Ich würd’ gern mal übers Wetter reden. Nicht, weil ich Belanglosigkeiten so gern hab, sondern weil es auf Sardinien kein triviales Thema ist. Und weil es auf Sardinien grad fünf bis zehn Grad kälter wird und heute früh ein strammer Westwind wehte. Hier und da gewitterte es heftig (ja, doch, mit Regen).

Oha, und … ich sehe – Wolken! Der Horror jedes Touristen!

Da ist nur eine Frage der Zeit, bis irgendjemand irgendwo wissen will (gern mit einem präzisen Datum kombiniert): »Wir reisen vom 28. September bis 10. Oktober – wie ist denn da das Wetter auf Sardinien? Ist es dann noch schön?«

Diese Frage umschwirrt das schwarze Schaf seit es auf der Insel grast und blökt. Sie fiept ins Ohr wie eine nervige Mücke. Dazu kräuseln sich die Hufe und die Wolle stellt sich auf. Alles auf einmal.

Isola Ogliastra - bei jedem Wetter schön

Isola Ogliastra – bei jedem Wetter schön

Ich nehme wohlwollig an, dass alle wissen: In Zeiten der Klimawandels gibt es darauf keine allgemein gültige und vor allem keine zufrieden stellende Aussage. Kann es gar nicht.

Wer im Juli oder August 2014 den Urlaub zum Beispiel in Norditalien oder an den italienischen Seen verbracht hat, hatte fast gar keine Sonne und ist in Gewittern und Schlechtwetterfronten komplett abgesoffen. Da war es auf Sardinien deutlich schöner – wenn auch nicht so heiß wie in den vergangenen Jahren.

Wer lässt sich da noch zu Wetteraussagen hinreißen? Wer die Frage trotzdem stellt, bekommt natürlich trotzdem eine Antwort – eine beeehsonders schwarzschafige … 😉

Nein wartet, ich kenne genau genommen sogar vier richtige Antworten auf die Frage … wie war die noch? Ach ja …

»Wie ist das Wetter auf Sardinien?« 

»Großartig!«

Das ist die Antwort, die ein Sarde geben würde. Und zwar ohne nachzudenken und wie aus der Pistole geschossen. Er macht das schon irgendwie richtig: Erwartungen befriedigen – und um das Ergebnis später sorgen. Wenn überhaupt. Niemals im Leben würde er die Schönheit seiner Insel relativieren (dazu gehört auch das Wetter, darüber lamentiert man nur untereinander, in der Familie). Geschweige denn sofort zugeben, dass seine geliebte Insel von Schlechtwetter gebeutelt sein könnte. Auch nicht ansatzweise. Also: Es ist immer gutes Wetter, immer Sonne, immer kann man baden, und es regnet eigentlich nie. … Was, letzte Woche hat es … ja, das ist dann eine Ausnahme. Sonst ist immer gut. Schulterzucken. Thema fertig.

»Am 5. Oktober wird es auf Sardinien 22,7 Grad warm sein, Wassertemperatur 17,6 Grad, der Wind kommt mit 5 Knoten aus Südost, am Himmel vereinzelt Schäfchenwolken.«

Pseudogenauigkeit ist bei ausgewählten Fragestellern meine Flucht nach vorn. Nachdem ich mir nach dieser Antwort ein Weilchen das dumme Gesicht des Gegenübers angeguckt hab (per E-Mail macht diese Konversation blöderweise nur halb so viel Spaß), schieb ich eine Gegenfrage nach: “Und sag mal, ich reise ja zur gleichen Zeit mal wieder nach Deutschland. Welches Wetter ist denn da?” Spätestens dann zeigt sich, ob der andere Humor hat oder zu den Grottenolmen gehört (Ich entschuldige mich in aller Form bei allen echten Grottenolmen!).

Bruncu Spina - Ende November leicht gezuckert

Bruncu Spina – Ende November leicht gezuckert

Lustige Reaktionen gibt’s auch manchmal bei der nächsten Antwort:

»Warte … ich guck kurz raus.«

Die Standardantwort des Schleswig-Holsteiners (der ich gebürtig bin) auf die Frage nach dem Wetter.  Wer fragt denn da noch!? Also bitte: »Wenn ich wissen will, wie das Wetter wird, guck ich aus dem Fenster. Meistens kann ich was damit anfangen.« Copyright auf diese schlaue Antwort hat mein Vater. Schwarzschaftum ist also erblich. Seine grenzenlose Weisheit bringt uns auch zur nächsten richtigen Antwort auf die Frage: Wie ist das Wetter auf Sardinien?

»Ist doch egal.«

Das ist die einzig richtige und pur schwarzschafige Antwort auf die Frage.

