Erstmal musste ich lernen, dass Halloween gar keine amerikanische Erfindung ist, sondern eine sardische.

Natürlich.

Wer sich längere Zeit in der Gesellschaft von Sarden aufhält, stellt schnell fest, dass für sie die Insel der Mittelpunkt der Welt ist – wenn auch nur ihrer eigenen. Die Betonung der Einzigartigkeit, insbesondere mit Blick auf große Nationen, sind unvermeidlich.

Berührungsängste? Null. Der Tod gehört zum Leben dazu.

Berührungsängste? Null. Der Tod gehört zum Leben dazu.

An diesem Tag, bzw. in der Nacht auf den 1. November feierten auch die Kelten ein antikes, rituelles Fest: Samhain hat mit Erntedank und dem Ende des Sommers bzw. dem beginnenden Winter zu tun. Selbst am Mittelmeer ist das kein fremder Gedanke. Halloween fand Dank irischer Auswanderer den Weg nach Amerika.

Nicht wenige Pastoren und Priester, hier wie dort, sehen darin jedoch etwas Teuflisches. Vermutlich aus dem Gedanken, ihr Territorium zu verteidigen. Ach, das ist ja so oft die Ursache vielen Übels …

Nun denn.

Der folgende Tag, der 2. November, ist »Allerseelen«. Vermutlich, weil dem Gedenken an die Toten, die ja mehr oder minder von Würmern zerfressen in der Gruft weilen, etwas Gruseliges anhaftet, wurde Halloween in den USA zum »Horrorfest«.

Ich bin aber auf Sardinien. Und die Insel wäre nicht sie selbst, wenn es hier keine Überraschungen gäbe.

Denn: Das sardische Halloween geht tatsächlich auf sehr, sehr alte Bräuche zurück, die vor allem am südlichen Gennargentu noch am Leben gehalten werden.

Und einiges davon kommt uns sehr bekannt vor. Menschen sind sich (egal wo auf der Welt) eben doch irgendwie ähnlich …

Su Prugadoriu: das sardische Halloween in Seui

»Süßes oder Saures« (italienisch: dolcetto o scherzetto) – so kurz geht es auf Sardinien nicht zu. Hier tönt es so: »Seus benius po is animeddas, mi das fait po praxeri is animeddas, seu su mortu mortu, carki cosa po sas ànimas, peti cocone«.

Eine Übersetzung wage ich nicht, wohl aber eine Erklärung: Is Animeddas sind die Seelen. Wie in vielen anderen Kulturen, laufen Kinder von Haus zu Haus, verkleidet als Gespenster bzw. als die Seelen der Verstorbenen (heutzutage aber auch gern mal als Tiger). Sie singen eben diese Worte, mit denen sie Süßigkeiten  für die verstorbenen Seelen erbitten.

Seui - ein Dorf, das ganz ganz viel zu erzählen und zu zeigen hat!

Seui – ein Dorf, das ganz ganz viel zu erzählen und zu zeigen hat!

Das Schöne an Sardinien ist: Da gibt es nicht nur das industrielle Zuckerzeug. Nein, viele Frauen stellen sich noch tagelang in die Küche und backen. Die Ossi di morto / Knochen des Toten zum Beispiel. Die haben diesen seltsamen Namen, sollen aber grandios schmecken.

Ich kann das nur erahnen. Denn von dieser Tradition bekommt der (Durch-) Reisende, der in Seui eintrifft, unter Umständen nicht so ganz viel mit. Wir wohnen da ja nicht und ich bin auch nicht mehr neun Jahre alt, dass ich da mitlaufen könnte.

Außerdem feiern die Bewohner von Seui über drei Tage ein Fest mit lokalen Spezialitäten und Produkten (ähnlich der Cortes Apertas in der Barbagia), dass man mehr mit Essen und Trinken beschäftigt ist als mit irgendwas anderem. Das Dorf hat auch so viel zu erzählen und in diversen Museen zu zeigen: vom spanischen Kerker über den Gründer der sardischen Aktionspartei bis zum Erfinder des Telefax …

Und so bin ich mit meinem Begleiter, der mir eigentlich die Traditionen erklären soll, schon am erstbesten Stand nach dem Genuss von gegrilltem Vitello und einem Panino mit Salsiccia und Zwiebeln vollgemoppelt und mit drei Gläsern lieblichem Landwein in ausgelassener Stimmung! Wo soll das nur enden …

Aber: Wir haben noch den ganzen Tag Zeit und nach etwas Gegengewicht mit hausgemachten Seadas (ernsthaft: vergiss ALLES, was du in den Touriorten je gegessen hast – die hier sind BESSER) streifen wir durch den Ort, kehren hier und da ein, trinken Wein und freuen uns.

