Aktueller Termin Is Cerbus: 10. März 2019 in Sinnai.

Programm: vormittags Pariglie (ab ca. 10 Uhr in Località Bellavista, nachmittags Is Cerbus (ca. 14:30 ab Piazza Santa Vittoria durch das Dorf bis zur Piazza Sant’Isidoro).

Hier ein Beeehricht des schwarzen Schafs aus einem der letzten Jahre.

Das Schaf friert. Den ganzen Tag schon. Trotz Wolle. Es ist Februar, es regnet; der Himmel ist und bleibt grau. Ein kräftiger, kalter Wind fegt durch Sardiniens Süden.

Und an so einem Tag soll man zur Hirschjagd?

An der Piazza Sant’Isidoro in Sinnai, einem Dorf nordöstlich von Cagliari, wird heute das große Finale von „Is Cerbus“, der Karnevalstradition in Sinnai, gezeigt. Es fehlt aber an Menschen. Das schwarze Schaf ist früh da, um nichts zu verpassen, hat aber den Verdacht, entweder sehr viel zu früh oder gar nicht am richtigen Ort zu sein. Also muss es herausfinden, wann und wo hier was los ist.

Piazza Sant'Isidoro, präpariert mit Stroh ... man wartet im Regen
Piazza Sant’Isidoro, präpariert mit Stroh … man wartet im Regen auf „Is Cerbus“

Gern hätte es erstmal etwas Wärmendes, doch in Sinnai wird der übliche Schwarzschaf-Tipp, in die nächste Bar zu stiefeln und zu fragen, nicht helfen: Bars im Zentrum? Zwei sind da, beide geschlossen! Nur eine Gelateria hat geöffnet – ein Eisladen! Bibberbibberbibber! Draußen steht ein wehrloser Torrone-Stand, der sein Zeug ob des Regen und Windes aber abgedeckt hat.

Aber das schwarze Schaf wäre nicht es selbst, wenn es nicht irgendwie hier zurecht kommt. Es will unbedingt Is Cerbus sehen, und das wird es auch!

Der Auftakt: die Pariglie

An einem hemdsärmelig hingezimmerten Stand mit sardischem Craft-Bier (gekühlt natürlich) hinter der Piazza erfährt das schwarze Schaf, dass gerade die Pariglie ausgetragen werden, ein akrobatisches Reiterspektakel.

Wo? Nella periferia / am Ortsrand. Wo genau? In questa direzione / Da lang! Zweimal muss es noch fragen (Dove si può vedere le Pariglie?), dann ist der Weg klar. Alles etwas mühsam heute …

Pariglie im Regen - das hält die Leute nicht davon ab, sich das anzusehen
Pariglie im Regen – das hält die Leute nicht davon ab, sich das anzusehen

Der Himmel ist grau, langsam aber sicher geht es vom Nieselregen in echten, satten Regen über. Für die Pferde ist die Bahn aber optimal – und die Pariglie sind bereits in vollem Gang! Eine Gruppe spielt auf dem Pferderücken in gestrecktem Galopp das sardische Zählspiel „Sa Murra“.

BRAVI! / Ihr seid super! rufen die Zuschauer. Stimmung ist hier, ohne Frage.

Düsteres Wetter, gut gelaunte Leute, schnelle Pferde!

Futter, Getränke? Immer noch nichts. Auch der zu Karneval obligatorische Becher Wein wird hier nicht gereicht. Man bringt zwar welchen mit, verteilt den aber unter sich, in der Gruppe in der man den Tag verbringt. So geht as hier also. Ist halt doch nicht Mamoiada hier … help yourself!

Endlich! Is Cerbus in Sinnai

Sinnai ist ein Ort im platten Land, aber in der Nähe weiter Wälder. Man lebt seit Jahrhunderten also von der Landwirtschaft. Heute haben viele der 17.000 Einwohner Jobs in der Inselhauptstadt, aber die Wurzeln sind unvergessen.

Sinnai: Is Cerbus
Sinnai: Is Cerbus – eine Art Open Air Theater, das die antike Hirschjagd zeigt.

Eine dieser Wurzeln sind Hirsche. Man ist eng verbunden mit dem Gebirge, das sich im Osten des Ortes erhebt: die Berge des Parco dei Sette Fratelli, oder im lokalen sardischen Sprachgebrauch: Su Cungiau de Is Setti Fradis.

