Seit ich das erste Mal auf eine Sardinienkarte schaute – tatsächlich war das noch analog – fiel mir eine irrsinnig große, unbesiedelte Fläche in Sardiniens Süden auf. „WWF-Oase Monte Arcosu“ stand da mittendrin.
Nach der ersten Recherche hieß es, es sei ein Refugium für den seltenen sardischen Hirschen. Als langjähriges WWF-Mitglied und als Kind, das direkt neben einem Wildpark mit Hirschen aufgewachsen ist, war der Entschluss relativ schnell gefasst: Muss ich sehen!
Es dauerte noch etwas, bis ich tatsächlich dort hinreiste – und war dann gleich hingerissen!
Das riesige Gebiet bei Capoterra westlich von Cagliari umfing mich mit einem tiefen, natürlichen Frieden.

Die Weite und Größe überforderte mich zunächst.
Ich verstand, dass ich für das Trekking, das ich machen wollte, viel früher hätte aufstehen müssen. Die Wege führen weit in den Park hinein und es braucht Zeit und bessere Vorbereitung.
Doch bereits eingangs des Parks bekam ich eine kleine Ahnung davon, was mich erwarten würde: Ruhe. Einsamkeit. Oder vielmehr: Alleinsein.
Das ist ein Prinzip, mit dem ich persönlich sehr gut klarkomme. Ich brauche nicht viele Menschen um mich herum. Manchmal auch gar keine.
Tiere? Schon, ja. Gerne sogar. Und da bin ich im Parco Gutturu Mannu richtig!
Immerhin befindet sich hier auch ein „Santuario della Biodiversità“ – ein Schutzgebiet für Artenvielfalt.

Weil ich aber den Frieden der Tiere eben nicht durch Menschen nie stören wollte, und Geheimtipps ja keine mehr sind, wenn man sie publik macht, habe ich das bislang für mich behalten. Als halbes Influencer-Schaf trägt man ja auch etwas Verantwortung.
Aber in diesem Fall war die Einstellung nicht ganz richtig. Warum erzähle ich gleich.
Schauen wir uns erstmal an, wo wir sind.
Gutturu Mannu bedeutet im lokalen, sardischen Sprachgebrauch „große Schlucht“.
Er wird auch deshalb so genannt, weil sich mehrere Gipfel aneinander reihen und die Täler, gegraben von Flüssen, sich wie miteinander verbinden und weitläufige Schluchten bilden.
Steht man in einem der saisonalen Flussbetten, erheben sich die Berge zu beiden Seiten.
Von manchen Punkten wiederum blickst du hinab und begreifst die Tiefe dieses Ortes.

Dich umfängt ein natürlicher Frieden in der Weite.
Ganz nah dran regiert eine Stille, die Raum für die kleinen Geräusche der Natur lässt: das Huschen des Windes, das Plätschern von Wasserläufen, das Brummen von Käfern, das Quaken von Fröschen, das Summen von Bienen.
Oft mischt sich auch das Glockengeläut von Ziegen hinein, die hier von den örtlich ansässigen Hirten frei laufen gelassen werden.
Und vielleicht, wenn du ganz, ganz viel Glück hast, hörst du das Raunen und Röhren eines Hirschen. Denn die leben hier – und zwar in einer stattlichen Anzahl.
Apropos Zahlen.

Fangen wir mal bei den Fakten des Parks an.
Das Schöne: Der Park ist für Wanderer zugänglich, vor allem die WWF-Oase Monte Arcosu macht es einem leicht.
Mit dem Auto gelangt man von Norden (via Capoterra, Assemini, der Schnellstraße SS 130) kommend bis zum Parkplatz mit einem Begrüßungshäuschen des WWF. Ab hier geht es nur zu Fuß weiter – selbst wenn die Straße noch weiter führt: Ihr müsst am Ende eh wieder umkehren und das Auto stehen lassen. Also am besten gleich hier parken.
Der erste Pfad (Oleandro) beginnt gleich am Parkplatz. Viele weitere am WWF-Häuschen im Parkinneren:
Aber widmen wir uns der Natur und den hier heimischen Arten – allen voran dem sardischen Hirschen.
Im gesamten WWF-Schutzgebiet befinden sich etwa 1.000 sardisch-korsische Hirsche (cervus elaphus corsicanus). So zarte, wunderschöne Tiere! Sie sind deutlich kleiner als die europäischen Rothirsche, mit denen sie verwandt sind.

Sie leben hier frei in einem der ältesten und ausgedehntesten Wälder im gesamten Mittelmeerraum. Was für ein Glück! Und was für ein Schatz, den es auch zu verteidigen gilt.
Natürlich lassen sich frei lebende Hirsche selten bei Wanderungen direkt am Rand eines offiziellen Pfades blicken – Hallo?! Wildtier?!

