Der Gennargentu ist groß, weitgehend unerschlossen und unberührt, und ein Naturschutzgebiet. Ein Traum für jeden Outdoor- und Naturfreund.

Kuh im Gennargentu

Kuh im Gennargentu

Auf den höchsten Bergen der Insel steht der Schutz der frei lebenden Tiere und der Pflanzen zum Glück immer noch vor dem touristischen Interesse. Die sich frei entwickelnde Natur, die man zuhause fast kaum noch findet, ist sein Markenzeichen.

Ob nun wegen des Naturschutzgedankens, der schieren Weite des Gebietes oder mangels Personal: Nur wenige Wege sind erschlossen und kartografiert. Naja doch, die Sarden würden sagen da sind überall gute Wege – die Mitarbeiter der sardischen Forstgesellschaft „Ente Foreste Sardegna“ haben freundlicherweise einige markiert.

Sagen wir mal so: Wer an jeder Ecke ein Hinweisschild erwartet, wird enttäuscht. Hier musst du allein klarkommen.

Höchster Gipfel: Punta La Marmora

Höchster Gipfel: Punta La Marmora

Dem Besucher wird im Gennargentu wird die Fähigkeit abverlangt, das Gelände zu lesen und sich zu orientieren. Nicht nur bei fehlender Ortskenntnis sind gute Vorbereitung und Ausrüstung ein Minimum.

Das schwarze Schaf hat den Gennargentu für dich auf einigen Wegen durchforstet.

Gennargentu Arzanese / Lago Alto del Flumendosa

Dieser südöstliche Teil des Gennargentu ist das Land der Hirten – das ist auf den ersten Blick erkennbar. Überall, auch auf den Straßen, begegnen uns Kühe, auf jeder Wiese, an jedem Hang weiden sie, zusammen mit Schafen, Ziegen, Pferden. Sie laufen frei, und daran muss sich der Wanderer am besten sofort gewöhnen und jede Scheu ablegen.

Der Stausee „Lago Alto del Flumendosa“ wird von vielen kleinen Flüsschen gespeist und liegt sehr malerisch in der Nähe der Staatsstraße 389, die von Nuoro nach Lanusei führt.

Wenige Kilometer hinter Villagrande Strisaili leitet ein Wegweiser über eine kleine Brücke und die Schienen des Trenino Verde hinein in die Landschaft.

Alle, denen es genügt, einfach nur geradeaus auf einer Nebenstraße durch die Landschaft zu gehen, lassen das Auto direkt hier an dem Rastplatz stehen und genießen über viele Kilometer die Aussicht auf den See.

Alle anderen fahren die Teerstraße weiter, und starten irgendwo in der Mitte zwischen Tal und Wald – mehrere unbefestigte Pfade und Forstwege führen links von der Straße weg.

Viele Optionen: Gennargentu Arzanese

Ein Trekkingpfad nach dem anderen: Gennargentu Arzanese

Richtig schön wird der Gennargentu Arzanese nach etwa zehn Kilometern, wenn der Stausee nicht mehr im Blick ist.

Ein großer Stein lädt zu 18 schönen Zielen ein, unter anderem:

  • die Wasserfälle von Pirincanis,
  • den Nuraghen Urtugiadore auf 1.100 Metern
  • den Nuraghen Orruinas
  • das Nuraghendorf Ruinas am Hang des Monte Tuvera (1.561m)
  • Gigantengräber
  • Hirtenhütten (Cuile)
  • tiefe Täler und hohe Gipfel.

Natürlich gelangst du von hier aus auch bis auf die höchsten Gipfel, die Punta La Marmora und den Bruncu Spina.

Lohnenswert ist der schöne Wald aus hundertjährigen Eibenbäumen („tassi secolari di Mataranu“) – in Europa nur hier zu finden. Bis zu tausend Jahre alte Wacholderbäume sind hier ebenfalls zu bestaunen.

Für die im Gennargentu Arzanese ausgeschilderten Routen empfehlen wir zwei oder gar drei Tage in der Region einzuplanen, ein B&B in der Nähe zu suchen und  jeweils früh loszugehen.

