Das allererste, was ich mit dem mir zugesandten Exemplar von „Insel der Hundertjährigen“ gemacht habe: Ich hab’s meinem Vater geschickt. Mit 74 Jahren ist er deutlich näher an dem „Optimalziel 100“ als ich. Er war war erst einmal auf Sardinien und sollte unvoreingenommen drauf schauen. Dann hab ich ihn damit allein gelassen – während ich mich selbst auf eine (erneute) Reise in die „Blue Zone“ begab.
Aber weil ich Spoiler mag 😉 … nehme ich mein Fazit zum Buch hier und jetzt vorweg: schwarzschafige Leseempfehlung für „Insel der Hundertjährigen“!

Und jetzt in aller Ruhe. Fangen wir vorne an.
Erstmal: Was ist eigentlich eine Blue Zone? Die Blue Zones sind die Regionen auf diesem Planeten, in denen Menschen besonders lang und gesund leben – viele von ihnen werden über 100 Jahre. Und Sardinien – genauer: die sardischen Bergregionen – gehört dazu.
Mehr lest ihr auf www.bluezones.com und in meinem Artikel: A kent’annos! Was ist das Geheimnis der Hundertjährigen auf Sardinien? auf diesem Blog.
Auf 180 Seiten widmet sich die Autorin Geraldine Voss ausführlich dem Thema „Hundertjährige auf Sardinien“.
Schön und gut lesbar gestaltet und leicht geschrieben, kann man den Gedanken gut folgen. Mit vielen Bildern bietet das Buch auch für manch unkonzentrierten Geist einen leichten Zugang.
Da das Thema Hundertjährige aber sehr facettenreich ist, und man unendlich viel darüber erzählen kann, hatte ich beim ersten Durchblättern die Sorge, dass das Buch bei nur 180 recht groß bedruckten und bebilderten Seiten an der Oberfläche bleibt.
Zwar ist das in manchen Themen der Fall – an einigen Ecken, wo ich mich wohl noch hineingewühlt und ewig weiter gequatscht hätte, beschränkt die Autorin sich auf das Wesentliche.
Gleichzeitig erzählt sie andere Geschichten sehr ausführlich und geht vor allem auf der persönlichen Ebene in die Tiefe.
So wird es insgesamt ein ausgewogenes, stimmiges Buch.

Gut und richtig ist, dass die Autorin in die Blue Zone, den südlichen Gennargentu und die Ogliastra reiste, um sich aus erster Hand zu informieren. So erzählt sie die Story auch gut: Nämlich nicht als „trendiges Lifestyle-Thema“, sondern als Portrait der Insel und ihrer Menschen.
Sie beschränkt sich dann auch nicht auf die Berge, sondern betrachtet die gesamte Insel. Immerhin lebt die aktuell älteste Frau Sardiniens – Luisetta Mercalli, Jahrgang 1915 – in Cagliari und kommt ursprünglich aus Carloforte. Also nix sardische Berge – auch sehr spannend. Sie ist geboren am 17. Februar 1915, hat zum Erscheinen des Buches 2026 also stolze 111 Jahre. Damit ist sie eine Super Centenaria (so wird man hier genannt, wenn man über 110 Jahre wird).
Ich sehe Unterschiede, wie die Autorin das Thema „Hundertjährige“ betrachtet und wie ich es bisher angegangen bin: Mich interessieren die Zusammenhänge von Natur, Kultur, Tourismus und Gesellschaft. Ich treffe Menschen, um mich aus erster Hand zu informieren. Um wichtige Themen der Insel für Reisende greifbar zu machen. Um ihre Sicht der Dinge zu verstehen, und sie mit der unseren zu verbinden.
Geraldine Voss sucht die ganz konkrete, zwischenmenschliche Ebene und zeichnet Portraits der Leute. Natürlich: Menschliche Geschichten machen das Thema „Hundertjährige“ sehr greifbar.
Doch sie begibt sich auf eine kleinteilige und menschliche Spur, die nur wenige Autoren (oder Filmemacher) in diesem Thema finden.
Das Geheimnis könnte sein, dass sie mit den jüngeren Generation spricht – so widersinnig das zunächst klingen mag. Denn die Alten erzählen nicht jedem hereinschneienden Journalisten ihr ganzes Leben.
Und so hat Geraldine vor allem mit einer Frau gesprochen, die die Alten kennt und sich seit Jahren darum müht, ihren Wissensschatz und ihre Erinnerungen zu bewahren: Laura Mele aus Fonni. Ihre nahbaren Bilder sind echt schön, man spürt die Offenheit der Menschen und sie machen das Werk sehr wertvoll.

