Endlich ist wieder Herbst auf Sardinien. Die Hauptsaison vorbei und wer bislang nur den August, nur Sonne, Strand und Sommer kennt, merkt: Das ist nicht die Insel, nur eines ihrer Teile.

Jetzt, außerhalb der heißen Monate, zeigt sich ihr ungezähmtes Wesen, das den Menschen zwingt, sich mit sich selbst zu beschäftigen.

Die Elemente beanspruchen ihren Platz. Die Erde weicht auf und sendet ihren schweren Duft an die Nase.

Der Wind zerrt an Türen und Fenstern. Feuer, gelegt von Spekulanten, schaffen neues Bauland. Das Wasser dominiert, das Meer umkreist die Insel, der Regen tränkt Felder und Macchia. Manchmal unaufhörlich, eine ganze Woche lang.

Jetzt darf der Mensch sich ausbreiten und zum traditionellen Herbst in der Barbagia in die “cortes apertas” eintreten. Die Dörfer sind leer und locken Fremde mit ihren “offenen Toren”.

Heimelig trotz Kälte: ein offener Corte wartet auf Gäste
Ein offener Corte wartet auf Gäste, das Feuer verbreitet heimeligen, rauchigen Duft

Jeder, der hierher kommt, ist willkommen. Unaufdringlich sind sie, die Sarden, doch immer geneigt, dem Reisenden ihre Welt zu zeigen.Wer lächelt und freundlich grüßt, lernt schnell die tief empfundene Gastfreundschaft der Sarden kennen.

Oft kommt jetzt noch für ein paar Stunden die Sonne durch: Ideal, um bei einer einsamen Wanderung in den Bergen nah an Flora und Fauna heran zu kommen. Wunderbar, um am Meer in den einsamen Buchten sitzend die Weite zu bestaunen und die warme Jacke doch noch einmal beiseite zu legen.

Abends wird es kalt und in den Dörfern werden die Kamine entzündet. Ihr schwerer Duft wabert aus den Wohnungen, durch die Straßen, hinaus aus dem Dorf, die Berge hinauf und Täler hinab, vorbei an Mirto und Oleander.

Die Eidechsen suchen sich ihr Winterquartier und stellen sich auf den langen Schlaf ein, während die Singvögel eifrig die ersten roten Beeren der Corbezzolo-Büsche futtern. Der Duft der Blüten zieht Bienen an, und auch feine menschliche Nasen nehmen ihn wahr.

Corbezzolo: Frucht und Blüten des Erdbeerbaums
Corbezzolo: Frucht und Blüten des Erdbeerbaums

In den Häusern stellt sich ein Wohlgefühl ein: Die Wärme beherrscht die Räume, während draußen der Regen an die Scheiben trommelt und die Gewitter über das Meer heranziehen. Morgens liegt dichter Nebel über dem Hinterland und mittags ziehen die nächsten dunklen Wolken heran. Die Strahlen der untergehenden Sonne treffen durch die Wolkenlücken auf den Boden und die bizarren Granitfelsen.

Mystisch und unruhig ist so mancher Tag, vom Morgen bis zum Abend. Der nächste überrascht mit einer vollkommenen Ruhe vor dem nächsten Sturm: spiegelglatte See, klare Sicht vom Bärenfelsen bis zur Nachbarin Korsika, auch vom Monte Limbara sieht man bis an die Küste.

Und wenn das Schlechtwetter da ist? Hat jede Küste ihren Reiz, bei Maestrale vor allem im Westen und Nordwesten.

Alghero im Sturm

Das Meer ist nur noch selten türkis, seine Farbe reicht jetzt von eisigem weiß bis zum tiefdunklen Blau oder Donnergrau.

Alles ist von einer bezaubernden, schlichten Schönheit für den, der sich ihr hingibt. Die Seele der Insel offenbart sich dem, der hinsehen mag.

Jetzt, hier und überall.

Ich bin Nicole, auch bekannt als »das schwarze Schaf auf Sardinien« (italienisch: pecora nera) und Gründerin dieses Blogs. Hier berichte ich von meinen Streifzügen im ganzen Jahr auf, durch und rund Sardinien. Im »richtigen Leben« bin ich Beraterin für Kommunikation und Tourismus sowie Content Creator.

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