Über Sardinien

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Sardinien überrascht seine Besucher immer wieder. Vor allem durch Größe und Vielfalt.

Die erste Empfehlung, die das Schaf daher gibt ist: Mach eine Rundreise!

Sich an einen Ort festzusetzen ist bequem, würde dem Reiseziel Sardinien aber nicht gerecht (falls du das doch tust, suche dir einen Ort möglichst in der Inselmitte, um Sardinien sternförmig erkunden zu können).

Jedenfalls hat das schwarze Schaf ein paar wissenswerte Dinge zusammengetragen:

  1. Sardinien ist wirklich groß. Wer das nicht glaubt, kann ja mal unsere Schwarzschaf-Inselrouten abfahren … Für unsere letzte stark serpentinenhaltige Strada Provinciale im Landesinneren mit 70 Kilometern brauchten wir über zwei Stunden. Um über die Schnellstraße SS 131 (max. 90 – 110 km/h!) von Nord nach Süd zu gelangen (Luftlinie rund 300 km), sind drei bis vier Stunden einzuplanen. Faustregel: pro Kilometer eine Minute, manchmal auch mehr.
  2. Sardinien ist bergig. Die Insel ist in ihrem Inneren so gebirgig, dass man manchmal vergisst oder gar nicht mehr glaubt, dass da ein Meer ist. Der höchste Berg der Insel ist mit 1.837 Metern die Punta La Marmora, gehörend zum „Dach der Insel“, dem Gennargentu. Im bergigen Zentrum wartet der Supramonte mit mehreren bis zu 1.400 Meter hohen Gipfeln auf. Sogar im eigentlich relativ flachen Norden erhebt sich der Punta Balistreri des Monte Limbara auf 1363 Meter.
  3. Auf Sardinien kann man Skifahren. Als logische Konsequenz von 2. – denn wo Berge sind, fällt Schnee. Manchmal sogar bis in die Niederungen (hier ein paar Beweisfotos). Höchste Schneechance ist im Februar. Auf dem Bruncu Spina gibt es eine Skistation auf 1820 Metern und einige kleine Skipisten. Die Infrastruktur ist für ein paar Wochen im Jahr etwas reduziert, der Spaß am Sport mit Freunden ist hier alles. Hier geht es zur Webseite bruncuspina.it und zur Schneevorhersage.
  4. Sardisch ist eine Sprache. Nein, man tauscht nicht im Italienischen einfach alle O gegen U und schon hat man Sardisch. Sardisch („sa limba sarda“) ist eine der ältesten neoromanischen Sprachen unseres Kontinents und kein Dialekt. Und sie gibt es gleich in mehreren Varianten, darunter eine korsische. Mehr dazu in unserem Artikel.
  5. Auf der Insel leben mehr Schafe als Menschen. Das positive Vorurteil stimmt, auch wenn die Zahl der Schäfer und ihrer Herden leider rückläufig ist. Menschliche Einwohner hat die Insel 1.674.927 (Quelle: ISTAT, 31. Dez. 2011), die gezählten Schafe auf der Insel gibt die gleiche Quelle mit 3.414.194 an. Die ARA Sardegna (Zuchtverband auf Sardinien) schätzt hingegen 4,9 Millionen Wolltiere. Das Nomadendasein der Schäfer und die Transumanza – wenn die Schäfer ihre Herden im Winter von den Bergen in die Niederungen brachten und im Frühling wieder zurück – begann mit dem „editto delle chiudende“ 1823 langsam aber sicher auszusterben. Kurz zusammengefasst: Sardinien wurde von kleinen Mäuerchen, den „Tancas“ durchzogen und die Herden so daran gehindert, zu passieren. Das Ende der Nomadenzeit, der Beginn des Banditentums.
  6. Sardinien ist nicht nur Sommer. Tatsächlich, es gibt Dauerregen und richtig kalte Tage – und zwar nicht zu knapp. Sogar im bevorzugten Reisemonat Mai gibt es Wetterlagen, bei denen die Temperaturen tief fallen und starke nord-/nordwestliche Winde kalte Atlantik- und Polarluft heranschleppen. Von November bis Februar fällt im Flachland oft intensiver Regen, der Schotterstraßen ausschwemmt und unpassierbar macht.
