Cagliari ist für das schwarze Schaf so etwas wie die große weite Welt in seinem kleinen Inseluniversum. Normalerweise will es hier gar nicht wieder weg. Doch heute, nach einem Glas Wein mit Freunden auf der chilligen Bastione St. Rémy dient die Stadt als Ausgangspunkt für einen Ausflug an die südlichste Küste, die Costa del Sud.

Die Freunde wollen Kitesurfen, und das geht gerade im Frühling besonders gut. Das Schaf freut sich, sie ein Stück des Weges zu begleiten, denn die Costa del Sud ist im April und Mai besonders schön, wenn an den Hängen noch alles blüht und die Wolfsmilch (Euforbia) in ihren bunten Farben leuchtet. Ein traumhafter Platz Welt.

Hinter Cagliari: Industrie oder Natur?

Zunächst weiß der Reisende oft nicht, was er von Cagliaris direkter Umgebung halten soll: Der Industriehafen mit seinen dreckigen Industrieanlagen grenzt direkt an ein fragiles Ökosystem, den „Stagno di Cagliari“ und der See „Stagno di Santa Gilla“, eine große Saline, in der auch ein paar hübsche Flamingos die Schnäbel durchs Wasser ziehen.

Was denn nun, Industrie oder Natur? fragt sich auch das schwarze Schaf.

Stagno di Cagliari
Stagno di Cagliari

Die Landstraße SS 195 ist als Schnellstraße ausgebaut und hat so gut wie keine Haltemöglichkeiten. Man kommt also gar nicht in die Verlegenheit, anzuhalten. Wir versprechen den Flamingos, uns beim nächsten Besuch ausführlicher mit ihnen zu beschäftigen (gesagt, getan – und noch viel besser geht das im Parco Molentargius Saline, unweit des Poetto in Cagliari).

Schnell ziehen die Hafen- und Industrieanlagen vorbei und bald sind sie vergessen. Wir biegen direkt bei La Maddalena ab – die Kites der Freunde sind schneller parat, als das Schaf gucken kann.

Die schwarzschafige Nase schnuppert derweil frische Meeresluft, und das gleich gleich hinter dem Industrieort Sarroch. Was viele nicht ahnen: Hier gibt es eine Menge zu sehen! Der Nuraghe Sa Domu e S’Orku, das Gigantengrab Tomba dei Giganti Monte Arrubiu, und die Villa d’Orri aus dem 15. Jahrhundert, die einzige, in der Könige auf Sardinien hausten. Dazu ein sagenhaft schönes Wandergebiet in Richtung Capoterra. Das ist so viel, dass das Schaf es sich für ein anderes Mal auf die Bucket List schreibt

Abends geht es weiter, und ein Hauch von Afrika weht. Pula ist wirklich ein schönes, südländisches Städtchen, und ich entscheide mich spontan, hier zu verweilen – mein Zimmer in der Villa Madau ist ganz entzückend, irgendwo zwischen landestypisch-sardisch und marokkanischem Riad angesiedelt. Im Restaurant S’Incontru (die Begegnung) auf der Piazza gibt’s sagenhaft gutes Pferdesteak. Ich bleibe auf drei Mirto (einer bestellt, einer vom Nachbartisch spendiert, einer ging aufs Haus). Diese Frühlingsnacht (Mitte Mai) ist erstaunlich lau, das Leben schön.

Costa del Sud: zu viele Zäune

Dann Santa Margherita di Pula. Hier beginnt das Paradies für Wassersportler, Kitesurfer kommen hier auf ihre Kosten. Hier verabschiede ich meine Freunde – sie wollen unbedingt noch länger bleiben, wegen der super Bedingungen und der schönen Lage. Sie werden auch im weiteren Verlauf ihrer Reise von Sardinien nicht enttäuscht (hier geht’s zu ihren Tipps für eine Kite-Safari durch Sardinien und im Südwesten).

Santa Margherita, im Hintergrund der Turm in der Nähe der römischen Siedlung Nora

Auch Nora, eine ehemalige römische Handelssiedlung, lockt. Ein bisschen Kultur schadet nie – man lernt auch, dass die Römer auf Sardinien kaum Einfluss hatten. Wenngleich die Ausgrabungsstätte etwas mager wirkt, wenn man wie ich zuletzt in Rom war und durch das Forum Traiano spazierte und noch das Colosseum und den Circus Maximus im Kopf präsent hat. Aber Rom hat wiederum keine Archäologie mit Meerblick. Man kann nicht alles haben.

