Weihnachten ist da, ist auch auf Sardinien angekommen. Leicht zu erkennen an den traditionellen, italienischen “Panettones”, die sich den Regalen des Supermarkts bunt und kalorienreich stapeln. Zudem all die bunten und kitschigen Dekorationen.

Dem Nordeuropäer fällt naturgemäß schwer, in diesem Umfeld festliche Gefühle zu entwickeln. Glühwein? Viel zu warm. Weihnachtsmärkte? Gibt’s, sind aber eher was für Kinder. Was ist mit Tannenbäumen? Kommen wir noch drauf.

Egal, ich will Weihnachten finden. Das Schaf will. Seit die Hirten vor über 2000 Jahren auf dem Feld ihre Schafe weideten – und das haben sie ja immerhin auch im Vorderorient in warmen Gefilden getan – gehören diese Tiere und das Fest zueinander.

Weihnachten in einem Ort am Meer

Weihnachten in einem Ort am Meer

Also macht es sich mal wieder auf und sucht. Wo ist Weihnachten auf der Insel?

Erst mal weg mit der Vorstellung, das Fest sei hier immens wichtig. Ist es nicht. Im Süden der Insel nennen sie es sogar nur das “kleine Osterfest”, “sa paschixedda”. Der liturgische Kanon mit den biblisch klar terminierten Festen (Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten) und die Feiertage rund um die Mutter Gottes sind allesamt wichtiger. Ebenso die traditionellen Feste, die “Sagra”, die jeder Ort nach seiner eigenen Historie und zu Ehren des Dorfheiligen feiert.

Nein, Weihnachten wird nicht vergessen, es ist aber eher ein Familien-Event. Und es wird sogar gestreckt: Bereits am 8. Dezember, dem Tag der unbefleckten Empfängnis Mariä, beginnen die Feierlichkeiten und der Tannenbaum wird geschmückt, bis die Kinder am Morgen des 25. Dezember die Geschenke auspacken dürfen. Ende der Feierei ist erst mit der Hexe Befana, am 6. Januar (auch das eher was für die Bambini).

ziemlich viel plastik

Eine Frage stellt sich das Schaf: Wo bitte, kommt die Tanne her, wenn die Insel doch ziemlich wenig Tannenwälder hat?

Eine Antwort finden wir direkt in Olbia, ob auf der Straße, im Vorgarten oder im Supermarkt: Der Baum ist häufig künstlich (mehr oder weniger schön) und er kommt aus dem Supermarkt. Viele Sarden verzichten auch auf einen Tannenbaum und schmücken einfach so die ganze Wohnung und das Haus. So manche Palme muss Kugeln und Lichterketten ertragen.

Schönheit ist oft Nebensache – den Kindern muss es Spaß machen, dann ist alles gut. Und die mögen ja bekanntlich alles was bunt ist und glitzert.

Mitte Dezember in Fonni: Der “Autunno in Barbagia” mit den Cortes Apertas ist im vollen Gang, und wir entdecken Weihnachten schon an ein paar Ecken. Da ist eine liebevoll gestaltete Krippe am Kriegsdenkmal am Ortseingang. Und ein mannshoher Aufblas-Weihnachtsmann. Sollte Weihnachten so einfach zu haben sein? Irgendetwas in uns sagt: Nein, das ist nicht alles. Wir überlegen, was wir eigentlich suchen. Jedes Jahr die gleiche Frage. Auch auf Sardinien. Das macht gar keinen Unterschied.

Eine ganz einfache Anleitung für Weihnachtsgefühle habe ich mir im letzten Jahr in Palau (einem wirklich un-weihnachtlichen Ort im Nordosten der Insel) zurechtgelegt:

1. Frieren. Kälte hilft, sich nach Wärme und Geborgenheit zu sehnen und zumindest ein Wintergefühl zu schaffen. Bei Temperaturen von 16 bis 21 Grad (ja, Ende Dezember ist manchmal sehr gnädig) ist das herausfordernd, aber möglich. Bedeutet: ab ans Meer, mit einer zu dünnen Jacke in den Wind stellen und siehe da – man ahnt, welche Jahreszeit wirklich ist. Dann ist auch der mitgebrachte Glühwein super. Hilft nicht immer, aber wer beschwert sich schon über Sonne?

