus erster Hand zu erfahren, was an den eher schmutzigen Gerüch(t)en um Algen und Abfall dran ist.

Aufgetürmte Posidonia-Reste am Strand … bei vielen Touristen höchst unbeliebt

Außerdem will es dem schönen und nützlichen Gewächs eine Plattform bieten. Denn zu irgendwas muss ja auch gut sein, sich in die „böse Influencer-Schublade“ stecken zu lassen und ein paar Follower zu haben.

Aber hat das Schaf wirklich so viel Einfluss?

Na, das testen wir doch mal aus! Macht euch darauf gefasst, jetzt in Sachen Posidonia massiv positiv be-influenct zu werden 🙂

In all ihrer ökologisch wertvollen Pracht treffen das schwarze Schaf und ich die Pflanze an den Stränden der „Riviera del Corallo“ bei Alghero.

Während dort die Überreste der Posidonia zu Saisonbeginn zum Wohl des Tourismus mit Traktoren zusammengerauft und weggefahren werden, muss die Pflanze tatsächlich einiges an Imagepflege betreiben.

Und das, obwohl sie gar nichts Schlimmes getan hat. Im Gegenteil. Sie ist sogar richtig nett!

Posidonia Oceanica – Interview mit einer nützlichen Pflanze

Die Begrüßung fällt trotzdem umständlich aus, denn die Posidonia ist überall: Opulent breitet sie sich im Wasser der weiten Bucht Rada di Alghero aus, in den kleinen Buchten tupft sie dunkle Flecken in das Türkiswasser und an den Stränden wie der Spiaggia Maria Pia finden wir die angespülten Reste ihrer verschiedenen Lebenszyklen.

Gibt Menschen, die stören sich an diesen dunklen Flecken. Wir finden sie wunder-wunderschön!

Für ein Gespräch mit einer eher scheuen, kaum greifbaren Gestalt, wurde es ungewöhnlich persönlich und brachte auf eindringliche Weise den Kern der Aufregung ans Licht: Die latente Unfähigkeit des homo feriensis, länger als drei Wochen Urlaub zu denken.

Den Wunsch der Natur, allein den ihr seit Jahrmillionen angestammten Platz behalten zu dürfen, bombardiert der Mensch mit kurzfristigen Argumenten wie „Urlaubssaison“, „Tourismus ist so ein wichtiger Wirtschaftszweig“ und „es stinkt und ist ungesund“.

Würd‘ mich auch angurken, wäre ich eine Posidonia.

„Jedes Jahr fangen wir inhaltlich ganz vorne an – das macht mich so müde“, sagt unsere Gesprächspartnerin, die Posidonia Oceanica vor Alghero.

„Natürlich sind es nicht dieselben Leute, die die Fragen stellen. Aber es ist immer wieder und ausschließlich der Mensch. Als wäre diese Spezies nicht in der Lage, dauerhaft zu lernen und zu verstehen. Über den Namen, den ihr euch selbst gegeben habt, homo sapiens, müssen wir ziemlich oft lachen. Ihr wisst echt wenig.“

Das schwarze Schaf nickt für meinen Geschmack etwas zu heftig. Das stört es wenig: Mit einem menschlichen Alter Ego findet es sich gestraft genug. Und das, obwohl ich mir echt Mühe gebe … denke ich …

Naja. Das diskutieren wir ein anderes Mal. Ich konzentriere mich auf das Interview.

Wer ist die Posidonia Oceanica?

„Viele Reisende sehen nur die abgestorbenen Pflanzenreste am Strand und denken sofort an Algen …“

„Ich bin doch keine Alge!“ Entsetzt schaut die Posidonia mich an.

„Nein, alles gut – das wissen wir. Aber da ist offensichtlich noch einiges an Aufklärungsarbeit nötig! Am besten erzähl uns mal was über dich und deine Art. Was sollten alle Menschen über die Posidonia wissen?“

Die Posidonia seufzt. Zu Recht. Denn es ist so ein bisschen wie Lady Gaga zum hunderttausendsten Mal die Frage nach ihrer „eigentlichen Identität“ zu stellen. Auf Grundsatzfragen von Menschen zu antworten, ist tendenziell mühsam.

Sie antwortet trotzdem. Geduldig bringt sie Verständnis auf und versucht durch das Ausbreiten der Fakten die tief sitzenden Missverständnisse zu beseitigen. Denn ein Interview mehr sind vielleicht im nächsten Jahr zehn Fragen weniger.

„Gut, fangen wir mal ganz vorn an: Ich bin eine Meerespflanze, eine Art Seegras. Korrekter ist »Neptunsgras“, denn Seegräser gibt es zum Beispiel auch in der Ostsee. Mich, die Posidonia Oceanica, gibt es aber nur hier im Mittelmeer. Und die nächstverwandte Art ist auf der anderen Seite der Welt, nämlich in Australien heimisch: die Posidonia Australis.“

Seegras aus der Ostsee, im GEOMAR-Institut für Meeresforschung in Kiel

„Wir sehen dich ja in vielen Formen und „Zuständen“. Beschreib‘ dich doch mal.“

„Nun, ich bin eigentlich ein ganz normales Gras. Nur, dass ich relativ selten geworden bin. Aber wie Gräser an Land haben wir Blätter, Stängel oder Stiele und natürlich Wurzeln. Im Herbst bilden wir auch kleinen Blüten und Früchte, die man »Meeresoliven« nennt …“

„Ihr blüht und habt Früchte? Das wusste ich nicht!“ platzt es aus dem Schaf heraus.