Nein, das hier ist kein Zoo. Auch wenn es den ein oder anderen Beobachtungspunkt gibt, ist keine Hirschgarantie zu erwarten.
Wer aber tatsächlich das Glück hat, einen zu sehen, entwickelt eine spontane Zuneigung. Ich wette, jede emotionale Verhärtung löst sich. Sie sind einfach zu entzückend!
Die WWF-Oase und natürlich auch der umliegende Gutturu Mannu beherbergt außer den Hirschen – die zugegeben eine Attraktion sind – eine riesige Artenvielfalt.
Wildkatzen, Mufflons, Raubvögel, Amphibien und viele kleinere Arten, die hier ein Refugium gefunden haben. Von Insekten und Pflanzen ganz zu schweigen.

Gleich eingangs des Parks werden die Arten auf einer Tafel erklärt. Auch online findet ihr Informationen über die Fauna des Parks. Weitere Infos gibt es auch am WWF-Häuschen.

Hier hat man auch noch ein Mobilfunknetz – im Park wird es mager. Allen Online-Junkies (zu denen ich auch gehöre) empfehle ich, von den verfügbaren Karten und Lageplänen Fotos zu machen.
Und sich dann auf das Abenteuer „Digital Detox“ einzulassen. Ein paar Stunden ohne Handy ist es tatsächlich sehr schön!
Am Einfachsten ist es für Erstwanderer, in der WWF-Oase zu bleiben – die dortigen Pfade sind insgesamt 60 Kilometer weit und gut kuratiert. Danke dafür an die gemeinnützige Organisation Associazione Domus de Luna.
Wer länger unterwegs ist, findet auch Wanderpfade der Forstverwaltung, die quer hindurch Richtung Westen und Süden führen. Dafür ist sehr gute Vorbereitung notwendig und am besten konsultiert man einen örtlichen Guide. Eine Übersicht der Pfade findet ihr hier und im Hiking-Guide (pdf) des Parks.
Die Wanderung, die ich gemacht habe, habe ich in meinem aktuellen Wanderführer für Sardinien beschrieben – April 2025, Dumont-Verlag: https://www.dumontreise.de/reiseziele/werk/dumont-wanderzeit-auf-sardinien-9926

Bereitet euch dennoch gut vor – die Wege haben unterschiedliche Schwierigkeiten und einige Wege wollen ernst genommen werden. Eine gute Trekkingausrüstung ist selbstverständlich.
Gerade, wenn sie etwas weiter in das Parkinnere führen, nehmt im Daypack ausreichend Wasser und Proviant mit und plant eure Zeit mit Ankunft und Pausen entsprechend.
Berücksichtigt in der tieferen Nebensaison auch den frühen Sonnenuntergang. Bei Wind ist ratsam, sich warm anzuziehen, der kann in manchen Schluchten stark ziehen und kalt sein.

Anfangs ist alles gut beschildert und wunderbar gepflegt, doch in den Weiten des großen Parks können längst nicht alle Pfade instand gehalten werden – insbesondere nach Unwettern.
Im Oktober 2018 wütete zum Beispiel ein 36 Stunden andauernder Starkregen den Park, und drehte natürlich auch die naturbelassenen Wege des Parks, oder die, die mithilfe von Steinen und Naturmaterialien gekennzeichnet waren, auf links. Langsam, aber sicher wurden sie kontrolliert und wieder instandgesetzt.
Heute ist der Himmel zwar grau, aber wettermäßig trotzdem alles ruhig.
Ich kann loslaufen – und in die Natur eintauchen!
Angefangen bei einer Pflanze, die uns auf Sardinien regelmäßig begegnet, und die viele sogar im eigenen Garten haben:

Daher wächst er gern in Fluss- oder Bachläufen. Hirten und ihre freilaufenden Tiere schätzen ihn als „Wegweiser zum Wasser“. Denn da, wo er wächst, ist meistens auch ein Zugang zu Frischwasser finden.
In der WWF-Oase sind alle Blüten rosa – es gibt ihn aber auch in weiß und in rot.

