Brüste, hinten die männlichen Menhire“Sa petra uue sunt sos thithiclos”, der Stein mit den Brüsten. So nannte man die Steine im Mittelalter, in einem längst nicht mehr gesprochenen Dialekt. Als wir die Bezeichnung aber heute lesen, müssen wir ein bisschen lachen und wollen diese menschenähnlichen Menhire unbedingt sehen.

Als das schwarze Schaf davor steht, muss es seine Fantasie schon sehr stark bemühen, um in den sechs unregelmäßig angeordneten Felsen auf dem archäologischen Gelände von Tamuli überhaupt  Menschen zu erkennen.

Aber, ja, bei dreien fällt es relativ leicht: Die Steine haben wirklich Brüste, und die aufrechte Gestalt, ok, die sieht nach Mensch aus. Sie gelten als weibliche Zeugen des sardischen Fruchtbarkeitskultes. Die anderen drei sogenannten Bätyle (oder Bethyle, ital.: betili) sollen die männlichen Gegenstücke symbolisieren, die phallische Form mag ein entsprechendes Indiz sein.

Nun sind Schafe ja selten Archäologen, Historiker oder Kultexperten. Sie denken praktisch: Zum Umgrasen und Dranschubbern sind sie prima und finden weiterhin, dass Menschen doch irgendwie anders aussehen. Wir erinnern uns eher an Obelix, den berühmten gallischen Hinkelsteinlieferanten …

Doch die “pedras marmuradas” sind mit einer Höhe zwischen 125 und 155 cm nicht sonderlich groß – mit einem ordentlichen Schluck Zaubertrank könnten sie von jedem getragen werden. Uns gefällt die Assoziation einer Reisenden, die sagte “Sie sehen aus wie Schlammspringer, deren Köpfe bei ihrem Sprung aus der Erde herausragen”. Vielleicht sind die Brüste ja auch Glupschaugen, wer weiß das schon?

Betili Tamuli

Betili Tamuli

Neugierig lesen wir die Informationstafel, die verrät: “Zur Linken des Gigantengrabs (A) sind sechs bemerkenswerte Bätyle zu finden, die vermutlich nicht mehr in ihrer ursprünglichen Anordnung stehen; zumindest verändert gegenüber der Freilegung durch A. Lamarmora. Die Monolithen sind aus Basalt und alle mit Hämmern bearbeitet. Sie sind konisch und bauchig gewölbt. Die weiblichen Bätyle mit Brüsten, sind 1,55 – 1,54 und 1,53 m hoch; kleiner und gedrungener sind die drei männlichen Bätyle mit 1,25 – 1,33 und 1,38 m.”

Ein altes Buch, zur sardischen Kultur befragt, ergründet ihren Ursprung etwas weiter: “Solche meist in Gruppen angeordnete Bätylen, um die sich unzählige Volkserzählungen ranken, finden wir in den verschiedensten Ausführungen auch vor den Gigantengräbern. Die ältesten von ihnen werden in die Mitte des zweien Jahrtausends (v. Chr.) datiert: Es sind schlanke, “phallische” Steinpfeiler […], welche an die Fruchtbarkeitssymbolik der Ozieri-Kultur anknüpfen; ebenso früh einzuordnen sind spitzbogige “Gestalten” in der Art der pèrdas marmuradas von Tamuli […] – sie scheinen ein dreifaches Götter- oder Ahnenpaar zu symbolisieren, da drei von ihnen durch Brüste eindeutig als “weibliche” Bätylen gekennzeichnet sind.” (Quelle: Rainer Pauli; Sardinien Geschichte, Kultur, Landschaft; 1978 DuMont Buchverlag Köln).

Ziemlich sicher ist, dass Bätyle nicht einfach bloß Steine sind. Ein religiöser Hintergrund der damaligen Kultur liegt auf der Hand. Der Wortursprung ist im Griechischen zu suchen: Baitýlia oder Baítyloi heißen sie dort. Das meint “Haus Gottes” und erinnert an den aramäische Begriff “bet el”, auf hebräisch Bethel. Mit Betelnüssen haben sie vermutlich weniger zu tun. Ganz ernsthaft wurden die Menhire als mehr oder weniger göttlich oder “beseelt” verstanden. Die Nähe zu den drei Gräbern deutet darauf hin, dass die Menschen damals (wie sie es auch heute in Kirchen und auf Friedhöfen tun), dem Gott dann, wenn Menschen sterben, besonders nahe sein wollten oder Segnungen für die Toten und die Lebenden erhofften.

Nuraghe Tamuli

Nuraghe Tamuli

Die sechs Felsen sind darüber hinaus nur wenig beschrieben und man darf die Gedanken durchaus weiter schweifen lassen. Denn wie so viele Bauwerke der Nuraghenkultur auf der Insel, lassen auch diese genug Raum für Spekulationen. Aufschluss gibt die Umgebung, denn die Felsen sind im Vergleich zu ihrem Umfeld geradezu unauffällig: Ein wunderschöner Nuraghe, umgeben von den Resten eines antiken Dorfes und drei Gigantengräber stehen in direkter Nachbarschaft. Offensichtlich ein belebter Ort im zweiten Jahrtausend vor Christus. Aber die Nuraghier hatten scheinbar eine andere Standortphilosophie als die Menschen heute.

Komisch eigentlich, dass Tamuli heute nicht stärker frequentiert ist, wo es hier doch soviel zu sehen gibt. Aber die Stätte liegt auch nicht unbedingt an den Durchfahrtsstraßen: Über die SS 131 Sassari-Cagliari schafft man es noch relativ schnell bis Macomer (einer eher unspektakulären Kleinstadt). Von dort nimmt man (wenn man sie findet) die SP 43 in Richtung Santu Lussurgiu. Kurz vor Leonardo di Siete Fuentes geht es rechts ab in ein Waldgebiet am Monte Sant’Antonio, Tamuli ist auf alten verwitterten Schildern angeschrieben. Etwa vier Kilometer weiter dann der Eingang zu der archäologischen Stätte auf der Hochebene Pranu ‘e Murtas. Wir sind Mitte März unterwegs und zum Glück hat der Regen gerade aufgehört. Kalt ist es trotzdem, die Sonne versteckt sich hinter dicken Wolken. Die Studentin an der Kasse ist dick eingemummelt in eine Daunenjacke und gibt uns für 3,50 Euro eine kleine Einführung. Wenn sie das nicht freiwillig macht, fragen wir uns, wie sich das rechnet.

Es ist jedenfalls wunderschön hier, selbst bei durchwachsenem Wetter klettern wir gern auf dem Nuraghen (darf man eigentlich nicht) herum und kuscheln uns kurz an ihn. Als wir auf dem Rückweg nochmal an den Menhiren vorbeikommen, bleibt uns nichts anderes, als zu denken: Vielleicht sind es doch einfach nur lustige Steine.

Mehr über die Anlage in Tamuli (in italienischer Sprache) auf www.archeologiasarda.com. Quellen: http://de.wikipedia.org/wiki/Tamulihttp://it.wikipedia.org/wiki/Complesso_nuragico_di_Tamuli

Ich bin Nicole, auch bekannt als »das schwarze Schaf auf Sardinien« (italienisch: pecora nera) und Gründerin dieses Blogs. Hier berichte ich von meinen Streifzügen im ganzen Jahr auf, durch und rund Sardinien. Im »richtigen Leben« bin ich Beraterin für Kommunikation und Tourismus sowie Content Creator.

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