Menschen sind merkwürdig. Sie tun nicht nur so, als wären sie die Krone der Schöpfung – nein, als Urlauber benehmen sie sich oft, als wären sie die Könige. Die Nachbarinsel Mallorca hatte da richtig Pech. Da hat sich ein schlagersingender Egozentriker zum König ernannt.

Dem schwarzen Schaf ringt das ein müdes Lächeln ab. Schafe waren schon lange vor ihnen da, und wenn der Mensch nicht auch noch „seine“ Nutztiere ausrottet (was ihm zuzutrauen wäre), bleiben sie auch.

Und doch – es wird Zeit, mit einem sehr großen Irrtum aufzuräumen und den Schafen etwas wiederzugeben, was ihnen gehört.

Denn das Schaf weiß etwas, was bisher noch niemand weiß. Ein Geheimnis, das die Jahrhunderte überdauert hat und Sardinien zu einem neuen, befreiten Selbstverständnis verhelfen mag. Eine einfache, und doch so umwälzende Erkenntnis, dass sie zu Recht auf den richtigen Moment wartete, enthüllt zu werden:

Die sardische Fahne, die Bandiera Sarda, ist vielleicht eine Beeehndiera!

Hier und heute mit lautem Geblök gehisst für eine freie, glückliche Schafsnation!

Ein Schaf – selbst eines im 21. Jahrhundert – kann das allerdings nicht so ohne weiteres behaupten. “Beweise!” fordert der Skeptiker, “Pah!” macht der Professor und “Friss lieber Gras!” blöken kopfschüttelnd die Schafkollegen.

Also, gut. An die „Beeehweise“!

Die Beeehweise

Nehmen wir die heute weithin unter Menschen gebräuchliche und von der Regione Autonoma della Sardegna genutzte Flagge und räumen mit der bisherigen Deutung auf. Nebenbei bemerkt besteht unter den Menschen eh Uneinigkeit, wie genau sie aussieht und was genau sie darstellt.

Aber wen wundert das, wo sie doch – ja sagen wir es ruhig laut! – von den Schafen gestohlen ist!

1. Ganz sicher ist, dass die Fahne ein rotes Kreuz auf weißem Grund hat – das Kreuz des heiligen St. Georg, ein Symbol der Christenheit, behauptet Mensch.

Wir sagen: Die weißen Felder sind ein Symbol für die Felder Sardiniens, auf denen die unzähligen wollweißen Schafe weiden. Über und zwischen ihnen und am Horizont leuchten die Strahlen der rot auf- und untergehenden Sonne!

2. In den weißen Feldern sind vier schwarze Köpfe abgebildet, bekannt als „quattro mori“ = vier Mohren und sollen Symbol für die vier unter der mittelalterlichen Herrschaft des Hauses Aragon (Aragon selbst, Catalunya, das eroberte Sardinien und das befreite Mallorca) vereinten Reiche sein. Die Darstellung von Mohren stamme aus den heiligen Kreuzzügen, den Sieg der Christen über die Musulmanen symbolisierend.

Das ist ja sowas von weit hergeholt! So umständlich kann gar kein Schaf denken! Die vermeintlichen „Mohren“ sind natürlich vereinzelt immer wieder vorkommende schwarze Schafe – eines für jede Himmelsrichtung!

Quelle: Museo Cagliari

Quelle: Museo Cagliari

Wer das nicht glaubt, dem zeigen wir gern noch einen „wissenschaftlichen“ Beweis: Ein paar sehr faire Menschen des Museums von Cagliari haben ein Siegel aus dem Jahr 1326 gefunden und öffentlich ausgestellt. Auf diesem Siegel sind vier Köpfe abgebildet, aber – und jetzt kommt’s! – mit seeehr großen, vorwitzigen Nasen und – Achtung! – wolligen Häuptern! Wenn das kein Beweis ist!

Das Siegel nutzte Pietro II aus Katalonien, der in Alghero anlandete und sich – typisch Mensch! – zum König von Sardinien aufspielte. Der brauchte eine tolle Fahne, seine eigene hatte bloß gelb-rote Striche und fand nicht so wirklich Anklang beim Inselvolk. Also nahm er eine, die schon da war! Und wer das Land stiehlt und Sarden und Schafen ihre Heimat wegnimmt, der klaut auch Fahnen.