Und dann … immer weiter hinein in den Park. Ich wandere auf einem Wasserpfad, einem Erdbeerbaumpfad, einem Köhlerpfad, einem Adlerpfad …
Je weiter ich mich hineinwage, desto einsamer wird es, umso stärker wird die Natur spürbar.
Ich sehe Greifvögel fliegen, Eidechsen laufen, setze mich in ein trockenes Flussbett und schau dem wenigen Wasser beim Fließen zu, beobachte Insekten, wie sie an Blüten schlürfen.
Diesen profunden Frieden und vor allem die Tiere möchte man ja als Naturfreund so wenig wie möglich gestört wissen. Darum habe ich das hier lang für mich behalten.
Und da sind wir am wichtigen Punkt. Denn manchmal die Sache mit den wirklich geheimen Geheimtipps kontraproduktiv und auch ein bisschen egoistisch.
Die Meinung, dass der Mensch die Natur immer stört, ist nämlich vielleicht gar nicht richtig. Im Gegenteil.
Im Parco Gutturu Mannu wird explizit Wert darauf gelegt, dass sich der Mensch mit der Natur verbindet. Und das kann er offensichtlich nur, wenn er da ist.

Wer jetzt schon beim Wort „Inklusion“ aussteigt, dem bleiben zwei Möglichkeiten: 1. Weiterlesen und den Geist etwas öffnen. 2. Weggehen.
Ich streife am Besucherzentrum Sa Canna durch die Gegend, sehe einige Kunstwerke und bald kommt eine Dame auf mich zu und empfängt mich freundlich. Wo ich denn hin möchte, und wie gut ich mich schon auskenne.
Sie merkt, dass ich mich schon etwas auskenne – und erklärt mir kurzerhand das, was ich noch nicht weiß: Der Naturpark Gutturu Mannu und die WWF-Oase haben sich nicht nur dem Naturschutz verschrieben.

Auch das WWF-Schutzgebiet ist ein bewusst offenes Konzept – und wird gemeinsam vom WWF und einem gemeinnützigen Verein betreut.
Die Associazione Domus de Luna konkretisiert die Idee der Gemeinschaftlichkeit und engagiert sich insbesondere für die Schwächsten, die Benachteiligten und die Jüngsten der Gesellschaft.
Konsequenterweise arbeiten hier neben den ausgebildeten Personen auch solche, die im Leben benachteiligt sind. Das können straffällig gewordene Jugendliche sein, aber auch alleinerziehende Mütter, Waisenkinder, aus Kriegsgebieten geflüchtete Menschen und andere, die nicht immer auf der Sonnenseite des Leben stehen.
Ihre Arbeit ist wichtig und sorgt definitiv für das Gelingen des Konzepts: Man trifft sie bei der Begrüßung im Besucherzentrum, im Service in der Bar und im Rifugio, zur Instandhaltung von Wegen und Infrastruktur, der Versorgung der Tiere, oder für Führungen und Veranstaltungen.
Für Kindergärten, Schulklassen und Jugendvereine sowie werden Aktionstage zu bestimmten Themen angeboten. Dann kann es im Besucherzentrum auch mal laut werden. Aber einen Kilometer weiter ist davon nichts mehr zu hören.

Hier sind alle Menschen wie du und ich, ganz selbstverständliche Teile der Gesellschaft. Und es lässt sich gar nicht unterscheiden, wer jetzt der oder die Gute oder Böse ist. Das kann ja auch ich sein.
„I buoni e cattivi“ – die Guten und Bösen – nennt sich die Kooperative, die dahinter steckt (und die in Cagliari auch ein kleines Hotel und ein Restaurant betreibt, Empfehlung am Ende des Artikels). Der Name will ausdrücken, dass in jedem von uns ein bisschen von dem einen und ein bisschen von dem anderen steckt und je nachdem, welche Erfahrungen wir machen, prägt sich das aus. Bekommt der Mensch Chancen, hat er (oder sie) es leichter, sich für das Gute zu entscheiden.
Ziel ist, unterschiedslos allen Menschen, Erwachsenen und Kindern, die Erholung von Stress, Alltag und Sorgen zu bieten. Und sich über die Natur zu informieren und weiterzubilden.
Dabei helfen auch die beiden Esel des Parks – darf ich vorstellen? Mirto und Corbezzolo!