„Ja, aber nur sehr selten, etwa alle sechs bis zehn Jahre. So lang dauert es mindestens auch, bis sich ein stabiles neues Posidonia-Feld gebildet hat: gut ein Zehntel Jahrhundert.“

„Ein Posidonia-Feld?“ Das Schaf ist weiter neugierig.

„Man könnte auch Wiese sagen. Wie jede Pflanze haben wir auch Stängel – und die sind fast das wichtigste an uns. Sie werden Rhizome genannt. Diese verlaufen nicht vertikal, sondern horizontal am Meeresgrund entlang. Unsere starken Wurzeln verankern diese nach unten im Sand.

Die Rhizome breiten sich richtig weit aus und alles hält quasi den Meeresboden fest bzw. drückt ihn durch das Gewicht des Feldes irgendwann auch nach unten. Die Blätter wachsen aus dem Gebilde nach oben, in Richtung Licht, und können durchaus ein, zwei, drei Meter lang werden. Sie sind dunkelgrün, lang und schmal, ähnlich wie Tagliatelle oder Linguine. Und was kulinarisch klingt, ist für viele Tierarten tatsächlich eine gute Futterquelle.“

„Wer kommt denn so regelmäßig ins „Ristorante Posidonia“?“

Lebensraum Posidonia: ein junges Neptunsgras-Feld mit Fischen
Lebensraum Posidonia: ein junges Neptunsgras-Feld mit Fischen

„Vor allem viele Wirbellose: kleine Krebse, Garnelen, Schnecken, Muscheln, Seeigel, Seegurken … Sie weiden die feinen Algen ab, die auf unseren Blättern wachsen, oder ernähren sich von Schwebstoffen und abgestorbenem Pflanzenmaterial. Weil auch viele Fische uns als Versteck oder Brutstätte nutzen oder Seepferdchen sich mit ihrem Schwanz an die Halme klammern, nutzen auch Oktopoden und Sepien uns als Jagdrevier.“

„Ist es wahr, dass ihr einen immer seltener werdenden Mitbewohner habt, der direkt an euch knabbert?“ mischt sich das Schaf ein.

Eine sanfte Welle huscht über die Posidoniawiese, fast wie ein liebevolles Lächeln:

Pinna nobilis … die Große Steckmuschel. Nein, sie knabbert nicht an uns. Das wär ja auch noch schöner! Aber sie ist da und verankert sich gern mit ihren Seidenfäden (bissos) an unseren Rhizomen und lebt von und mit uns. Sie filtert Nährstoffe, organische Partikel und Plankton aus dem Wasser. Sie kann rund einen Meter groß werden, wächst dabei aufrecht und ist wunderschön! Seit Ewigkeiten arbeiten wir schon gut zusammen. Leider wird sie seit etwa einem Jahrzehnt von Parasiten heimgesucht, die sich im Mittelmeer aufgrund der steigenden Wassertemperaturen entwickelt haben und die ihr Verdauungssystem lahmlegen. Und auch unsachgemäß ausgebrachte Schiffsanker rupfen die Muscheln aus. Die wundervolle Pinna Nobilis ist ein sehr fragiles Lebewesen – und jetzt vom Aussterben bedroht.“

„Knabbert auch jemand direkt an der Posidonia?“ fragt das Wolltier nach (vermutlich aus Eigeninteresse).

„Zum Glück gibt es keine Meeresschafe!“ lacht die Posidonia. „Aber ja, manche Fischarten knabbern an jungen Trieben. Gelegentlich fressen auch Meeresschildkröten die Blätter. Aber nur, wenn sie nichts anderes finden. Das fällt also kaum ins Gewicht.“

Vom Boot aus betrachtet: Der Lebensraum Posidonia

Was für manche also einfach wie ein unscheinbarer dunkler Fleck am Meeresboden aussieht, ist einer der artenreichsten Lebens- und Überlebensräume des Ökosystems Mittelmeers. Bis zu 1000 verschiedene Tier- und Pflanzenarten sollen direkt und indirekt mit ihr verbunden sein.

Allein deswegen ist sie unheimlich wichtig. Denn das Artensterben auf unserem Planeten ist in vollem Gange. Alles, was dem entgegenwirkt – wie gesunde Seegraswiesen – ist unbedingt schützenswert.

Für das schwarze Schaf ist die Posidonia Oceanica die Heldin der Biodiversität im Mittelmeer. Das ist aber noch längst nicht alles. Wir sprechen gleich noch darüber, welche nützlichen Ökosystemleistungen die Posidonia liefert.

Doch erstmal müssen wir die unangenehmen Themen absolvieren.

Posidonia Oceanica: störender, müffelnder Abfall an Sardiniens Stränden?

„Es tut mir leid, aber ich habe eine Frage, oder vielmehr ein Statement, aus einer facebook-Gruppe mitgebracht. Es geht um die Reste, die da von dir am Strand liegen.