Aber die Gated Communities und abgeschotteten Feriensiedlungen Villaggios und Sterne-Resorts an der Landstraße lassen uns richtig zurückzucken. Wobei man zugeben muss, dass es sich z. B. im Is Molas Resort ganz wunderbar wohnt – ein Golf spielender Freund war schwer begeistert und die deutsche Fußball-Nationalmannschaft schwört ja bei der Vorbereitung auf große Turniere bekanntlich auf das Forte Village.

Ändert nichts an der Tatsache, dass das »authentische Sardinien« hier ziemlich unterrepräsentiert und der Zugang zur Küste zahlenden Hotelgästen vorbehalten ist.

Ist das wirklich Sardinien oder nur ein steriler, vollklimatisierter Mini-Ausschnitt davon? Und … Privatsphäre ist ja ganz schön, aber muss das mit Maschendrahtzaun sein? Das schwarze Schaf jedenfalls mag keine Zäune und lässt sich auch ungern auf seinen Wegen begrenzen und wundert sich, dass Menschen sich andersherum freiwillig einpferchen lassen.

Viele von den Gästen gehen denn auch zwei Wochen lang nicht aus ihrem Resort raus und bekommen von der Außenwelt (nämlich eine wunderschöne, vielseitige Insel mit atemberaubender Natur, spannenden Ausflugszielen, gastfreundlichen Menschen und und und …) nichts mit.

Und zahlen für dieses »Sardinien« dann auch noch rasend viel Geld. Ganz schön arm, so mancher Reicher. Aber wer’s mag – jedem das Seine.

Costa del Sud: Perlentauchen für Fortgeschrittene

Lagune bei Chia
Lagune bei Chia

Geografisch beginnt die Costa del Sud bei Chia.

Bereits am Ortseingang als „località turistica“ bezeichnet, wird der Blick von extrem vielen Schildern zu unendlich vielen Restaurants und Hotels verwirrt. Dazu kommt, dass sie zu einem großen Teil ausschließlich Juni/Juli/August/September geöffnet sind. Auch das fühlt sich nicht unbedingt wie das »echte« Sardinien an.

Doch zugegeben: Auch hier finden sich schwarzschafige Ecken. Chia verfügt über traumhafte Strände und Lagunen, unberührte Natur, tolle Ausblicke auf das weite Meer. Und einen einfachen Küstentrek, der mehrere Strände miteiander verbindet.

Toll im Frühling: Ein Küstentrek, beginnend bei Chia

Im Frühling ist hier bis auf ein paar Kiter und ruhesuchende Spaziergänger kein Mensch.

Hinter Chia beginnt die Panoramastraße SP 71 (strada provinciale), die uns zum südlichsten Punkt der Insel bringen soll. Sie hält, was sie verspricht: Sie ist der Inbegriff der Cabriostrecke und ich würde echt gern mit offenem Verdeck fahren. Immerhin, mein Panda hat ein Schiebedach und alle Fenster weit auf, ist das quasi wie Cabrio fahren 🙂

Panoramastraße und die perfekte Cabriostrecke: SP 71

Endlich komme ich zu den wertvollen Schätzen und Plätzen der südlichen Küste: türkis- und smaragdfarbenes Wasser, weißer Sand, ein Blick übers weite Meer in Richtung Afrika, alles blau in blau, alles wunderwunderschön.

Eine bunte Unterwasser-Flora und -Fauna mit Korallenbänken ist hier auch versteckt. Fragile Lagunen und Dünen vor den Stränden, an denen Wasservögel und anderes Getier sein Zuhause hat.

Hinter den Orten erheben sich sanft die runden, hügelartigen Gipfel des Is Crabus, Monte Filau, Monte Maria, Monte Culurgioni auf zwischen 350 und 600 Meter – unberührte, wilde Natur.

Aufmerksame Besucher und Wanderer finden hier einige kleine Grotten, z. B. die Grotta s’Acqua Salia bei Teulada. Das Bergdorf ist auch eine gute Alternative, wenn man landestypischer wohnen will.

Ist man mit der Küste fertig, lohnt sich auch die Weiterfahrt ins Hinterland nach Santadì, z. B. ins gleichnamige Weingut oder zur Grotte Is Zuddas – die Wände enthalten Aragonit-Kristalle (mal in die Google-Bildersuche eingeben, sieht schön aus!). Oder auf den Monte Sirai oder zur Nekropole Montessu (von Chia etwa eine Stunde entfernt).

Zurück am Meer. Das Capo Spartivento lädt zu einer kleinen Wanderung ein. Eine gute Viertelstunde zu Fuß, dann kann man oben auf einer Reihe kleiner Pfade durch hübsche Natur inmitten roten und goldenen Gesteins weiterlaufen. Der Versorgungsweg ist eindeutig und führt an einer schönen Lagune und einem ruhigen Strand vorbei hinauf aufs Kap, dort kannst du nach Sicht weitergehen – flaches Buschwerk umgibt dich.