Allein dadurch, dass Laura vor Ort lebt und nicht erst seit gestern oder gar für dieses Buch die älteren Menschen der Insel fotografiert und interviewt, bekommt auch das Buch von Geraldine eine wunderbare Glaubwürdigkeit. Darum wirkt es glaube ich so persönlich.
Das EINE Geheimnis des langen Lebens gibt es nicht. Nicht diesen einen Jungbrunnen. Es ist nicht – wie oft gewünscht – der gute sardische Rotwein Cannonau, den man sich zaubertrankartig einflößen könnte.
Im Thema Langlebigkeit spielen mehrere Faktoren eine Rolle, denen sich das Buch facettenreich widmet.
Allgemein sind die gesunde Küche und die Bewegung in der Natur zu nennen. Das Wertegefüge, eine Verwurzelung in Traditionen, eine Verbindung zu den Vorfahren. Da sind auch identitätsstiftende Puzzlestücke und feste Dorf- und Familiengemeinschaften.
Das Buch schlägt einen großen Bogen über alle Faktoren und biegt hier und da erfreulich von schon hundertmal gelesenen und gehörten Erklärungen ab.

Im Buch wird den letzten beiden Faktoren viel Bedeutung beigemessen, und da gehe ich voll mit. Vielleicht sind es die wichtigsten Faktoren. Zum Beispiel beim Punkt „Identität“, die sich auch in Musik – modern und traditionell – und in Karnevalstraditionen manifestiert.
Viele Aktivitäten, zu denen auch wir Reisende willkommen sind, sind eigentlich dazu da, die Dorfgemeinschaften zusammenzuhalten. Alte finden ihren Platz und sind wertvoller Bestandteil jedes Festes.
In meiner Familie sprachen wir auch darüber. Tatsächlich sagten sie, beim Thema Bewegung sei sicher noch „Luft nach oben“, aber durch ihr Engagement in einer Kirchengemeinschaft hätten sie eine ähnliche Glücksquelle gefunden wie die alten Sarden: das Zusammensein mit anderen Menschen, viele soziale Kontakte.
Beim nächsten Faktor hatte mein Vater ein kleines Leuchten in den Augen: Er ist in unserer Familie nämlich der Koch.
Dass die mediterrane Küche gesund ist, das wissen wir. Allen voran Tomaten mit ihren antientzündlichen und hautschützenden Eigenschaften – und gutes Olivenöl.
Geraldine stellt Stefania Tangianu von olivinaevo.com aus Lotzorai vor. Auch sie kümmert sich um „Alte“ – nämlich um die jahrhundertealten Olivenbäume ihrer Familie. Ihr biologisch produziertes Olivenöl konnte ich schon probieren und die „beißenden Beweise“ für seine seit Jahrtausenden bekannte, medizinische Wirksamkeit an Zunge und Gaumen spüren.
Bestätigt auch Luisa Mercalli, die erwähnte älteste Frau Sardinens und sagt auf die Frage was ihr Geheimnis ist:
„… un minimo di zucchero, pochissimo, camminare, bere tanta acqua e consumare un buon olio d’oliva“ – „ganz wenig Zucker, sehr wenig, Spazierengehen, viel Wasser trinken und ein gutes Olivenöl zu sich nehmen.“