Sonnenaufgang in Frühlingsfarben

Sonnenaufgang in Frühlingsfarben

Erlebt nur ein einziges Mal, wie grandios die Insel im Schnee ist (ja, es schneit hier…), oder wie ein wuchtiger Sturm mit Wind und Wellen an die Küsten donnert, wie ein Nebeltag im Frühling alles in friedliches diffuses Licht taucht oder wie das Land nach einem nicht enden wollenden Regenguss aufblüht, wie die Farbtöpfe in der Nebensaison ihre Weltmeisterschaft austragen …

Sardinien ist eine Insel für alle Jahreszeiten. In jedem einzelnen Monat ist sie liebenswert.

Ich versteh das gar nicht – in andere Länder reist man doch auch nicht zwingend im Hochsommer. In meiner alten Heimat Norddeutschland machten viele in Dänemark Frühjahrs-, Herbst- oder Winterferien.

Dänemark! Also wirklich – das ist mit Ansage ein Urlaub der ins Regenwasser fällt … und vor allem dasselbe in Grün wie zuhause! Und trotzdem fahren die Leute hin.

Aber ich lasse mich hinreißen … alte Gewohnheiten … ganz miese kleine Vorurteile … Nun ist aber gut. Können ja auch nichts dafür die Dänen. Es ist das Land, in dem die glücklichsten Menschen der Welt leben sollen. Und Glück ist definitiv mehr wert als Sonne. Hier wie dort.

Also. Liebe Dänen, äh, Liebe alle, die ihr gern nach Dänemark, oder Schweden, oder Kanada oder England oder eben nicht grad nach Afrika reist: Gebt Sardinien im November, Dezember, Januar, Februar, März eine Chance. Sardinien statt Dänemark – das wär’ doch mal was fürs nächste Jahr …

Ich vermute ja, die Wetterfrage ist eigentlich eine Klamottenfrage (die stellt bloß irgendwie keiner).

Generelle Antwort: Zwiebeltechnik, auf jeden Fall zwischen September und Mai.

Kleiner Trick für alle Sparfüchse, die nur Handgepäck bestellen: Zieht für den Flug die Outdoorjacke und -hose an – beides bevorzugt mit vielen Taschen, und stopft die z. B. mit Ladegerät, ein, zwei Büchern oder anderen schwereren Sachen voll.

Das ist dann zwar warm an der Security, aber man hat zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, nämlich ein paar Kilogramm mehr Gepäck und die Klamotten für den Aktivurlaub (speziell die Schuhe) nehmen im Koffer keinen Platz weg.

Was tun?

Surfer in den Wellen an der Nordküste

Surfer in den Wellen an der Nordküste

An den meisten Tagen ist die Nebensaison besser als der Sommer. Es ist nur nicht alle Tage Sonne. Vielleicht ist es nur ein Tag, oder drei oder fünf – oder gar keiner.

Es gibt also kein “schlechtes” Wetter – nur Menschen, die nichts mit dem Wetter, das da grad ist, anzufangen wissen. Das ist vermutlich auch zuhause ein bisschen so, und ich verstehe, wenn das in fremder Umgebung, wo man nichts kennt, noch zehnmal blöder ist. Daher hier ein paar wollgemeinte Tipps:

Winter: Um die Jahreswende, zwischen November und Januar, ist es oft wärmer als man denkt. Eine schöne Sache ist dann, das eigene Mountainbike mitzunehmen. Sportgeräte im Flieger sind auch nicht so teuer wie man erwarten würde. Auch Wanderungen sind in der Nicht-Saison der Hit: Ich denke da an die Touren im Supramonte, von Berg zum Meer, der Luxus kompletter Ruhe und wirklich unberührter Natur. Wer schonmal Ende November vom Golgo bei Baunei zur Cala Goloritzè oder Cala Sisine gewandert ist und dort gebadet hat, weiß wovon ich rede. Und wer den Gennargentu schneebedeckt sieht oder gar bewandert, gehört plötzlich zu einer ganz exklusiven Gemeinschaft von Reisenden.

Regen: Ich hab Regen schon immer geliebt. Und auf Sardinien besonders, weil er die ureigenen Gerüche und Düfte löst. Es riecht nach Stein, nach Erde, nach Leben, nach Freiheit. Regenet es zu sehr, suche ich gern wie die Hirten damals unter den “Concas” bei Calangianus in der Gallura Zuflucht. Toll dafür ist auch der Capo d’Orso – aber nur bei Ostwind, bei Westwinden wird’s ungemütlich … oder ich gehe in den Korkeichenwäldern bei Tempio spazieren.

Regenbogen - gibt's nur bei Regen ...

Regenbogen – gibt’s nur bei Regen …

Und überhaupt: Die schönsten Regenbögen gibt es eben nur bei Regen. Nützt ja nix.

Grau in Grau: Ist es einfach nur verhangen, zieh ich die warme Jacke an, schnapp mir die Strandmuschel, eine Thermoskanne Glühwein (kann man super aus Monica di Sardegna, schwarzem Tee, Orangen und ein bisschen Zimt selbst zaubern) und setze mich in diese eine kleine Bucht an der Costa Smeralda, die ich dann garantiert ganz für mich allein hab. Es sei denn, ich nehm’ den Liebsten oder Freunde mit. Grande grande Kino.