Barbagia di Seui

Im Südwesten schließt sich die Barbagia di Seui an, du fährst durch dichte, urige Wälder. Ein besonders schöner Trek führt in der Nähe von Santadi bis zum Wasserfall „Su Stampu“ (Beschreibung).

Idyllischer Bergbach im Gennargentu

Idyllischer Bergbach im Gennargentu

Wer in der Gruppe reist, stellt ganz pfiffig an das ausgesuchte Ziel zuvor ein zweites Auto, um leichter wieder an den Ausgangspunkt zurück zu kommen. Mögliche Rundwege sind auf dem Gennargentu tendenziell zu lang für einen Tag und zu Fuß.

Der ein oder andere Outdoorfreund mag aber vielleicht sein Zelt mitnehmen und übernachten. Mit der passenden Ausrüstung, ausreichend Proviant in der eindrucksvollen, und nachts sehr dunklen und stillen Natur ist das ein großartiges Erlebnis (und wegen der doch sehr niedrigen Nachttemperaturen am ehesten im Sommer empfohlen).

Und wer weiß, vielleicht wirst du ja morgens von einer Kuh oder einem der kleinen frei laufenden Wildschweine geweckt.

  • Anfahrt: Über die SS389 von Nuoro, die SP 27 von Tortolì, oder die SS198 von Lanusei bzw. Mandas/Sadalì
  • Tipps für Arzana und den Gennargentu auf einem privaten Blog in italienischer Sprache

Reisezeit

Die Top-Trekkingsaison für den Gennargentu ist Mai/Juni, September/Oktober. Da der T-721 des „Sentiero Italia“ ist, hat er einen kleinen Nachteil: Weil bekannt und einfach zu gehen, ist er stärker frequentiert als andere Wege. Hier tummeln sich an den Wochenende auch viele (vorwiegend italienische) Familien zum Picknick. Daher sind die Rastplätze auch nicht ganz müllfrei.

Schilder für die grobe Übersicht

Schilder für die grobe Übersicht

Im Sommer ist die Menschendichte niedriger – und der Gennargentu wird vermutlich nie das „Verkehrsaufkommen“ so mancher alpinen Wanderstrecke erreichen – was ihn sehr sympathisch macht.

Allein im Winter ist Vorsicht geboten: Die Wege sind nicht erkennbar und auch wenn das Gelände leicht aussieht: Sobald Wolken heranziehen oder Nebel auf kommt, ist die Gefahr verloren zu gehen, immer gegeben.

»Klassische Variante« zur Punta La Marmora

Dem höchsten Punkt der Insel, der Punta La Marmora mit 1.834 m, näherst du dich etwas einfacher von Nordwesten aus Richtung Fonni kommend. Du biegst beim Passo Tascusi nach links ab, fährst hinauf bis zum Rifugio und stellst dort das Auto ab.

Tipp für Mountainbiker: Diese Tour ist ab Fonni auch mit dem Mountainbike der Hit – du kommst mindestens bis zum Arcu Gennargentu, wenn es dir nichts ausmacht, dein Bike auch die letzte Strecke bergauf zu tragen, auch bis ganz nach oben.

Località Tascusi an der SP 7

Località Tascusi an der SP 7

Auf dem Weg sind drei Quellen (im Sommer führen sie aber nicht immer Wasser) sowie einige Hirtenschutzhütten, die „Cuiles“ Todogia, Camos Trottos und Truncone.

Weiter geht es, nach einiger Zeit erreichst du einen Nebenpfad zum Bruncu Spina, den zweithöchsten Gipfel; zur Punta La Marmora geht es weiter auf dem Hauptweg.

Der Gipfel heißt in sardischer Sprache übrigens »Perdas Crapias«, oder auch »Pedras Carpìdas«, ital. »pietre spaccate«, das bedeutet in etwa »gebrochene Felsen«. Ein anderer sagte uns, die Bezeichnung sei »perda crava«und damit »Ziegenfelsen«. Darüber streiten sich Sprachforscher vermutlich noch ein Weilchen. Wir gehen indes den Pfad in einer traumhaften Abendwanderung mit Übernachtung im Sommer. 

Alpine Schwierigkeitsgrade sind auf dem Dach der Insel nicht zu erwarten: Weit und hügelig erstreckt sich das Panorama.

