Eine „Giara“ bezeichnet in Sardinien eine etwa fünf- bis sechshundert Meter hohe Ebene aus Basaltgestein, die durch intensive vulkanische Aktivität in der Region Marmilla entstanden ist.
Die Bezeichnung „Giara“ rührt vermutlich vom lateinischen Wort für Steine oder Geröll, glarea, her (in italienischer Sprache ghiaia), hier aus Vulkan- und Lavagestein. Auf der Giara di Gesturi gibt es noch eine andere Theorie, nämlich dass es sich vom katalanischen Wort haras ableitet und die Gebiete, in denen Pferdeherden leben, bezeichnet.
Die Giaras begannen sich vor etwas 20 bis 25 Millionen Jahren zu entwickeln, als sich die Gegend langsam aus dem Meer erhob und sich Sedimente als Gestein ablagerten.
Auf diesen Gesteinsschichten bildeten sich vor etwa drei Millionen Jahren Spalten, durch die Lava strömte. Das Land erhob sich.
Die Einheimischen nennen sie in ihrer sardischen Sprache „Sa Jara Gesturi“ oder auch „Sa Jara Manna“ – Letzteres bedeutet soviel wie „große Hochebene“.
Das macht spätestens dann Sinn, wenn man erfährt, dass es in der Marmilla noch zwei kleinere Hochebenen gibt – die Giara di Siddi und die Giara di Serri. Zu denen kommen wir gleich noch, denn auch die sind einen Besuch wert.
Als Hochebene erhebt sich der Landstrich direkt über dem kleinen Künstlerort Gesturi etwa 500 Meter über die Landschaft und erstreckt sich dort auf 42 Quadratkilometern etwa in der Form eines Trapezes.
Die größte Attraktion der Giara di Gesturi sind ihre wild lebenden Pferdchen, die„is cuaddeddus“. Immer wieder wird von den „letzten wildlebenden Pferden Europas“ gesprochen, aber das ist nicht ganz richtig: In Osteuropa finden wir genauso wilde, den Ur-Pferden (Przewalski) ähnlichen Vierhufer, und sogar in Deutschland, in Dülmen gibt es Wildpferde und sogar an der Ostseeküste finden wir ausgewilderte Tiere.
Richtig ist, dass Sardinien eines der letzten Habitats für große Wildtiere ist. Und das ist in der Tat erstaunlich!
Diese Kleinpferde (sie werden maximal 1,40 m groß) sind sehr robust, da sie mit der Umgebung, dem Wetter und dem mal mehr, mal weniger üppigem Futterangebot zurechtkommen mussten.
Ein paar Hundert dieser schönen Tiere mit voller Mähne und eindrucksvollen dunklen Mandelaugen soll es auf der Giara di Gesturi geben. Sie leben in kleinen, voneinander unabhängigen Herden ganz ungestört auf ihre pferdeeigene Weise.
Die Wildpferde hatten Glück. Zwar nahmen die Besatzer im Laufe der Jahrhunderte immer wieder einige Stuten aus der Herde und kreuzte sie mit Vollblütern. Aber immer überließen sie die Wildpferdpopulation weiterhin sich selbst und störte ihr Dasein nicht. Aus der Einkreuzung von Berberpferden und dem Englischen Vollblut entwickelte sich später der Anglo-Arabo-Sardo.
Die Natur auf der Giara ist geprägt von einem gemischten Steineichenwald und mehreren kleinen Seen (genannt „Paulis“), die nur saisonal Wasser führen. Im Sommer trocknen sie vollständig aus, im Frühling hingegen sieht man manchmal statt Wasser nur ein tolles weiß-gelbes Blütenmeer aus Ranunkeln. Sehr schön ist dann auch die weniger bekannte Hälfte der Giara, mit Zugang ab Gonnosno.
Zeugnisse dauerhafter menschlicher Besiedelung gibt es nur wenige – die Hochebene blieb über die Jahrhunderte und Jahrtausende weitgehend unberührt. Doch schon immer lebten Hirten auf den Hochebenen der Marmilla – auch wegen der wunderbar vielfältigen Vegetation, die sich dort entwickelte.
Bis noch vor 20 Jahren nutzten die Hirten die „Pinnettas“ als Schutzhütten für sich und ihre Tiere. Diese Pinnettas sind sehr viel älter als man zunächst glauben mag: einige der Bauten datieren aus nuraghischer Zeit. Neuzeitlichere Zeugen des Hirtenlebens sind eine kleine Kirche und einige Stallungen, die heute von der Parkverwaltung genutzt werden.
Auch archäologisch ist das Hochplateau interessant: Die Giara di Gesturi hat einen der wenigen Protonuraghen der Insel vorzuweisen, den Bruncu Madugui. Er gilt als einer der ältesten Nuraghen Sardiniens und ist eine Vorform der bekannten und über die ganze Insel verstreuten, Jahrtausende überdauernden Bauwerken.
Lies dazu auch gern den folgenden Artikel:
Für den eingeschworenen Archäologiefreund auch sehr interessant: Nuraghen und ein tolles Gigantengrab befinden sich auf der Giara di Siddi.
Die schrägste Variante, auf die Giara di Siddi zu gelangen, ist der Sessellift. Oder besser war: Der Betrieb wurde längst eingestellt, genauer: 2010. Er wurde Anfang der 1990er Jahre vom „Consorzio Turistico della Marmilla Sa Corona Arrubia“ gebaut – für 1,7 Milliarden Lira (ca. 870.000 Euro) aus EU-Mitteln. Zusammen mit dem Museum in Lunamatrona sollte es den Tourismus in Marmilla ankurbeln. Doch leider fehlten 2010 die Mittel für die vorgeschriebene Sicherheitsüberholung. Seither verfällt der Lift.
Das Museum in Lunamatrona lebt aber noch – und ist höchst interessant! Es lohnt sich, hinunterzugehen: Museum Corona Arrubia. Ein Pfad führt unterhalb des Sessellifts vom ehemaligen Touristischen Zentrum nach unten.
Ob so eine Liftanlage wirklich notwendig war und nicht einfach bloß hässlich aussieht, sei der Einschätzung jedes einzelnen überlassen. Lustig ist es allemal, so ein Ding, das andere nur vom Skifahren kennen, mitten in schönster sommerlicher Natur zu sehen.
Um diesen sympathischen Flecken Welt per Auto zu finden, braucht man ein bisschen Orientierungssinn. Die Giara di Siddi ist nicht besonders gut ausgeschildert. Zwischen Ussaramanna und Siddi gibt es ein paar kleinere Hinweisschilder, die man aber nicht unbedingt sofort sieht, wenn man aus der falschen Richtung anfährt.
Aber einmal oben angekommen und über die ein oder andere „strada bianca“ (= Feldweg) kann man die Giara prima zu Fuß, per Rad oder per Auto erkunden.
Auf der Giara di Siddi erlernte ich das Nuraghenhugging. Diese vom schwarzschafigen Co-Autor Emil Niedlich erfundene Form der Kontaktaufnahme ist eine der wärmsten Arten, sich Sardinien und seiner Archäologie zu nähern.
Nach nur wenigen Minuten an seiner sonnigen Südseite begriff ich auch, woher der Name kam: Am Nuraghen Focaia fühlte ich mich wie eine gut gebackene Focaccia …
Spannend ist auch Sa Domu e S’Orcu, ein wunderbar erhaltenes Gigantengrab in Quaderbauweise:

