Ich habe eine Verabredung auf Tahiti. Mit Jack Sparrow. »Fehlt da nicht irgendwo ein ‘Captain’?«, höre ich ihn sagen. Oh, natürlich, CAPTAIN Jack Sparrow. Soviel Zeit muss sein.

Im Hafen von Palau

Im Hafen von Palau

Ich habe ich nur eines im Kopf: Tahiti. Ich solle auf dem kürzesten Weg dorthin komme und ihn treffen, hat er gesagt.

Hm. Ist Jack nicht eigentlich in der Karibik unterwegs? Was macht der am anderen Ende der Welt?

Egal. Ich reibe mich dick mit Kokosmilch ein, lege ein Kopftuch an, schnappe mir meine Karte von Französisch-Polynesien und gehe los. Das Abenteuer beginnt!

Ich frage in einer Bar, wie ich nach Tahiti komme. Ein junger Mann sagt mir, ich solle am besten das Schiff von Palau nehmen, bis zur nächstgelegenen Insel. Und von dort wieder weiter auf die nächste Insel.

Bei starkem Wind von Palau zur nächsten Insel

Bei starkem Wind von Palau zur nächsten Insel

Palau, ja, das habe ich hier auf der Karte. Also los. Das Schiff muss richtig arbeiten. Der Wind bläst kräftig, 27 Knoten wühlen das Meer an seiner Oberfläche auf, die Wellenberge sind trotz des Landschutzes hoch, die Kämme spritzen, die Böen suchen sich ihren Weg ohne Rücksicht auf Verluste. Ich bin nach kurzer Zeit an Deck nass, ein kleines Stoßgebet und Schutz im Schiffsinneren suchen, mehr kann ich nicht tun.

Angekommen wundere ich mich. Die nächste bekannte Insel vor Tahiti wäre ja eigentlich Bora-Bora. Die hier heißt La Maddalena und ist auch schon in fünfzehn Minuten erreicht. Ernüchtert stelle ich fest, dass meine Seekarte von Polynesien viel weiter westlich endet, als ich es eigentlich bräuchte. Nutzlos. Ich frage. Nach Tahiti.

Doch doch, das ist richtig, sagt einer. Geh nach Caprera. Den Namen kenne ich nicht und finde ich auch nicht auf der Karte. Eine unbekannte Insel? Nein, ich sei auf dem richtigen Weg, sagt man, dort läge Tahiti. Erstaunlich.

Hier lang nach Tahiti...?

Hier lang nach Tahiti…?

Ein kleiner Lieferwagen nimmt mich bis bis zu einer Brücke zwischen den Inseln (auch nicht in meiner Polynesien-Karte eingezeichnet). Als ich ihn fragte, wie ich denn nun nach Tahiti käme, da dürfte ja gar keine Brücke sein, schaute er auf meine Karte und schüttelte den Kopf. “Ich bring dich”.

Dann erreichten wir den Punkt, der als Einstieg zur Bucht dienen soll, an dem Captain Jack Sparrow auf mich warten würde. Oder ich auf ihn. Wer weiß das so genau. Eine Burgruine liegt in einer felsigen Landschaft und blickt über das Archipel. Irgendwas stimmte hier nicht. ”

Ab hier noch eine Stunde Fußmarsch”, unterbricht der glatzköpfige Mann, der mich hier abgesetzt hat, meine Gedanken. “Es gibt nur einen Weg. Bleib auf dem.” Das war sein Rat. Meine Zuversicht schwand, aber ich fragte nicht.

Aufgeben? Wenn Captain Jack Sparrow wartet? Niemals!

Ich gehe die ersten Meter und das sieht alles nicht unbedingt aus, wie ich mir diese Inseln vorgestellt habe. Erzählte man sich nicht, sie und die umliegenden Atolle seien kaum höher als ein klitzekleiner Hügel? Und bestünden aus aufgetürmten Muschelresten?

Furchterregende Kannibalen?

Furchterregende Kannibalen?

Ich aber sehe nur Felsen. Felsen, die schon so furchterregend aussehen, dass ich fast glaube, hier gibt es vielleicht Wilde und Kannibalen… Buschwerk. Aufgewühlte, dunkle Erde, die nach Sommer und echtem Land riecht. Ziegen!

Das sieht alles gar nicht nach Südsee und Strand aus. Aber, Vertrauen haben ist alles. Ich suche den kürzesten Weg nach Tahiti, und wenn das der hier sein soll, dann gehe ich ihn.