Der Beitrag von Mitte April lautet: »Überall lese ich etwas von Karibikfeeling, einer der schönsten Strände Europas … und wenn ich da bin, sehe ich einen Strand voller Seegras, wo ich mich nicht mal hinlegen möchte 😩 … *enttäuscht* … Gibt es zum aktuellen Zeitpunkt Strände ohne Seegras?«

Magst du etwas dazu sagen?“

Löst den Unmut der badenden Gäste aus: Posidoniareste am Strand
Kein Karibikfeeling? Posidonia am Strand löst den Unmut badender Gäste aus

„Ach ja, es ist leider so, dass das als allererstes wahrgenommen wird. Ein bisschen kann ich es verstehen. Die Leute haben ja schließlich Urlaub und wer nur zum Strandurlaub kommt, ist eben damit konfrontiert. Aber im Grunde verstehe ich es auch nicht. Denn warum sollten die natürlichen Abläufe sich nur für ein hübsches und perfektes Sonnenbad ändern? Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem die Pflanzenreste am dringendsten gebraucht werden? Mitte April ist gar keine Badesaison. Es ist eher Sturmsaison. Aber Menschen sind so. Sobald die Natur sich roh zeigt und das mit ihrem Urlaub korreliert, setzt scheinbar das Verständnis für natürliche Abläufe und Jahreszeiten aus.“

Ich merke, wie die Posidonia sich verspannt, und versuche zu besänftigen.

„Da können wir jetzt ja ein bisschen entgegenwirken. Seit ich weiß, wie sehr die Posidonia sowohl direkt am Strand als auch im gesamten Rest des Jahres gebraucht wird, damit das Mittelmeer gesund und stabil bleibt, freue ich mich einfach, dass ihr da seid.“

Ist das schon zu viel? Posidoniareste im Wasser der Spiaggia del Pirata an der Costa Smeralda

Das Schaf hakt mit einem Praxistipp ein: „Und eigentlich ist es ja auch ganz einfach: Man legt sich einfach auf der windabgewandten Seite hin. Und wenn da kein Platz ist, guckt man eine Bucht weiter. Nichts leichter als das.“

„Ach … Danke. Das tut gut. Aber es ist ja auch nicht so, dass wir absichtlich da liegen, um jemanden zu ärgern. Im Gegenteil. Ich behaupte sogar: Wenn die Posidonia nicht da liegen würde, gäbe es über kurz oder lang gar keinen Strand mehr, den man von uns säubern könnte.“

„Erklär das doch gern mal genauer. Warum ist das so?“

„Wie gesagt, sind unsere Blätter ja sehr lang. Wenn Stürme durch das Mittelmeer jagen, bringen sie das Meer und die Wellen dann besonders in Küstennähe auch den Meeresboden in Bewegung. Die langen Blätter wirken dann ein bisschen wie Wellenbrecher. Mit ihrer Bewegung nehmen sie etwas von der Kraft weg. Nicht wie Steine – die wirken an Hafenmolen ja oft wie ein letztes Mittel, und haben natürlich ihre Daseinsberechtigung. Wir aber versuchen, durch unsere Verwurzelung und den Widerstand der Blätter schon weit vorher sozusagen konfuziusartig entgegenzuwirken. Das klappt auch ganz gut.

Aber wenn es sehr stürmisch ist, rupft das an den langen Blättern. Kurze und lange Abschnitte werden abgerupft und treiben an die Küsten. Zusammen mit den natürlich abgestorbenen oder den durch Anker oder andere Einflüsse ausgerupften Pflanzenteilen werden sie an die Strände getrieben und lagern sich dort an, türmen sich manchmal bis zu einem Meter auf. Sie legen sich schützend auf die Küste, verhindern Wellenschlag und befestigen den Strand – Sandkörner bleiben an Ort und Stelle. Bleibt die Posidonia länger liegen – etwa, weil die Strömung gleich bleibt oder weil es ein Strand ist, dem man seine Natürlichkeit zubilligt – beginnt ein natürlicher Zersetzungsprozess. Und ja, das kann zuweilen streng riechen. Ist aber nichts weiter, als der natürliche Kreislauf.“

Ein Posidoniafeld am Strand der Cala Brandinchi … wenn das im Sommer mal keinen Ärger gibt 😉

„Manche denken vielleicht, dass dann ja nach getaner Arbeit schon das angelandete Gras weggenommen werden könnte – was ja auch dem Tourismus und dem Image Sardiniens helfen würde, wenn die Leute störungsfrei am Strand liegen können. Warum ist wichtig, das trotzdem nicht zu tun?“

„Damit auch der Strandsand da bleibt, wo er hingehört. Wind und Wellen tragen die Küsten ab, sie erodieren. Akut sind achtzehn Strände Sardiniens von Erosion direkt bedroht. Oder anders: Erst durch die Posidonia ist Sardinien das Strandparadies, das es ist. Ohne die Posidonia gäbe es weder die Cala Luna noch den Reiskornstrand Is Arutas oder den langen Strand La Cinta bei San Teodoro: Sie wären längst bis auf die Felsen abgetragen, die langsam erodieren und brechen würden. Die Insel würde über lange Zeit immer kleiner werden.“

Das Schaf hakt nach: „Aber ein Strand mit Posidonia ist ja auch keiner …“

„Es liegt ja nicht immer und überall oder in jedem Jahr gleich viel auf den Stränden. Oft liegen ja auch nicht diese dicken Matten dort – sondern die Seebälle und nur faserige Bestandteile, während die Blätter im Wasser bleiben und sich dort ablagern. Oder es liegt nur in einer Ecke. Das kann im nächsten Jahr oder im Herbst auch schon wieder anders aussehen. Man muss immer auf den einzelnen Strand und die aktuelle und individuelle Situation gucken. Das ist wie mit Schafen. Auch wenn alle wollig sind, sind nicht alle gleich.“

Das Schaf nickt. Klingt logisch.

