Wolken krochen über die Berge des Gennargentu und verdunkelten den Himmel. Ein Gewitter zog hinter Fonni auf. Die Nacht rückte unaufhaltsam näher. Der Herbststurm kündigte einen harten Winter an, und der Weg, der dem Hirten bevorstand, durch unbewohntes, unwirtliches, düsteres Gebiet bis zu den fruchtbaren Weiden hinter Austis, war gefährlich für Mensch und Tier.  

Dunkel und kalt: der Winter in den Bergen hinter Fonni

Dunkel und kalt: der Winter in den Bergen hinter Fonni

Sie waren vertraut mit der Umgebung, und doch – wer wusste genau, was es da draußen alles gab? Manchmal gingen Schafe verloren, oder es verirrte sich sogar ein Hirte und kehrte nie mehr zurück … 

Ein Geräusch! Was war das?! Der Wind, ein Muhen, ein Brüllen? Ein Rufen aus der Unterwelt? Ein lärmender Blitz erhellte kurz die Landschaft – dort! Da stand doch etwas hinter dem Baumstumpf im diffusen Wolkennebel? Es bewegte sich … ein Widder? Ein Stier? Ein großer Hund? Oder, wie in manchen Fieberträumen erzählt wurde – ein Bär? 

Die Schafe drängten sich dicht aneinander und der Hirte hielt mit klopfendem Herzen Ausschau, das Messer gezückt … Mensch und Tier gerieten an ihre Grenzen … 

Das letzte Licht verschwand, in den Tälern widerhallte der Donner … 

Fonni: Die alten Traditionen leben

Transumanza: Murales in Fonni

Transumanza: Murales in Fonni

In Fonni ist es heute immer noch nicht wirklich kuschlig.

Auf 1.000 Metern am Hang des Gennargentu ist es Anfang Februar kalt. Nix da liebliche Täler.

Alles ist ruppig und karg. Der Wind zerrt an dem kupferbraunen Winterlaub, das einfach nicht von den Steineichen fallen will.

Auch die Schafe und Winterlämmer wirken ein wenig grantiger, Kälte liegt ihnen nicht.

Hunde bellen alles an, was sich dem Zaun nähert und verteidigen Hof und Herde. Zur Not bis aufs Blut

Wer sich zu dieser Zeit einen oder zwei Tage in dem Dorf gönnt, bekommt eine ganz leise Ahnung davon, wie das Volk in alten Zeiten gelebt haben muss. Richtig weit weg sind die letzten Jahrhunderte hier nicht.

In einem Dorf wie Fonni leben viele alte Traditionen unverfälscht weiter – die des Hirtentums, der Transumanza, des Kunsthandwerks, der Gesänge und Tänze …

Und allen voran die des uralten Karnevals.

Urthos und Buttudos - der Kampf zwischen Tier und Mensch

Urthos und Buttudos – der Kampf zwischen Tier und Mensch

Der Kampf der beiden zentralen Figuren in Fonni sind mit das Wildeste, was Sardinien zu bieten hat:

  • S’Urthu, ein Tier, in weiße oder graue Schaffelle gehüllt
  • Sos Buttudos, dunkel gekleidete Männer, die S’Urthu an einer Eisenkette halten und versuchen, das Tier zu dominieren

S’Urthu – das Tier

Über S’Urthu e sos Buttudos kann insgesamt nur spekuliert werden. Die tiefen Wurzeln sind nicht dokumentiert und irgendwo im Dunkel der Zeiten verloren.

Die Sarden neigten in früheren Zeiten aber auch nicht zu Aufzeichnungen, sondern erzählten sich alles Wichtige. Das macht die Forschung etwas schwierig.

Vermutlich dachte niemand, dass es mal schwarze Schafe und Reisende geben würde, die alles gern genau wissen möchten.

Eine Analogie aus der sardischen Tierwelt gilt für die Urthos e Buttudos am wahrscheinlichsten: Widder, Stier, Mufflon, Schaf, Pferd – dazu der Mann und Schäfer.

S'Urthu - das wilde Tier

S’Urthu – das wilde Tier

Eine etwas andere Vermutung reicht – aufgrund der Wortähnlichkeit – bis in die Altsteinzeit zurück. Legenden erzählen vom Urthu – Orso – dem Bären.

