An diesem Frühlingstag ist es ungewöhnlich stürmisch. Der Nordostwind Greco bläst mit ordentlich Windstärken, darum bleibt es trotz Sonnenschein recht kühl. Die Wolken, die er heranträgt, verteilen sich schnell am Himmel; die Schatten, die sie werfen, hinterlassen bei Ausflüglern, die sich heute früh aus dem warmen Bett geschält haben, dennoch gemischte Gefühle.

Ostküste südlich von Olbia in Aufruhr

Ostküste südlich von Olbia in Aufruhr

Wir sind bei Budoni, direkt am Meer. Kurz vor Ostern ist es hier noch herrlich unaufgeregt, die SS125 mit dem Fahrrad ohne den Saisonverkehr geschmeidig befahrbar.

Das Meer ist vom Wind aufgewühlt, ein paar Surfer sind schon da und warten am Strand auf die richtige Mischung aus Welle und Wind. Noch in Windjacken und Ganzkörperneoprens eingepackt, liegen sie in den Dünen und genießen die Morgenluft.

In Schleswig-Holstein wär das ideales Segelwetter, denken auch wir und sehen an uns herunter: Radklamotten. Und zwei Fahrräder. Sertimmt ja, heut stand Biken auf dem Programm. Wir sind mit dem Mountainbike unterwegs und zu luftig bekleidet, um noch länger hier zu stehen. Der Ausweg: So schnell wie möglich Landschutz suchen.

Effektive Straßensperre

Effektive Straßensperre

Wir geben Gas, aber so schnell geht das trotz Rückenwind nicht: Eine vollgesperrte Straße zwingt zum Umweg: Eine Brücke ist unter der Last des Tourismus zusammengebrochen.

Frustriert finden wir unser Vorurteil bestätigt, das wir gegen die Region hier an der Küste südlich von Olbia haben: Sie ist viel zu touristisch in der Hauptsaison – also müssen in der Nebensaison die Schäden, die die Horden hinterlassen, beseitigt werden oder weitere Infrastrukturen geschaffen werden.

Die Dörfer wachsen ins Unendliche, immer neue Ferienhaussiedlungen entstehen. Man baut hier immer weiter, um die Nachfrage zu befriedigen. Budoni soll mal ein richtig netter Ort gewesen sein, aber das ist schon zwanzig, dreißig Jahre her.

Auch Versuch einer Abkürzung über einen Reitweg scheitert – er endet am Tor eines Privatgrundstücks. Wie so oft im Nordosten. Hier von Olbia ist alles irgendwie besiedelt, alles gehört irgendwem, ob nun Festlanditalienern oder ausländischen Rentnern aus Deutschland, der Schweiz, Österreich.

Der Ausblick auf Posada und das Meer ist in der diesigen Luft nicht ganz so großartig, wie wir es erhofft haben. Der Tag tut sich schwer – oder wir uns mit ihm.

Wir haben mittlerweile 20 Kilometer auf dem Sattel hinter uns und sind noch ohne richtig schönes Erlebnis. Posada mit seiner Burg ist ganz cool, aber eher zu Fuß. Auch das Meer hat seinen Charme, wie immer. Aber der landschaftliche Hit war die Fahrt durch die Feriensiedlungen drumherum alles noch nicht.

Wir wenden uns ins Hinterland. Auf dem kleinen Dorfplatz in Torpè scheint die Welt schon wieder stillzustehen und in sich zu ruhen. Das typische Bild alter Herren auf der Parkbank zaubert ein Lächeln auf unsere Gesichter. Aber so ganz ohne Berg wollen wir nicht nach Hause.

bei Torpè

Landschaft bei Torpè

Ein Schild zieht uns magisch an: “Lago Maccheronis” – ein See aus Makkaroni? Wir folgen dem Schild und fahren hinter Torpè weiter ins Hinterland. Dort die nächste Straßensperrung.

