Eine ohrenbetäubende Stille. Nichts, aber auch rein gar nichts ist zu hören.

Kein Auto. Kein Mensch. Kein Tier. Kein Fluss. Gar nichts. Nicht mal ein Rascheln von einem Windzug.

Auch Schatten: Fehlanzeige. Ein paar wehrlose Steineichen und Olivenbäumen sind nicht höher als zwei Meter. Die spärliche Vegetation trocknet sehr schnell aus, denn die Sonne brennt im Sommer erbarmungslos. Die Hochebene ist ihr schutzlos ausgeliefert. Wasser versickert sofort.

Das ist das Basaltplateau von Su Pranu, allgemein bekannt unter dem Namen Giara di Siddi.

Sie scheint weit und leer.

Und dann steht das schwarze Schaf plötzlich vor einem der imposantesten frühzeitlichen Monumente der Insel:

Sa Domu e S’Orcu – das Haus des Orku

Mächtig und geheimnisumwoben: das Gigantengrab Sa Domu e S’Orku

Sa Domu e S’Orcu ist ein Gigantengrab, gelegen am nordwestlichen Hang des Plateaus. Ein beeindruckendes Bauwerk – und ein weiteres Zeugnis für die architektonischen Baukünste der frühzeitlichen Sarden.

Das megalithische Monument ist wunderbar erhalten, misst 15 Meter Länge, der Innenraum mit der zentralen Grabkammer etwa zehn Meter. Eingangs, auf der linken Seite befindet sich eine Nische, die möglicherweise zur Aufnahme von Grabbeigaben oder Votivfiguren diente.

Der Eingang zur Grabkammer von Sa Domu e S'Orku
Der Eingang zur Grabkammer von Sa Domu e S’Orku

In der Grabkammer wurden die Überreste von etwa 300 Menschen aus der Nuraghenzeit (1500-1300 a.C.) gefunden.

Es war also nicht das Grab eines Giganten, wie man fälschlicherweise aus dem Namen schließen könnte, sondern andersherum: ein gigantisch großes Grab für viele Menschen, vom Kleinkind bis zu alten Personen, Männer und Frauen. Ein Kollektivgrab, wie alle Gigantengräber auf Sardinien.

Im Inneren der heue leeren Grabkammer fand man Gebeine von etwa 300 Menschen sowie einige Grabbeigaben

Die Front des Monuments mit dem halbrunden Vorplatz nennt sich Exedra. Hier fanden Beerdigungsfeiern und womöglich Rituale zum Totenkult statt. Die Einfriedung wurde im Rahmen der Ausgrabungen mit vor Ort gefundenen, dunklen Basaltblöcken und Steinplatten (Orthostaten) rekonstruiert und hat einen Durchmesser von 18 Metern.

Die Form der Exedra und ein zur Grabkammer führender Weg deuten auf eine rituelle Nutzung für Totenkulte hin

Die tiefere Bedeutung der Gigantengräber ist nach wie vor geheimnisumwittert. Wegen fehlender schriftlicher Dokumentationen rätseln sogar Archäologen.

Beim „Haus des Orku“ wird vermutet, dass es als Begräbnisstätte für prominente Persönlichkeiten oder – wegen der erhöhten und exponierten Lage – als heiliger, zentraler Ort in der gesamten Region diente.

Ja … aber … was ist mit den Orks?

Menschen lieben Geschichten. Das war in der Frühzeit nicht anders. Und so erzählte man sich, dass oben auf der Ebene große Orks (Oger) lebten. Es sollen dort mehrere Knochen gefunden worden sein – die Überreste ihrer Festmahle mit Menschen als Hauptspeise …

Wohnte hier ein Ork? Wohl eher nicht …

Ich muss direkt an Mittelerde und die riesigen, monsterhaften, übermenschlichen, kraftvollen Orks in Herr der Ringe denken …

Dass sich natürlich in den umliegenden lieblichen Hügeln der Marmilla auch Bilbo Baggins und seine Hobbit-Freunde wohlgefühlt hätten, lässt mich noch mehr überlegen, wieviel Wahrheitsgehalt in dieser Legende steckt …

Die liebliche Marmilla mit Wiesen und Weinhängen – Hobbit’s Paradise!