Starkwind: Bei wirklich viel Wind sind Nord- und Westküste eine Wucht, im wahrsten Wortsinn. Weht der Mistral aus Nordwest, trifft er hier das erste Mal seit Südfrankreich auf Land – das ist ganz schön heftig. Die Wellen sind meterhoch und ideale Fotomotive. Die besten Plätze für wildes Meer an der Westküste, von Nord nach Süd: Capo Falcone hinter Stintino, die kleine Bucht Argentiera, der Parkplatz oberhalb der Bucht von Capo Ferro, die Panoramica am Capo Caccia, die Stadtmauer in Alghero und die Landstraße nach Villanova, Bosa Marina, das Capo Nieddu mit seinem Wasserfall der ins Meer fällt, der Turm bei Santa Caterina Pittinurri, der weite Strand Is Arutas, der Turm bei Tharros, Marina di Arborea, die Dünen bei Torre dei Corsari, der grandiose Strand und die Dünen bei Piscinas, das Capo Pecora, Porto Flavia in Masua, der Wanderweg “cinque fariglioni” bei Nebida, der Hügel südlich der Cala Domestica, Porto Paglia (vecchia tonnara) bei Gonnesa, Capo Sandalo auf der Isola San Pietro.

Was noch? Erkundet Grotten, fahrt in die Städte (in Cagliari und Sant’Antioco gibt es z. B. unterirdische Gänge und Katakomben, in denen ihr garantiert nicht nass werdet) oder stapft durch die vielen Museen der Insel. Oder macht das, was die Sarden tun: Mummelt Euch ein und genießt die gute sardische Küche und den wärmenden Rotwein oder Mirto, am besten in Gesellschaft.

Überschwemmung 2014: hier eine Straße bei Lula

Überschwemmung 2014: hier eine Straße bei Lula

Gut genutzt kann Dich jeder Tag für jeden noch so fetten Regentropfen entschädigen.

Wetterbeobachtungen

Für alle, die trotzdem nicht ohne generelle Aussagen klar kommen, hab ich ein paar ausgesuchte Wetterbeobachtungen rausgepult (alle Daten gefunden auf sardegna-clima.it):

  • 1975 hat es in der letzten Augustwoche in Palau an jedem Tag geregnet, knapp 177 mm kamen insgesamt runter.
  • Zum Vergleich: Die verheerende Überschwemmung im November 2013 brachte in den schlimmsten 12 Stunden z. B. bei Siliqua über 150 mm, bei Bau Mandara waren es in 24 Stunden 350 mm. 
  • Verregneter Sommer auch 1995 – nach zwei, drei Tage Sonne kam mit schöner Regelmäßigkeit mindestens ein Regentag.
  • Die Durchschnittswerte (Temperatur / Regen) im September sind höher als im Juni, und die im Oktober höher als im Mai. Der Herbst ist also durchschnittlich wärmer als der Frühling, aber auch nasser. 
  • In den 70 Jahren zwischen 1922 und 1992 war der trockenste Ort das Capo Carbonara (381 mm), ganz im Südosten der Insel. Gefolgt von Capo Sperone (Insel Sant’Antioco) und Portovesme.  (Südwesten). Der trockenste Ort im Norden: Capo Figari bei Golfo Aranci.
  • Im gleichen Zeitraum regnete es am meisten auf dem Monte Limbara, bei Vallicciola (über 1.380 mm), gefolgt von Correboi in Zentralsardinien.
  • Den Kälterekord hält Gavoi mit -17,0 Grad am 13. Februar 2012, je ein Grad darunter Fonni und Illorai.
  • Das Extrem nach oben liegt bei 48 Grad in Macomer, am 5. August 1965. Danach mit rund 47 Grad: Muravera, Perdasdefogu, Sanluri, Villacidro. Den Hitzerekord im Norden hält Arzachena mit 46,1 Grad am 23. Juli 2009.
  • Am 27. August 2014 hatte Asuni den größten Temperaturunterschied mit 21 Grad: Maximum war 34,9 Grad, Minimum 13,9 Grad. Leicht drunter: Gavoi.

Am 24. August sagten sie, es solle bis zum 31. August nicht mehr regnen. Ich sag Euch: Sie hatten Recht. Zumindest in Palau. In Cardedu und La Cinta nicht. Zumindest nicht für zwei Stunden an einem Tag. Wirklich … das ist nicht schlimm!

Trotzdem … ich höre es schon wieder im Ohr fiepen … Wie wird das Wetter wohl nächste Woche? Und im Oktober? Und im Mai?

Ist doch egal! 

Euer schwarzes Schaf 🙂

1 Comment

  1. Ferien am Meer an der Adriaküste

    6. Februar 2015 at 15:21

    Ich plane, einen unvergesslichen Urlaub in Sardinien verbringen diese Sommersaison.

    Reply

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