Auf dem Monte Tiscali - atemberaubender Ausblick

Auf dem Monte Tiscali – ein atemberaubender Ort

2. Ruhe. Kein Weihnachten ohne Nachdenken. Über gestern, über heute, über morgen. Über sich selbst und den anderen. Wünsche. Woher komm ich, wohin geh ich. Der unphilsophische Geselle kann das kurz halten. Wer Lust dran hat, eine Stunde in das Selbst zu gucken, dem sei empfohlen zur nächsten kleinen, unbenutzten Kirche irgendwo auf dem Land zu fahren. An den Türen rütteln und mit Glück sind sie sogar unverschlossen. Sich in der Gewissheit, allein zu sein, hinsetzen und denken. Oder in eine einsame Region fahren – auf nahezu jedem Berg ist man derzeit allein. Weite und Stille können sehr inspirierend sein. Das kann religiöse Gefühle auslösen, muss aber nicht. Jedenfalls ist man dem Sinn von Weihnachten einen ordentlichen Schritt näher gekommen.

Kleine Kirche im Hinterland

Kleine Kirche im Hinterland

3. Familie. So klein sie auch sein mag – die Familie gehört zu Weihnachten. Das ist auch in Sardinien der wichtigste Grund, das Fest zu begehen: Alle sind beisammen, ein oder eher fünf Festessen gehören dazu und Geschenke natürlich auch. Wieder hauptsächlich für die Kleinen. Allein feiern geht auch gut – wenn man das aushält. Wer unbedingt null Trubel und weg vom Stress will, ist hier bestens aufgehoben. Auch so ein Weihnachten mit sich selbst ist vielleicht gut um zu wissen: Es ist nicht dasselbe wie mit den Liebsten.

4. Augen offenhalten. Im letzten Jahr war Weihnachten beim abendlichen Spaziergang durch Palau plötzlich da: Mit Schafen! Vor der Kirche war ein kleines Gatter aufgebaut, darin eine Schafmutter mit zwei Lämmern auf Stroh. Kinder schauten neugierig und konnten nicht genug bekommen. Der Schäfer, heute verkleidet als Hirte, weil ein kleines Weihnachts-Theaterstück in der Kirche aufgeführt werden sollte, stand ein bisschen abseits. Weiter hinten saßen die drei Heiligen Könige und rauchten eine Zigarette. Die Szenerie war so eigenartig und gleichzeitig wunderschön, dass ich eine halbe Stunde nur da gesessen und zugeschaut habe. Die Weihnachtsaufführung ist an mir vorbeigegangen. Doch wen kümmert das, ich habe ein Schaf gesehen! Nein drei!

Auf dem Nachhauseweg sind alle anderen Eindrücke weg und ich nehme endlich die schönste Zutat Sardiniens zu Weihnachten wahr: Den Kamingeruch.

Ich halte meine Nase in die Luft, die von den rauchigen Schwaden der Kamine des Dorfes zu mir wabert. Da verbrennen über viele Jahre gewachsene Bäume, getränkt mit den Aromen der Insel. Sie produzieren einen so urigen Geruch, der für mich untrennbar mit Weihnachten verbunden ist.

Schöne Weihnachten!

Ich wünsche allen Lesern, dass auch sie ihr ganz persönliches Weihnachtsgefühl auf Sardinien, oder wo auch immer sie gerade sein mögen, finden.

Schöne Weihnachten und kommt alle gut ins neue Jahr!

Euer schwarzes Schaf

PS. – Für den Jahreswechsel und Silvesterfeiern seien Alghero (“Cap d’Any”, eine katalanische Silvestervariante mit vielen Straßenspektakeln) und Cagliari (hier feiert man Capodanno mit Festessen in Trattorien oder Restaurants und mit Livekonzerten, oft auch berühmter italienischer Interpreten) empfohlen. Aber auch kleine Orte üben sich im Weihnachtsprogramm – streift einfach ein wenig umher.

PPS. – Ich freue mich auf Januar – le secche di gennaio ist eine häufig auftretendes Phänomen, eine trockene Zeit vor dem 20. Januar mit viel Sonne und wenig Regen, auf einer einsamen und stillen Insel.

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