Einem der sardischen Fauna aber leider völlig fremden Tier. Sein Vorkommen lässt sich jedoch nicht vollkommen ausschließen – auf Korsika bei dem Bergdorf Conte, soll’s den ausgestorbenen Höhlenbären auch angeblich mal gegeben haben.

Wie gesagt, Steinzeit, etwa 25.000 Jahre her. Es war ja keiner dabei, also bleibt das Spekulation.

Denkbar ist, dass – gerade in antiken, archaischen Zeiten – die Menschen eben nicht genau wussten, was sich in der einsamen Bergwelt über ihnen für Wesen befanden. Der Nordeuropäer hat ja auch überall Drachen im Wald gesehen.

Der menschliche Geist ist leicht zu verwirren. Dazu noch ein paar Jahrhunderte Legenden und Überlieferungen – und plötzlich gibt es eben Bären dort, wo gar keine sind.

Forscher, die sich mit dem sardischen Karneval intensiver auseinander gesetzt haben, sehen im Wortstamm von S’Urthu viel eher eine Verbindung zu Orcus latino, dem römischen Gott der Unterwelt und der Toten.

Ein alter Stier- und Götterkult?

Ein alter Stier- und Götterkult?

Die passende Legende zum Kult gibt es auch: Vom Höllenfeuer gepeinigte, geschwärzte und gehörnte Wesen seien der Unterwelt entkommen und trieben ihr Unwesen auf der Erde, brachten das Böse zu den Menschen.

Daraus habe sich auch auf Sardinien ein Stier- und Totenkult und Fruchtbarkeitsritus entwickelt.

Deutlich sichtbar und typisch sei der Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Sommer und Winter. Das sei mehr oder weniger das, was in Fonni gezeigt werde. Ein Klassiker also.

Um den Gott Orcus gibt es rund um Fonni kaum archäologische Funde, und der Kult ist in der tiefen Barbagia nicht besonders deutlich dokumentiert oder bestätigt.

In anderen Teilen der Insel aber finden wir Hinweise auf den Stierkult, zum Beispiel in vielen domus de janas. Die Ausgrabungsstätte Sa Domu ‘e S’Orcu in Siddi hat von oben betrachtet, die Form eines Stierkopfes.

Könnte S’Urthu also der wilde Stiergott aus einem Totenkult sein? Sagen wir so: Möglich ist es und hat auch Sinn.

Urthos e Buttudos kommen sich näher ...

Urthos e Buttudos – ein dunkles Figurenpaar

Naheliegender, und damit für viele wahrscheinlicher (Riten und Traditionen in ländlichem Umfeld sind in der Regel nicht kompliziert) ist der symbolische Kampf zwischen Mensch und Tier, gern auch im weiteren Sinne ein Kampf auf Leben und Tod.

Da der Boden am Nordhang des Gennargentu im Winter nichts hergab, waren die Männer des Dorfes gezwungen, zur Transumanza mit den Herden in die fruchtbaren Ebenen (aus denen sie zuvor vertrieben worden waren) zu wandern.

Das erforderte bei großen Herden auch ein großes Maß an Strenge, Stärke und Dominanz den Tieren gegenüber. Mit «Bitte geh doch weiter» oder «Bitte bleib doch hier» kam man bei Fluchttieren nicht weit. Der Tod war ständiger Begleiter – Wasser- und Nahrungsmangel ganz zuvorderst, gebrochene Glieder oder Wegelagerer waren auch nicht selten.

Andere Männer des Dorfes, gingen hinauf in die höheren Lagen der Berge, um wilde Tiere zu fangen.

S’Urthu könnte also ein besonders wilder Widder,  ein Ziegenbock, ein Mufflon sein, aber auch ein Stier oder gar ein Pferd.

Alle Tiere hier oben tragen im Winter ein den klimatischen Bedingungen angepasstes, eher zotteliges Fell. Passt also.

S'Urthu ist vor allem eins: wild und zottlig

S’Urthu ist vor allem eins: wild und zottlig

Wenn wir aber schon am Mutmaßen sind, möchte schwarze Schaf eine eigene Spekulation dazu werfen.

