Wann und wie genau die Muschel und der Heilige zusammengefunden haben, kann keiner so genau sagen. Sicher ist, dass Olbias Stadtpatron San Simplicio zuerst da war – und darum wird auch das Stadtfest eine Woche lang zu seinen Ehren gefeiert. Jedoch gleichzeitig mit dem Muschelfest. Man will ja niemandem auf den Schlips treten.
Sa Festa Manna de Mesu Maju wird es genannt, das große Fest im Monat Mai. Einheimische nennen es schlicht „San Simplicio“ – und feiern es alljährlich rund um den 15. Mai mit religiösen Zeremonien und Prozessionen, Straßenfesten, dem großen Muschelessen „Sagra delle Cozze e del Vermentino“ und dem Reiterwettbewerb „Palio della Stella“.

>>> 2026 findet das Fest vom 12. bis 17. Mai statt. Das Programm findet ihr am Ende des Artikels verlinkt oder direkt auf helloolbia.it
Aber wer war eigentlich dieser simple Heilige, San Simplicio?
San Simplicio ist nicht nur der Stadtpatron von Olbia, sondern auch der Schutzheilige der gesamten Gallura, der ruppigen, felsigen Region im Nordosten Sardiniens.
Und Simplicio di Olbia war ein Märtyrer des frühen Christentums. Dabei ist er nicht zu verwechseln mit dem ein oder anderen sonstigen Heiligen Simplicius, der/die in der Kirchengeschichte eine Rolle spielte. Dieser hier war tatsächlich eine lokale Figur und vermutlich eine Berühmtheit, nämlich einer der ersten Bischöfe der Insel. Und das schon im dritten Jahrhundert nach Christus.
Über sein Leben und Wirken ist wenig bekannt – jedoch über sein Sterben. Als die neue, christliche Religion von Kaiser Diokletian verfolgt wurde, traf es vor allem die Würdenträger.
So soll auch Simplicio wegen seines Glaubens durch Enthauptung hingerichtet worden sein. Böses Ende.
Mit ihm war dabei vermutlich San Vincenzo, mit dem er oft zusammen abgebildet wird und dem außerhalb Olbias eine schöne Landkirche aus Granit geweiht ist, bei der die Ortsansässigen ebenfalls Feste mit Musik und Picknick feiern.
Der lokalen Legende zufolge wurde ein Teil des Leichnams des Heiligen Simplicio vor der kleinen Insel Tavolara ins Meer geworfen. Den abergläubischen Fischern kam es so vor, als würden die Wellen seither ständig brodeln. Als Seglerin kann ich bestätigen, dass es im Golf von Olbia zwischen Tavolara und Capo Figari immer etwas kabbelig ist. Jetzt weiß ich, warum.
Simplicios Martyrium fällt auf den 15. Mai 304 – und damit steht auch der Tag für die jährliche Erinnerung fest. Das Stadtfest findet dann auch immer in der Woche rund um den 15. Mai statt, also nicht zu verfehlen. Wer die Prozession sehen will, kommt am 15. eines Jahres nach Olbia.

Bevor wir aber zum Fest kommen, schauen wir uns noch kurz die Basilika San Simplicio an. Sie ist auch ein guter Ausgangsort für die Prozession, besonders für Ortsunkundige, wenn man nicht genau weiß, wo was stattfindet. Dort wird einem geholfen.
Die Basilika aus dem 11. und 12. Jahrhundert steht zwischen Stadtzentrum, Bahnhof und Stadtpark.
Nur ein weiter Vorplatz, an dessen Rand eine kleine Miniatur aufgestellt ist, erinnert mit etwas Fantasie noch an ihren ursprünglichen Standort: Die Basilica di San Simplicio befand sich bei ihrem Bau extra muros, also außerhalb der Stadtmauern, auf einem freien Feld.

Wirkt sie an „normalen“ Tagen ob ihres schmucklosen Äußeren (und Inneren) auch eher unspektakulär, ist sie als Mittelpunkt der Festlichkeiten ein echter Hingucker.
Die graue Fassade erlaubt Lichtspiele und der weite Platz vor der Kirche verwandelt sich in einen Treffpunkt für Pilger und Besucher aus Olbia, ganz Sardinien und darüber hinaus.
Besonders an Festtagen wie diesem, aber auch an anderen Feiertagen lohnt es sich, vorbei zu schauen – sehr hübsch zur blauen Stunde.