In diesen Wäldern lebt auch heute noch der sardische Hirsch, der „cervo sardo“. Vor einem guten Jahrhundert durfte man ihn auch noch jagen – was dem Bestand allerdings nicht so wahnsinnig gut getan hat. Mensch kennt ja manchmal keine Grenzen.

Heute steht der Hirsch, wie das ebenfalls im Setti Fradis heimische Mufflon unter Schutz. Also weichen die Jäger auf Wildschweine aus. Davon gibt es ziemlich viele, sogar in den Hügeln gleich hinterm Dorf und selbst die jährlichen Jagden dezimieren den Bestand nicht wesentlich.

Der „Carnevale Sinnaese“

Der Karneval in Sinnai ist wie viele andere auf der Insel nicht sehr bunt, aber sehr komplex. Im Campidanese, der lokalen Sprache, nennt er sich Segàrepezza – von segàra / schneiden und petza / Fleisch. Ein Hinweis auf den Beginn der Fastenzeit, in der bis Ostern kein Fleisch gegessen werden durfte. Mit dem Karneval wurde quasi das letzte Mal Fleisch geschnitten, könnte man sagen.

Der Termin ist üblicherweise am Sonntag nach dem Martedi Grasso / Karnevalsdienstag, liegt aber in jedem Jahr anders. Etwa vier Wochen vorher wird der offizielle Termin bekannt gegeben, sicher aber erst nach dem Fest von Sant’Antonio.

„Is Cerbus“ – „die Hirsche“ heißt die Jagd, und ist ein wirklich gut inszeniertes Spektakel. Uns begegnen folgende Figuren:

  • Is Cerbus / Cerbu – cervo – der Hirsch
  • Cassadori – cacciatore – der Jäger (mit Flinte bewaffnet)
  • Cani – cane – der Hund
  • Is Canaxus / Canaxu – capo battitore – Treiber (mit Fellbehang, Glocken, und Schlagstock, Führer der Hunde)
  • Sirboni – cinghiale – das Wildschwein
  • Is Cerbixeddus – die „kleinen Hirsche“ (Is Cerbus, verkörpert von den Kindern des Dorfes)
Die verschiedenen Protagonisten vor dem Umzug durchs Dorf
Die verschiedenen Protagonisten vor dem Umzug durchs Dorf

Die Tradition: der Mensch und die Natur

Zu Beginn läuft das Ganze noch ziemlich geordnet ab, und hier kann man schon etwas über die Jagd lernen. Es scheint, ein wenig möchte man mit dem archaischen Ritual versöhnen – nicht wenige Menschen halten Jäger schlicht für gemeine Barbaren.

Schauen wir mal, ob die Versöhnung annähernd gelingt.

In früheren Zeiten war die Jagd eine zeremonielle Sache. Man schoss nicht wahl- und endlos, schon gar nicht aus Spaß, sondern für den Bedarf des Dorfes. Ähnlich wie ein Bussard Mäuse jagt, bis er satt ist.

Is Cerbus und Is Canaxus
Is Cerbus und Is Canaxus

Ganz fair ist der Kampf gleichwohl nicht – denn so ein Hirsch hat der bewaffneten Jägermeute wenig entgegenzusetzen. Er kann höchstens abhauen, wenn ihm sein Leben lieb ist.

So ist die Zeremonie „Is Cerbus“ auch als die Überlegenheit des Menschen über Natur zu verstehen.

Das Verhältnis zum Tier ist gleichwohl bei den Leuten, mit denen das schwarze Schaf spricht, von Respekt geprägt. Man ist dankbar und ehrfürchtig. Ein Hirsch sei ein edles, stolzes Tier und ein Schatz Sardiniens, den man bewahren muss. Das würde man heute nicht mehr töten.

Wer in Sinnai also mit einem großen Fressen mit Hirschfilet oder Rehgulasch im Restaurant rechnet, wird enttäuscht. Wild steht auf Sardinien selten auf dem Speiseplan. Für die Arterhaltung der sardischen Hirsche wohl auch ganz gut so.