Als ihm eingangs des Dorfes der graue Cane Fonnese mit seinem kratzigen struppigem Fell über den Weg läuft, erkannte es spontan eine verblüffende Ähnlichkeit zum Urthu.

Der Fonnese ist eine sehr alte Hunderasse. Er gilt als einer der schwierigsten Hütehunde, lässt sich kaum dominieren, lebt draußen bei der Herde, oder – ja sieh einer an – an einer Eisenkette vor dem Land oder Haus, das er beschützen soll.

Ist S’Urthu am Ende ein hundartiges Wesen oder gar ein Wolf (der allerdings wie der Bär in Sardinien nicht heimisch ist)?

Einigen wir uns insgesamt einfach auf «ein wildes Tier».

S’Urthu ist auf jeden Fall die wildeste und irrsinnigste aller Figuren des sardischen Karnevals.

Schnell und unberechenbar

Schnell und unberechenbar

Sein Verhalten? Unberechenbar, mutig, fast aggressiv.

S’Urthu klettert überall hinauf, ist schnell, agil und wendig. Vorsicht ist in seiner Nähe geboten.

Es braucht schon einen starken Gegner, um das Tier zu bezwingen.

Beschützer und Beherrscher: Sos Buttudos

Sos Buttudos sind gekleidet in einem schwarzen Umhang aus Orbace (stark verfilzter, zu einerm wind- und nässeabweisenden Stoff verarbeiteter Wolle) mit Kapuze.

Darunter tragen sie einen Anzug aus Kord, Lederschuhe und -gamaschen, auf dem Rücken ein Lederband mit Glocken (sonaggias) geschnallt.

Sos Buttudos verfolgen S'Urthu

Sos Buttudos verfolgen S’Urthu

Viele Jungen sind zu Karneval in dieser Kleidung unterwegs. Das ist gut, um das Überleben der Tradition zu sichern. Und es zeigt auch wie lebendig sie heute noch sind.

Um der Figur allerdings vollständig gerecht zu werden, braucht es gestandene, erwachsene Männer.

Der Buttudo ist ein lebenserfahrener und härteerprobter Mann, der in einer rauen, kargen und armen Welt überlebt und Heim und Hof beschützt.

Dafür kennt der sardische Sprachgebrauch noch ein anderes, nicht übersetzbares Wort: un balente.

Es bezeichnet einen Beschützer, aber auch einen Gesetzlosen. Die schwarzen Gesichter und Kleider der Buttudos sind daher auch ein Mittel, nicht erkannt oder entdeckt zu werden, und sich wirkungsvoll zu verstecken.

Dazu muss man wissen, dass dieser Mann kein ehrenloser Krimineller ist, sondern vielmehr einer, dessen Leben (und das seiner Haus- oder Dorfgemeinschaft) nach jahrhundertealten, eigenen Gesetzen funktioniert. Das findet Extreme – sowohl im Guten wie im Schlechten.

Das mutet in Kulturkreisen außerhalb der Barbagia und Sardiniens durchaus schwierig an. Ein Thema, das Bücher füllt.

Aber das im Hinterkopf, beschreibt es die Ernsthaftigkeit der Karnevalstraditionen in der Barbagia. Wir sind hier eben nicht beim Schunkeln oder Konfettiwerfen. Nicht ansatzweise.

Sos buttudos halten immer eines von zwei Dingen in der Hand, die sie gegen S’Urthu verwenden.

Sos Buttudos dominieren das Tier letztlich

Sos Buttudos dominieren das Tier letztlich

Da ist eine Art Peitsche, Su Nerviu, mit der sie dem Tier drohen und es einzuschüchtern suchen.

In früheren Zeiten soll sie aus den Genitalien eines Stiers gearbeitet worden sein, eine verloren gegangene Handwerks… na nennen wir’s ruhig …kunst. Heute sind sie aus Leder und Sehnen.

Das andere ist eine schwere und laute Eisenkette, mit der sie S’Urthu zu zweit an einem Halsband halten.

Immer zwei oder mehr Buttudos versuchen S’Urthu zu zähmen und dominieren.