Eine schöne Wandertour über die Giara di Siddi habe ich übrigens im Wanderführer für den Dumont-Verlag beschrieben.
Nur etwa vier Quadratkilometer groß, die „Giara di Serri“ und liegt östlich von Gesturi, oberhalb des Ortes Gergei. Sie ist die kleinste der drei Hochebenen und eher von archäologischer Bedeutung.

Auf ihr finden Reisende das prähistorische, heilige Dorf „Santa Vittoria“, eine komplexe nuraghische Anlage, die als Pantheon der Nuraghenzeit unterschiedlichen Göttern geweiht war und unter anderem ein gut erhaltenes Brunnenheiligtum beherbergt.
Ein augenscheinlicher Verwendungszweck scheint zu sein, dass sich das damalige Volk auf dem Festplatz und im Hauptgebäude zu spirituellen Handlungen versammelte.
Archäologen gehen heute aber auch davon aus, dass hier die wichtigsten Führer der nuraghischen Stämme Zentralsardiniens hierher kamen, um über Allianzen und Kriege zu verhandeln.

Eine Übersicht über die Anlage bekommst du auf www.tharros.info.
Wer Zeit hat, dem sei ans Herz gelegt, sich in den drei Giaras nicht hetzen zu lassen und etwas von der Ruhe mitzunehmen. Wir erinnern uns an einen der schönsten Momente auf Sardinien, als wir auf einem großen Felsen in der Sonne lagen und rein GAR NICHTS hörten. Bis wir ein ganz neues, feines Geräusch wahrnahmen: das Getrappel von Eidechsenfüßchen…
Nie zuvor war es irgendwo so still und schön. Wenn Ihr aus der städtischen Hektik kommt, sind die Giaras der Marmilla ein beruhigendes Kontrastprogramm.
Weitere Informationen:
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