Die für ihre immerhin bald 1000 Jahre gut erhaltene romanische Kirche aus Granitblöcken gehört zu den wichtigsten, mittelalterlichen Sakralbauten Sardiniens.
Man ist sicher, dass sie an der Stelle eines frühchristlichen Landkirchleins steht, die zwischen 594 und 611 hier gebaut worden war.
Zudem lässt sich die Theorie nähren, dass dieses Kirchlein einen vorchristlichen, heidnischen Tempel, Grab- oder Kultstätte ersetzt hat.
Da das in der Kirchengeschichte nicht selten vorkommt und auf Sardinien mit dem Bau von Kirchen auf oder neben Nuraghen (die wiederum oft an Wasserquellen, die mit einem frühzeitlichen Wasserkult und Naturgöttern in Verbindung standen) noch eine spezielle Dimension hat, ist das insgesamt nicht so abwegig.
Und das macht San Simplicio schon zu einem sehr besonderen Ort.
Das geistige Zuhause des Heiligen Simplicio ist auch kirchenhistorisch nicht ohne: Bereits 1614 entdeckte man bei Grabungen unter dem Hauptaltar verborgene Reliquien, die ebenjenem San Simplicio und anderen Märtyrern zugeschrieben werden.
Sicher ist das nicht, begründet aber den andauernden Status der Verehrung des Heiligen.

Das Highlight war allerdings, als in der Neuzeit unter der Basilika in der archäologischen Stätte „Tempio Necropoli di San Simplicio“ 450 Gräber entdeckt wurden, die mit noch älteren Kulten verbunden sein dürften.
Ich frag mich jedes Mal, wenn ich zu meinem Sprachkurs an der Kirche vorbeilaufe, warum die Nekropole nicht bekannter und zugänglicher ist (das Stadtmarketing darf sich gern bei mir melden).
Die Gräber der Nekropole datieren auf etwa 200 vor unserer Zeit bis 300 nach Christus, was eine vorchristliche, ergo heidnische Verwendung nahelegt. Aber auch eine frühchristliche Weiterverwendung wird nicht ausgeschlossen.
Fundstücke geben weiteren Aufschluss – sie sind im sehr sehenswerten (und kostenlos zugänglichen) archäologischen Museum von Olbia ausgestellt.
Der Besuch von Museum, Basilika und Nekropole während des Festes ist eine gute Idee, um in die Historie Olbias einzutauchen.
Für mich ist San Simplicio in ihrer grauen, natürlichen Schlichtheit einfach ein heimeliger Ort, an dem in diesen Tagen durchaus eine besondere Atmosphäre herrscht.
Das Stadtfest ist den Olbiesen einfach heilig – das legt ja schon der Name nahe: San Simplicio, der Heilige Simplicius.
Fragt man den nativen Olbieser zu San Simplicio, bekommt man unterschiedliche Antworten.
Grundsätzlich ist es „nicht mehr wie früher“. Aber das kennt man ja aus allen Lebensbereichen: Es ist halt nicht für alle leicht, sich auf das Neue einzustellen und man trauert dem „Früher“ gern mal nostalgisch hinterher.
Nimmt man dieses allgemeine Lamento weg, finden die meisten es toll. Endlich ist mal was los im Flecken!
Kritische Stimmen gibt es unter den Olbiesen aber auch: Insbesondere verdreht man die Augen über die alljährlich desolate Verkehrssituation (wenn direkt vor dem Fest noch schnell Straßen geteert werden und beim Fest gern auch mal Einbahn- und Ausfallstraßen abgesperrt werden, die man eigentlich für einen grundlegenden Verkehrsfluss bräuchte), die stete Müllschlacht (bei viel Wind landet nicht wenig Plastik im Meer und im Stadtpark wird beim anschließenden Aufräumen nicht immer ultragründlich gearbeitet) ist vielen ein Dorn im Auge, Anwohner und Tierfreunde beklagen den Lärm von Konzerten und das Feuerwerk, und überhaupt: Was hat ein Reiterfest, der Palio alla Stella, mit Olbia zu tun? Nichts.