Seine Schönheit liegt im Detail am Wegesrand, oder in einer Wegsperre aus Ziegen, die sich hier und da auftut. Und in der Stille. Einmalige Panorama-Weitblicke ohne irgendein Geräusch hält der moderne Mensch ja fast nicht aus. Die Tierwelt hingegen sucht sie: nicht selten trifft man hier auf Mufflons oder erspäht am Himmel einen Königsadler.

Der Weg ist relativ gut zu erreichen, und grob markiert. Allerdings dienen die Holzschilder mit häufig ausgewaschener Beschriftung eher der groben Orientierung, aber hier und da sind sie trotzdem ganz nützlich.

  • Über die Provinzstraße SP 7 von Fonni nach Desulo, beim Passo di Tascusì links abbiegen, Auto am besten hier lassen (Faule fahren bis zur Località „Arcu ‚Gennargentu“ weiter)
  • Offizieller Weg: T-721 Tascusì – Punta Lamarmora – 5,3 km Länge (einfach), Höhenunterschied 149 m
  • Übersicht auf sardegnaforeste.it (inkl. PDF-Karte zum Download, ca. 25 MB)

Auf den Bruncu Spina

Wer im Sommer die absolute Einsamkeit sucht, der ist mit dem Bruncu Spina gut bedient. Denn hier ist hauptsächlich im Winter etwas mehr los – wenn der einzige Skilift der Insel geöffnet hat und sich Snowboarder und Skifahrer an den Hängen tummeln – eine grandiose Zeit, um sich hier aufzuhalten.

Zum (Schnee-) Wandern suche dir einen sonnigen Tag – viele Pfade auf den Bruncu Spina liegen an seinem Nordwesthang, dort ist es schattig und im Herbst/Winter schon bei ein paar Wolken saukalt.

Wasserfall statt Trekkingpfad

Wasserfall statt Trekkingpfad

Zurück zur Einsamkeit: Dort, wo man in wenigen Wochen im Jahr Ski fährt, ist ansonsten wenig los. Zwei Wege führen von hier aus hinauf: Ab dem Parkplatz an den Skieinrichtungen führt ein schmaler Pfad den Hang hinauf – auf einem Holzschild ist auch die Punta Paulinu (1.789 m) ausgeschildert – hier bist du richtig.

Wirklich allein ist bist du etwa 1,5 km vorher auf einem Feldweg, der direkt auf den Bruncu Spina führt. Bist du oben, kannst du also mit einiger Ahnung einen Rundkurs laufen – oder über den Pass „Arcu Gennargentu“ weiter zur Punta Sciùsciu und zur Punta La Marmora – das ist nochmal etwas anstrengender, aber nicht weit.

Auch hier Achtung: Die Wege sind relativ einfach bei schönem Wetter, aber bei Schnee oder nach starken Regenfällen kaum zu erkennen.

In der Nebensaison ist außerdem Flexibilität gefragt: Bei unserem Ausflug war der Trekkingpfad kurzerhand von einem Wasserfall erobert worden – wir mussten einige hundert Meter absteigen und querfelsein gehen. Der Bewuchs erlaubt das, aber deine Schuhe und dein Orientierungsvermögen müssen entsprechend sein.

Die Straße, an der wir das Auto gelassen haben, liegt auf ca. 1.500 Metern, schließlich zum Bruncu Spina mit 1.823 Metern. Auf- und Abstieg führen über enge Pfade oder kaum befestigte Schotterwege – das ist also nicht ohne. Immerhin wird uns bei so viel Bewegung nicht kalt.

Ausgangspunkt: Desulo unterhalb des Bruncu Spina

Ausgangspunkt: Desulo unterhalb des Bruncu Spina

Im Frühling und Sommer ist es hier recht angenehm, die Natur trotzdem recht karg. Eine perfekte Umgebung, für ausgedehnte, stille Wanderungen, bei denen man einfach nur seine Ruhe haben und allen Stress hinter sich lassen möchte.

  • Anfahrt: von Fonni auf der SP 7  Richtung Desulo, nach wenigen Kilometern den Schildern zum Bruncu Spina folgen (beim Agriturismo Su Pinnettu abbiegen) und bis zum Ende der Straße fahren; hier eine Karte mit der Anfahrt auf bruncuspina.it (unter „Come arrivare“).
  • Detaillierte Beschreibung (in italienischer Sprache) auf http://www.atlantides.it/sentiero-bruncu-spina.html – Danke schön, das hat sehr geholfen!