  7. Sardinien ist gefährlich auf den Straßen. Früher waren es Banditen, heute sind es Straßenrowdies, die eine einfache Ausflugstour zuweilen gefährlich machen. Würde jeder auf seiner Spur bleiben, das Tempo auf den Serpentinen und Provinzstraßen drosseln und in Kurven nicht überholen, gäbe es sicher einige Unfälle weniger.
  8. Auf Sardinien gibt es ausgesprochen hässliche Plätze. Sardinien hat ein Müllproblem, das nicht zu ignorieren und nicht wegzudiskutieren ist. Manch abgestelltes Schrottauto kann ja sogar ein schönes Fotomotiv sein, aber die Mentalität von „Ich werf das mal da hin“ und auch giftige Dinge in der freien Natur zu entsorgen, bringt das schwarze Schaf auf die Palme. Der Gipfel ist militärischer Uranmüll in der Quirra, siehe auch diesen Beitrag der ZDF-Mediathek.
  9. Auf Sardinien erzählt man sich alles. Während der Teutone einen angeborenen Drang besitzt, alles ordentlich zu beschildern und öffentlich in Plänen für Jedermann auszuhängen, verlässt sich der Sarde auf das, was man ihm erzählt. Die gesamte sardische Kultur der Nuraghenzeit ist weitgehend ohne schriftliche Korrespondenz und Dokumentationen ausgekommen und bis heute von Mund an Ohr, von Generation zu Generation übermittelt worden. Das drückt sich im Alltag aus: Man weiß, wann und wo welcher Bus fährt – das haben einem die Eltern gesagt. Man weiß, wo der Weg durch die Berge entlangführt – da ist ja der alte Ziu schon lang gegangen. Man weiß, wo Quellen sind – da holte schon die Nonna früher das Wasser. Wenn ein Sarde etwas nicht weiß, wird es ihm irgendjemand schon erzählen. Oder es ist nicht wichtig.
  10. Sarden sind stolz. L’orgoglio, der Stolz, ist ihnen in das Herz eingebrannt. Nahezu jedes sardische Gesicht strahlt diese innere aufrechte Haltung aus, selbst wenn sie hundertjährig gebeugt gehen. Die Liebe zu ihrer Insel und der Stolz auf ihre Kultur ist auch in Kleinigkeiten immens. Jede Nuraghe ist „una meraviglia della nostra splendida terra!!!“ – auch wenn es 7.000 andere gibt. Der Patriotismus ist ausgeprägt – einem Volk, das jahrhundertelang von Besatzern blutig unterdrückt wurde, ist das kaum zu verübeln. Weltoffenheit ist leider kein Attribut, das den Sarden beschreibt. Ihr Landesstolz gipfelt leider zuweilen in fehlendem Horizont, Intoleranz und politisch rechten Auswüchsen. Kräftige Gegenströmungen sind gleichwohl vorhanden.
  11. Sardinien ist nicht Italien. Also, es gehört politisch zu Italien. Aber sonst irgendwie nicht so richtig. Die Insel ist eine autonome Region. Doch vor allem in ihrer Selbstwahrnehmung ist sie ein eigenständiges Land. Das rührt daher, dass die Insel (bis auf eine halbgare Ausnahme im Mittelalter) immer von irgendwem besetzt und die Bevölkerung unterdrückt war. Der italienische Staat reiht sich da schlicht in eine mehrere tausend Jahre alte Geschichte ein. Die sardische Aktionspartei fordert im sardischen Parlament regelmässig die Unabhänigkeit von Italien. 2013 war das Thema Freihandelszone ganz weit vorn. Mit dem „Sardex“ wird versucht, eine eigene Inselwährung zu etablieren. Wahrscheinlich wäre es keine schlechte Idee, das Land auf eigene Füße zu stellen (wobei selbst viele Sarden sagen, ihr Volk sei nicht regierbar, auch nicht von sich selbst). Die Zugehörigkeit zur EU ist für Sardinien wirtschaftlich und weltpoltisch so wichtig, dass dieser große Schritt vermutlich nie gewagt wird.

 

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