Hirsche, Hunde, Jäger machen sich bereit
Hirsche, Hunde, Jäger machen sich bereit

Einer der Canaxus, der Treiber, erzählt von den echten Jagden auf die Wildschweine, die man auf der Insel ja noch jagen dürfe. Zwar nur von November bis Januar, und nur an Sonntagen – aber immerhin.

Die Wildschweine seien auf keinen Fall vom Aussterben bedroht. Im Gegenteil. Die sind molto molto furbi, also extrem schlau – und es gäbe Jagden, da kämen von 50 Schweinen 49 mit dem Leben davon. Man brauche sehr viel Erfahrung, einiges Geschick, muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein – und vor allem ginge nichts ohne gute Spür- und Jagdhunde. Hunde gibt’s hier ja auch in der Szenerie.

In den kleinen Gefässen ist übrigens oft Aquavit – so hält der Jäger sich warm

„Is Cerbus“ von Sinnai sind ein klein wenig verwandt mit den Boes von Ottana, und zeigen auch sonst gewisse Ähnlichkeiten mit anderen sardischen Masken. Sie sind als Gruppe zu verstehen, also die Hirsche im Zusammenspiel mit den anderen Figuren – es gibt sie niemals allein.

Die schwarzen Gesichter symbolisieren all das, wovor der Mensch sich fürchtet: den Tod, den „schwarzen Mann in Verkleidung“, die Kälte des Winters, die grausame und unbeugsame Natur. Und die doch gleichzeitig gütige Mutter ist. Die zwar nimmt, aber auch gibt.

Die Jagdszenerie, die in Sinnai zum Ende der Karnevalszeit nachgestellt wird, ist auf Sardinien einzigartig.

Der Auftakt: der Lauf durch die Gassen des historischen Zentrums

Das schwarze Schaf stapft am frühen Nachmittag zur Dorfkirche, wo in einem Hinterhof Menschen zu Hirschen, Wildschweinen, Hunden und zu antiken Jägern werden. Im Museo Civico findet die „Vestizione di Is Cerbixeddus“, also das Verkleiden der Kinder statt.

Sieht man auch nicht oft: ein Hirsch am Fenster
Sieht man auch nicht oft: ein Hirsch am Fenster

„Unsere Männer sind auf der Jagd. Und wir erklären unseren Kindern den Wert der Tradition. Wir sorgen dafür, dass sie ewig weiter lebt“, erklärt eine durchaus selbstbewusste Mutter, die ihren Fünfjährigen gerade als Hund verkleidet.

Die Erwachsenen des Vereines „Is Cerbus“ sind im Schatten der Chiesa di Santa Barbara versammelt. Stolz und kraftvoll tönen die Stimmen über den Platz, Glocken schellen. Man wird ein weiteres Mal in der Zeit zurückversetzt.

Gegen 16 Uhr beginnt die sfilata / der Umzug auf den Straßen des Dorfes. Der Hirsch, das respektierte Waldtier, ist die zentrale namensgebende Figur. Aber die Szenerie der „Is Cerbus“ wäre nicht vollständig – und vor allem nur halb so eindrucksvoll – ohne die anderen Figuren.

Is Cerbus - der Hirsch in einer Strassenszene
Is Cerbus – der Hirsch in einer Strassenszene

Die Jäger, die „Cassadori“, schießen mit ihren Flinten (natürlich nur mit Platzpatronen) erst in die Luft und später auf die imaginären Hirsche.

Vorsicht, wenn ihr zufällig neben einem Jäger steht: Wenn er plötzlich einen Schuss loslässt erschrickt man ganz schön, wenn man den Ton nicht kennt. Irgendeine Ur-Angst wird hier angesprochen. Schnell weg, an den Rand der Szene.

Der „Capo della Caccia“ bläst ins Horn, „is cornus“ und ruft zur Jagd. Die Treiber, die Canaxu, brüllen und rufen und springen, dass die Glocken auf ihrem Rücken laut tönen, ihre Hunde jaulen.

Is Cerbus - und ihr Gang durch die Gassen des centro storico
Is Cerbus – und ihr Gang durch die Gassen des centro storico

Irgendwann setzen sich die beiden Gruppen – „Is Cerbixeddus e Is Cerbus“, die kleinen und die großen Hirsche – in Bewegung.

