Die extremen Punkte der Insel locken uns irgendwie: Der höchste Punkt (Punta La Marmora, 1.834 m), der nördlichste (Isola La Presa, Arcipelago di La Maddalena; auf der Hauptinsel: La Marmorata bei Santa Teresa di Gallura), der westlichste (Capo dell’Argentiera, siehe Artikel zu Argentiera), der östlichste (Capo Comino, bei Siniscola).

Und nun wollen wir wieder einmal zu Superlativen:

  • in die größte Stadt (Cagliari) und
  • an den südlichsten Punkt (Capo Teulada) Sardiniens an der Costa del Sud.
Stagno di Cagliari

Stagno di Cagliari

Cagliari ist für das schwarze Schaf so etwas wie die große weite Welt in seinem kleinen Inseluniversum. Hier lässt sich leben. Heute, nach einem Glas Terre Bianche mit Freunden auf der chilligen Bastione St. Rémy (siehe Beitrag auf pecora-nera), dient die Stadt als Ausgangspunkt für einen Ausflug an die südlichste Küste.

Zunächst weiß der Reisende oft nicht, was er von der direkten Umgebung halten soll: Der Industriehafen mit seinen dreckigen Industrieanlagen grenzt direkt an ein fragiles Ökosystem, den “Stagno di Cagliari” und die “Saline di Santa Gilla”, wo auch ein paar hübsche Flamingos die Schnäbel durchs Wasser ziehen. Was denn nun, Industrie oder Natur?

Die neue SS 195 ist als Schnellstraße ausgebaut und man kommt gar nicht in die Verlegenheit, anzuhalten. Wir versprechen den Flamingos, uns beim nächsten Besuch ausführlicher mit ihnen zu beschäftigen.

Schnell ziehen die Hafenanlagen vorbei und bald sind sie vergessen.

Zu viele Zäune

Die Nase schnuppert frische Meerluft und schnappt einen Hauch von Afrika auf. Pula (ein schönes Städtchen, hier lohnt es sich zu verweilen – zum Beispiel in der Villa Madau (Link zur Website). Dann Santa Margherita. Eine schöne Ecke für Wassersportler, Kitesurfer kommen hier auf ihre Kosten.

Aber die Gated Communities und abgeschotteten Villaggios und Sterne-Resorts an der Landstraße lassen uns richtig zurückzucken.

Ist das wirklich Sardinien oder nur ein steriler, vollklimatisierter Mini-Ausschnitt davon? Das schwarze Schaf jedenfalls lässt sich ungern von zwei Meter hohen Zäunen begrenzen und wundert sich, dass Menschen sich freiwillig einzäunen lassen.

Viele von ihnen gehen da zwei Wochen lang nicht raus und bekommen von der Außenwelt (= eine wunderschöne, vielseitige Insel mit atemberaubender Natur, spannenden Ausflugszielen, gastfreundlichen Menschen und und und …) nichts mit.

Und zahlen für dieses »Sardinien« dann auch noch rasend viel Geld. Die armen Reichen.

Lagune bei Chia

Lagune bei Chia

Costa del Sud: Perlentauchen für Fortgeschrittene

Geografisch beginnt die Costa del Sud bei Chia.

Bereits am Ortseingang als “località turistica” bezeichnet, wird der Blick von extrem vielen Schildern zu unendlich vielen Restaurants und Hotels verwirrt. Dazu kommt, dass sie zu einem großen Teil ausschließlich Juni/Juli/August/September geöffnet sind. Auch das fühlt sich nicht unbedingt wie das »echte« Sardinien an.

Doch zugegeben: Auch hier finden sich schwarzschafige Ecken. Chia verfügt über traumhafte Strände und Lagunen, unberührte Natur, tolle Ausblicke auf das weite Meer.

Hier beginnt die strada provinciale, die uns zum südlichsten Punkt der Insel bringen soll.

Und jetzt kommen wir – endlich – zu den wertvollen Schätzen und Plätzen der südlichen Küste. Smaragdfarbenes Wasser, weißer Sand, ein Blick übers weite Meer, alles blau in blau.

Eine bunte Unterwasser-Flora und -Fauna mit Korallenbänken ist hier versteckt. Fragile Lagunen und Dünen vor den Stränden, an denen Wasservögel und anderes Getier sein Zuhause hat.

Hinter den Orten erheben sich sanft die runden, hügelartigen Gipfel des Is Crabus, Monte Filau, Monte Maria, Monte Culurgioni auf zwischen 350 und 600 Meter – unberührte, wilde Natur.

Faro Capo Spartivento

Faro Capo Spartivento

Aufmerksame Besucher und Wanderer finden hier einige kleine Grotten, z. B. die Grotta s’Acqua Salia bei Teulada.

Es lohnt sich auch die Weiterfahrt ins Hinterland nach Santadì, zur Grotte Is Zuddas – die Wände enthalten Aragonit-Kristalle (mal in die Google-Bildersuche eingeben, sieht schön aus!).