„Außerdem macht die Natur ihre Arbeit schon gut. Selbst wenn ein Strand durch einen Wintersturm mal durcheinander gebracht wird und teilweise erodiert, legt sich die Posidonia auf das, was übrig ist. Wir halten es fest und geben der Strömung die Chance, neuen Sand heranzutragen. Die Blätter lösen sich auf und der Strand ist wieder so wie vorher. Das ist alles seit Jahrtausenden – ach was: Millionen! – so erprobt und funktioniert. Wär halt gut, wenn man das nicht nennenswert stört und vielleicht auch etwas dazu beiträgt, dass extreme Stürme nicht zur Regel werden.“

An manchen Stränden verteilt sich die Posidonia bestens, ohne irgendwen zu stören – wie hier bei Funtana Meiga

„Wir sind hier ja in Alghero – da wird die Posidonia ja offensichtlich weggetragen“, sage ich. „Wie würdest du die spezielle Situation hier einschätzen?“

„Also erstmal ist zu sagen, dass diese Seite der Insel seit jeher dem wilden mar di fuori / Meer von draußen ausgesetzt ist. Der Nordwestwind Maestrale ist ständig präsent und bringt das Meer jedes Jahr durcheinander. Das heißt, allein durch diesen Wind und die Strömungen sammelt sich in der Bucht von Alghero immer mehr Posidonia als anderswo. Das ist üblicherweise gut zu bewältigen.

In manchen Jahren aber gibt es zusätzliche Faktoren: Erstens fallen die Winterstürme in den letzten Jahrzehnten immer stärker aus. Zuletzt gab es Anfang 2026 den mehrere Tage andauernden, hurricane-ähnlichen Sturm Harry mit Südostwind, und zuvor eine ausgeprägte Südwestlage, die das gesamte Mittelmeerbecken aufwühlte und auch Posidoniafelder zerrupfte. Dadurch wurde in Alghero noch mehr Posidonia als üblich angeschwemmt.“

„Und zweitens?“

„In den letzten acht Jahren wurde in Alghero die angelandete Posidonia im vorderen Teil des Stadtstrandes zusammengetragen. Allerdings war das ein bisschen unsachgemäß, denn dadurch entwickelte sich mit Parasiten und Insekten ein Problem, das im natürlichen Kreislauf eher nicht auftritt und unkritisch ist. begleitend gab es politisches Gezanke, das man bis aufs Meer hinaus gehört hat.

Letztlich einigte man sich auf die Einrichtung einer Wiederaufbereitungsanlage im Industriegebiet, die im Sommer 2026 den Betrieb aufnehmen soll. Darum trug man in diesem Jahr von verschiedenen Stränden rund um Alghero weitere Posidoniareste zusammen, verursacht eben durch Harry und Co, und ließ die Haufen noch anwachsen.“

Etwas hilflos wirken die Schilder, mit denen in Alghero über die Strandsäuberung aufgeklärt wird. Internationale Touristen verstehen eher wenig.

„Hmmm … klingt einerseits nachvollziehbar, aber irgendwie nur mittelgut …“

„Kontrovers war dabei vor allem das Vorgehen mit schwerem Gerät, also mehreren LkW und Traktoren, bis nah an die Wasserlinie, mit denen der Meeresboden unnatürlich verdichtet wurde. Zwar sollen spezielle Bereifung das Gewicht besser verteilt haben. Aber ein paar Tonnen sind ein paar Tonnen. So ein Posidoniahaufen wiegt enorm viel, denn er enthält bis zu 60 Prozent meist nassen Sand. Und auch der Zeitpunkt im März, noch während der Sturmsaison, wenn Wind und Wellen Hochsaison haben und die Küste dem dann schutzlos ausgesetzt ist, war ungut gewählt. Das frühe Osterfest und das Touristengeschäft lockten jedoch – die beliebtesten Strände sollten frei sein. Zwar beschwerte sich der Beauftragte der Umweltbehörde lautstark, doch es half nichts.“

Alles in allem scheint in Alghero notwendig zu sein, sich mit der Posidonia intensiver auseinanderzusetzen. Auch, wenn man das schon längst hätte lernen können (da sind wir wieder beim Menschen und seiner Lernfähigkeit).

Denn Posidonia ist hier wahrlich kein neues Phänomen: Schon der Name der Stadt, die um 1100 gegründet wurde, leitet sich vom Wort „Aleguerium“, lateinisch für „Algenstau“ ab.

Dass das Neptungras keine Alge ist, wusste vielleicht im Mittelalter nicht. Man kannte es aber, es war in der Stadt immer präsent. Nicht nur in müffelnden, aufgetürmten Matten – sondern auch in ganz natürlichen Feldern mit Seegrasbällen. Die gibt es auch heute noch. In Alghero kann man an manchen Stränden sogar sehr schön die verschiedenen Stadien der Posidonia erkennen:

Aus den Fasern der Stängel (Rhizome) entwickeln sich nach und nach die lustigen Seegras-Bälle

Und falls sie dem ein oder anderen wie fantastisches Dämmmaterial für den Hausbau vorkommen: mag sein. Vielleicht gab oder gibt es sogar einige, die sie entsprechend nutzen. Ob die Menge jedoch dauerhaft für ein tragfähiges Geschäftskonzept reichte und kalkulierbar genug ist, ist die Frage.

