An der Landstraße SS 198, auf dem Weg in den Gennargentu ogliastrino, also den höchsten Bergen der Insel in der Region Ogliastra, lande ich der kleinen verlassenen Ortschaft »Gairo Vecchio«.
Schon bei meinem ersten Besuch war ich hellauf begeistert. Irgendwo im Dorf klebt vielleicht noch der pecora-nera-Aufkleber von vor über zwölf Jahren.
Ein paese fantasma / Geisterdorf, wie man es gern nennt – und was nicht ganz richtig ist – und wie es einige auf Sardinien gibt. Vielleicht ist Gairo Vecchio sogar das bekannteste Geisterdorf Sardiniens.
Einst lebendige Ortschaft, heute scheinbar nur noch eine Ansammlung von Ruinen.
Ganz sicher ist Gairo Vecchio eines der schönsten »Geisterdörfer« – allein die Lage am Hang mit Weitblick über das Tal des Flusses Riu Pardu.
Das schwarze Schaf hat die Gelegenheit im Rahmen des IT.A.CA-Festivals mit früheren Bewohnern des Dorfes zu sprechen.


Der Name »Gairo« soll von den griechischen Worten »ga« und »roa«, was »fließende Erde« bedeuten soll – und tatsächlich ein Hinweis auf die traurige Geschichte des Dorfes ist.
Bereits 1831 ereignete sich das allererste Unwetter. Im Jahr eines signifikanten Vulkanausbruchs im Pazifikraum hatte sich die Sonne verdunkelt. Sogar auf Sardinien war das zu spüren und zu sehen: Es war nie wirklich hell, das Licht variierte zwischen blau, grün und violett. Die Menschen (wie auch in anderen Ländern Europas) konnten es sich natürlich nicht erklären. Erst in neuerer Zeit mit der Analyse von Asche- und Schwefelpartikeln konnte deren Herkunft lokalisiert werden:
„Dieser chemische Fingerabdruck führte den Forscher zu einem Vulkankrater auf einer kleinen Insel im nördlichen Pazifik. Simushir heisst die Insel und sie ist Teil des pazifischen Feuerrings. Der Vulkan dort brach im Sommer 1831 so heftig aus, dass das Wetter selbst in weit entfernten Ländern wie der Schweiz verrückt spielte und das globale Klima um bis zu ein Grad abkühlte.“ (Quelle: SRF.ch)
1880 dann der kälteste Sommer der auf Sardinien aufgezeichnet wurde. Er reihte sich in ungewöhnliche Wetterereignisse ein – und verursachte die erste signifikante Überschwemmung, bzw. Erdrutsche in Gairo und der Ogliastra.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es Erzählungen von Einheimischen eine schwierige Phase für die Region: Verheerende Wolkenbrüche provozierten Erd- und Schlammrutsche. Immer wieder, quasi in jedem Jahr, wurden Häuser und Höfe vernichtet. 1927 wurde Gairo wieder getroffen.
Jedoch hielt es sich tapfer. Einige Häuser am Ortsrand waren zerstört, aber der Kern stand. Und die Menschen harrten aus – was sollten sie auch anderes tun? Ihr ganzes Leben war hier.
1951 aber regnete es vom 14. bis 19. Oktober durchgängig – in ganz Sardinien: „Das Unwetter betraf ein Drittel der gesamten sardischen Fläche“, schreibt Andrea Murgia, ein Meteorologe, der die Ereignisse jener Tage rekonstruierte. Fast alle Flüsse der Insel traten über die Ufer.
In der Region Ogliastra fielen vereinzelt zwischen 300 und 500 mm Regen pro Quadratmeter, lokal sogar darüber. Es waren auch, aber nicht nur diese Regenmengen. Die Dauer der widrigen Wetterbedingungen, die fast eine Woche anhielten, zwangen die Region in die Knie.

