Die Gualchiera Bellu in Tiana gehört zu diesen ganz besonderen Orten auf Sardinien, die es kein zweites Mal gibt. Soviel kann ich verraten: Es ist eine Wassermühle und sie hat mit Wolle und Schafen zu tun. Also echt schwarzschafig, fast im doppelten Sinn!

Bevor wir dazu kommen, was eine Gualchiera genau ist und wie sie funktioniert, eine kleine …

Vorgeschichte

Endlich: Ich erlebe die Gualchiera Bellu in Tiana, eine Woll-Walkmühle – mit Wasser, in Betrieb

Denn dieser Ort hat mich lange Zeit herausgefordert. Was wiederum typisch Sardinien ist, und darum erzähl ich es. Denn es gibt auf der Insel immer wieder Dinge, die einfach nicht so laufen, wie wir sie gern hätten. Gerade abseits touristischer Gegenden und Zeiten.

Mir scheint, als hätten manche Orte eine Seele und wollten wissen, wie ernst ich es meine. Bis sie sich erbarmen, mich in ihr Sein zu lassen, dauert es eine Weile. So die Gualchiera von Tiana.

Seit einem geschlagenen Jahrzehnt nämlich, seit ich das erste Mal von ihr hörte, wollte ich sie sehen. Gern in Aktion, aber schon ein Blick ins Innere der alten Gemäuer hätte mir gereicht.

Warum mich die Gualchiera fasziniert

Ganz einfach: Der Stoff, der dort produziert wird – Orbace – hängt mit dem Hirtentum und der Transhumanz auf Sardinien zusammen, also mit Schafen und Wolle und allem, was dazu gehört.

Ein Must-See also für ein schwarzes Schaf.

Ein Hirte mit einem Umhang aus Orbace, auf Wanderschaft mit seinen Schafen (Murales in Fonni)

Tiana lag an einer der Strecken, die die Hirten aus dem Gennargentu mit ihren Schafen in Richtung Westen, in die Ebenen bei Oristano nahmen. Eine wunderschöne Gegend. Ich mag sie sehr gern. Sie ist aber auch echt weit im Inselinneren – selbst von Olbia braucht man locker 2,5 Stunden, bis man da ist.

Drei Fehlversuche brauchte es, bis ich sie in Aktion erlebte.

Der erste war vor rund zehn Jahren, beim Autunno in Barbagia in Tiana. Ich hörte von der Gualchiera, wo man den Stoff Orbace herstellte, aber es gab feste Zeiten und eine absurd lange Warteliste für den Shuttle (die Gualchiera liegt außerhalb des Ortes). Naja, und am Ende hab ich einfach nicht verstanden, wo und wann genau man sich einfinden musste, um dort hinzukommen. Persönliches Pech.

Beim zweiten Versuch fuhr ich zur Öffnungszeit, die mir der freundliche Herr Google ausgeworfen hatte, hin.

Mega schön und idyllisch in einem bewaldeten Tal bei Tiana gelegen

Fuhr beherzt die Zufahrt hinunter, nur um festzustellen, dass da gar kein Parkplatz und das Tor verschlossen ist. Dabei hab ich meinen armen Panda fast zwischen den Mauern eingeklemmt und die Kupplung ziemlich strapaziert, um wieder hochzukommen. Lesson Learned: Nie blind Google vertrauen.

Das dritte Mal war erst vor kurzem. Ich stand zur Öffnungszeit vor dem Zaun und es war doch geschlossen. Passiert (Infos für euren Besuch am Ende des Artikels).

Wie gesagt, manche Orte sind so (und das nicht nur auf Sardinien).

Ich hab grundsätzlich erstmal für alles Verständnis. Natürlich kann da nicht an jedem öddeligen Tag im ganzen Jahr jemand acht Stunden sitzen und auf einen einzelnen Besucher warten. Die Kulturbudgets gerade in so kleinen Orten sind echt nicht darauf ausgerichtet. Und alle, die wir jahrelang nicht ins Hinterland gefahren sind und die kleinen Museen im Urlaub links liegen lassen, können uns natürlich auch an die eigene Nase fassen.

