Als schwarzes Schaf ist es in der Nebensaison auf Sardinien oft schwierig genug, eine gute Unterkunft zu finden.

Hinaus in die Nacht ...

Hinaus in die Nacht …

Bist Du  “der Nase nach unterwegs”, und fährst Du irgendwelchen Schildern hinterher, die Dir gefallen, dann landest Du oft dort, wo es gar kein geöffnetes Hotel gibt.

Und wenn doch, hörst Du auf Deinen Bauch und kehrst entweder ein, weil es einladend und schön ist – oder wieder um, weil es geschlossen oder furchtbar ist.

Du suchst weiter. Und irgendwann findest Du.

Fängst Du allerdings erst abends an zu suchen, wenn die Dämmerung herauf kriecht und der Tank fast leer ist, wächst die Herausforderung mit jedem Kilometer. Irgendwann ist Dir die Qualität auch egal – Du willst bloß noch ein Zimmer. Vielleicht sogar ein warmes, muss aber gar nicht.

Als ich Cagliari (die Stadt mit der größten Dichte geöffneter Hotels in der Nebensaison …) am frühen Abend verlasse, ist es bereits dunkel, kalt und ich habe nur eine dumpfe Ahnung, wo ich die Nacht verbringe, in die ich jetzt hinaus fahre.

Das Ziel morgen ist die Barbagia die Seui, ein Landstrich mitten in der Insel. Das sind von hier aus gut drei Stunden Fahrt über Serpentinen. Für eine Nachtfahrt viel zu weit, und der Zielort zu einsam. Die Chance dort sehr spät, geschweige denn überhaupt, ein Hotel zu finden, ist klein.

Ich will aber wenigstens einen Teil der Strecke heute  hinter mich bringen, und erinnere mich an die kleine Locanda La Rosa in Pauli Arbarei, in der ich im letzten Spätsommer ein paar schöne Tage verbrachte. Ich bin mir fast sicher, dass sie geschlossen ist (für viele Kleinbetriebe lohnt es wirklich nicht, das Haus über die Wintermonate zu öffnen, zu heizen, einzukaufen, Personal zu beschäftigen … da braucht es schon mehr Gäste als nur einen oder zwei. Aber auf einen Versuch kommt es an.

Gemütliche Locanda La Rosa ... das wär jetzt schön!

Gemütliche Locanda La Rosa … das wär jetzt schön!

Baustellen und LkW-Verkehr auf der Carlo Felice, der SS 131. Dann fängt es leicht an zu regnen. Im Baustellenchaos nehme ich eine Ausfahrt zu früh, lande im Nirgendwo und fahre nach einigem Kartenstudium weiter geradeaus, mit einem etwa halbstündigen Umweg. Furtei. Villamar. Ich verpasse die Ausfahrt nach Lunamatrona und Pauli und stecke dann irgendwann in Las Plassas. Alles dunkel.

Pauli liegt nach Karte ca. 5 km Luftlinie links von mir, es ist ganz nah, aber wie kommt man da am schnellsten hin? Wegweiser Fehlanzeige, es ist gefühlt schon Mitternacht, in Wirklichkeit erst halb acht. Diese sardischen Nächte sind im Hinterland so beeindruckend dunkel und still … Zimmer wär schon gut.

Dunkle Mauern in Tuili

Dunkle Mauern in Pauli und Tuili

Jetzt, hier und heute ist vom Postkarten-Sardinien nichts mehr übrig. Die Stimmung ist trotzdem gut, ich bin zuversichtlich. Die Insel hat mich noch nie enttäuscht.

Drei unverrückbare Wahrheiten auf Sardinien:

1. So ist das eben in der Nebensaison.

2. Irgendwas findet sich immer.

3. Sardinien ist immer für irgendeine Überraschung gut.

Dann stehe ich vor der Locanda und wie erwartet auch vor verschlossenen Türen. Schade eigentlich, wenn sich Vorahnungen bestätigen. Ich hätte ja auch anrufen können, ich Vollhonk …

Egal. Schnell Plan B entwerfen. Und der lautet auf Sardinien eigentlich immer: nächstes Restaurant, nächste Bar, nächsten Menschen ansteuern. Zur Not irgendwo klingeln oder klopfen.