S'Urtzu ist ein zoomorphes Symbol - und optisch tendenziell gruseliges Wesen

S’Urtzu ist ein zoomorphes Symbol – und optisch tendenziell gruseliges Wesen

Im »Su Tzilleri de Tziu Giuanniccu« werden wir heimisch.

Die Bar ist herrlich rustikal und für etwas »Gruselfaktor«, passend zu Halloween, hängt der Schädel eines Mufflons an der Wand. Der Geselle starb eines natürlichen Todes, versichert man uns – und er passt ganz hervorragend zum sardischen Halloween!

Wir bekommen von Francesco einen Moscato, der Seinesgleichen sucht. Aus Plastikbechern. Das darf dich auf Sardinien niemals – keinesfalls! – stören und jaaaaaa … Wein muss man aus einem Glas in bestimmter Form … blablablaaaaaa! Es ist schon gut so.

Mehr als gut ist der Moscato, den wir in der Bar bekommen ...

Mehr als gut ist der Moscato, den wir in der Bar bekommen …

Draußen auf der Straße Lärm: Kinder in Wildschwein- und anderen Tierfellen laufen ausgelassen die Hauptstraße entlang! Was für ein Spaß, was für eine tolle Kindheit!

Dann tritt die Hauptfigur des seuiesischen Karnevals auf: S’Urtzu (zu ihm gehören noch weitere Figuren mit Fellen und Schädeln aus der hiesigen Tierwelt – einen Eindruck davon vermittelt das Video “S’Urtzu ‘e sa Mamulada di Seui” auf youtube.

S’Urtzu trägt einen Stab mit dem Sonnenkreuz oder Sonnenrad, das den Lauf der Sonne markiert. Die vier Enden symbolisieren die vier Himmelsrichtungen der Erde, durch die die Sonne zieht. Die beiden Halbkreise werden aber auch als Ober- und Unterwelt verstanden – als Symbol für Leben und Tod.

Das Sonnenrad von S'Urtzu

Das Sonnenrad von S’Urtzu

Noch so ein Symbol ist der Kürbis / zucca.

Der Barmann Francesco wirft um kurz nach halb sieben den fettesten Kürbis, den er finden konnte, von seinem Balkon im zweiten Stock.

Das passt alles so wunderbar zusammen, dass ich über jede Ähnlichkeit mit amerikanischen und nordeuropäischen Bräuchen überhaupt keinen wissenschaftlichen Gedanken mehr verschwende. Und mich auch gar nicht mehr frage, ob irgendetwas nicht original oder nicht christlich bzw. ob es nun keltisch oder sardisch oder amerikanisch ist.

Ich füge mich in mein schönes Schicksal – das eines herrlich weinseligen Gastes – und bleibe, bis das Fest endet.

Francesco und der Kürbis. Gleich werf' ich's!

Francesco und der Kürbis. Gleich werf’ ich’s!

Halloween überall: Sa Passilada in Escalaplano

Das war natürlich noch nicht alles: Su mortu mortu, Su Petti Coccone, Su pruadorgiu, is animas, su pane e su toccu, is panixeddas, su pane su binu, su biddiu longu, sos sonadores. Ewig viele Namen für die Traditionen rund um Allerheiligen gibt es auf Sardinien. In jedem Ort sind sie sich ähnlich, aber es lassen sich auch Unterschiede feststellen.

Eigentlich ist ja auch egal, wie man’s nennt. Wichtig ist, dass die Traditionen zelebriert und als wertvolles Gegengewicht zur Modernität bewahrt werden.

So wird in Escalaplano »Sa Passillada« gefeiert und in jedem Jahr wird es etwas anders organisiert. Manchmal gibt es ein großes Feuer und ein Essen für alle auf dem Dorfplatz. In diesem Jahr hat man es vor allem für die Kleinen optimiert – mit vielen Spielen und Aktivitäten. Unter anderem lernen die Zwerge, die typischen Dolci zu backen.