Ist ja aber auch nur meine ganz persönliche Erfahrung. Andere Menschen haben die Gualchiera schon längst gesehen und für sie war es total einfach.

Aber jetzt. Heute! Da klappt es mit Sicherheit auch für mich!

Denn alles ist bestens organisiert im Rahmen einer Tour des Museums (Infos am Ende des Artikels). Ich bin angemeldet, ich bin schon am Tag vorher angereist – es kann quasi nichts schiefgehen. Mehr noch: Ich werde sie nicht nur sehen, sondern auch in Betrieb erleben.

Geschafft! Wasser, Mühle, Schaf – endlich sehe und erlebe ich die Gualchiera di Tiana 🙂

Was ist eigentlich eine „Gualchiera“?

Schon bei der Suche nach einem deutschen Wort stelle ich fest, dass ich – obwohl fasziniert von der Gualchiera – ziemlich ahnunglos ich bin.

Mir fällt spontan wenig ein, außer „Wassermühle“, weiß aber, dass es das nicht genau trifft. Also erstmal recherchieren. Und dabei bleibt man bekanntlich nicht dumm.

Also, eine Gualchiera (sardisch: Crachera) ist eine Walkmühle oder Filzmühle zum Verdichten von Wollgewebe.

Beim Walken wird gewebter Wollstoff mit Wasser und starkem Druck behandelt (manchmal auch unter Zusatz von Seife oder Ammoniak zum Reinigen). Die Wollfasern verhaken sich, das Gewebe wird dichter, wasser- und windabweisender, widerstandsfähiger.

Ungefärbt hat Orbace die Farbe der Schafwolle – weiß, meliert oder schwarz

Den Wollstoff nennt man Orbace – er wurde für Kleidung und Wolldecken verwendet, aber auch für Satteltaschen (bisacce). Hoch-Zeiten erlebte die Produktion während der Kriege, für warmhaltende Militärdecken.

Auf Sardinien verwendeten ihn hauptsächlich Hirten, die in den höheren Lagen lebten oder auf Wanderschaft gingen.

Einige Hirten passierten zuweilen während der Transhumanza, dem Weidewechsel von den Bergen in die Ebene, die Dörfer Ovodda und Tiana, um sich mit neuer Kleidung, Decken oder Satteltaschen auszustatten. Auch wenn das für den einzelnen wohl eher selten vorkam: Der Stoff ist dafür gemacht, ein Leben lang zu halten.

Sobald es Herbst, es zu kalt und das Futter knapp wurde, wechselten die Hirten die Weiden.

Walkmühlen gibt es schon sehr lang, seit dem frühen Mittelalter. Auf Sardinien weiß man, dass sie vom 18. bis ins 20. Jahrhundert intensiv genutzt wurden. Es gab zahlreiche Gualchiere – fast jedes Dorf, das an einem Wasserlauf lag, hatte eine.

Tiana hatte dank des Wasserreichtums sogar mehrere Walkmühlen. Wenn ihr mal drauf achtet, finden sich in einigen Ortsnamen der Barbagia Hinweise, wie Crachera, Cracheras, Craccheras.

Die Gualchiera Bellu stammt aus dem 18. Jahrhundert.

Und die lebendige Erinnerung an das Handwerk gibt es aber tatsächlich nur noch hier, in Tiana zu sehen.

Wie funktioniert eine Gualchiera, eine Walk- oder Filzmühle?

Walk- oder Filzmühlen nutzen Wasserkraft. So auch die Gualchiera in Tiana. Die Apparatur ist beeindruckend, eine Konstruktion aus dicken Holzstämmen.

Schauen wir uns das mal in Aktion an:

Zunächst einmal fließt der kleine Fluss Rio Torrei heran und ein Teil des Wassers wird in der Nähe des Gebäudes kanalisiert. Der Fluss fließt übrigens letztlich in den nördlich gelegenen Stausee Cucchinadorza, der wiederum durch Stauung des Flusses Rio Taloro entstand.

Ein Teil des Wassers des Rio Torrei wird kanalisiert und an die Mühle herangeführt.