Zurück am Meer. Das Capo Spartivento lädt zu einer kleinen Wanderung ein. Der Versorgungsweg zum ältesten Leuchtturm der Insel (erbaut 1856, beherbergt heute übrigens ein sehr exklusives, schönes Gasthaus, www.farocapospartivento.it) führt an einer schönen Lagune und einem ruhigen Strand vorbei hinauf aufs Kap. Eine gute Viertelstunde zu Fuß, dann kann man oben auf einer Reihe kleiner Pfade durch hübsche Natur inmitten roten und goldenen Gesteins weiterlaufen.

Eine tolle Weitsicht wird Dir geschenkt, aber es ist trotzdem nicht möglich, Afrika auch nur zu erahnen, obwohl es von hier nur knapp 150 km Luftlinie entfernt ist.

Der Blick hinunter in das märchenhafte Smaragdblau des Wassers lässt dem Reisenden das Herz aufgehen.

Kuhtourismus

Kühe an der Cala Piscinnì

Kühe an der Cala Piscinnì

Dass die Costa del Sud ein schöner Platz Welt ist, wissen hier auch die Tiere.

Auf ganz Sardinien trifft man ja Tiere auf den Straßen – Schafe, Esel, Schweine … und heute stellen sich mal wieder Kühe dem Auto in den Weg. Zwei grasen am Straßenrand, und dann ein toller Anblick: der Rest der Herde bevölkert den Strand.

Eine Gruppe von etwa 20 Tieren ist von den nahegelegenen Hügeln heruntergekommen, knabbern an den kleinen Pflänzchen oder nehmen einfach ein ausgiebiges Sonnenbad.

Zwischen Kuhfladen und Kühen am Strand zu legen ist vermutlich nicht Jedermanns Sache – aber die kleinen felsigen Buchten und die geringe Wassertiefe um Piscinnì sind ideal zum Schnorcheln.

In der Hauptsaison ist es den Kühen unten am Wasser zu belebt und die Straße zu stark befahren. Sie bleiben dann lieber in den Bergen. Geradezu schwarzschafig gesinnt, die Tierchen.

Der letzte Stop auf dieser Tour: die Idylle von Porto Budello, kurz vor Teulada. Kaum lässt sich ein kontrastreicheres Bild zu dem touristischen Eingang der Costa finden. Die Nähe zu Afrika macht diesen unscheinbaren Ort in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: Die meisten Einwohner haben ihre Häuser weiter im Hinterland, seit vor einigen Jahrhunderten afrikanische Piraten regelmäßig die Küstenorte überfielen um die Einwohner zu kidnappen und als Sklaven zu verkaufen. Die Familien zogen sich zurück, geblieben sind einige alte Fischerhäuser und Boote im Hafen. Eine verschrummelte Hafenbar ist da noch, ansonsten weitgehend unberührte Küste.

Wir wissen, dass es in der Region wenig Arbeit gibt, außer im Tourismus (und die Jobs werden meist an junge Arbeiter vom Festland und an Ausländer vergeben). Ja, das Leben sei hier hart, sagt ein Einheimischer, aber nicht ungerecht: Vedi, com’è bella – siehst Du wie schön es hier ist? Unglücklich sieht er wirklich nicht aus, als er das sagt.

Ein Träumchen...

Ein Träumchen…

Nochmal zurück zu den Piraten: Porto Budello – heute für die meisten ein unbedeutender Punkt auf der Landkarte – hat tatsächlich eine ruhmreiche Vergangenheit als vorgelagerter Hafen von Teulada. Besonders mutige Männer verteidigten die Stadt von hier aus gegen die Nordafrikaner. Zu diesem Verteidigungszweck wurde 1601 der Turm von Budello erbaut. Heute haben die beiden Orte noch ein ganz anderes Problem: zwischen den Touristen, die sich in der Sonne aalen, landen regelmäßig Flüchtlinge aus Algerien.

Für alle, die direkt zum Capo Teulada wollen, sei noch kurz erwähnt, dass es sich um militärisch genutztes Gebiet handelt. Sperrgebiet, genauer gesagt.

Dennoch ist es möglich, die Gegend über einige wenige Wege zu Fuß zu erkunden, wobei man da schon wissen muss wo – und selbst die Einheimischen halten sich mit diesbezüglicher Hilfe zurück.

Die weißen Dünen haben die wenigsten Sardinienurlauber gesehen – höchsten die, die mit dem Boot kommen. In den Sommermonaten ist das Ankern im Sperrgebiet vor den Stränden erlaubt. Da hilft also nur eine Bootsfahrt: Auf der Webseite von Teulada Marina sind einige Routen beschrieben. Wir begnügen uns heute damit, den südlichsten Punkt ganz nah gesehen zu haben.

Ja, sie produziert eine Menge Emotionen, die Costa del Sud. Sie berührt und lässt Dich nach der Abreise in einer Menge warmer Erinnerungen schwelgen.

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