Pustekuchen in Pauli: nirgendwo Licht. Nirgendwo Leben. Nicht mal ne Katze streift durch die engen grauen Gassen. Die Fassaden wirken trostlos, ausgestorben und gottverlassen. Aber das Leben findet hinter den Mauern statt.  Ich weiß sicher, dass hier Menschen leben, dass sich hinter den dicken grauen Wänden Geselligkeit, Lachen, Kaminwärme und gutes Essen und guter Wein verbergen. Sehen sehe ich nichts.

Im Zweifel: Klopfen ...

Im Zweifel: Klopfen …

An diesem Abend auf Sardinien ist aber nichts so, wie es scheint. Vielleicht bin ich genau deshalb in meinem Hotel gelandet. Denn ich habe vom Parkplatz hinter ‘ner verfallenen Hütte bis zu irgendeinem Privatzimmer quasi alles erwartet. Nur nicht das.

Doch der Reihe nach.

20 Uhr. Tuili. Ich habe immer noch kein Zimmer und entscheide mich, erstmal mit Wein und einem ordentlichen Abendessen einen gemütlichen Teil einzubauen.

Tuili ist bei Tag ein richtig hübscher Ort, auch hübscher als das schmucklose Pauli Arbarei. Aber in der Nacht nehmen sich die beiden nicht viel. Auch hier ist es überall dunkel. Der Regen ist genauso schwarz wie überall. In der Hauptstraße hat ein Restaurant geöffnet. Juhu! Ich fahre näher ran. Es sieht eigentlich ganz okay aus, aber aus irgendeinem Grund gehe ich nicht rein.

Ich lenke den Wagen wieder Richtung Dunkelheit. Ja bin ich denn bekloppt?

In meinem Kopf formiert sich schon Plan C: Der Tank reicht noch für 150 km, die Anzeige ist recht zuverlässig. Zur Not fahre ich einfach weiter auf den Landstraßen in Richtung Gennargentu, bis ich müde werde und schlafe im Auto. Dann bin ich meinem Ziel wenigstens sehr nah und kann den ganzen Tag trekken. Alles ist gut.

Die rettenden Schilder am nächsten Tag betrachtet

Die rettenden Schilder

Und siehe da: Kaum habe ich meinen Frieden mit der Situation gemacht, sehe ich an der Straße nach Barumini ein Schild “Ristorante/Camere” (Restaurant/Zimmer).

Es erinnert ein bisschen an die Leuchtreklamen auf amerikanischen Überlandstraßen. Ich denke automatisch an Hitchcocks Psycho, es ist immer noch dunkel, nur der Regen hat aufgehört. Na klar könnte hier ein Thriller spielen, und was für einer! Ich rieche hier förmlich das Schwarzschafige!

Das Gebäude sieht überhaupt nicht heimelig aus – eher schmucklos und groß. Und trotzdem zieht es mich magisch an. Das Restaurant ist riesig und hell erleuchtet, es wirkt schon von außen ungemütlicher als das in Tuili. Das Nebengebäude ist komplett dunkel, dort sind dann wohl die Zimmer.

Ich fahre auf den großen Parkplatz – kein Auto. Ich öffne die Tür zum Restaurant – kein Mensch da.

Ich rufe. Dann erscheint aus der Küche hinten ein Sarde und ist ein wenig erstaunt, als er mich sieht. Ich frage ihn, ob es wirklich ein Zimmer gäbe. Ja natürlich, sagt er. Er müsse nur kurz Sara anrufen, und greift zum Telefon. Bitte, setzen Sie sich doch, machen Sie es sich gemütlich.

Ziege in Rotwein

Ziege in Rotwein

Wer auch immer Sara ist, denke ich, aber nicke. Und sage noch schnell, dass ich gern einen Hauswein zum Warmwerden hätte und dann noch was essen möchte. Sein Gesicht hellt sich auf und er sagt erleichtert, ja, dann wäre ja genug Zeit, das Zimmer herzurichten, Sara wäre nämlich bestimmt gerade selbst beim Essen.

Er (ich habe doch tatsächlich seinen Namen vergessen, wie peinlich …) legt das Telefon wieder weg, bringt den Wein und klärt anschließend das mit dem Zimmer.