Die „Hirsche“ vollführen ein paar kleinere Showeinlagen: springen in Hauseingänge oder klettern in Fenster, simulieren kleine Kämpfe oder legen sich entspannt auf die Strasse. Viele Dorfbewohner folgen ihnen quer durch die engen Gassen des centro storico.

Hier und da springen einige der „Hunde“ um Autos, oder jagen junge Frauen. Von den Is Canaxus, mit ihren schwarz gefärbten Gesichtern, bekommt man zuweilen etwas Ruß auf die Stirn (das bringt natürlich Glück).

Dann erreichen sie den weiten Platz Sant‘ Isidoro, wo schon hunderte Schaulustige warten.

Das Finale: die große Jagd auf der Piazza Sant‘ Isidoro

Die Piazza ist umrahmt von steinernen Treppen, auf denen einige Hundert Zuschauer Platz haben – für alle gibt es einen tollen Blick auf den Höhepunkt, die große Jagd.

Zuerst zeigen die kleinen „Cerbuxeddus“ auf dem mit Stroh ausgestreuten und einigen Büschen und Bäumen dekorierten Platz ihr Können.

Und dann führen „Is Cerbus“ die grosse Jagd / caccia grossa auf.

Der Jagdführer, "Capo della Caccia" bläst zur Jagd
Der Jagdführer, „Capo della Caccia“ bläst zur Jagd

Zunächst treten die Jäger auf den Plan. Jeder „Cassadori“ versteckt sich hinter den Büschen und am Rand des Platzes und wartet, bis die Tiere herbeilaufen und in Schussweite sind.

Hirsche, „Cerbus“ und Wildschweine, „Sirboni“ laufen herein. Etwa zehn, zwölf Tiere bewegen sich frei auf dem Platz, kämpfen miteinander, legen sich schließlich zur Ruhe hin.

Nach einiger Zeit dann das erste Gebell – die Hunde, „Cani“, haben die Wildtiere aufgespürt, scheuchen sie auf und treiben sie aufgeregt zusammen.

Hunde jagen Hirsche
Hunde jagen Hirsche

Die Treiber, „Canaxu“, bilden eine gemeinsame Linie und verengen den Raum für die Hirsche immer weiter, schneiden ihnen den Weg ab.

Die Jäger schießen, und erwischen einige Tiere – der ein oder andere fällt mit Radschlag spektakulär zu Boden und bleibt dann liegen. Einige Tiere finden einen Auswege und flüchten sich in einen Hof hinter dem Platz.

Cerbu auf der Flucht ...
Hirsch auf der Flucht …

Die Treiber und Hunde folgen ihnen, dann beginnt die Szenerie von neuem, bis alle Tiere das Zeitliche gesegnet haben. Jäger und Treiber tragen die erlegten Hirsche und Wildschweine zusammen, die Hunde bewachen sie.

Zum Ende führen sie einen lautstarken Tanz um die am Boden liegenden Hirsche und Wildschweine auf – und die Aufführung ist vorbei.

Die Cani, die Hunde, bewachen die erlegten Hirsche
Die Cani, die Hunde, bewachen die erlegten Hirsche

Bereits in den verhallenden Applaus mischen sich die unverkennbaren Töne der „Launeddas“, der sardischen Hirtenflöte, und eines Harmoniums – das heißt nichts anderes, als dass jetzt das Fest beginnt.

Das schwarze Schaf hat während des Umzugs und der Aufführung ganz vergessen, weiter zu frieren, und der Regen hatte sich am Ende auch gelegt. Nichts ist so schlimm wie nicht hinzugehen. Und es wird trotz des immer noch wehenden kalten Windes sogar gemütlich auf dem Platz: Musik und Tanz – die ersten haken sich unter und beginnen den „Ballo Sardo“. Dazu fließen der selbst mitgebrachte Wein und Aquavit – auch das Schaf bekommt netterweise was Selbstgebranntes aus Fenchel. Alles ist gut!

Und der schwarzschafige Überlebens-Tipp des Tages an alle, die dieses  Spektakel besuchen? Zieh Dich warm an, nimm Dir eine Thermoskanne Tee, Wein oder etwas Hochprozentiges mit. Und dann rein ins Spektakel!

Auf jeden Fall ist der Carnevale Sinnaese ein erlebenswertes Stück sardischer Kultur!

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