Am 21. Dezember ist der kürzeste Tag des Jahres, der mit den wenigsten Tageslichtstunden. Solstizio d’inverno – Wintersonnenwende auf Sardinien.
Es ist der Tag, der Moment, in dem die Sonne einen sehr, sehr langen Moment stillzustehen scheint. Einer, der den Menschen in früheren Zeiten (als man noch nicht alles in Sekundenschnelle nachlesen konnte), leichte Sorge beschert hat.
Besonders, wenn sich noch Wolken, Kälte und Regen dazu gesellten: Warum blieb die Sonne so lang weg? Würde sie bald wiederkommen? Waren gar Dämonen und dunkle Mächte am Werk?

Und so war und ist alles, was der großen Dunkelheit Licht und Behaglichkeit entgegensetzte, mehr als Willkommen.
Auch darum hat sich Weihnachten, seit die Insel im frühen Mittelalter christianisiert wurde, einen höchst wichtigen Platz im sardischen Festkalender erobert. Es ist im Prinzip ja irgendwie das Gleiche, so falsch ist die Idee nicht. Christus wird nicht umsonst das „Licht der Welt“ genannt.
Den vorchristlichen, paganischen Riten wird auf der Insel nicht weniger Bedeutung beigemessen. Da geht es nicht um die Geburt eines Heilands, sondern um den ewigen Kreislauf von Leben, Tod und Wiedergeburt.
Und in weniger als einem Monat werden zum Fest von Sant’Antonio inselweit Feuer entzündet. Auch sie wollen und sollen dem Winter etwas entgegensetzen.
Die Domus de Janas, Felsengräber die seit der Jungsteinzeit auf Sardinien existieren, deuten auf Riten zum Weiterleben im Jenseits. In der nachfolgenden, bronzezeitlichen nuraghischen Kultur finden sich Hinweise auf einen Glauben an Naturgötter und Riten, die an Tod und Wiedergeburt geknüpft sind.
Daher finden sich in einigen Nuraghen auch spannende Hinweise auf diese kulturelle Besonderheit.
Das italienische Wort „solstizio“ bzw. das lateinische „solstizium“ ist zusammengesetzt aus sol / Sonne und stāre / stehen, bleiben. Wörtlich also: Sonnenstillstand. Denn erreicht sie ihren Endpunkt am südlichsten Punkt des östlichen Horizonts, scheint sie kurz anzuhalten.
Unmittelbar nach dieser größten Dunkelheit kehrt die Sonne ihre Bewegung um.
Diese Umkehr zur Wintersonnenwende markierte Tod und Geburt gleichzeitig, den ewigen Kreislauf des Lebens. Ganz besonders in landwirtschaftlichen Kulturen: Das Land und was darauf wächst, stirbt und wird jedes Jahr aufs Neue wiedergeboren. Bäume verlieren ihr Laub, das am Boden verrottet, um den Baum und das Ökosystem während der Ruhe zu nähren.
Im Frühling wärmt die Sonne das Land, weckt die Organismen zu neuem Leben und der Zyklus beginnt von neuem. Für die Landwirtschaft ein extrem wichtiges Ereignis. Ewige Dunkelheit würde den sicheren Tod aller bedeuten. Denn alles Sein ist verbunden.