Nach einer Weile freunde ich mich mit ihm an, auch wenn ich nicht ein einziges Stück Meer sehe. Ich sehe Land. Viel Land. In jeder Himmelsrichtung. Boden, Felsen, Steine, Gestrüpp. Wenig pazifisches muss ich scheinbar durchstreifen, um den ersehnten Flecken zu erreichen. Die Felsen sehen aus wie bemalt – vielleicht von den gefürchteten Wilden?

Farbige Felsen

Farbige Felsen

Der Weg wird immer steiniger. Das kann nicht richtig sein. Wo ist denn das Meer? Als reiche diese offene Frage nicht, schlängelt direkt vor meinen Füßen eine Natter vorbei. Ich habe mal gehört, es gäbe hier keine giftigen Schlangen. Gut so. Sie hat mehr Angst als ich und schleicht ihres Weges.

Endlich, das Meer...

Endlich, das Meer…

Dann, das Meer! Endlich! Der Wind wühlt es immer noch so sehr auf, dass der Horizont kaum auszumachen ist. Das dunkelblaue Meer verschwimmt fast im Himmel.

Und ich fange an, mich nicht an Felsen noch an unwegsamen Gelände zu stören. Die Gegend macht es mir leicht, hinter jeder Ecke eine wunderbare Sicht auf ein neues Stückchen Welt. Hier eine kleine Hausruine, da ein knorriger Ast, dort eine Eidechse. Ein Stück weiter lacht mich ein Gesicht an, wie in den Felsen gehauen und doch weiß ich, dass Wind und Wetter die Künstler waren.

Eidechse

Eidechse

Jack, Jack, Jack!

Kaum kann ich es erwarten, ihn zu sehen. Ich stelle mir die Bucht vor. Weißer Sand, kristallklares Wasser, Meer soweit das Auge reicht. Und dann er, wie er mit der Weltgleichgültigkeit, die nur ein Pirat haben kann, an eine Palme lehnt und auf einem Halm kaut.

Und ich erahne Rum! Auf ewig, Rum! Rum! Rum! Dieses gute Zeug, diese gute Gabe aus Zuckerrohr. So sehr freue ich mich auf das Delirium, in das ich mit Jack Sparrow schweben werde, dass ich kaum den kleinen Abgrund wahrnehme, der sich vor mir auftut.

Ein Hausdach, kurz vor dem Abstieg

Ein Hausdach, kurz vor dem Abstieg

“Du kommst irgendwann auf dem Dach eines Hauses an.” So hatte es der Kahle genannt. und tatsächlich stehe ich dort genau jetzt. Eine Treppe hatte mich schwungvoll bergab geführt, mehrere in den Fels gehauenen Stufen. Und auf einmal: Eine flache Ebene. Ein Dach. Ein Haus ist mitten in die Felsen gebaut, vielmehr nur ein umbauter Raum. Der Eingang (eine Öffnung auf dem Dach) – und überhaupt der ganze Raum unterhalb des Daches ist mit Steinen gefüllt. Eine steile Treppe führt weiter bergab.

Ein Schiffsmast...?

Ein Schiffsmast…?

Ich trete vorsichtig auf das Dach – und dann sehe ich eine Bucht.

Das muss die berühmt-berüchtigte “Shipwreck Bay” sein – ich sehe viel Strandgut und – Holz. Unmengen Holzscheite … kommt das Wort eigentlich von Scheitern? Von gescheiterten Schiffen, die sich an den Strömungen und Winden versuchten und dann in der Schiffbruch-Bucht ihr Ende fanden? Deren Kapitäne das Risiko falsch einschätzten, die sich und ihre Mannschaft in den sicheren Tod führten? Ist das da unten ein Mast? Und das ein zersplitterter Rumpf? Eine Bucht mit den Resten eines Wracks, genannt Relitto, soll sich auch auf dieser Insel befinden.

Ein zerbrochener Rumpf...?

Ein zerbrochener Rumpf…?

Ich blicke nicht genauer hin, ich suche keine Erklärung, ich gehe nicht hinunter, um zu untersuchen.

“Bleib auf dem Weg”, hatte Jack im Traum und hatte auch der Kahle gesagt. Also mache ich das auch.

Weiter. Weiter. Ich sehe, wie hinter der Felswand zu meiner Rechten die Sonne alles anstrahlt – ich werde dorthin abbiegen, in eine Art Schlucht. Diese Ruhe, diese Stille. Fast habe ich keinen Drang mehr nach dem Meer, so friedlich ist es hier.Langsam gehe ich weiter, hoffe hinter jedem Felsen noch etwas zu entdecken. Doch außer vertrockneten Gräsen und den Eidechsen, die immer wieder meinen Weg kreuzen, sehe ich nichts.