Das sehr ähnliche Wort «Bottúdo» gilt als Wortstamm für diese Figur und bedeutet interessanterweise «nicht kastrierter Schafbock» – und läge damit sehr nahe an dem Tier, das sie beherrschen wollen und müssen.

Eine Eisenkette brauchen sie zur Zähmung des wilden Tieres

Eine Eisenkette brauchen sie zur Zähmung des wilden Tieres

Sie werden nahezu eins mit ihm, während das Tier versucht, ihnen zu entkommen.

Damit ist es ein Symbol für die notwendige Koexistenz und doch den immer währenden widerstreitenden Interessenkampf zwischen Mensch und Tier.

Der Kampf

S’Urthu rennt heute fast unbezwingbar in seinem grauem Schafsfell gekleidet, durch das Dorf, das Gesicht mit Ruß geschwärzt (s’inthiveddu).

Er kämpft fortwährend darum, sich von den Buttudos, aus der Gefangenschaft und von den Ketten zu befreien.

Dominanz und Stärke werden demonstriert

Im Kampf werden Dominanz und Stärke demonstriert

Das Vorbild liegt wieder im ländlichen Leben – speziell in einer rauen Umgebung, in der nicht alles sauber eingezäunt ist und in der Tiere bis heute frei laufen.

Wilde Schafe, Kühe, Ziegen, Pferde –  als lebende Seelen wehren die sich ganz natürlich gegen den eigenen Tod oder das Ende ihrer Freiheit.

Sie versuchen, sich zu retten, in dem davon laufen, kämpfen oder auf Felsen oder Bäume klettern (Ziegen können das zum Beispiel sehr gut).

Heute erklimmt S’Urthu Bäume oder Laternenpfähle, geht die Hauswände hinauf und setzt sich auf Balkone. Er scheppert an Fensterläden und hämmert an Türen.

Öffnet sich hier und da ein Fenster, bekommt der Urthu etwas zu trinken (in der Regel Rotwein).

Einziger Ausweg: nach oben

Einziger Ausweg: nach oben

Klettert S’Urthu zu hoch, lassen die Buttudos die Kette los und das Tier bleibt auf einem Balkon oder Fenstersims sitzen oder liegen. Hie rund da posiert es stolz.

Am Boden rennen die Tiere flink und mutig auf alles zu, was ihnen begegnet.

Mal kämpfen sie mit anderen Urthus, mal greifen sie ihre Jäger an.

Oft jagen sie auch Frauen und Mädchen nach, die versuchen, sich in Hausecken zu retten.

Das gelingt ihnen nur selten, aber die Buttudos helfen und die Damen werden mit geschwärzten Gesichtern wieder in die Freiheit entlassen.

Gemeinsam werden die beiden Figuren auch Mascheras Bruttas, die hässlichen oder dunklen Masken, genannt.

Die Kirche und der Teufel

Die Kirche, als sie im Mittelalter nur mit mäßigem Erfolg die Christianisierung der Insel versuchte, fand das Spektakel ganz und gar dämonisch.

Zwei Urthos auf einem Balkon

Zwei Urthos auf einem Balkon

Da sie aber trotz aller missionarischer Bemühungen nichts gegen die alten Traditionen der Fonnesen bewirken konnte, verbot sie zumindest den Gebrauch von Hörnern bei den Masken, da diese den Teufel symbolisierten. Da hätte man aber auch gleich direkt das Halten von Ziegen und Widdern verteufeln können, nur weil diese Hörner haben.

Der Teufel oder das Böse in einem für das Überleben notwendigen Tier? Das ist genauso widersinnig wie zu glauben, dass ein Glas Honig böse ist, nur weil Bienen Stachel haben.

Mit Sicherheit haben die alten Fonnesen da nur mit dem Kopf geschüttelt und sich zu Recht geweigert, ihre Traditionen aufzugeben.

Der Glaube an den leibhaftigen Teufel ist auf der Insel kaum ausgeprägt. Wenn überhaupt, ist er nur in Gestalt des täglichen Bösen, des Unglücks, des Todes, der Armut und der Krankheit sichtbar.

S'Urthu an einer Hauswand

S’Urthu an einer Hauswand

Urthos e Buttudos sind ein Symbol für das Miteinander von Mensch und Tier, und für den Kampf zwischen Gut und Böse.