All das hat also auch eine zutiefst religiöse Dimension.
Wir wissen wenig über eine „Religion“ der nuraghischen Sarden, da es keine dokumentierte Schriftkultur war, sondern eine gesprochene und gelebte.
Doch gerade dieser Umstand gibt uns an anderer Stelle Einblicke: Denn so, wie sich die Menschen damals das Leben erklärten, so, wie sie ihr Lebens- und Glaubensgebilde definierten, so bauten sie auch.
Also erzählen uns die archäologischen Stätten und ihre Anordnung, insbesondere die Sakralbauten wie Brunnenheiligtümer, aber auch die Nuraghen, viel über die religiösen Vorstellungen und die Funde über die damit verbundenen Kulte und Rituale.
Man kennt das von vielen antiken Monumenten: Sie kalibrieren besondere Ereignisse oder Zyklen, mythologische Persönlichkeiten und folgen einer starken Symbolik.
So auch in vielen nuraghischen Bauten auf Sardinien.
Archäologische und archäo-astronomische Funde belegen, dass natürliche Ereignisse wie Sonnen- und Wintersonnenwende, aber auch die Tag- und Nachtgleichen, Sternbilder, Vollmondlicht oder Sonnenhöchststände bei der Konstruktion bewusst berücksichtigt wurden.
Die Nuraghen hatten nicht immer eine primär erkennbare sakrale Bestimmung, sondern dienten als Speicher oder zu Wehr- oder Wohnzwecken und wurden für Aktivitäten der Gemeinschaft genutzt. Das ist kein Widerspruch: Sie waren das soziale, wirtschaftliche und eben auch symbolisch-religiöse Zentrum einer Stammesgemeinschaft. Ähnlich einer Kirche auf einem dörflichen Marktplatz, auch wenn der Vergleich ein bisschen hinkt, aber das Prinzip ist ähnlich.
Die Menschen verspürten die Notwendigkeit, ihre identitätsstiftende, lebenswichtige Nuraghe mit der symbolischen Bedeutung solcher wichtigen natürlichen Ereignisse zu verknüpfen.
Kurz: Alles Lebenswichtige war und wurde miteinander verbunden – in allen Dimensionen, konsequenterweise auch in der spirituellen.
Die Vielzahl der architektonischen und archäologischen Funde, die zur Sommer- und Wintersonnenwende auf Sardinien passen, wird kein Zufall sein.
Ein paar Beispiele gefällig?
(Zur Info: Ich habe die Phänomene „nur“ recherchiert und / oder erzählt bekommen, aber nicht alle selbst erlebt, die meisten der archäologischen Stätten aber besucht, wenn auch zu anderen Zeiten.)
Paradebeispiele sind die Nuraghen Aiga bei Abbasanta und Nuraghe Ruju bei Torralba, bei denen der Eingangskorridor jeweils auf die Morgendämmerung der Wintersonnenwende ausgerichtet ist. Obwohl beide weit voneinander entfernt liegen, ist das Schauspiel identisch: Das schwache Lichtstrahl dringt durch eine Öffnung, die die antiken Erbauer oben im Tholos geschaffen haben, die Sonne wird gebündelt, durchdringt das Gewölbe und erhellt eine Nische unten in der Kammer. Ein Signal für die Umkehr der Zeit. Das Phänomen ist auf dieser Seite dargestellt: https://www.duepassinelmistero.com/RujuTorralba.htm

Der Nuraghe Losa bei Abbasanta wurde so errichtet, dass die Bastionsmauern auf den Schnittpunkt der Sonnenwendeachsen ausgerichtet sind. Sie markieren die Sonnenauf- und -untergänge beider Sonnenwenden. Diese Bauweise unterstreicht die Bedeutung dieser beiden Momente.
In dem Nuraghen Santa Barbara bei Villanova Truschedu ist ein Phänomen zu beobachten, das als „Luce del Toro“, das Licht des Stiers, bekannt ist. Zur Wintersonnenwende tritt die Sonne durch eine Öffnung ein und bildet an der gegenüberliegenden Wand der Nuraghe einen leuchtenden Fleck in T-Form. Dies soll einen Stier symbolisieren, der geboren wird. Ein wichtiges Element der Landwirtschaft und des Wohlstands, speziell hier in der Inselmitte. Im Nuraghen Toroleo bei Paulilatino gibt es diese Darstellung ebenfalls, nur umgekehrt / capovolto, sprich die leuchtende Form steht auf dem Kopf. Das könnte wiederum den Tod bedeuten. Auch die Existenz eines Stiergottes wird der sardischen Kultur nachgesagt.
Beim Nuraghen Is Paras in Isili soll die einfallende Sonne am Tag der beiden Sonnenwenden die Mitte des Bodens erleuchten, in dem sich ein Brunnen befindet – das könnte ein Hinweis auf Rituale rund um einen Wasserkult sein.
Apropos Wasserkult: Das Brunnenheiligtum Santa Cristina bei Paulilatino, ein faszinierendes, präzise gebautes und gut 3.500 Jahre altes Bauwerk ist für seine astronomischen Ereignisse bekannt. zu den Tag- und Nachtgleichen im September und März, wenn die Sonne den Grund des Brunnens erleuchtet und einen „doppelten Schatten“ erzeugt – einen im Wasser, den anderen kopfüber in der Kammer. In diesem Fall also nicht zur Sommer- oder Wintersonnenwende, wohl aber gibt es bei all diesen astronomisch wichtigen Terminen Gelegenheiten immer passende, astronomische Events an der archäologischen Stätte. Wer sich dafür interessiert, kann das im Auge behalten, Infos auf » www.pozzosantacristina.com
Auch einige Megarontempel in nuraghischen Pilgerstätten sind nach der Sonne zur Sommer- oder Wintersonnenwende ausgerichtet – wie z. B. die beiden Tempel in S’Arcu e Is Forros bei Villagrande Strisaili. (Artikel auf pecora-nera.eu zu S’arcu e is forros).