Es wäre eh verboten, sie zu entfernen (wie alles Natürliche, das den Strand bildet). Sie haben eben eine viel wichtigere Funktion, nämlich die des Küstenschutzes. Also: Bitte einfach dort lassen, wo sie sind.

Und keine Sorge: Weil das Neptunsgras eben keine Alge ist, die sich bei Verschmutzung ansiedelt, ist es auch immer unbedenklich. Du kannst auch hindurch gehen oder schwimmen oder dich draufsetzen. Mit den Posidonia-Bällen kannst du deinen Hund oder die Kinder am Strand spielen oder Strandnuraghen bauen lassen.

Wie genau die Bälle entstehen, liest du in diesem Artikel:

„An anderen Stränden auf Sardinien wird ja regelmäßig geräumt – im Nordosten sehe ich dauernd Traktoren, die den Strand sogar abendlich glattziehen, damit man am nächsten Tag ein schönes Badebild hat. Und es scheint ja irgendwie zu gehen – die Strände bleiben ja da. Oder wie bewertest du das?“

Ich mache mich fast unbeliebt.

Vielleicht wäre schlauer, das Plastik zu entfernen – und die Posidonia ihre Arbeit machen zu lassen?

„Das man es immer so macht, heißt ja nicht , dass es automatisch richtig ist. Schlechtes Argument. Auf Dauer schadet das der Biodiversität in der direkten Küstenlinie – die Strände werden steriler. Und auch in Alghero: Zwar ist die Wiederaufbereitungsanlage nicht die allerdümmste Idee: Man will den ausgesiebten Sand wieder an die Strände zurück bringen, Plastik herausnehmen und die Posidonia als Dünger nutzbar machen. Aber dabei wird natürlich alles Leben – auch Kleinstlebewesen – zerstört und das natürliche Gleichgewicht der Strände in jedem Fall gestört. Die Art und Weise wie solche Strandreinigungen umgesetzt werden, ist einfach nicht besonders naturfreundlich.“

„Vermutlich besteht auch die Gefahr, dass, wenn man so viel Posidonia zusätzlich gesammelt hat, um die Anlage auszulasten, die Anlage in den kommenden Jahren gar nicht genug Material hat“ fachsimple ich ein bisschen. „Und wenn nicht, steht im Raum, ob nicht irgendwann aus einer Not ein Business wird – das ja zumindest kostendeckend sein will oder vielleicht sogar lukrativ sein soll.“

„Ob es nachhaltig ist, bleibt wirklich abzuwarten“, antwortet die Posidonia. „Die Entfernung der Posidoniareste wird sicher automatisch jedes Jahr – und eben nicht nach dem natürlichen Bedarf – erfolgen. Die Anlage würde ihre Daseinsberechtigung schließlich darin suchen (müssen), Posidonia an anderen Stränden, wo sie aus den bekannten „Gut-für-den-Tourismus-Gründen“ unerwünscht ist, einzusammeln und vom Strand wegzukaufen. Dort wird sie aber vielleicht beim nächsten Sturm gebraucht. Also, man kann das durchaus kontrovers betrachten.“

Cala Brandinchi im Februar – mit einem kleinen Posidoniafeld … stört das schon den Urlaubsfrieden?

„Ich finde ja, je weniger wir in die Natur eingreifen, desto besser. Nachhaltigkeit und Posidoniaschutz kann man in einem touristischen Modell sogar abbilden – das sich ja auch rechnen kann. Woher kommt eigentlich die Vorstellung, dass Naturschutz automatisch verlustbehaftet und unwirtschaftlich ist? Das Gegenteil ist der Fall. Es geht – man muss es nur wollen.“ Ich rede mich fast in Rage.

Die Posidonia kommt mit einem Vorschlag:

„Da gibt es doch die Tourismus- und Umweltexperten der sardischen Universitäten – vielleicht sollte man die mal herausfordern … oder die Gemeinden, die schon erlebt haben, wie sich der Strand durch die Säuberungen verkleinert – und bessere Lösungen finden. Vielleicht auch mal KI sinnvoll dafür einsetzen, um zu erforschen, wie man dem riesigen anthropogenen Druck auf den Küsten entgegenwirken und das Ausbreiten und Überleben der Posidonia begünstigen kann. Und ich fände toll, wenn man mit den Initiativen zusammenarbeitet, die neue Posidoniafelder pflanzen – da wird so viel Forschung betrieben, von denen alle Seiten profitieren und voneinander lernen könnten. Es ist ja echt kein komplett neues Thema.“

Genau, genau. Ich muss ihr Recht geben.

„Vielleicht schauen wir uns das Ganze in zehn Jahren nochmal an“, sagt das Schaf.

„Nicht schlecht. Denn es ist in etwa der Zeitraum, der einen Lebenszyklus der Posidonia umfasst, in dem sich ein stabiles Posidoniafeld bildet und der Kreislauf seine ganze Wirkung entfaltet. Wir wachsen recht langsam, und wenn man unseren natürlichen Kreislauf willentlich unterbricht, hat das entsprechend verzögerte, unangenehme Folgen.“

Ich hake ein: „Erst letztens las ich dazu einen „Langzeitbericht“ in Form eines facebook-Kommentars einer sardischen Einwohnerin: »Das erleben wir in Putzu Idu hautnah. Früher war unser Strand mehr als 20 Meter breiter und höher. Aber seit man vor etwa 30 Jahren anfing den Strand zu „säubern“, ist nicht mehr viel übrig geblieben und der Sand wird von Jahr zu Jahr weniger. Da nutzt es wohl für die nächsten 50 Jahre nichts, dass seit wenigen Jahren die Posidonia bleibt, wo es ist.«“

„Wenn die Posidoniafelder insgesamt weiter schrumpfen und zudem das schützende Gras am Strand entfernt wird, könnte das sogar einen Totalverlust der Korallen-Riviera zur Folge haben“, murmelt das Schaf grübelnd in sich hinein …

Wenn das wahr wird, war das Wolltier wohl leider mit seiner Schnüffelnase eines der ersten, die es wussten.