Die Erklärung ist wohl eher in der römischen und griechischen Mythologie zu finden. Wegen ziemlich breiter Ahnungslosigkeit in beiden Feldern bediene ich mich der Einfachheit und Verständlichkeit halber bei Wikipedia. Da finden wir …

  • In der römischen Mythologie war Orcus (oder: Orkus) einer der Namen für den Gott der Unterwelt.
    • Dessen Ursprünge liegen womöglich in der etruskischen Religion, aber auch ein gallischer Gott der Unterwelt trägt den gleichen Namen
  • In der griechischen Mythologie gibt es den Horkos (altgriechisch Ὅρκος Hórkos, zu deutsch „Eid“, also die Personifizierung des Eides, der Meineide bestrafte) 
    • latinisiert nennt er sich Orcus, das ist auch der Wortstamm des sardischen S’Orcu

Dem Orcus wurden auch die Eigenschaften eines sogenannten „Psychopomp“ (wörtlich: „Seelengeleiter“) zugeschrieben, der die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt oder ins Jenseits führte. 

Mit Blick auf den Zweck des Gigantengrabs als Grabstätte könnte Sa Domu e S’Orcu also ein Ort gewesen sein, an dem Rituale stattfanden, um Verstorbene in das Jenseits zu geleiten.

Woran genau die frühzeitlichen Sarden glaubten, verliert sich im Dunkel der Zeit. Ziemlich sicher ist aber, dass es mit aus anderen Kulturen überlieferten Bräuchen zu tun hat und sich diese mit inseleigenen Kulten um Naturgötter vermischten.

Es waren eher keine echten, bösen Orks … so gern ich ein bisschen Mittelerde auch auf Sardinien hätte.

Haben Orks die schweren Felsblöcke an ihren Platz gesetzt?

Und wer fragt, was mit den schweren Steinplatten und riesigen Basaltblöcken ist – ob es dafür nicht die Orks mit ihren übermenschlichen Kräften gebraucht hätte: Diese Leistung ist wohl auch eher der frühzeitlichen, sardischen Ingenieurskunst zuzuschreiben.

Auch die Nuraghen wurden mit klugen Bautechniken gebaut. Man hat in den früh- und bronzezeitlichen Jahrhunderten sozusagen einiges an Erfahrung mit Steinbauten gesammelt und die Sarden waren quasi Experten.

Blick von oben: ein Stierkopf?

Skizze eines Gigantengrabs von oben

Bei den Gigantengräbern allgemein gibt es noch eine weitere Deutung – dazu muss man aber in die Luft gehen und von oben auf das Grab gucken.

Aus der Vogelperspektive ähnelt es einem Stierkopf – die Architektur lässt also darauf schließen, dass hier dem Naturgott Taurus oder einem anderen Stiergott / Dio Toro gehuldigt wurde.

An anderen Orten in Sardinien kennt man Rituale zur Besänftigung der Naturgötter (z. B. im sardischen Karneval) und findet verbreitet Stier-Symbole (z. B. in den domus de janas / Feenhäusern).  

So oder so – ein sehr beeindruckender und besonderer Ort.

Man kann ihn ja einfach mal nennen, wenn mal wieder jemand fragt, was man auf Sardinien denn alles „gesehen haben muss“ – für das schwarze Schaf gehört er auf jeden Fall dazu!

Tipp: Wanderung über die Giara di Siddi

Auf der Giara di Siddi gibt es noch mehr zu entdecken – und sie ist gar nicht anstrengend, weil die Hochebene genau das ist: eben, ohne irgendwelche Hügel oder Täler. Nix Höhenmeter.

Nur der fehlende Schatten könnte im Sommer davon abhalten. Höchstens mit sehr viel Wasser, Hut und beduinenartiger Kleidung machbar. Weht hingegen ein leichter Wind oder ist der Himmel etwas bewölkt, ist die Giara di Siddi für einen ausgedehnten Spaziergang perfekt. 

Neuer Wanderführer vom schwarzen Schaf

Eine schöne Tour auf der Giara befindet sich auch in meinem im Dumont-Verlag erscheinenden Wanderführer „Wanderzeit auf Sardinien“. Veröffentlichungstermin: 15.04.2025 – mehr Infos hier: https://www.dumontreise.de/reiseziele/werk/dumont-wanderzeit-auf-sardinien-9926

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