Wenngleich ein sehr starkes.

Hätte sich die frühe Kirche ein bisschen in die Leute und ihre Lebensweise hineinversetzt, hätte sie vermutlich erkannt, dass es in erster Linie um das wirklich wahre Leben und Überleben geht.

Für die Fonnesen war diese Pantomime etwas, das sie näher zusammenbrachte. Sie waren füreinander da und halfen sich gegenseitig. Auch das zeigt der Kampf der Buttudos: Das Ringen mit dem Tier ist eine Gemeinschaftsaufgabe.

Man verstand berechtigterweise nicht, was es daran zu verteufeln gab, wenn man seine Familie und die Dorfgemeinschaft am Leben erhielt.

Da das seit Jahrhunderten zu dem Leben in der Barbagia gehörte, hatte es die Kirche mit ihrer in anderen Kulturen bestens funktionierenden Politik der Angstmacherei in diesem Landstrich nicht leicht.

Denn Angst machen konnten die Fonnesen sehr gut selbst.

Karneval heute: Raus aus der Komfortzone

Wer einmal die Figuren in Aktion erlebt hat, vor allem zu Sant’Antonio, wenn es dunkel ist und Feuer auf den Plätzen in Fonni brennen, spürt mehr als Gänsehaut.

Gänsehautmomente nur vom Zusehen

Gänsehautmomente nur vom Zusehen

Da wird ein ganz tief sitzender Punkt im Inneren angesprochen, wie es nur ganz selten der Fall ist. Wer das schonmal in irgendeiner Form erlebt hat, der ist tief beeindruckt und läuft neugierig weiter.

Für den, der damit nicht vertraut ist und mit falschen Erwartungen (Thema Tusch und Kamelle) nach Sardinien kommt, bei dem breitet sich zunächst ein Unwohlsein aus.

Auch Menschen, die gewohnt sind, in ihrer Komfortzone zu verweilen und die alles im Leben optimieren, sind hier schlicht überfordert.

Alle, für die schon eine falsch gelieferte Fliese beim Hausbau oder ein Regentag im Urlaub eine mittelschwere Katastrophe ist, sollten vielleicht lieber zuhause bleiben …

 

Bewährtes Hilfsmittel, um Hemmungen abzulegen oder Ängste zu überwinden: Wein

Bewährtes Hilfsmittel, um Hemmungen abzulegen oder Ängste zu überwinden: Wein

Die Nähe zu der Natur und den starken Emotionen tut dem Menschen gut – ob er nun Einwohner oder nur Besucher ist.

Der Kult macht einigen, die ihn nicht verstehen, vielleicht sogar Angst. Und vielleicht kleinen Kindern. Dazu kommt, dass die Fonnesen nicht unbedingt als überschwänglich freundliches Volk bekannt sind, und in den seltensten Fällen Deine Sprache sprechen.

In Fonni heißt es: Raus aus der Komfortzone.

Nimm die Extreme an. Setze Dich mit ihnen auseinander. Verstehe, was um Dich herum passiert. Finde Deinen Platz.

Der Besucher braucht in jedem Fall ein dickes Fell.

Und vielleicht etwas hochprozentige Hilfe beim Überwinden der Hürden.

Aber, es ist alles gar nicht schlimm. Und zum Glück treten auch noch ein paar fröhlichere Gesellen auf:

  • Mascheras Limpidas, hell gekleidete tanzende Frauen
  • Su Ceomo, Symbol für den zu Ende gehenden Karneval und in Witwenkleider gehüllte Männer, die ihn mit Gesängen beweinen

Last but not least: Mascheras Limpidas und Su Ceomo

Eine Figur wie Su Ceomo finden wir am Karnevalsdienstag in vielen Orten (z. B. schon im Nachbardorf Mamoiada der Wagen mit Juvanne Martis Sero), mit ähnlicher Bedeutung.

Buttudos und Mascheras Limpidas

Buttudos und Mascheras Limpidas

Bei Su Ceomo handelt sich um eine aus Lumpen und Stroh ausgepolsterte Puppe auf einem Wagen. Er ist männlich, unfassbar hässlich und betrunken.