Und dann geht es ganz schnell. Nach all der Anstrengung, nach dem weiten Weg kommt plötzlich zwischen den Bäumen (nicht Palmen!) ein kleines Stück gleißend weißer Strandabschnitt in Sicht.

Das muss Tahiti sein! Da muss der Captain sein! Mein Herz hüpft!

Der Eingang zur Cala Coticcio

Der Eingang zur Cala Coticcio

Der Moment, in dem eine übergroße Traumvorstellung langsam in sich zerbricht, ist der Innigste, den man mit einem Ort haben kann.

Nicht enttäuscht sein, keine Wehmut empfinden, erst recht keine Trauer oder gar Ärger.

Sondern das nehmen, was sich hinter der Fassade des Traumes auftut.

Die Wirklichkeit ist eben stärker: Das hier ist die Cala Coticcio auf Caprera – im Volksmund »Tahiti« genannt (alle hatten also recht, als sie mich hierher geschickt haben).

Und das, was da liegt ist nicht die Sparrow-Crew, sondern sind italienische Touristen, die sich bräunen. Die Bucht ist viel kleiner, als ich es erwartet habe.

Endlich da - Tahiti!

Endlich da – Tahiti!

Und dann eröffnet sich mir die ganze Schönheit des Ortes. Ruhig ist er, und so – eigen. Auch, wenn der Wind die Gischt und den Sand mit Kraft herüberbläst, ist dies einer der friedlichsten Orte, die ich je gesehen habe.

Rötlich-rosa schimmernde, in Falten liegende Felsen zu beiden Seiten. Weißer, muschliger Sand. Das klare Wasser, das zu mir herüberschwappt. Das vorn mit smaragdgrüner Eleganz über den Strand fließt, über den Felsen dunkelblau schimmert und weiter hinten in einem reinen wunderbaren Türkis strahlt.

Gestillte Sehnsucht nach dem Meer

Gestillte Sehnsucht nach dem Meer

Die beiden kalkweißen Baumreste, die am Strand liegen. Das, was nach einem Schiffsruder aussieht und doch nur ein verkohltes Holzbrett ist. Die rostigen Nägel, die in einem Blechstück, das auf dem Felsen liegt, klemmen. Vielleicht war hier mal ein Schiff, vielleicht waren hier mal Piraten, vielleicht war er mal hier.

Das ist jetzt egal. Mir reicht das alles, von der sonnigen Wärme bis zur übervoll gestillten Sehnsucht nach dem Meer. Ich muss nicht weiter, ich kann hier bleiben, ich bin angekommen. Ohne Frage muss ich nichts und niemanden mehr suchen.

Der Pirat kann mich kreuzweise (wenn er weiß, wie das geht) und ich lasse mich ins Wasser fallen. Der Wind lässt nach, die Sonne scheint, das Leben wirft mich mit voller Kraft in ein Paradies und will, dass ich damit klar komme.

Kristallklares Wasser

Kristallklares Wasser

Ich komme sowas von klar, die Füße genießen das Kitzeln vom Sand an den Sohlen, die Haut lässt das Meersalz bereitwillig Kristalle bilden, ich muss immer breiter grinsen. Ich setze mich direkt in den Sand, lehne mich an einen Felsen und schließe die Augen, glücklich und zufrieden.

Füße im Muschelsand ...

Füße im Muschelsand …

Doch dann! Ein Rascheln! Eine Stimme! Doch der Captain? Kommt er noch? Ich vergesse sofort wieder, dass das alles nur ein Traum war und spähe über den Felsen in westliche Richtung.

Du liebe Zeit! Menschen! Viele Menschen!

Die Realität hat noch nicht genug und packt ihren Holzhammer aus. Sie katapultiert mich nach dem Jack-Sparrow-Verlust in die Hardcore-Gegenwart der Fast-Hauptsaison – und einer gut zwanzigköpfigen Wandergruppe aus Norditalien.

Also auch hier! War das nicht ein Geheimtipp? Weil nur nach langem Fußmarsch zu erreichen? Ich hatte nicht damit gerechnet, dass es hier so bevölkert sei…

Wandergruppe am Strand

Wandergruppe am Strand

Die Hauptsaison schickt verdammt große Schatten voraus. Der eifrige Wanderer, der sonst die Dolomiten oder das Aosta-Tal durchstreift, hat sich heute Caprera ausgesucht. Na bestens.

Aber wir wollen uns nicht beschweren: Es sind vorwiegend nette Leute. Sie grüßen, sie haben sich angestrengt, um dieses schöne Ziel zu erreichen.