Am Besucherzentrum Sa Canna gibt es für alle, die gar nicht weit wandern wollen, auch etwas zu essen und zu trinken (nur am Wochenende, hier geht es zu den Öffnungszeiten).
Führungen und Erklärungen von Domus de Luna – z. B. auf einem der Pfade, zum Wildgehege mit Damwild oder zu den Bienenstöcken – können von allen Besuchern gebucht und besucht werden. Prima für Familien, sach- und fachkundig.
Besonders die Kleinen sollen lernen, die Natur als Instrument für ihr persönliches Wachstum zu verstehen. Die Beziehungen zu anderen Lebewesen – ob Mensch oder Tier – stehen im Vordergrund.
Tipp: Führungen für Kinder sind ideal für alle, die gerade Italienisch lernen!
Der WWF informiert regelmäßig mit Aktionstagen über seine Aktivitäten zum Schutz von Flora und Fauna. Oft werden spezielle Wanderungen angeboten.
Vor allem im Frühling und Frühherbst und rund um Feiertage lohnt sich daher ein Blick auf die Webseite oder die Social Media-Accounts, ob es Mitmach-Events gibt: www.oasiwwfdelcervoedellaluna.it
Bei der Arbeit geht es um Bestandszählungen und Beobachtungen der Entwicklung der biologischen Vielfalt, um die Migration von Singvögeln oder invasiver Arten. Auch die freie Entwicklung der Wildtierbestände, insbesondere der Großtiere, wird kontrolliert: Im Park herrscht generell Jagdverbot.
Seit sich die klimatischen Bedingungen immer weiter verändern, ist auch vermehrt die Beobachtung der Auswirkungen und Folgen natürlicher Phänomene wie Klima- und Wettereinflüsse, Dürren, Starkwetter-Ereignisse Teil der Arbeit.

Der Mensch will insgesamt so wenig wie möglich in den Lauf der Natur eingreifen – Schutz und Anpassung sind aber auch hier notwendig.
Gleichzeitig sind auch die kulturellen, menschlichen Aktivitäten sind Teil des Parks.

Früher war in Gutturu Mannu die nachhaltige Kohlegewinnung aus Restholz mit Erdöfen sehr präsent. Die Strukturen sind ebenso wie die Behausungen der Köhler teilweise noch vorhanden. Auch hier ist wieder ein Guide praktisch – wer allein wandert, läuft vermutlich dran vorbei.
Heute wird das weite Gebiet auch von Hirten genutzt – einige lassen ihre Ziegen frei durch den Park laufen, andere begleiten sie auf einer Art Transhumanz.

Die Menschen der umliegenden Gemeinden werden seit Gründung in die Entscheidungen des Parks einbezogen und können ihn für sich nutzen, zum Beispiel eben für ihre Tiere oder um für den Eigenbedarf Bruchholz zu sammeln.
Wer möchte, engagiert sich persönlich. Partizipation ist aber kein Zwang. Das führt zu einem breiten Konsens in der sardischen Gemeinschaft – es ist „ihr Park“ und als Naherholungsgebiet ist der gesamte Parco Gutturu Mannu sehr beliebt.
Und dann sind da auch noch wir Touristen und Gäste.
Ich fühle mich sehr willkommen, scheine aber eine Nebensache zu sein. Für mich ist das gut so. Wir Touristen denken ja schon genug, dass sich auf Sardinien alles nur um uns dreht und die Insel ohne Tourismus am Ende wäre.
Hier hat die Natur Vorrang und das finde ich sehr gut.

Je mehr ich darüber nachdenke, desto gesünder finde ich tatsächlich diese „umgekehrte“ Einstellung des Parks:
Ich zahle darum sehr, sehr gern die fünf Euro Schutzgebühr (am besten passend mitnehmen).
Die Dame in Sa Canna gibt mir noch ein paar Tipps mit Blick auf die Wegbeschaffenheit. So soll der Köhlerpfad bei Regen nicht gegangen werden, aber sie versichert mir, dass er trocken ist und es nicht regnen soll.
Aber für die kleine Kletterstrecke, die über einen Erdrutsch führt, oder aber hinauf zum Aussichtspunkt am Sentiero della Luna, habe sie Bedenken wegen meiner Schuhe.

Ich auch – sie sind schon alt und die Sohle ist wirklich nicht mehr in bester Verfassung. Aber so toll eingelaufen und perfekt für lange Wanderungen. Und ich habe gut 12 Kilometer vor mir.
Aber ich werde mir den Kletterabschnitt heute sparen und mache statt dessen noch einen Abstecher hinunter zu einem alten Johannisbrotbaum in einem Flusstal.

Für ein paar wundervolle Stunden genieße ich die Weite des Parks Gutturu Mannu …
Und bin mir sicher: Auch mein Besuch heute war nicht der letzte.
…
Sehr empfehlen kann ich die Unterkunft in Cagliari, zentrumsnah in einem ruhigen Viertel gelegen. Das kleine Hotel wird ebenfalls von der Associazione Domus de Luna betrieben – oder vielmehr arbeiten auch hier Menschen, die einen neuen Start im Leben suchen.
(*) Provisionslink. Die Empfehlung selbst erfolgt – ebenso wie dieser Artikel – unbezahlt, aus freien Stücken und schwarzschafiger Überzeugung 🙂

Design by ThemeShift.