Sie symbolisiert den Karneval, die wilde Zeit, die jetzt enden muss.

Der Mann (die Puppe) wurde wegen der Sünden während des Karnevals verurteilt und muss nun den Tod durch Erhängen oder Verbrennen sterben.

Su Ceomo - das Ende des Karnevals

Su Ceomo – das Ende des Karnevals

Su Coemo wird von Männern in schwarzen Frauenkleidern, also dem Gewand von Witwen, durch das Dorf gefahren.

Sie tragen dunkle Schulter- und Kopftücher, ihre Gesichter sind zum Teil ebenfalls mit Ruß befleckt.

Sas mascheras limpidas, die hellen Masken, nähern sich auf den Plätzen immer wieder in kleinen Dreiergruppen der Szene, sie tanzen um Su Coemu aber auch – ähnlich dem ballo sardo – in Reihe.

Das Kostüm der mascheras limpidas ist ein Übrigbleibsel aus der Zeit der spanischen Besatzer.

Sie tragen weiße Blusen, dunkle Plissee-Röcke mit farbigen Stickereien, Stoffabschnitten oder Schürzen, breitkrampige Hüte mit bunten Bändern und weiße oder schwarze Schleier, hinter denen die Gesichter nicht zu erkennen sind. Letztere werden su vardellinu genannt, oder auch su vestire de sennora, da sie in früheren Zeiten nur von den Frauen adliger Herkunft getragen wurden.

Kommt man ihnen etwas näher, erkennt man unter den  der bunten Figuren ebenfalls einige als Frauen verkleidete Männer. Die Frauen mit schwarzen Schleiern symbolisieren generellen Verlust im Leben und Trauer, sei es um Mann, Kind oder Tier.

Irgendwann folgt der Grabgesang (Su Teu), das lamento funebre.

Die Witwen beweinen das Ende des Karnevals mit dem "lamento funebre"

Die Witwen beim Grabgesang, lamento funebre

Manchmal beweinen die Witwen Su Coemu in satirischen Versen (natürlich sardisch im lokalen Dialekt, und damit für die meisten Besucher unverständlich) und lauten Rufen oder betrunken klingenden Gesängen.

Hier und da ist das Lamento als traditioneller polyphoner Tenorgesang zu hören.

Dazu stellen sich die Witwen im Viererkreis zusammen und dem Vorsänger folgen die drei anderen Stimmen. Das ist äußerst passend in der gesamten Szenerie.

Wieder einer dieser magischen Momente, und Glück hat, wer dann genau daneben steht und zuhören darf.

Auch die Buttudos stimmen mit ein, um das Ende des Karnevals zu besingen. Zusammen mit den Mascheras Limpidas wird getanzt und die traditionellen Gesänge (Battorinas, Mutos) erklingen.

Schwarzschaf-Tipp: Martedì Grasso in Fonni

Geht zum Karnevalsdienstag, dem Martedì Grasso, nach Fonni. Karneval heißt hier übrigens Su ‘Arrasse’are Onnessu.

Zu diesem Zeitpunkt rechnet man im Dorf generell mit Besuchern* und zeigt sich durchaus aufgeschlossen.

Die Mascheras Limpidas eröffnen das Fest mit ihren Tänzen

Die Mascheras Limpidas eröffnen das Fest mit ihren Tänzen

Begebt Euch gegen 14:30 Uhr zur Piazza Europa. Auch Eltern aus dem Dorf mit ihren Kindern stehen hier rum, das solltet ihr also schaffen.

Erstes Ziel: die Bar an der Piazza. Dort gönnt Ihr Euch erstmal ein Glas Wein, egal ob es mitten am Tag ist. Wer’s langsamer angehen lassen will, nimmt ein Bier. Mit Glück gibt’s hier bereits den ersten Kontakt mit Einheimischen und ihr verliert ein paar Hemmungen.

Um 15 Uhr geht’s mit dem Tanz der Mascheras Limpidas los. Ihr werdet Musik hören, könnt aber langsam austrinken – es dauert ein kleines Weilchen.

Geht dann hinaus, um zuzusehen.