Da sei ihnen gegönnt, auf Tahiti eine schöne Stunde zu verbringen. Auch wenn ich mir gegönnt hätte, dass sie erst eine halbe Stunde später, wenn ich schon wieder auf dem Rückweg bin, auftauchen. Und ihnen, dass sie diese Tour ganz in Frieden und in einer viel kleineren Gruppe gemacht hätten, um die ruhige Schönheit der Cala Coticcio auch zu erleben.

Eben noch allein ...

Eben noch allein …

Denn viele Menschen machen viel Lärm. Ob sie wollen oder nicht. Und als Italiener nicht zu knapp. Ihre Freude über diesen tollen Platz müssen sie gleich ihrer Tante in Torino oder dem Bruder in Bologna oder der Freundin in Firenze mitteilen.

“Siamo a Tahiti” heißt es und da ist die Tante aus Bergamo ganz schön beeindruckt.

Türkisblaues Wasser

Türkisblaues Wasser

Zum Glück gewinnt auch hier, wer ruht und Zeit hat: Nach einer Viertelstunde haben alle ihr Zeug ausgepackt, sind alle Telefonate erledigt, waren alle einmal im Meer und legen sich jetzt friedlich in die Sonne.

Ok, es ist immer noch voll in der kleinen Bucht. Aber es ist auch immer noch schön und eigentlich ist das Schauspiel sogar sehr lustig.

Wenn ich nochmal herkomme, fiele meine Wahl auf einen warmen April- oder Oktobertag, weit außerhalb der Saison.

Oder ich würde antizyklisch gehen – morgens um acht loslaufen und um neun Uhr das morgendliche Bad im Mittelmeer nehmen, und solang Privatbuchtbewohner spielen, bis nachmittags die ersten Wanderer den Flecken erreichen.

Leuchtturm im aufgewühlten Meer

Leuchtturm im aufgewühlten Meer

Jetzt mache ich mich auf den einstündigen Rückweg, quer durch die Felslandschaft, sehe mir alles real und aus der anderen Richtung an; entdecke jetzt, wo sich das Meer etwas beruhigt hat, drei kleine vorgelagerte Inseln, die Isole Monaci und auf einer ein kleines Bauwerk, ein Leuchtturm.

Heute habe ich zwar nicht das echte Tahiti, aber eine wunderbar Miniaturausgabe gesehen.

Und den Traum mit Jack Sparrow träume ich ein anderes Mal zuende.

 

Zum Nachwandern:

Die Route ist aus dem Buch “Sardegna a piedi”, dort beginnt sie am Compendio Garibaldi auf Caprera. Die beiden Autoren gingen die Strecke während ihrer Wanderung “in 80 Tagen um Sardinien”. Als kleiner Extrakt und Vorgeschmack ist der Wanderführer “Sardegna a piedi” mit den zehn schönsten Wanderrouten an der Küste Sardiniens entstanden. Erhältlich bei amazon.it, mit Versand nach Deutschland.
Link: http://www.amazon.it/Sardegna-piedi-itinerari-spettacolari-Percorsi/dp/8861890415

 

Ich bin Nicole, auch bekannt als »das schwarze Schaf auf Sardinien« (italienisch: pecora nera) und Gründerin dieses Blogs. Hier berichte ich von meinen Streifzügen im ganzen Jahr auf, durch und rund Sardinien. Im »richtigen Leben« bin ich Beraterin für Kommunikation und Tourismus sowie Content Creator.

3 Comments

  1. Ursula Gruemann

    17. Juli 2015 at 12:49

    Wir waren mitte Mai da, an einem wunderschönen, fast windstillen Tag – und hatten die Bucht ganz für uns ALLEINE!

    Reply
  2. Bernasconi Paul

    25. September 2018 at 11:47

    Waren grad vor 2 Tagen da. Die Geschichte haben wir im Nachhinein gelesen. Super geschrieben. Wunderbar ausgedrückt. Habe das mit Genuss gelesen. DANKE. Nur möchte ich etwas ergänzen. Wenn man am Meer ankommt gibt es noch eine 2. kleinere Bucht die noch schöner ist. Will man diese in Ruhe geniessen, muss man bereits um 7 Uhr los. Etwas Schöneres gibt es auf der ganzen Welt nicht.

    Reply
    • pecora nera

      25. September 2018 at 12:14

      Die zweite Bucht hab ich tatsächlich absichtlich nicht erwähnt … Selbstentdecken ist immer noch am besten … aber es gibt ja noch genügend unerwähnte und unbekannte Plätze auf Sardinien 😉

      Reply

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