Wie bei einer Wassermühle wird es zu einem Wasserrad geleitet.

Das Wasserrad wurde erneuert, um die Mühle dauerhaft funktionstüchtig zu machen.

Und jetzt wird’s spannend!

Das bewegte Wasserrad außen dreht einen bearbeiteten Baumstamm, der ins Innere des Gebäudes führt. Dieser treibt große hölzerne Hämmer an. (Ein Video findet ihr unten am Ende des Artikels oder in diesem Beitrag auf instagram – pecora nera – Sardinienblog (@pecoraneraeu)).

Die Gualchiera di Tiana

Zuvor wurde bereits gewebter Wollstoff in eine Mulde gelegt und gewässert.

„Follatura“: Der gewebte, gewässerte Stoff wird kräftig geschlagen, damit sich die Fasern verdichten

Durch die rhythmischen Schläge auf das nasse Wollgewebe verfilzt der Stoff, wird verdichtet und dadurch wasserdicht und windundurchlässig.

Der Stoff wird immer wieder geschlagen, gewendet und geknetet, bis er die gewünschte Konsistenz und Festigkeit erreicht.

Exkurs Wollverarbeitung: vom Schaf zum Stoff

Bevor der Stoff in der Gualchiera verdichtet und zum fertigen „Orbace“ wird, gibt es natürlich in der Verarbeitung von Wolle noch ein paar vorausgehende Schritte:

  1. Tosatura – Schafschur: Sie fand (wie heute) meist Ende Mai bis Mitte Juni statt
  2. Lavatura – Waschung: Die Wolle wurde von den Frauen des Ortes mit etwa 70-80 Grad warmem Wasser gewaschen.
  3. Asciugatura – Trocknung: Die gereinigten Wollbatzen wurden mehrere Tage zum Trocknen aufgehängt.
  4. Cardatura – Kämmen: Mit einem speziellen groben Kamm wurden die Fasern auseinander gezogen.
  5. Filatura – Spinnen: Die gekämmte Wolle wird zu Wollfäden und -knäulen verarbeitet. (Übrigens: Sa Filonzana aus Ottana ist eine Figur des sardischen Karnevals, die den Lebensfaden spinnt – die Symbolik hat in der Wollverarbeitung ihren Ursprung).
  6. Tintura – Färben: Die Wolle ist entweder weiß, meliert oder schwarz (wie das Schaf, das sie trug). Meist wurde sie so belassen. Sollte sie eine andere Farbe erhalten (z. B. für festliche Kleidung oder für Teppiche) wurde sie pflanzlich gefärbt.
  7. Tessitura – Weben (oder Knüpfen): Auf einem Webstuhl wird die Wolle zu Stoff verarbeitet. Man nennt diesen „Orbace crudo“. Nicht alle gewebten Stoffe landeten also in der Gualchiera – nur diejenigen, die wetterfest sein mussten.
  8. Follatura – Verdichten: In diesem letzten Schritt wurde der gewebte Stoff genässt und in die Gualchiera eingelegt, um dort mit kräftigen Schlägen behandelt zu werden. Das Wort bedeutet auch „weichmachen“, bezeichnet das Sich-Verhaken der Wollfasern, das den Stoff wasser- und winddicht macht.
Das Ausgangsprodukt: Wolle, direkt ab Schaf
Gekämmte Wolle

Der gesamte Prozess dauert einen ganzen Tag, manchmal bis zu 36 Stunden.

Der Stoff wurde als ein schlichter Umhang getragen und gleichzeitig als Decke genutzt.

Die Gualchiera von Zio Francesco – Sa Cracchera de Tziu Bellu

Die Gualchiera von Tiana ist die einzige funktionierende Walkmühle auf Sardinien. Dazu eine der ganz wenigen in Europa.

Ein paar Meter hangabwärts finden wir die originale Filzmühle von Tziu Francescu. Sie ist zwar nicht mehr betriebsfähig ist, aber trägt noch viel besser in der Zeit zurück.

Hier saß einst Tziu Francesco, genannt „Bellu“ und fertigte Orbace

Ein alter Webstuhl steht dort auch noch im Nebenzimmer und verdeutlicht den beschriebenen Prozess der Woll- und Stoffverarbeitung.