Weitere Pfade

Auf sardegnaforeste.it gibt es eine Übersicht aller angelegten Wege (von einfach bis schwierig):

Guides für Exkursionen findest du zum Beispiel in Fonni oder Desulo – überhaupt ein sehr schöner Ausgangspunkt für Touren im Gennargentu.

Pass gut auf

Wer allein läuft, für den ist im Gebirge Mitdenken angesagt – das dient der eigenen Sicherheit. Blicke öfter zurück und herum, suche/baue dir eigene Markierungen, denke an gute Ausrüstung und Proviant, im Sommer brauchst du Wasser, da nicht alle Quellen aktiv sind.

Der Gennargentu ist sich über lange Strecken selbst sehr ähnlich, und Wegpunkte sind leicht zu verwechseln.

Über den Schafen braut sich was zusammen ...

Über den Schafen braut sich was zusammen …

Ja, du kannst hier verloren gehen. Im ersten Moment wirkt das zentrale Gebirge Sardiniens übersichtlich. Wenn du dich dem Massivs näherst (Fonni liegt etwa auf 1.000 Metern über dem Meer), scheint seine Struktur eher flach-hügelig und kaum mit Schwierigkeiten ausgestattet.

Die notwendige Weitsicht ist aber nicht immer gegeben. Ziehen Wolken auf, dann legen sie sich gern in die Täler. Gerade dann musst du wissen, an welchem Gipfel welcher Weg endet. Hier helfen ein Kompass, eine Karte mit Höhenprofil und der ständige Blick zurück, um zu wissen, wo du tatsächlich bist.

Die „Monti del Gennargentu“ bestehen aus mehreren Gipfeln, die sich nacheinander sanft anheben und in den Tälern kaum mehr als 200 Höhenmeter Unterschied haben.

Bei gutem Wetter steht einer ausgiebigen Erkundung auch abseits befestigter Pfade nichts im Weg – man kann hier gut der Nase nach gehen, und das Risiko in vernünftigen Grenzen halten.

Schwierig wird der Gennargentu in der Nebensaison oder an den Randzeiten der Sommertage. Dann ist Vorsicht angesagt. Wetterwechsel und die schnell einfallende Dunkelheit haben auch das schwarze Schaf schon überrascht.

Hin und wieder verändern sich auch die Wege – zum Beispiel nach Unwettern. Die Forstbehörde bringt dann primär Zufahrts- und Brandschutzwege in Ordnung, folgt aber sonst prinzipiell der Natur und zwingt ihr keine Wege auf, wo sie offensichtlich nicht hinpassen. Das bedeutet, dass nicht jeder Weg in einwandfreiem Zustand ist, wie man es vielleicht von anderen Wanderpfaden gewohnt ist.

Viele Quellen sorgen für Wassernachschub. Falls das Wetter sich ändert – womit man in Bergregionen immer rechnen muss – ist auf den hohen Gipfeln kaum Unterschlupf vorhanden. Gewitter können hier sehr beeindruckend und Regenfälle ergiebig sein.

Wer auf Nummer sicher gehen will, holt sich einen aktuellen Wetterbericht und meldet sich in seinem B&B oder Hotel ab, oder schließt sich gleich einem Guide an.

Viel Spaß beim schwarzschafigen Erkunden des Gennargentu!

2 Comments

  1. Peter

    10. Februar 2014 at 15:17

    Okay, ich gebe es zu: da ich in OG wohne, ist die Autofahrt nach Fonni länger, als die zur Nuraghe Arruinas (nach rechts an der Steinkarte). Aber von Sardiniens höchster Nuraghe erreicht man Punta La Marmora in ungefähr 2 Stunden auf einem Ende 2012 renovierten Pfad, dieser Weg ist meiner Meinung nach schöner als die klassiche Tour vom Norden.

    Reply
    • nicole

      10. Februar 2014 at 20:35

      Sehr schöner Hinweis, herzlichen Dank dafür 🙂

      Reply

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