Die Ogliastra hatte besonders zu kämpfen. Jene Zerstörungen der vorherigen Ereignisse sowie die Kontinuität des Schlechtwetters waren schuld, dass immer mehr Erde abgetragen wurde, Bäume ihren Halt verloren, die Hänge instabil wurden verursachte Schlammlawinen allenorts, Feldwege wurden ausgewaschen, Orte waren unerreichbar und von jeder Versorgung abgeschnitten.
Gairo Vecchio traf es besonders hart. Eine riesige Schlammlawine begrub gut die Hälfte des Dorfes unter sich. Im fortwährenden Regen versuchte man zu retten, was zu retten war. Auch das Dorf gegenüber, Osini, erlebte in diesen Tagen eine ganz ähnliche Geschichte.
Sechs Tage Unwetter, sechs Tage Schicksal, während der man betete und hoffte.
Diese vierte, schwere Überschwemmung hatte jedoch Folgen.
Es dauerte jedoch noch einige Zeit, bis aus dem Dorf ein Geisterdorf wurde.
Und das wird heute oft falsch erzählt oder vermutet. Auch ich hatte lange Zeit eine nicht ganz korrekte Vorstellung – nämlich dass in einer Art spontaner Reaktion das Dorf aufgegeben und woanders wieder aufgebaut wurde.
Die Erzählungen der Menschen des Dorfes zeichnen ein etwas anderes Bild.
In Wirklichkeit überdauerte das Dorf nicht nur Tage, sondern Wochen und Monate nach dem Unwetter.
Denn zunächst war natürlich das Ziel, weiter im Dorf zu leben und aufzuräumen. Auch hier bestätigt sich, dass Sarden ihr angestammtes Territorium wirklich sehr ungern verlassen. Hier war die Schule, die Kirche, der Bäcker, der Arzt … Ja, alle hatten mit dem Unwetter zu kämpfen (einige mehr, andere weniger), doch die Idee, zu gehen, entwickelte sich erst.
Gleichwohl beschäftigten sich natürlich viele mit der Frage, ob und wann so ein Ereignis wieder passieren könnte. Einige waren zuversichtlicher als andere.
Die ersten, die gingen, waren diejenigen, die Land unten in der Ebene besaßen, und zuvor noch zur Transhumanz ihre Tiere zum Winter dorthin und im Frühling wieder zurück brachten. Oder unten Landwirtschaft betrieben. Also warum wieder hoch gehen, wenn es dort unsicher war?
Und so verließen 142 Personen Gairo in Richtung Meer. Sie gründeten Marina di Gairo bei Cardedu.
Für manche Tiere, wie Ziegen oder Rinder, ist es am Meer dauerhaft nicht unbedingt besser. Denn oben im Gennargentu liefen sie frei und gab es gute Weiden. Die Hirtenfamilien entschieden sich also, höher und ein Stück weiter ins Landesinnere zu gehen, auf die andere Seite des Tals, etwa zehn Kilometer entfernt. Gairo Taquisara (Italianisierung von Taccu Isara), war bereits von Mussolini erbaut worden und verfügte über eine Bahnstation, was die Versorgung sicherstellte.
Der Rest der Einwohner zog einfach ein Stück höher und baute Gairo Sant’Elena an den gleichen Hang – in der Hoffnung, dass dort die Erde hielt.
Gairo Sant’Elena, heute meist nur Gairo genannt, ist das Hauptdorf und Sitz der Gemeinde. Dann begann der „Wiederverwendung“ – Balkone, Dachziegel, Türen … alles was noch brauchbar war, wurde zum Bau von neuen Häusern verwendet oder sogar zum Bau von Ferienresorts unten am Meer verkauft.
Irgendwann, Mitte der Siebziger Jahre, beschloss die Gemeinde den Abriss einiger Häuser, gegen nur geringe Entschädigung (wenn überhaupt). Und so sieht Gairo Vecchio heute so aus, wie es aussieht.
Aber: Es ist Gairo Vecchio – das Dorf, das nicht mehr existiert – das die meisten Neugierigen und Reisenden anzieht.
Die verlassenen Häuser und die Geschichten, die sich in ihnen abgespielt haben mögen, die Spuren, die vom großen Unwetter erzählen – für Menschen, die ihre Fantasie mit in den Urlaub nehmen, ein toller Ort zum Verweilen und Umherstreifen.
Und: Man kann heute tatsächlich sehr angenehm verweilen: Einige junge Leute aus Gairo bewiesen Unternehmergeist und eröffneten eine Bar – mit super Blick über das ganze Tal: das BORGO VECCHIO.