Der vermeintliche Pastasee ist der Stausee von Posada, Lago di Posada. Er  bekommt neue Befestigungen und Leitungen, um mehr Wasser aufnehmen und in die Küstenorte transportieren zu können. Eine Schattenseite des intensiven Tourismus der Region, denn schön ist die Anlage mit oberirdischen Rohrleitungen nicht. Wir lassen uns von der Sperrung nicht stören und fahren weiter. Immer vorwärts, irgendwo geht es schon durch.

Wir klettern den ersten kleinen Berg des Tages hinauf, und endlich lässt uns auch der Greco in Ruhe. An einer Straßenkreuzung finden wir tatsächlich die gesperrte Straße vor – zum Glück führt nach links eine kleine Strada Provinciale weiter in die wunderschöne Berglandschaft nach Lodè.

Wege der Transhumanz

Fast lenken wir unsere Räder dorthin, als wir ein kleines, braunes und vielversprechendes Schild wahrnehmen: Itinerari della Transumanza – TRAMUDAS.

Sofort vertrauen wir uns dem kleinen unscheinbaren Feldweg an und schon nach wenigen Minuten haben sich unsere Mountainbikes um ihren Namen verdient gemacht: Über Fels, Schotter und Bewuchs klettern wir etwa 150 Meter bergauf – um mit einem prächtigen Ausblick auf die Region belohnt zu werden. Endlich!

Lago Maccheronis

Lago Maccheronis

David Herbert Lawrence schrieb in seinem Reisebericht Das Meer und Sardinien:

»Liebliche Weite ringsum, entgleitende Entfernungen – nichts endet, nichts ist endgültig.«

Abseits der Teerstraßen finden wir uns in genau dieser Stimmung wieder (auch wenn Lawrence eher mit dem Zug durch Südsardinien und den Gennargentu gefahren ist).

Auf unserem Berg stehend merken wir, dass er eigentlich nur ein Hügel ist, sehen zum nächsten und zum übernächsten, wissend, das noch hunderte weitere Erhebungen und Täler folgen, bis sie schließlich – sanft oder steil – ins Meer abfallen.

Wege der Transhumanz

Hinweis in Torpè zu den Transumanza-Wegen

Hinweis in Torpè zu den Transumanza-Wegen

Der Weg, auf dem wir fahren, führt uns zurück in die Geschichte der Nomadenhirten auf Sardinien, in eine Zeit, die von Entbehrungen und harter Arbeit geprägt waren.

“Itinerari della Transumanza” übersetzt man in etwa mit “Wege der Transhumanz”.

Wem das verständlicherweise nichts sagt: Transhumanz beschreibt die im Mittelmeerraum übliche Lebensweise, bei der das Vieh (auf Sardinien vorwiegend Schafherden) im jahreszeitlichen Wechsel von den Weiden im Bergland in die Täler gebracht wurde.

Auf Sardinien bedeutete das zuweilen auch, dass Herden zum Beispiel aus Fonni im Winter in die wärmere Nurra oder ins Oristanese gebracht wurden. Die 100, 120 asphaltierten Autokilometer, die es heute sind, waren früher je nach Weg bis zu 200 km lang und führten durch wenig erschlossenes Gebiet.

Auf einem solchen Weg stehen wir jetzt und dem schwarzen Schaf wird warm ums Herz, wenn es daran denkt, dass genau auf diesem Weg im Laufe der Zeit schon Hunderte, Tausende und Abertausende Schafe durch die Büsche und über die Hügel liefen.

Heute sieht man hier kein einziges Schaf, die Zeit der Nomaden ist vorbei.

Auf den Routen des Projektes “TRAMUDAS” entdecken Reisende ein authentisches Sardinien. Die Wege führen weit ins Hinterland, zu den Wurzeln des Hirtenlebens. Die ganz eigenen, wilden Gerüche, die Eindrücke der dichten Vegetation und eine intakte Natur erstaunen den Menschen von heute. Ganz plötzlich ist man raus und in einer ganz anderen Welt.