Auch viele Gigantengräber sind zum Sonnenaufgang, also nach Osten ausgerichtet, zum Beispiel viele, z. B. Coddu Vecchiu bei Arzachena. Sa Domu e S’Orku auf der Giara di Siddi oder
Viele haben fensterähnliche Öffnungen, die zum Sonnenauf- und untergang bei Sommer- oder Wintersonnenwende Licht ins Innere des Nuraghen lassen, und dabei prägnante Punkte erleuchten, wie Nischen oder rituell nutzbare Positionen.
Zudem gibt es in vielen sardischen Bergregionen einige Feste rund um die Wintersonnenwende.
Zum Beispiel in Teti, wo zur Wintersonnenwende am 20. Dezember ein traditionelles Fest gefeiert wird. Mit „Sos Iscusorzu“ oder „Solstizio del Demone“ wird eine Verbindung zur archäologischen Stätte, dem nuraghischen Heiligtum in einem Tal bei Abini hergestellt. Hier wurden viele kleine Bronzefiguren gefunden, die auch einen Bezug zu den astronomischen Kulten vermuten lassen. Das archäologische Museum bietet Exkursionen zur Stätte und zeigt Repliken dieser bronzetti.

Das leuchtende Feuer, das auf dem Kirchplatz entzündet wird schlägt den Bogen zur Wiederauferstehung des Lichts.
Viele der landläufigen Beobachtungen wurde durch archäologische Ausgrabungen und Funde, mathematische Berechnungen oder Messungen bestätigt. Andere wiederum sind hypothetisch.
In Verbindung mit archäologischen Funden und der Anthropologie wurden dann entsprechende Überlegungen und Thesen zur religiösen Kultur der alten Sarden formuliert, die recht nah an der damaligen Wirklichkeit sein dürften – wie etwa, dass Zeremonien während der Sonnenwenden abgehalten wurden und dass die Menschen in der Dunkelheit Trost im Licht fanden.
Im Grunde hat sich daran bis heute nicht viel geändert.
Gerade deswegen ist wichtig, die archäologischen Stätten der Insel vorsichtig zu behandeln, um sie zu bewahren. Es sind für die Sarden wichtige Orte und sie haben mit ihren Ahnen zu tun. Insofern ist Respekt das mindeste, was wir als Gäste haben können.
Wer sich in aller Ruhe dort bewegen möchte, findet gerade jetzt, abseits des touristischen Trubels, zur Wintersonnenwende, eine tolle Gelegenheit dazu.
Während der Tourismus auf Sardinien also eine Pause macht, wird sich das schwarze Schaf in eine mystische, stille und natürliche Welt auf Sardinien begeben, seinen Gedanken nachhängen.


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Quellen:
Wer Italienisch lesen und verstehen kann, freut sich vielleicht über diese Quelle, die mich bei der Recherche sehr inspiriert hat. Die Archäologin Ilaria Montis ist freie Archäologin und beschäftigt sich neben der wissenschaftlichen Seite auch mit der spirituellen Dimension der Bauten.
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Julia Bauer
27. Mai 2026 at 14:26Guten Tag, auch die Sommersonnwende spielt im Tempel Su Tempiesu eine Rolle. An diesen Tag geht vor der Quelle die Sonne in der Zacke des gegenüberliegenden Bergmassivs unter und erleuchtet genau die Quelle. Es findet eine Spiegelung im Wasserbecken statt und man sieht sie an der Wand doppelt. Der Tempel ist mit roten Vulkansteinen aus der Gegend von Dorgalli gebaut worden und mit vorhandenem Schiefer und Trachyt. Beim Sonnenuntergang gegenüber muss die Stätte wahnsinnig geleuchtet haben. Die bronzefarbenen Gaben und die Schwerter wurden ebenso wie verrückt beleuchtet, sodass sie Silber glänzend erschienen.
Unten im Tal verlief ein Fluss. Oben auf dem Nuraghenhügel gab es einen weiteren solchen Tempel, einen Brunnen und insg 5 Nuraghentürme. Dort oben sind viele Tonscherben zu finden und es wäre toll, wenn man das Dorf auch noch archäologisch ausgraben würde. Es lohnt trotzdem, bis zum Plateau der Nuraghe zu wandern, da von dort aus auch das nächste Tal zu überblicken ist.
Viele Grüße!
Nicole Raukamp
27. Mai 2026 at 17:49Ganz herzlichen Dank für diese tollen Ergänzungen!