Springe ich? Habe ich Angst? Zeige ich Angst? Das Wasser ist klar, ich kann alles sehen. Kann ich wirklich alles sehen? Vor mir sind viele gesprungen. Kann ich es?

Der erste Sprung vom roten Felsen. Giannino und Luca stehen auf den “rocce rosse” und wollen, einer alten Tradition in Arbatax folgend, einen Sprung in das kristallklare Wasser wagen. Das hat hier jeder Junge schon getan. Der alte Mann, neben dem wir sitzen, bestätigt das. Er könne seine “tuffi”, die Sprünge, nicht mehr zählen.

Aber die Felsen seien ja klein. “Die, die wirklich keine Angst haben, gehen zu dem höheren Felsen da hinten”, sagt er, ohne einen Zweifel daran zu lassen, dass er einer von denen war.

Der eine, Giannino, ist schon oft gesprungen, das sieht man ihm an. Luca hat noch Vorbehalte – es scheint sein erster “tuffo” zu sein. Obwohl er hinterher, als wir ihn fragen, natürlich etwas anderes behauptet. Er sucht lang nach einer geeigneten Stelle und klettert erst auf halbe Höhe. Und ja, irgendwann springt er.

Schafe springen nicht. Erst recht nicht ins Wasser. Sie schauen nur neugierig.

Was ist dran, an Arbatax?

Arbatax lag an der Ostküste quasi auf dem Weg von einem Ausflug im Süden an der Straße Richtung Norden. Außer einer Fährankunft vor vielen Jahren haben wir nur die Erinnerung an Autoverkehr in engen Straßen, eher “normale” Häuser und am Ortsausgang (den wir schnell erreichten) ein paar Industriekräne. Nicht besonders reizvoll. Oder doch?

Die Küste… Sie ist berühmt für die roten Felsen, die “rocce rosse”, von denen alle herunterspringen. Sie ziehen soviel Aufmerksamkeit auf sich, dass alles andere fast unsichtbar bleibt. Arbatax ist ein klarer Fall für die Liebe auf den zweiten Blick.

Arbatassa heißt der kleine Ort in sardischer Sprache. Das soll aus dem Arabischen kommen und “arba‘at ‘ashar” bzw. “arba‘ṭash” heißen, was übersetzt wiederum “vierzehn” heißt und auf einen “vierzehnten Turm” an der sardischen Ostküste hinweisen soll.

Dummerweise waren die Araber nie in Arbatax und es gibt hier keine arabischen Siedlungszeugnisse, schon gar keinen Turm (die eh eigentlich erst später von den Spaniern erbaut wurden). Reicht das also zur Namensgebung?

Im Süden Blick auf den Supramonte marino

Im Süden Blick auf den Supramonte marino

Ist dem schwarzen Schaf heute sowas von egal, auch, weil es so schnell keine Antwort finden wird.

Schön ist der Name trotzdem. Wie eigentlich auch das Dörfchen. Der Weißwein in der Bar in der Mittagssonne, der Spaziergang um die roten Felsen, die Berge der Ogliastra, die sich wagemutig ins Meer herabfallen lassen… doch, es ist schön hier.

Wir bleiben ein Weilchen da, in diesem Ort, der in der Geschichte nicht allzuviel Glück gehabt hat. Erst unbedeutendes Fischerdorf, später ein Hafen. immer im Schatten des größeren und reicheren Tortolì.

Im zweiten Weltkrieg von sage und schreibe 18 Bombern angegriffen und zerstört. Und natürlich sieht man das auch.

Eine der Sehenswürdigkeiten des Ortes stammt auch as der Kriegszeit, ist aber nicht direkt zu sehen: Ein zweimotoriges, amerikanisches Flugzeug, abgeschossen von den Deutschen, liegt südlich von Arbatax an der Küste in 15 Metern Tiefe, auf dem Weg zum Torre Bari (Film auf Youtube).

Fischerkultur in Tortoli und Arbatax

Fischerkultur in Tortoli und Arbatax

Ja, am Ortseingang sind Industriekräne zu sehen, aber irgendwie hat das Charme. Hinter dem roten Felsen sind ein riesiger Parkplatz und ein riesiges Baugründstück.

In der Bucht dahinter, Cala Moresca ist in den Fels ein Relax-Bereich mit Cocktailbar gehauen. Wir können weder den Namen ergründen noch gelangen wir dorthin: Der Weg ist abgesperrt.

Aber von Meer aus mit dem Boot soll man es erreichen. Den Aufwand sparen wir uns heute.

Mit dem Zug ins Hinterland oder mit den Fischern singen

Gleich in der Nähe der Mole, an der auch die Fähren vom Festland anlegen, ist der Ausgangspunkt des Trenino Verde, der auf der Route Mandras-Arbatax verkehrt. Wir sichern uns Tickets für den nächsten Morgen.

Am Porto Turistico spazieren wir durch einen wunderbaren kleinen Fischerhafen, und blicken uns um: Auf der einen Seite wird er von einer modernen Schiffswerft eingerahmt. Industriecharme, das gehört hier einfach dazu. Dort liegt auch ein Schiff, das für Hitler gebaut worden sein soll, erzählt man uns.

Die Piers mit dem Fischerbooten hingegen scheinen dem Italienklischee der Sechziger entsprungen zu sein, fehlt nur noch Dean Martin, der “Volare” singt.

“Perchè mi guardi” heißt eines der Boote, “Warum siehst Du mich an?”. Ja warum? Weil Du irgendwie schön bist?! Die Szenerie mit Blick Richtung Meer und Dorf erinnert ein bisschen an Marokko und schürt das Fernweh.

Auf einmal können wir uns vorstellen, wie die Männer der Fischerfamilien aus Tortolì hier lebten.

Wie sie des Nachts die fünf Kilometer nach Arbatax gingen, mit ihren Booten auf das Meer fuhren und schließlich mit ihrem Fang wieder zurück kamen. In der Winterzeit hielt der nahegelegene See, Stagno di Tortoli Beute für sie bereit.

Der übrigens auch sehr hübsch ist, besonders im Morgenlicht, wenn die Sonne über ihm aufgeht.

Im Fischerhafen von Arbatax

Im Fischerhafen von Arbatax

1944 gründeten dreizehn Fischer ihre eigene Kooperative, die Cooperativa Pescatori Tortolì Arbatax. Wer Zeit hat, sollte bei ihnen im “Ittiturismo” am Lungomare essen gehen.

Mit ihrer Hafenanlage wurde schnell die Siedlung etabliert. Dort, wo es lange Zeit nur ein paar Häuser gegeben hat, wohnen heute etwa 2.000 Menschen.

Die Fischer sind übrigens stolz darauf, echt sardischen Rogen der Muggine (Bottarga, auch aus dem Arabischen “batarikh“) zu produzieren. Der meiste Bottarga, der in Sardinien verkauft wird, sei gar nicht sardischen Ursprungs, sagen sie. Nur der aus Cabras sei noch echt. Klar, das Original, an der Westküste.

Aber das ist eine andere Geschichte, der wir ein anderes Mal nachgehen wollen.

Weitere Informationen:

 

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