Die Posidonia ist bleibt trotzdem zuversichtlich: „Es tut sich so viel zu unserem Schutz. Und das Wasser rund um Sardinien ist weiterhin von toller Qualität. Ich glaube, wir schaffen es. Wenn wir gut informieren – und wenn alle mithelfen.“

Ich mag in diese positive Stimmung einhaken.

Denn ich hab noch ein paar Fragen auf dem Zettel!

Die Posidonia Oceanica und ihre Ökosystemleistungen: Klimaheldin durch Photosynthese

„Schauen wir mal auf die schönen Seiten deines Lebens! Das ist ja alles noch viel komplexer und spannender. Du bist so unfassbar nützlich für das gesamte Ökosystem. Zum Beispiel nennt man dich die „Lunge des Mittelmeers“. Magst du uns das mal erklären?“

„Gern!“ Die Posidonia atmet auf.

„Von Photosynthese habt ihr ja sicher schonmal gehört in der Schule. Oder …?“

Fragend sieht die Posidonia vor allem das Schaf an. Ob Lämmergarten und Baumschule ihm dieses grundlegend lebenswichtige Prinzip erklärt haben?

Lebende Posidonia – ausgerupft vermutlich von ankernden Booten

Doch das Schaf stellt sich mal wieder als gar nicht sooo dumm heraus.

Fast gelangweilt fasst es zusammen: „Pflanzen nutzen das Sonnenlicht, um Kohlendioxid und Wasser in Zucker und Sauerstoff zu verwandeln. Weiß doch jedes Schaf.“

Erfreut präzisiert die Posidonia den Vorgang: „Genau. Mit der Photosynthese produzieren wir sowohl unsere eigene Nahrung, den Zucker oder Glucose, und den Sauerstoff, den lebende Wesen und auch das Meer brauchen, um zu leben. Ausgangsstoffe sind Kohlenstoffdioxid (CO₂) und Wasser (H₂O). Wasser gibt es um uns herum ja genug – und das Meer nimmt das natürliche Treibhausgas CO₂ aus der Atmosphäre auf und löst es im Oberflächenwasser. Das Licht gibt uns die Energie, den chemischen Prozess in Gang zu setzen und dieses CO₂ aus dem umliegenden Wasser aufzunehmen. Den frei gewordenen Sauerstoff geben wir an das Meer zurück, das dadurch atmet und was der Versauerung entgegenwirkt. Den Kohlenstoffanteil lagern wir in unseren Blättern und Wurzeln ein. Darum nennt man unsere Wiesen auch Kohlenstoffspeicher. Sterben diese Pflanzenteile aber ab, bleibt nur das, was von Sedimenten belegt wird, im Meer langfristig gebunden. Das, was wieder an Land gespült wird, wird zersetzt und der Kohlenstoff kommt wieder frei.“

„Das hört sich doch eigentlich nach einem guten Kreislauf an“, sage ich.

„Grundsätzlich ja. Entscheidend ist – wie so oft – das Gleichgewicht. Das ist leider aus den Fugen geraten. Die Posidoniawiesen im Mittelmeer, die Seegraswiesen in der Ostsee, aber auch die Kelpwälder in Norwegen oder die Mangroven in den Tropen werden weltweit immer weniger. Die Folge: Zu viel CO₂ verbleibt im Wasser und reagiert mit diesem zu Kohlensäure, sprich: Der Säuregehalt des Meeres steigt, der pH-Wert sinkt. Die Meere „versauern“ und das Leben – auch für Posidoniafelder und ihre Mikroorganismen – wird schwieriger. Auch, weil sich zum Beispiel im Mittelmeer gleichzeitig die durchschnittliche Temperatur erhöht. Das ruft tatsächlich Algen auf den Plan, die die Posidonia, aber zum Beispiel auch Korallen ersticken können. Und zu viele Algen sind tatsächlich ein Problem für das Meer.“

„Zum Glück bist du keine Alge!“ Das Schaf weiß, wie man Freundschaften schließt: Die Posidonia lächelt.

„CO₂, das nicht oder nicht mehr gespeichert werden kann, gelangt wieder in die Atmosphäre – wo es im Übermaß klimaschädlich sein kann. Kurz: Saubere Ozeane tun aktiv etwas für ein gutes Erdklima. Versauerte Meere schaffen diesen Job nicht mehr. Das gilt für die Ozeane weltweit; die Mengen können sich Menschen kaum vorstellen. Als Binnenmeer ist das Mittelmeer besonders gefährdet. Dadurch, dass der Mensch mehr CO₂ als zuvor in die Atmosphäre entlässt, hat das Meer mehr zu tun – und bei acht Milliarden Menschen, die fossile Energien nutzen und CO₂ ungehemmt in zuvor nicht dagewesenen Ausmaß freisetzen, und gleichzeitig die lebende Biomasse an Pflanzen signifikant verringern, hat auch das Erdklima einiges mehr zu tun, um stabil zu bleiben. Um einen notwendigen Ausgleich zu schaffen, reagiert das Wetter punktuell mit Stürmen, Hitzewellen und anderen Extremereignissen. Aus dem ganz natürlichen Vorgang ist ein echt anstrengender Prozess geworden. Intakte und ausgedehnte Posidoniafelder sind ein extrem wichtiger Baustein, damit diese Arbeit weiter gemacht wird. Das nennt man Ökosystemleistungen – die die Natur freiwillig, ohne Kosten und für alle gleichermaßen erbringt.“

Dieser Exkurs der Posidonia ist notwendig, aber sicher für manche anstrengend. Ich sehe mich schon im nächsten „Klimaschwindelshitstorm“.