Den lärmenden Auftritt der Urthos e Buttudos werdet ihr auf keinen Fall verpassen – sie kommen aus einer Seitenstraße herangerannt, Glocken und Ketten machen enormen Lärm.

Die Mascheras Limpidas machen alles wieder etwas fröhlicher

Die Mascheras Limpidas machen alles wieder etwas fröhlicher

Die Mascheras Limpidas gehen dann irgendwann los, durch das Dorf. Ihr könnt diesen bereits folgen, die Urthos holen Euch irgendwann ein.

Die ganze Meute bewegt sich durch das Dorf. Ihr könnt, müsst aber nicht unbedingt mitrennen, die Gruppe macht auf den Plätzen Pausen, und S’Urthu sitzt ja auch ab und zu auf einem Balkon rum.

Das Ganze endet mit einem großen Fest bei der Chiesa di Santa Croce auf dem großen Platz an der Via Sorabile.

S'Urthu auf der Laterne ...

S’Urthu auf der Laterne …

Man wird Euch sicher den ein oder anderen kleinen Becher Wein hinhalten, aber im Zweifel solltet ihr Euch selbst was mitbringen ist Mirto oder Rotwein, der aus kleinen Plastikbechern (0.1) getrunken wird.

Leuten, die in Eurer Nähe stehen, davon etwas abzugeben, ist ein netter Zug und eine gute Möglichkeit, ins Gespräch zu kommen.

Ein paar Stände sind aufgebaut – in diesem Jahr gab es Torrone (sehr guter!) und Wein. Ein paar Frauen haben Zeppole (frittierte Teigringe) gemacht und verteilt.

Rechnet nicht mit organisierter, satt machender Verpflegung – hier wird alles von den Dorfbewohnern oder dem örtlichen Kulturverein selbst auf die Beine gestellt und in manchem Jahr gab es auch mal nichts.

In jedem Fall endet der Abend auf der großen Piazza mit Musik, Tänzen und Wein.

Zutrauen musst Du Dir erarbeiten

Zutrauen muss sich der Besucher erarbeiten

Wer bleiben möchte: Fonni hat aber ein paar Hotels und Restaurants.

Ihr könnt auch abends in einem Agriturismo in der Umgebung essen und übernachten – hier haben auch im Winter viele Betriebe geöffnet. Oder ihr fahrt nach Nuoro (falls ihr dann schon wieder nüchtern seid).

Auf alle Fälle verspricht das schwarze Schaf intensive und echte Eindrücke.

Wer sich etwas zurücknimmt, und unaufdringlich in diesen besonderen Ort einfügt, kann mit Glück erleben, dass bei einem gemeinsamen Becher Wein sogar ein S’Urthu aus Fonni zutraulich wird – und sei es nur für ein schnelles Foto 🙂

* Anmerkung: Zu den Feuern von Sant’Antonio am 17. Januar ist das Spektakel deutlich heftiger, aber auch kaum besucherorientiert. Man ist dann gern unter sich, und die Kontaktaufnahme eher schwierig. Es geht, wenn ihr Italienisch sprecht, ein paar Tage im Dorf seid und bereits Kontakte, z. B. in einer örtlichen Gruppe für Exkursionen im Gennargentu oder in Eurem B&B, geknüpft habt. Als Schaulustige seid ihr eher Fremdkörper. 

Schwarzschafige Reise-Beeehratung

Wenn Du möchtest, hilft Dir das schwarze Schaf bei solchen Reisen zum wilden Sardinien und stellt Dir ein Programm zusammen, mit dem Du solche speziellen Events miterleben kannst.

Schau mal in den schwarzschafigen Reiseshop nach unserem «Kurztrip» oder bei längeren Reisen außerhalb der Sommermonate wird es gern zum «Nebensaison-Ratgeber».

Quellen und Links

www.urthosebuttudos.it

http://ilpopoloshardana.blogspot.it/2012/09/maschere-di-sardegna.html

http://www.itenovas.com/in-scena/692-carnevale-di-sardegna-s-urthu-fonni.html

Cane Fonnese auf http://www.agraria.org/cani/cane-fonnese.htm

Agriturismo Parco Donnortei, www.agriturismodonnortei.com

B&B Nugh’e Oro in Nuoro http://www.nugheoro.it/ita/

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