Der Blick hinunter in das märchenhafte Smaragdblau des Wassers lässt dem Reisenden das Herz aufgehen.

Der älteste Leuchtturm der Insel (erbaut 1856) beherbergt ein sehr exklusives, schönes Hotel, www.farocapospartivento.it).

Faro Capo Spartivento
Faro Capo Spartivento: ein Luxushotel auf den Klippen, mit Blick aufs weite Meer

Eine tolle Weitsicht wird Dir geschenkt, aber es ist trotzdem nicht möglich, Afrika auch nur zu erahnen, obwohl es von hier nur etwa 180 km Luftlinie oder knapp 100 Seemeilen entfernt ist – und damit sogar näher ist, als das italienische Festland.

Kuhtourismus

Dass die Costa del Sud ein schöner Platz Welt ist, wissen hier auch die Tiere. Allen voran die Kühe.

Auf ganz Sardinien trifft man ja Tiere auf den Straßen – Schafe, Esel, Schweine … und heute stellen sich mal wieder Kühe dem Auto in den Weg. Zwei grasen am Straßenrand, und dann ein toller Anblick: der Rest der Herde bevölkert den Strand Spiaggia Di Piscinnì in der Nähe von Teulada.

Kühe an der Cala Piscinnì
Kühe an der Cala Piscinnì

Eine Gruppe von etwa 20 Tieren ist von den nahegelegenen Hügeln heruntergekommen, knabbern an den kleinen Pflänzchen oder nehmen einfach ein ausgiebiges Sonnenbad.

Zwischen Kuhfladen und Kühen am Strand zu liegen ist vermutlich nicht Jedermanns Sache – aber die kleinen felsigen Buchten und die geringe Wassertiefe um Piscinnì sind ideal zum Schnorcheln.

In der Hauptsaison ist es den Kühen unten am Wasser zu belebt und die Straße zu stark befahren. Sie bleiben dann lieber in den Bergen. Geradezu schwarzschafig gesinnt, die Tierchen.

Der letzte Stop auf dieser Tour: die Idylle von Porto Budello, kurz vor Teulada. Kaum lässt sich ein kontrastreicheres Bild zu dem touristischen Eingang der Costa finden. Die Nähe zu Afrika macht diesen unscheinbaren Ort in mehrerer Hinsicht bemerkenswert: Die meisten Einwohner haben ihre Häuser weiter im Hinterland, seit vor einigen Jahrhunderten afrikanische Piraten regelmäßig die Küstenorte überfielen um die Einwohner zu kidnappen und als Sklaven zu verkaufen. Die Familien zogen sich zurück, geblieben sind einige alte Fischerhäuser und Boote im Hafen. Eine verschrummelte Hafenbar ist da noch, ansonsten weitgehend unberührte Küste.

Wir wissen, dass es in der Region wenig Arbeit gibt, außer im Tourismus (und die Jobs werden meist an junge Arbeiter vom Festland und an Ausländer vergeben). Ja, das Leben sei hier hart, sagt ein Einheimischer, aber nicht ungerecht: Vedi, com’è bella – siehst Du wie schön es hier ist? Unglücklich sieht er wirklich nicht aus, als er das sagt.

Ein Träumchen...
Die Costa del Sud bei Porto Budello Träumchen…

Nochmal zurück zu den Piraten: Porto Budello – heute für die meisten ein unbedeutender Punkt auf der Landkarte – hat tatsächlich eine ruhmreiche Vergangenheit als vorgelagerter Hafen von Teulada. Besonders mutige Männer verteidigten die Stadt von hier aus gegen die Nordafrikaner. Zu diesem Verteidigungszweck wurde 1601 der Turm von Budello erbaut. Heute haben die beiden Orte noch ein ganz anderes Problem: zwischen den Touristen, die sich in der Sonne aalen, landen regelmäßig Flüchtlinge aus Algerien.

Für alle, die direkt zum Capo Teulada wollen, sei noch kurz erwähnt, dass es sich um militärisch genutztes Gebiet handelt. Sperrgebiet, genauer gesagt.

Dennoch ist es möglich, die Gegend über einige wenige Wege zu Fuß zu erkunden, wobei man da schon wissen muss wo – und selbst die Einheimischen halten sich mit diesbezüglicher Hilfe zurück. Haben vielleicht auch nicht ganz Unrecht.

Ja, sie produziert eine Menge Emotionen, die Costa del Sud. Sie berührt und lässt das schwarze Schaf nach seiner Abreise in einer Menge warmer Erinnerungen schwelgen …

Redaktionelle Anmerkung: Erstveröffentlichung Mai 2011, überarbeitet 2019.

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