Ein Bahnhof am Meer. Schlaftrunken steht ein schwarzes Schaf mitsamt seiner kleinen Gefolgschaft morgens um acht Uhr am Hafen von Arbatax und blickt mit halb geöffneten Augen auf den Zug, auf den es aufspringen will: Das Gefährt ist alt, wirkt leicht schäbig und klapprig.

Manche wundern sich vielleicht über den Zug, “der bei uns ja schon längst im Museum stehen” würde. Der “Trenino verde” wirkt tatsächlich wie ein Ausstellungsstück, und man hofft, dass er das Vorhaben, in die Berge zu klettern, überhaupt schafft.

morgens um acht, am Bahnhof in Arbatax
 Bahnhof in Arbatax … oder ist es eigentlich ein Hafen und der Zug ein Schiff?

Aber wir wollten ja unbedingt. Warum eigentlich? Die Sonne scheint, die Kinder zieht es eher an den Strand und die Aussicht auf stundenlange Fahrten in einem Zug ohne Klimaanlage macht erstmal niemanden so richtig glücklich.

Egal. Einsteigen. Und kaum sitzen wir, und kaum ertönt das erste laute Pfeifen der Lok, beginnt alles großartig zu werden!

Die kleine Bahn versprüht den nostalgischen Charme der Wildwestzeit. Der Zug schnauft und klettert im Schneckentempo den Berg hinauf.

Unsere Route: Arbatax – Seui

Wir fahren von Arbatax am Meer auf Normalnull bis nach Seui in den sardischen Bergen auf 820 Metern über dem Meer. Man könnte noch bis Mandas fahren oder an einem beliebigen anderen Bahnhof aussteigen. Uns reicht das Erlebnis von Null auf Berg.

Langsam erhebt sich die Landschaft
Langsam erhebt sich die Landschaft

Die Bremsen quietschen und das Signalpfeifen vor jeder Kurve und jedem Tunnel ist so laut, dass bald auch der letzte Fahrgast wach ist.

Der Tag beginnt früh, wenn die Temperaturen noch erträglich sind. Wir nehmen noch ein Schild wahr, das für Schwarzfahren 1.000 bis 10.000 Lire Strafe ankündigt.Viele kleine Details im Zug und an der Strecke, die aus früheren Zeiten stammen, zaubern uns ein Lächeln aufs Gesicht.

Während unsere eigenen Kindheitsträume wach werden, scheint das Abenteuer Zug für Kinder von heute keines mehr zu sein – Lokomotivführer will hier keiner mehr werden. Die beiden, die wir im Schlepptau haben, schreiben immerhin analoge Postkarten an Oma, lesen ein Buch und sind recht geduldig. Der Landschaft können sie erstmal nichts abgewinnen.

Wir schon. Wir reiben uns die Augen und genießen den sagenhaften Ausblick vom Berg ans Meer und in die Täler der Ogliastra. Aus dem offenen Fenster gelehnt, bestaunen wir die schönen kleinen Bahnhöfe, hören das Pfeifen bei den Bahnübergängen, die noch von Hand geschlossen und geöffnet werden.

Trenino Verde legt sich in die Kurven
Der Trenino Verde legt sich in die Kurven

In Azara, auf 800 Meter, lässt die heiße Sonne endgültig Wildwest-Feeling aufkommen. Inmitten der Landschaft – ein Arrangement aus Nadelbäumen, einem ausgetrockneten Flussbett, einer frei grasenden Kuhherde auf einer prärieartigen Wiese und verrottete Waggons eines uralten Zuges – werden Erinnerungen an Winnetou und Old Shatterhand wach.

Es geht vorbei an Weinhängen und über schöne Brücken aus Stein, wir passieren Wachhäuschen und Spuren ehemaliger Besiedelung, entdecken Wege, über die wir zu gern wandern oder mountainbiken würden.

Tatsächlich steigen irgendwann zwei Mountainbiker mit ihren Rädern aus. Sie sind von Arbatax mit uns hier hoch gefahren, machen jetzt eine Tour im Schatten der Wälder und haben dann eine tolle Abfahrt ans Meer vor sich. Alles richtig gemacht, denken wir.

Eine himmlische Ruhe umfängt das Schaf an seinem Zielbahnhof in Seui, mit zwanzig Minuten Verspätung. Aber wen stört das, wir haben ja keine Termine.

Seui: Bergdorf mit Überraschungen

Hier sollen wir jetzt viereinhalb Stunden verbringen. Das kleine Dorf wirkt ähnlich ausgestorben wie einige Landstriche zuvor und wir fragen uns schon, in welcher Bar und mit wievielen Ichnusa wir uns das Ganze hier schöntrinken müssen.

Aber müssen wir gar nicht. Denn wider Erwarten ist das kleine Dorf vorbereitet: Vier zueinander gehörende Museen für fünf Euro pro Nase, das klingt nach einem fairen Preis (mehr Informationen: www.museiseui.eu).

Der Guide zeigt uns alles (zum Glück sehr schnell), von der schönen Freske im Palazzo Liberty bis zu Kochgeschirr im Casa Farci. Wir erfahren dass der Philosoph, Literat und Gründer der sardischen Aktionspartei, Filiberto Farci, hier lebte.