Doch was die Posidonia sagt, ist zumindest für mich mega einleuchtend.

Auch, wenn man den viel beschworenen „gesunden Menschenverstand“ bemüht, ist klar: Wenn es von dem einem zu wenig gibt, gibt es vom anderen zu viel. Extreme haben dem natürlichen Gleichgewicht noch selten gut getan. Zerstört der Mensch die Natur, und gibt es davon immer weniger, hat das Folgen. Ursache und Wirkung. Vielleicht können wir uns ja darauf einigen.

Denn auch, wenn wir das große, globale Ganze und das, was die Natur für uns alle tut, manchmal nicht sehen oder verstehen, ändert das ja nichts an Naturgesetzen. Gegen die hilft nur Ignoranz oder stumpfe Verneinung. Und auch das nicht wirklich – es hilft nur, das Problem nicht mehr zu sehen.

Sicher ist: Seegraswiesen zerstören sich nicht freiwillig und nicht von allein.

Mindestens dieser Teil der Ursache ist menschlich. Noch so ein Hasswort: menschengemacht. Nützt ja aber nichts: Schon im Ansatz ist es vielleicht ungemütlich, aber wahr.

Wir können unseren eigenen Anteil, unseren Teil der Verantwortung negieren.

Besser wäre, ihn wo irgend möglich, zu korrigieren.

Werden wir uns der Wirkung bewusst, können wir mindestens unsere eigenen Handlungen entsprechend ausrichten. Sogar in ein paar Wochen Urlaub. Und es tut gar nicht weh. Nachhaltiger Tourismus ist das Zauberwort.

Wie genau wir das machen können, erklärt die Posidonia freundlicherweise auch:

„Die Posidonia-Pflanzen wachsen auf einem Gemisch aus Sand und Muschelresten, ungefähr zwischen einem und 40 Metern Wassertiefe – also küstennah. Und das ist ja das Problem: Unser bevorzugtes Zuhause ist die Küste Sardiniens, mit ihren wunderschönen Buchten und Stränden. Denn hier hat das Wasser eine ganz tolle Qualität. Hier fühlen wir uns richtig wohl! Gleichzeitig sind viele der Buchten auch bei Touristen auf Sardinien beliebt – für den ausgedehnten Traum-Strandurlaub oder als Ankerplatz.“

Apropos Anker: Die gehören NICHT in ein Posidonia-Feld! Mehr auf segelrevier-sardinien.de »

Ich komme ins Grübeln: „Ein echtes Dilemma – zwei Seiten beanspruchen den gleichen Platz …“

„Ja, nur, dass wir Posidonia-Pflanzen schon einen Tick länger da sind und damit ältere Rechte haben. Wäre doch schön, wenn der Mensch schafft, sich natürlich einzufügen, statt diesen Platz einander streitig zu machen. Denn weil alles zusammenhängt, brauchen wir ihn ja alle.“

Da taucht das Schaf aus seiner nachdenklichen Phase auf.

„Absolut. Und Respekt, wem Respekt gebührt: Eure Art gibt es ja schon seit der Zeit, als auf dem Festland noch Dinosaurier umherstreiften, die bekanntlich wieder verschwunden sind. Ohne jetzt uncharmant sein zu wollen: Du bist eine der ältesten Pflanzen im Ozean!“

Das kurz aufblitzende Entsetzen ob dieser Unverfrorenheit wandelt sich direkt in Stolz:

„Oh ja! Weltweit gibt es über 60 Arten von Meerespflanzen, die ähnlich wie unsere Art sind. Und die Posidonia oceanica ist die älteste. Weißt du, dass einzelne Pflanzen bis zu 100.000 Jahre alt werden können? Und weißt du noch was? Wir sind auch die größte!“

Eine Pflanze der Superlative

Jetzt ist die Posidonia in ihrem Element! Höher, schneller, weiter!

Und da staunt das Schaf wirklich: Die Posidonia ist der größte lebende Organismus der Erde. Den Titel trägt eine Pflanze der verwandten Posidonia australis, auf der anderen Seite der Erdkugel.

Auch im Mittelmeer werden einzelne Exemplare bis zu acht Kilometer lang. Rund um die Balearen vermaß man eine Seegraswiese von 700 km² – zwischen Es Freus auf Formentera und dem Strand Ses Salines auf Ibiza.

Den Strömungen und dem Lauf der Natur folgend, kann sich die Posidonia bei optimalen Lebensbedingungen unfassbar weit ausbreiten. Das hat vielleicht auch den Nachteil, dass an manchen Stränden dann in sturmreichen Jahren mehr abgestorbenes Seegras liegt.

Aber auch da wieder die Erinnerung an das Ursache-Wirkungs-Prinzip.