Noch weiter unten am Wasserlauf befindet sich eine klassische Wassermühle für Getreide.

Last but not least: die Mühle

Die rare Ressource Wasser, wenn sie denn da war, wurde gut genutzt.

Tziu Francesco und die Gualchiera in einem gefilmten Zeitdokument. Quelle: https://www.sardegnadigitallibrary.it/detail/6499b8a2e487374c8f801957

Und der gute Tziu Francesco?

Der hieß eigentlich Francesco Zedda Mele, besaß das Gelände und betrieb die Gualchiera. Im Ort war er als „Bellu“ bekannt.

Die Gualchiera in Tiana wurde 1975 außer Betrieb genommen, weil die Nachfrage nach Orbace zurückging.

Die Gemeinde erwarb das Grundstück und die Mühle, und ebnete den Weg zur musealen Zukunft.

Die Wege des Wassers

Nach meiner ersten Begeisterung über die Gualchiera kam gleich die zweite: die Wasserwege.

Nicht umsonst heißt das Museum „Le vie dell’acqua“.

In der Nebensaison, wenn es ausreichend Wasser gibt, plätschert und rauscht es überall!

Denn die abgezweigten schmalen Kanäle führen durch die Jahrhunderte, erzählen ihre eigenen Geschichten und sind mehr als eine bloße Wasserzufuhr für ein mechanisches Konstrukt.

Sie tragen die Erinnerungen und die Tradition durch das Gelände.

Sie verbinden uns mit der Natur, schenken Momente des Friedens.

Plötzlich ist die Welt wieder in Ordnung.

Das Plätschern des Wassers, das Rauschen der Bäume …

Ich könnte Stunden an diesem Ort bleiben …

Tatsächlich war da sogar ein Picknickplatz und das Licht war auch sehr hübsch. Irgendwann wurde es schattig und kalt – tatsächlich sollte am Abend der erste Schnee des Winters fallen.

Und wir waren mit unserer Gruppe zum Mittagessen / pranzo im Agriturismo Abini (s.u.) angemeldet. Also ein guter Grund, um aufzubrechen.

Ich gönne mir noch fünf wunderbare, ruhige Minuten.

Und werde wohl nochmal wiederkommen. Die Gualchiera di Tiana lässt mich nicht los.

Muss sie aber auch gar nicht … 🤗


Weitere Informationen

Gebäude und Gelände sind täglich (außer montags) von 10-13 und von 15.30-18 Uhr geöffnet. Der Besuch der Gualchiera ist jedoch vor allem in der Nebensaison interessant (nämlich wenn Wasser fließt). Will man tiefer einsteigen, hat es angesichts der langen Anfahrt Sinn, den Besuch zu planen und z. B. ein paar Tage vorher eine E-Mail zu senden und anzufragen: gualchiera.tiana@aliservizi.it

Um sie in Betrieb zu sehen, der ein Besuch anlässlich der Feste in der Region empfohlen (z. B. im Herbst zum Autunno in Barbagia). Am besten folgt den Social Media Accounts des Museums: Instagram / facebook

Unterkünfte

Während meiner Reise durch die Region habe ich mich im La Funtanedda, Teti eingenistet und sehr wohlgefühlt. Großzügige, gemütliche Zimmer mit wärmender Klimaanlage. Sehr sehr nette Gastgeber. Das Museo Archeologico di Teti ist gleich um die Ecke, außerdem die kommunale Bibliothek, ein kleiner Supermarkt, Bank, Post und Apotheke.

Wer das authentische Landleben kennenlernen möchte, gern abgeschieden wohnt und auch noch archäologisch interessiert ist, möchte sein Zimmer vielleicht im Agriturismo Abini, etwa 10 Kilometer außerhalb von Teti beziehen. Das Essen ist super, die Famile mega nett, Schafe blöken zum Willkommen und man wohnt in direkter Nähe und mit Blick auf das Villaggio santuario nuragico Abini – eine der wichtigsten archäologischen Stätten Sardiniens.

… und hier noch ein kleines Video auf instagram:

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