Eine fast unglaubliche Geschichte findet sich im Palazzo Liberty: Hier lebte die Familie des Erfinders Augusto Bissiri  – aus dessen Kopf das Prinzip der Television stammen soll. Er war 1906 in der Lage, eine Fotografie von einem Raum in einen anderen zu übertragen und 1917 schließlich von London nach New York. Nach Los Angeles ausgewandert, ließ er sich die Erfindung patentieren. Er gründete dort eine Siedlung, deren Straßen bis heute nach Flüssen und Bergen rund um sein Heimatdorf Seui benannt sind.

Das interessanteste Museum ist ein altes spanisches Gefängnis, das wir uns für nach dem Mittagessen aufsparen. Denn zwischen 13 und 15 Uhr ist wirklich alles geschlossen. So läuft man in dieser Zeit auf eigene Faust zur Mine “Fundu e Corongiu”, einige Kilometer außerhalb und macht dort ein kleines Picknick. Oder streift durch die engen Dorfgässchen und ist ganz für sich allein – je nach Gusto.

Wir kehren in einem der beiden Restaurants an der Hauptstraße ein – eines davon führt ein älteres sardisches Paar, beide sprechen Deutsch, der Hausherr lebte eine Zeit in Düsseldorf und freut sich immer auf ein Schwätzchen über Sardinien, Deutschland und den “Grünzug”.

Der Schinken zum Antipasto ist großartig, die hausgemachten Culurgiones (eine Art dicker Ravioli mit einer Füllung aus Kartoffeln, Pecorino und Minze) sind noch fantastischer, frisch geriebener Käse und eine leichte Tomatensauce. Dazu Bier oder Hauswein, anschließend noch ein Kaffee in einer Bar.

Und dann ruft ja noch das Gefängnis aus dem 16. Jahrhundert – das wirklich sehenswert ist (hier ein paar Bilder). Das S’Omu de sa Maja, ein Haus in dem es um religiöse Magie und vorchristliche Wunder geht, schaffen wir nicht mehr.

Bahnhof Villagrande
Bahnhof Villagrande

Die Rückfahrt: Entschleunigung

Denn schon ist es wieder Zeit für die Rückfahrt um 16 Uhr nach Arbatax. Es gäbe noch einen späteren Zug, aber da wir abends noch was vor haben, und ja erneut drei Stunden Zugfahrt auf uns warten, treten wir die Rückreise an, diesmal in einem etwas moderneren Zug mit nur einem Wagen.

Eine andere Gruppe hatte sich entschieden, ein typisch sardisches Essen irgendwo in den Bergen bei Ussassai mitzumachen, mit Spanferkel und anderen regionalen Spezialitäten. Auch eine schöne Idee. Wir sammeln sie auf dem Rückweg wieder ein. Nach kurzer Zeit schlafen fast alle oder sehen verträumt aus dem Fenster.

Die Fahrt, ja, die dauert lang. Entschleunigung ist das Motto der Stunden. Wer weiß, dass es noch drei Stunden bis ans Ziel ist, wird zwangsläufig ruhig. Wir sehen Arbatax da unten – so nah und doch so fern. Das Schaf schläft auch ein bisschen und als es wieder wach wird, ist gerade mal Lanusei voraus, immer noch auf 555 Metern.

Der Trenino Verde ist eine tolle Sache, wenn man die Insel mal auf eine ganz andere Art erkunden möchte und ein schönes Kontrastprogramm zu Strand und Meer. Klar, es kostet ein wenig Überwindung so früh aufzustehen (mit einem späteren Zug reist man etwas ausgeschlafener und in einem moderneren Zug, aber eben nicht soooo schön nostalgisch).

Aber wir können nicht anders, als sie zu empfehlen: Die Fahrt durch die Ogliastra ist sicher die schönste Zugstrecke der Insel und jedes frühe Weckerklingeln wert.

Weitere Informationen zu Strecken (der Zug fährt zum Beispiel auch zwischen Palau und Tempio bzw. Sassari), Tickets und Fahrplänen gibt es auf www.treninoverde.com

Ich bin Nicole, auch bekannt als »das schwarze Schaf auf Sardinien« (italienisch: pecora nera) und Gründerin dieses Blogs. Hier berichte ich von meinen Streifzügen im ganzen Jahr auf, durch und rund Sardinien. Im »richtigen Leben« bin ich Beraterin für Kommunikation und Tourismus sowie Content Creator.

2 Comments

  1. Uwe Mayer

    9. Februar 2020 at 13:04

    Hallo Pecora Nera,
    wir wollen Anfang Mai, diesen Jahres, mit dem Trenino Verde von Arbatax nach Gairo fahren. Ich komme mit dem dem Fahrplan des Trenino Verde nicht zurecht.
    Ab wann fährt das Zügle überhaupt? Kannst du mir da einen Tipp geben?
    Liebe Grüße aus dem Schwabenland
    Uwe Mayer

    Reply
    • pecora nera

      12. Februar 2020 at 09:41

      Lieber Uwe, der Fahrplan steht noch nicht fest, im letzten Jahr waren noch viele Streckenabschnitte gesperrt (Instandhaltung, Geldmangel) und nur einzelne Fahrten auf einzelnen Strecken wurden durchgeführt. Am besten Ende April nochmal gucken. Ich hab das Thema im Auge und werde dann sicher was dazu schreiben. Ein bisschen Geduld 🙂

      Reply

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