Natürlich darf auch das bekannte Argument „Rotwein mit seinen Antioxidantien“ nicht fehlen – gleichzeitig nennt die Autorin aber auch Craft Beer.
Warum auch nicht: Bier ist in Maßen erstaunlich gesund – da hab ich aus dem Buch etwas gelernt. Und für viele Sarden identitiäts- und gemeinschaftsstiftend: Es ist gar nicht so selten, dass sie in der fröhlichen Gesellschaft von Freunden ein gutes Bier trinken.
Dann gab es einen kleinen Moment, in dem ich fand, dass das Buch zu sehr ins Allgemeine abdriftete: die Rezepte. Hier bleibt es für mich hinter den Möglichkeiten zurück.
So finde ich tendenziell schwierig, ein Muschel- und Meeresgericht wie Fregola Cozze e Vongole mit den Hundertjährigen Sardiniens in Verbindung zu bringen – speziell wenn wir von abgelegenen Bergregionen sprechen, die eine ganz andere Küche haben als Meeresgetier. Das Gericht beschreibt dann doch eher die allgemeine mediterrane Küche. Und ob jetzt Muscheln als die „Müllsammler und Schwermetallfilter“ des Meeres so gesund und zuträglich sind – da kann man zumindest ein Fragezeichen dazu stellen.
Grundsätzlich kennen auch die alten Sarden die Fregola, diese kleine kugelige, manchmal geröstete Pasta, die sich vor Jahrhunderten aus Afrika nach Sardinien verbreitet hat. Nur wird sie meist als Gemüsevariante zubereitet mit dem, was es oben in den Bergen so gab – z. B. mit Steinpilzen aus dem Wald. Damit wäre man deutlich näher an der Realität.
Gleichzeitig spielen auch Hülsenfrüchte in der Ernährung der Hundertjährigen eine große Rolle – das Rezept für eine Minestra di Ceci (Kichererbsen), wie ich sie in Gergei z. B. schon mehrfach bekommen habe, hätte ich also stimmiger gefunden.
Das mal so als kulinarischer Vorschlag. Ich (und mein kochbegeisterter Vater) hätten sehr gern mehr über die Bergküche erfahren und hatten auf das ein oder andere Rezept der alten Menschen gehofft. Man kann ja bei einer Neuauflage mal drüber nachdenken, die Rezepte etwas enger an das Thema Hundertjährige zu binden.
Aber das tut der Qualität des Buches keinen Abbruch. Ansonsten ist natürlich alles gut – vom Pane Carasau bis zum Pecorino.

Gefreut hat mich, Samuel aus Gergei und seine Familie in dem Buch wiederzutreffen. Wir kennen uns schon seit vielen Jahren und gerade erst war ich in seiner Käserei Sinnos (www.sinnosformaggi.it) und hab ihn einen ganzen Tag begleiten dürfen – vom morgendlichen Schafemelken bis zum fertigen Ricotta und Pecorino.
Seine Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit und sein persönliches Lebensglück sind ganz sicher auch eine gute Voraussetzung, besonders alt zu werden.
Und letztlich will sich das Buch ja gemäß Untertitel damit beschäftigen, warum Sardinien so glücklich macht.
Und Essen macht ohne Zweifel sehr glücklich!
In meiner Familie konnten wir die einzelnen Facetten jedenfalls gut nachvollziehen.
Es kristallisierte sich das Fazit heraus: Das Buch ist leicht zu lesen, persönlich, mit guten Tipps für den Alltag – wie den, öfter zu lachen. Man sähe sich da insgesamt auf einem guten Weg 😉
Mir gefällt besonders, dass in den menschlichen Portraits die Jungen zu Wort kommen – nämlich die, die mit dem Wissen der Alten ihr Leben im Heute gestalten. Alle, die die Zutaten zu einem langen Leben in den Händen halten, sind authentisch portraitiert. Für mich ist dieses Buch sehr glaubwürdig und ich kann’s wirklich zum Lesen empfehlen.
Wir saßen dann noch zusammen, sprachen über das Älterwerden, über das Glück, gesund zu sein. Es war eine schöne Gemeinschaft im Familienkreis – und irgendwie bleibt das Gefühl, ein bisschen Lebenszeit hinzugewonnen zu haben.
PS. – Das schwarze Schaf plant, eine Podcast-Episode mit Geraldine aufzunehmen und über das Thema Hundertjährige zu philosophieren. Hoffe, es klappt in diesem Winter!

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Noah T.
18. Oktober 2026 at 15:39Lauras langjährige Nähe zu den Alten erklärt, warum gerade die Jungen glaubwürdig erzählen können, wie sie „mit dem Wissen der Alten ihr Leben im Heute gestalten“. So bekommt die Weitergabe von Erinnerungen ein konkretes Gesicht.