3. Die vier Mohren blicken auf der Fahne in die vom Fahnenmast abgewandte Richtung (auf Wappen und Siegel blicken sie nach rechts)

Auch das ist nicht ganz richtig. Schafe blicken neugierig in alle Richtungen – vornehmlich in die, aus der ein Geräusch kommt oder ein grüner Halm zu bewundern ist. Und: alle immer in die gleiche! In der Originalfahne guckt es nach vorn. Und damit man überhaupt gucken kann, trägt man selbstverständlich keine Augenbinde! Das bringt uns zum nächsten Argument.

4. Die quattro mori tragen häufig eine Augenbinde, selten eine Stirnbinde

Das mit der Stirnbinde wäre mal das einzige, was wirklich stimmt: Schafe tragen nämlich unheimlich gern kecke Stirnbänder, gern auch Mützen und Kopftücher! Wer jetzt behauptet, noch nie eins gesehen zu haben, dem sei gesagt, dass das ja meistens die schwarzen, die wilden, die freien und piratigen sind, die die Insel durchstreifen und sich abseits der ausgetrampelten Touristenpfade bewegen – die sieht man natürlich selten.

Außerdem: Wenn die Schafe ihren Hirten danach fragen, bekommen sie meistens nur ein Halsband mit Glocke. Der denkt ja auch, er sei der König der Herde und müsse immer wissen, wo seine „Untertanen“ sind.

Unsere “Beeehndiera”!

Diese echten, von hunderten und tausenden Schafen und ihren Schäfern bestätigten Wahrheiten stützen den Beweis und die Geschichte der wahren „Beeehndiera Sarda“. Die Fahne ist unsere!

Aber Menschen tragen ihre Nase hoch oben – nie unten am Gras! Das, was sie als „höhere“ Stellung betrachten, mag die Ursache sein, warum sie den wolligen Tieren nie wieder ihren rechtmäßigen Platz auf der Fahne zuerkannten.

Mohren, pah! Schwarze Schafe sind es! Erst ist es eins, dann sind es zwei, dann drei, dann vier – und irgendwann ein ganzes Schafsvolk, zusammen mit den wollig weißen! Und dass Schafe auf Sardinien seit jeher einen außerordentlich wichtigen Stellenwert haben und die eigentlichen Einwohner der Insel sind, ist ja wohl unbestritten!

Das blökende schwarze Schaf hat die neue alte Fahne wieder hervorgeholt und schwenkt sie auf der eigenwolligen, glücklichen und stolzen Insel. Es bindet sich ein Tuch um die Stirn und setzt seine Mission für einen sanften Tourismus und ein glückliches Miteinander von Schaf, Mensch und Natur fort.

Eines Tages werden Zeit und Mensch reif für die „Beeehndiera“ sein.

Bis dahin fressen wir etwas Gras.

5 Comments

  1. Roman

    18. September 2011 at 20:57

    Se non è Verdi, e ben Trovatore! Das erinnert mich an eine andere berühmte Lüge, die vom Barbiere di Siviglia, in dem Rossini ja auch ein altes Volkslied geklaut hat:

    Pecora Pecora! Pecora!
    Ahimè, che furia!
    Ahimè, che folla!
    Uno alla volta, per carità!
    Ehi, Pecora! Son qua.
    Pecora qua, Pecora là,
    Pecora su, Pecora giù,

    Aber wer geht schon in eine Oper, in der es um Schafe geht. Und vom Schaf zum Schafscherer war es für Rossini ein kleiner Schritt.

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  2. Gio

    23. Juli 2014 at 22:30

    Das ist mal ein schöner Beitrag zur Geschichte.

    Mein Vater (Sarde, leider verstorben) würde sich sehr amüsieren.

    Aber es ist schon eine Sache mit den Schafen. Als meine Frau das erste mal auf Sardinien war, war die Frage während Fahrten in der Region eher: “Sind das Schafe oder Steine?”

    Es waren aber auch Kühe dabei …

    Aber dieser Text ist sehr schön verfasst, Danke dafür.

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  3. Giuseppe

    9. Juli 2017 at 22:19

    Sie sind ein dummes Schaf.

    Reply
    • nicole

      11. Juli 2017 at 01:06

      … oder nur eins mit Humor 🙂

      Reply
  4. Mario

    5. August 2018 at 10:13

    Sarde und Schafe
    Wir verstehen uns blind auf unserer Isola
    LG Murgia Su Sardu

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