Also, in der ersten Haarnadelkurve des Ortes schön langsam fahren, vorsichtig parken und über die Straße gehen und ein wunderbaren Aperitivo genießen!
Zu Fuß durch die engen Gassen, und Treppen, vorbei an notdürftig verriegelten Häusern mit den für das Dorf seinerzeit typischen blauen und roten Wänden.
Zur eigenen Sicherheit darf und sollte man in die Häuser nicht hineingehen. Aber durch diverse Fenster und Lücken kann man zuweilen noch interessante Kleinigkeiten entdecken, und sei es nur eine vorbei huschende Eidechse.
Oder man staunt einfach, wie sich die Natur langsam aber sicher ihr Territorium zurückerobert und sich Bäume und andere Pflanzen zwischen den Hauswänden ein neues Zuhause suchen.
Die schönsten Postkartenmotive des Ortes gelingen z. B. am Ortsausgang (in einer Kurve vorsichtig links an einem Turm einbiegen), und von der gegenüberliegenden Seite des Tals aus. In etwa bei Osini (an der SP 11) hat man einen wunderbaren Blick auf die beiden Gairos, alt und neu.
Besonders im Herbst und Winter, wenn es kalt und neblig ist, wird der Besuch in Gairo Vecchio zu einem besonderen Erlebnis. In dieser Atmosphäre versteht man ein bisschen mehr von der Geschichte des Ortes.
Heute scheint die Sonne. Aber wenn sich irgendwo ein schweres Sommergewitter zusammenbraut, denke ich an diese Geschichte … und hoffe, dass sie sich nicht wiederholen möge!




















In Gairo Vecchio direkt gibt es natürlich kein B&B.
Ich habe in Gairo Taquisara gewohnt, im „Casa Rosa“, richtig niedlich, mitten im Ort – und gut gegessen im Ristorante L’Asfodelo … Anfragen zum B&B am besten per E-Mail: info@ristorantelasfodelo.com oder telefonisch +39 347 372 3113






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Frank Hahlbohm
3. Juni 2018 at 22:27Hallo Pecora-nera,
Wir waren heute in Gairo Vecchio und habem dort ein sehr langes und interessantes Gespräch mit einem 82 jährigen, ehemaligen Bewohner geführt… er erzählte un, dass die letzten Einwohner 1951 Gairo verlassen mussten. Die erste Teilräumung erfolgte schon 1928, dann 1940 und zuletzt 1951. Nicht also fluchtartig… es war eine Zwangsumsiedlung aus Sicherheitsgründen. Jeder Einwohner konnte wählen, ins welches neue Gairo er umsiedeln mochte, bekam ein Gründstück und Geld für den Hausbau….
pecora nera
4. Juni 2018 at 09:05Ja, Erzählungen aus erster Hand sind immer die besten 🙂
Das soll der Artikel auch vermitteln, wie beschrieben kam es seit Anfang des Jahrhunderts immer wieder zu Überschwemmungen auf der Insel. Die Alluvione von 1951 war inselweit und in der Ogliastra besonders heftig – und Anlass, das Dorf endgültig aufzugeben. Die Menschen hatten zwar Zeit, Teile ihres Hab und Guts zu retten, und es gab auch keine Toten, wohl aber diese sechs Nächte Dauerregen und die Schlammlawinen und – so erzählte es mir ein Einheimischer – der Moment, in dem sein Haus unwiederbringlich verloren war. Die Verluste waren für die Betroffenen elementar. Die Einwohner von Gairo stritten sich dann wohl heftig über den neuen Ort und so kam es halt zu der Teilung. Wer partout an dem zerstörten Ort bleiben wollte, musste irgendwann zwangsweise gehen, auch das ist richtig.
Osini hat eine ganz ähnliche Geschichte. Am Ortseingang (hinter Osini Vecchio) finden sich am Straßenrand einige in Stein gehauene Werke eines Künstlers, der das Thema verarbeitete – und an den Gesichtern sieht man auch, dass es kein einfacher Moment war.
Spannende Orte, spannende Geschichten!
Lisa Schatz
18. August 2023 at 08:58Was für ein toller Reisebericht. Wir waren heuer das Erste Mal auf Sardinien, in Nuoro, sind durch die sehr beeindruckende Bergwelt gefahren. Haben wunderschöne Strände entdeckt, z.B. Cinta, hoffnungslos überfüllt und Osalla. Da waren wir teilweise fast alleine. Das war wirklich wunderschön. Beim Nächsten Mal fahren wir sicher nicht in der Hauptsaison ;)) eher Mitte September und vielleicht auch auf Campingplätze (haben aber kein Campmobil sind aber im Herzen Camper) Und natürlich wollen wir noch mehr von dieser schönen, beeindruckenden Insel sehen. Vielen Dank für den inspirierenden Bericht♡♡♡♡♡ Liebe Grüße Lisa