Ich studiere derweil die Karte. Nette Auswahl. In der Hauptsaison bestimmt gut besucht. Die Lage ist nämlich perfekt: Direkt schräg gegenüber liegt Su Nuraxi, der Nuraghenkomplex und das einzige Weltkulturerbe der Insel.

Das Restaurant heißt “Cavallino della Giara”, und ist mit lauter Bildern, Figuren, Informationen – und sehr viel Nippes zum Thema “Pferdchen der Giara” ausgestattet. Langsam aber sicher, nach dem ersten Glas Rotwein, wird’s gemütlich. Ich fühle mich fast wohl. Auf jeden Fall: nix Hitchcock.

Su Nuraxi, das Weltkulturerbe

Su Nuraxi, das Weltkulturerbe, am nächsten Tag sieht man’s auch …

Die Küche ist vielseitig, wobei ich gerade deswegen nicht zuviel erwarte. Wir sind mittlerweile knapp acht Gäste – da kann er nicht von Lamm über Spanferkel bis Rindsfilet alles frisch einkaufen und zubereiten. Dennoch wage ich mich an die Ziege in Rotwein. Die ist nach der guten regionalen Pasta, deren Namen ich vergessen habe (breite Bandnudeln mit Käse und Tomatensauce), fast etwas zuviel, außerdem tatsächlich leicht zäh. Aber der Geschmack ist gut und es wärmt.

Der hausgemachte Mirto (“fatto a casa”) am Schluss ist der Hit. Ich bin froh, dass ich nicht mehr fahren muss.

Tja und dann kommt Sara, eine junge, hübsche, freundliche Sardin und sagt, sie brächte mich jetzt zu meinem Zimmer. Ich sei ja sicher mit dem Auto da. Ja, sage ich. Gut, sagt sie, dann würde sie vorwegfahren.

Fahren? Ok. Gut. Mirto. Die Zimmer sind dann wohl doch nicht hier. Eine kleine, auch typisch sardische Überraschung.

Wir fahren zum Glück nur ein paar Kilometer bis Barumini und halten an der zentralen Dorfbar. Ich sehe keinen Hinweis auf ein Hotel. Vielleicht wieder ein Privatzimmer, in irgendeinem Nebengebäude oder einem B&B das eigentlich schon geschlossen ist – das ist mir schon öfter passiert.

Und dann nimmt sie mich mit hinauf zu einem unscheinbaren Eingang über der Bar. Diffuses, rötliches Licht trifft auf die Treppe. Dann sehe ich ein kleines, unbeleuchtetes Schild – beschriftet mit “DIECIZERO”.

diecizero-pink_v

diecizero art hotel, Barumini

Und dann ist sie da. Die Überraschung des Tages – und auf den ersten Blick überhaupt nicht typisch sardisch: Alles ist pink! Hier waren Profidesigner am Werk, und zwar welche, die sich richtig Gedanken gemacht haben und in Spiellaune waren.

Sara sagt, sie hätte ein Einzelzimmer fertig gemacht, die großen wären gerade nicht disponibile und verschwindet in einem Zimmer hinter der Rezeption. Alles prima, murmele ich noch, immer noch baff und mit großen Augen erkunde ich den Eingangsbereich. Der Hammer. Ein Kunsthotel mitten im Outback!

So schön, eine echte Überraschung! sage ich, als Sara in den Raum zurück kommt. Sie lächelt und gibt mir den Schlüssel.

Die wirklich interessanten Zimmer sind verschlossen

Die wirklich interessanten Zimmer sind verschlossen

Mein Zimmer ist dann am Ende doch das, womit ich gerechnet hatte: schlicht, zweckmäßig und sauber – und nicht vergleichbar mit den Kunstzimmern, die das Hotel auch hat (und die auch mehr kosten als 40 Euro in der Nebensaison, die aber gerade renoviert werden).

Aber, ich habe es warm und trocken, und tummle mich eh den ganzen Abend in dem Hauptgang vor meinem Zimmer, um die Wände zu bestaunen. Ich brauche ein Wörterbuch und noch einen Schluck Mirto aus dem Not-Fläschchen im Reisegepäck, um die vielen sprachlichen Kleinigkeiten an den Wänden zu verstehen und mir den Hotelprospekt zu übersetzen.