Das religiöse Fest hält sich tapfer und das ist auch schön so. Es gibt dem Ganzen immer noch einen Sinn. Die Gläubigen verfolgen die Heilige Messe in der Basilika und bleiben während der Zeit auch meist dort in der Nähe.
Die Basilika ist ein Anker für alle, die das Fest noch aus religiösen Gründen begehen. Mit der abendlichen Rückkehr des Heiligen in sein „Zuhause“ und den aufgebauten Ständen und dem spontanen Ballo Sardo, einer schönen Beleuchtung und Musikprogramm ist hier die Welt noch in Ordnung.
Übrigens, die Bar San Simplicio direkt hinter der Kirche hat eine gute Trattoria im Hinterzimmer. Und auch das „Triku“ gegenüber ist eine Adresse für gutes Essen in Olbia, zudem mit einem Innenhof mit viel Platz (in dieser Zeit aber dennoch unbedingt reservieren).
Familien und Touristen stellen sich entlang der Plätze und Straßen, um die Prozession des Heiligen zu verfolgen und sich die bunten Trachten anzusehen. Andere sitzen in einem Café oder einer Bar und machen Vermentino-beseelt dasselbe. Das Jungvolk strömt zum Jahrmarkt / Kirmes am Rand des Parco Fausto Noce, der außerordentlich weltlich daher kommt.
Wieder andere kommen aus „kulinarischen“ Gründen. Sie essen das obligatorische „Panino“ an einem der Stände in der Via Galvani entlang des Parco und halten sich an mehreren Bieren fest.

Bis an einem Tag das große Muschelessen beginnt. Dazu gleich mehr.
Viele Senioren schauen sich die Prozession wegen des „Casino“, das in Sachen Verkehr und der vielen Menschen in Olbia unweigerlich herrscht, im Regionalfernsehen an. Es ist halt wirklich nicht mehr wie früher und im TV bekommt man dann die nostalgische Variante, ohne das ganze Heckmeck.
Insgesamt also viel los in Olbia.
Erwischt man bei der Nachfragen Leute, die aus anderen Regionen Sardiniens zugezogen sind, finden diese das Fest in Olbia oft zu groß und zu unpersönlich im Vergleich zu ihren beschaulichen Dorffesten und erzählen dann direkt von diesen.
Der teutonische Migrant wiederum aus den südlich und nördlich von Olbia liegenden Feriendörfern tendiert dazu, das Fest gar nicht wahrzunehmen. So manch Gast benasrümpft Olbia eh generell (zu Unrecht, wie das schwarze Schaf findet – Olbia ist eine echt nette Stadt, wenn man sich auf sie einlässt) und haben ergo auch San Simplicio nicht auf dem Schirm.
Ich würd‘ nicht sagen, San Simplicio sei ein Pflichttermin. Aber kurzweilig ist es – und wo es die Cozze di Olbia alla marinara (ob for free oder nicht) gibt, ist auch das schwarze Schaf selten weit.
Olbias kulinarische Spezialität sind die Miesmuscheln, italienisch: „Cozze“.

Die Nähe zum Meer zaht sich aus: Bei der berühmten „Sagra delle Cozze“ werden frische Muscheln direkt aus dem Golf von Olbia geerntet und extra für das Fest angebaut.
Denn man braucht irrsinnig viele davon. Das religiöse „Comitato“ serviert seit dem Bestehen des Festes Cozze kostenfrei für alle. Waren es früher aber „nur“ die Einwohner von Olbia und Besucher der umliegenden Dörfer, strömen heute 100.000 Personen und mehr nach Olbia.
Das große Muschelfest wird also immer größer. Wurden die Muscheln früher roh serviert und gegessen (das soll dem Magen, der das nicht gewohnt ist, nicht guttun, also Vorsicht) werden heute locker 40 Zentner nach Marinara-Art „alla marinara“ zubereitet: Im eigenen Meerwasser mit Vermentino, dem Weißwein aus der Gallura.
Dieser wird in kleinen (immerhin abbaubaren Plastik-) Bechern dazu gereicht und fristet ein fast stiefmütterliches Dasein neben den Muscheln. Daher bringt der geneigte Olbieser auch mal Wein mit – natürlich nicht, ohne ihn mit den anderen, die rund um ihn am langen Tisch stehen, zu teilen.
Die Schlangen bilden sich bereits ab 19 Uhr und sind gegen 20, 21 Uhr richtig lang.
Aber: Wer das erleben will und mit den Locals an langen Tischen Muscheln for free essen will, muss da durch.
Nachts verliert sich die Stadt in den Bars und bei Konzerten, während der heilige Simplicio sich nicht aus seiner ewigen Ruhe bringen lässt.
Das aktuelle Programm findet ihr z. B. auf helloolbia.it:

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