Zwischen Berg und Meer

Zwischen Berg und Meer

Der Wegabschnitt, den wir erwischt haben, gehört zu der Tour der “GAL Mare e Monti” (GAL = gruppo azione locale), die einen Rundkurs beschreibt: Posada – Torpè – Lodè – Bitti – Onani – Siniscola – Posada. Sie führt zwischen Lodè und Bitti durch weitgehend unberührte und unbesiedelte Natur und dann am beeindruckenden Monte Albo entlang zurück zum Meer.

Mit unseren Bikes sind wir jetzt oberhalb des Lago di Posada (auch: Diga di Torpè, Lago Maccheronis) und fahren glücklich über die Schotterwege. Etwa acht Kilometer über zwei, drei Hügel, auf bis zu 300 Meter, voller eindrücklicher Landschaft – allein dieser kurze Weg belohnt uns und macht so viel Spaß! Zum Teil geht es so steil bergab, dass wir schieben – Cross-Country-Profis würden sicher auch hier mit Wonne bergab donnern.

Lebendige Geschichte

Wir kommen an einer alten Steineiche vorbei – sicher ein uralter Rastplatz auf den langen Wanderungen. Auch wir machen hier Halt und können uns vorstellen, wie der Hirte im Schatten des Baumes rastet und seine Schafe um ihn herum lagern und grasen.

Alter Hirtenrastplatz, am Horizont der Monte Albo

Alter Hirtenrastplatz, am Horizont der Monte Albo

Kurz zuvor waren wir auf eine der vielen kleinen halbhohen Mauern gestoßen, die Sardinien heute wie ein engmaschiges Netz durchziehen. Eindrücklicher kann man kaum machen, wie abrupt diese “Tancas” die Wanderung der Hirten und ihrer Herden unterbrochen und erschwert haben. Vorbei, Ende, hier kommt kein Schaf weiter.

Grund ist der Erlass zur Einzäunung, den Carlo Felice 1820 den Erlass der ganzen Insel gab. Der “editto delle chiudende” war irgendwie gut gemeint, gestand er dem Volk doch eigenes Land zu: Jeder durfte das von ihm bewirtschaftete Land einfrieden und in Besitz nehmen. Nun waren die meisten Sarden aber keine sesshaften Bauern, sondern wandernde Hirten und brauchten die unbegrenzte Weite des Landes. Und die wenigsten von ihnen verfügten (als Folge der Flucht vor Besatzern in früheren Jahrhunderten ins Hinterland) über wirklich fruchtbares Land in ihrer bergigen Heimat. Als einige, die sich zur Umsiedelung entschieden, die fruchtbaren Gegenden erreichten, waren diese bereits durch die herrschende Oberschicht in Besitz genommen.

Mit dem MTB auf den Spuren der Transumanza

Mit dem MTB auf den Spuren der Transumanza

Nun heißt “chiudere” auch “schließen” und tatsächlich schlossen viele Hirten mit dem “editto delle chiudende” gezwungenermaßen mit einer jahrhundertealten Lebensweise ab.

Einige wurden derart eingeschränkt, dass es zu Aufständen unter wandernden Hirten und in ihren Heimatdörfern kam. In ihrer Not stahlen sie und in ihrem Hass auf die Feudalherren, die sich die fruchtbarsten Ländereien gesichert hatten, mordeten sie. Bürgerkriege waren die Folge und erst gegen Ende des Risorgimento fand die Insel einigermaßen zur Ruhe (siehe auch diesen Blök-Blog-Beitrag auf pecora-nera).

Heute sind die Tancas auf den Wegen der Transumanza für zwei, drei Meter durchbrochen. Immer noch demonstrieren sie eindrucksvoll die Geschichte und der Mensch begreift ohne Umschweife die Tragweite.

 

Fast wie in alten Zeiten...

Fast wie in alten Zeiten…

 

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