Man könnte ja (ganz grob) folgern:

  • mehr CO2 in der Atmosphäre -> mehr Stürme.
  • mehr Stürme -> mehr Posidonia-Reste.
  • mehr Posidonia-Wiesen –> weniger CO2, weniger Stürme.
  • weniger Stürme -> weniger Posidonia-Reste.

Vielleicht kann Klimaschutz tatsächlich auch ganz persönliche Vorteile haben, wenn wir an die eingehende facebook-Frage denken.

Baia Sardinia im stürmischen Herbst
Manchmal wird’s auf Sardinien richtig stürmisch – dann sind die Strände den Kräften fast schutzlos ausgesetzt

Wär doch cool, wenn nicht alles, an dem das Wort „Klima“ steht, in eine „woke, linke Schublade“ gepackt würde. Es ist nur ein klitzekleiner Umweg zu schauen, was in der Natur effektiv vor sich geht und für einen Moment mal gewisse Zusammenhänge – wie eben die der Posidonia und ihre Funktion für das Erdklima – anzusehen.

Dann ist plötzlich auch ganz einfach, sich natur- und klimafreundlich zu verhalten – und sei es nur, dass man sich nicht beim Hotel über die Posidonia am Strand beschwert, sondern sich bedankt, dass sie da mit einem liegen darf.

Von Perfektion sind wir alle in dieser Welt leider weit entfernt.

Es geht darum, zu beginnen, etwas richtig zu machen. Jedesmal direkt dort anzufangen, wo wir sind. Nicht darauf zu warten, dass die anderen etwas tun.

Dann kann die Welt auch Stück für Stück wieder ein bisschen besser werden.

„Was würdest du dir von uns wünschen, wenn wir uns auf und am Meer bewegen?“ frage ich die Posidonia zum Ausklang.

„Mehr Sinn für Schönheit. Viele stören sich ja schon an den dunklen Flecken, die das Seegras im Meer bildet – weil sie das tolle Türkis des Meeres dann nicht mehr leuchten sehen. Dabei kann es zusammen trotzdem wunderschön sein! Und alles kann wunderbar koexistieren: Menschen könnten über den Seegraswiesen schnorcheln oder tauchen und den Lebensraum bewundern. Und einfach ein paar Buchten weiter fahren. Sie finden an über 1800 Kilometer Küste garantiert einen Strand ohne Seegras.“

Schönheit von oben: Posidonia zusammen mit Felsen und anderen Meerespflanzen – ein natürliches Kunstwerk

„Das finden wir ja sowieso ein Quasi-Allheilmittel für so viele Probleme auf Sardinien: neugierig sein und herumreisen!“

Das schwarze Schaf ist genau in seinem Thema angekommen.

Bevor jetzt aber jemand sagt, dass es ja auch klimaschädlich ist, wenn man dann zum nächsten Strand ohne Posidonia oder für einen Ausflug ins Hinterland ein paar Kilometer mit dem Auto fahren muss: Theoretisch-rechnerisch vielleicht.

Die einzelne CO2-Bilanz wird zumindest gefühlt in dem Moment etwas schlechter. Wobei auch das nicht zwingend sein muss – wenn du zum Beispiel ein paar Tage in einem Agriturismo mit Verpflegung bei Kilometer Null wohnst, statt in einem großen Hotel an der Küste.

Wenn du Wasser brauchst: Wie wäre es mal mit einem Ausflug zu einem See auf Sardinien? Hier der Stausee Is Barrocus / San Sebastiano bei Isili

So oder so: Der intakte Posidoniakreislauf dürfte langfristig sowohl in puncto Natur- als auch Klimaschutz der Gewinner sein und eine aufmerksame, bewusste und möglichst nachhaltige Rundreise durch die Insel keinen allzu großen Schaden anrichten.

Wenn es dir aber wichtig ist (und das nicht als „Schauen-wir-doch-mal-wie-ernst-sie-das-meint-Argument“ verwendest), dann kompensiere deine Fahrten auf der Insel. Dazu gibt es sehr effektive Möglichkeiten, bevor jetzt jemand „Ablasshandel!“ ruft (z. B. bei fortomorrow.eu oder in Projekten zur Wiederansiedelung von Posidonia oder regionalen Aufforstung).

Wenn wir wissen, wie die Posidonia lebt, was sie auszeichnet und wenn wir erkennen, wie schön und wichtig sie ist, bekommen wir vielleicht ein Gefühl dafür, wie wir uns als Touristen gut einfügen können.

Dann legen wir uns eben nicht an den Strand, der direkt in Hotelnähe ist und vielleicht in diesem Jahr mit Posidoniaresten belegt ist, weil die Winterstürme ihn eben in diesem Jahr dorthin getragen haben.

Sondern machen doch lieber einen Ausflug an die andere Seite der Insel, an eine der vielen anderen Küsten der Insel und finden eine Traumbucht, die im strahlenden Türkis funkelt.

Langsam wandert die Sonne an der sardischen Westküste in Richtung Horizont. Hier geht sie naturgemäß am schönsten unter.

„Wir könnten ja auch einfach mal nichts tun, an einem Grashalm knabbern und uns einfach in die Natur setzen. Egal wo.“ Sagt das Schaf und kickt einen fasrigen Ball ins Meer.

Ein wellig-wohliger Seufzer entfleucht der Posidonia und mir scheint, als wären sie und das Schaf kleines bisschen verliebt.

Quellen zur Vertiefung

Und – last but not least – ein kleines Erklärschafvideo zum Thema:

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