Mein Staunen nimmt erst ein Ende, als ich zu müde bin.

diecizero-pecoranera

Das schwarze Schaf staunt nicht schlecht.

Mitten in der Pampa, unweit uralter steinzeitlicher Historie, nach einer hoffnungslosen Anfahrt und in der tiefsten Nebensaison finde ich das wahrscheinlich coolste und kreativste Hotel der ganzen Insel.

Und genau DAS ist Sardinien.

Hier noch ein paar sachdienliche Hinweise:

  • Wer durch die sardische Nacht auf Landstraßen fährt, rechne mit Überraschungen – auch das völlige Fehlen von Leben und Licht kann für manches Gemüt eine unangenehme Überraschung sein. Volltanken ist das oberste Gebot.
  • Das diecizero art hotel in Barumini ist klein (http://diecizero.com). Die Zimmerqualität von schlicht (daran sollten sie schnellstmöglich arbeiten) bis unfassbar genial. Wer hier eines der vier Kunstzimmer ergattern möchte, muss früh aufstehen, also im Voraus buchen. Und: Wer in der Nebensaison direkt hinfährt, findet das Hotel und Rezeption verschlossen vor.
  • Ich habe mir am nächsten Tag noch Zeit gelassen und Tuili angesehen: Ein ganz wunderbarer kleiner Ort mit vielen Gässchen und liebevoll restaurierten Häusern. Ein Musikmuseum und eine imposante Kirche gibt es, außerdem sind hier einige Künstler ansässig. In der Umgebung wird Safran angebaut.
  • Su Nuraxi ist in der Hauptsaison ganz nett – in der Nebensaison eine Wucht. Wenige Menschen sind da, die Leute im Tickethäuschen haben Zeit, und man kann die Dimensionen und die Architektur- und Baukunst von damals erst richtig erfassen.
  • Und mit Glück trifft man auf der Straße einen Schäfer der seine Herde gerade zur Wiese bringt – und wenn man fragt, wo man denn seinen Käse kaufen kann, kommt die nächste schöne Geschichte gleich hinterher: Er lässt die Schafe und den Hund schonmal voraus laufen, er rennt zurück in den Stall, kommt wieder mit pane carasau, einer kleinen Tüte hausgemachtem Ricotta und seinem letzten Stück Pecorino stagionato (sehr gereift) fürs Frühstück. Und will partout nicht einen Euro dafür haben.
  • Niemals niemals niemals kann ich mich für diese Erlebnisse der Gastfreundschaft der Sarden an diesen zwei Tagen revanchieren. Danke!

 

Und noch ein paar Impressionen:

2 Comments

  1. Marius W.

    13. Januar 2014 at 00:57

    Tolle Geschichte! Ich find es auch gut, spontan sich aufzumachen und unterwegs erst nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu schauen, auf den letzten Drücker sozusagen. Das macht manchmal das ganze spannender, wie von dir beschrieben und es ist ein gewisser Reiz des nicht wissen, was dann kommt… eine Abenteuerlust.
    Was aber auch auf Sardinien gut klappt, wenn dann doch nicht so “locker” drauf ist, ist Google maps https://maps.google.de/ oder apropros Glück, vielleicht auch http://www.hotelglueck.de/
    Sollte es dann doch nicht klappen, blieb mir bisher immer auch eine Chance, entweder in der lokalen Tourismusinfo oder wenn die schon zu hat einfach an der nächsten Bar oder na im Restaurant halt. Irgendwer hat immer was. Privat übernachten kann dann auch mal vorkommen und ganz lustig sein 😉

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    • nicole

      13. Januar 2014 at 12:21

      Lieber Marius, danke für Deinen Kommentar und den Link! Wenn gar nichts mehr hilft, suche ich tatsächlich auch manchmal in der Booking-App, und bin erstaunt, was die ausspuckt. Ja, manchmal staunt man auch über die Scheußlichkeit der Einrichtung und furchtbaren 80er-Jahre-Schick – aber manchmal ist das auch egal! Und ich hab mir einen Agriturismo-Führer für Sardinien zugelegt, der liegt immer im Auto.
      Überraschung gehört für mich einfach zum Reisen dazu 🙂

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