Su Boi e Su Dominatore aus Escalaplano

Su Boi e Su Dominatore aus Escalaplano

Die Jungs der Associazione Culturale Bois Fui Janna Morti haben eine alte Tradition wiederbelebt, die auch ganz herrlich zu Halloween passt: Die Figur des Su Boi trägt den Schädel und das Fell eines Rindes und ist schwarz bemalt. Su Omidore / der Bändiger (also der Kuhhirte) trägt zerfetzte Kleidung und das Becen eines Rindes als Geschichtsmase. Fui Janna Morti / die Seelen der Verstorbenen sind in weiße Leinentücher gehüllt und begleiten die beiden.

Weil das Dorf so herrlich untouristisch ist, hat es immer etwas Familiäres: Ich bin hier als Ausländer der komplette Außenseiter. Und als solcher heiß begehrt: Wer bitte verirrt sich im November nach Escalaplano?! Eccomi!

Überall werde ich eingeladen. Ja, gern nehm ich noch einen Vino! Grazie!!! Und wackel irgendwann beschwingt aus dem Dorf hinaus … es ist kompliziert, Nein sagen geht auf keinen Fall … zum Glück ist nicht jeden Tag Fest …

Noch määäähr Halloween-Traditionen

In Nuoro gehen die Kinder am Morgen von Allerseelen verkleidet und mit Säcken und Taschen bewaffnet, von Haus zu Haus. Oft in großen Gruppen, denn schon die ganz kleinen werden mitgenommen und von den größeren Kindern “bewacht”.

Sie klopfen an die Türen und wenn drinnen jemand fragt: Chi è? / Wer ist da? antworten alle unisono: Su mortu mortu! / der tote Tote – was soviel bedeutet wie die Seele des Toten – der eben nicht tot ist, sondern noch quicklebendig ist. Der Besitzer des Hauses öffnet die Tür und gibt den Kindern als Stellvertreter dieser Seele etwas Gutes und Süßes.

In San Sperate ruft man »paisceddasa!« – und zwar am 2. November. Ein großes Fest wird gefeiert, irgendwo zwischen profaner Feierlust und antiker Tradition angesiedelt. Auch hier ist das Fest eines der Kinder.

Und man lernt sie wirklich lieben, wie sie in ihren Kostümen und einer versuchten Ernsthaftigkeit durch die Straßen ziehen.

Wobei – ich muss sagen: Der Versuch, erwachsen zu sein und zu wirken, gelingt denen in der Einsamkeit der abgelegenen Bergdörfer wie Seui und Escalaplano echt besser. Dort habe ich das Gefühl, dass schon Neun- und Zwölfjährige bereits mehr als einem Wildschwein tief in die Augen gesehen haben und bereit zu allem wären.

Ein Junge aus Seui, müde, aber sehr, sehr erwachsen

Ein Junge aus Seui. Müde – aber sehr, sehr erwachsen.

Und der Kürbis?

Dieses Ritual, Fratzen ins Gemüse zu schneiden ist aber nun wirklich Charlie Brown, oder?

Das glaube ich so lang, bis ich das Fest Su Concu ‘e Mortu / der Kopf des Toten. ennenlerne. Ja, man verwendet Kürbisse. Schon eeeeewig, will man mir glauben machen.

Ich, in meinem tiefen Glauben an den großen Kürbis verhaftet, bin skeptisch. In Gonnostramatza wird kurzerhand die archäologische Stätte Tomba di Bingia ‘e Monti zum Halloween-Gebiet erklärt.

Kürbis - kaputt!

Kürbis – kaputt!

Ein spezielles Fest gibt’s nicht; aber die keltische Tradition soll über einen laaaaangen Weg ausgerechnet hierher (und nach Korsika) gelangt sein.

Was als sicher gilt, ist, dass an dieser Stätte antike Rituale stattfanden. Unsere Urahnen hatten so gut wie gar eine Berührungsängste mit Toten, Knochen, Schädeln etc.

Aber wie immer: Wenn man nachbohrt, dann windet man sich und das mit dem Kürbis kann natürlich keiner bestätigen.

Wobei: Kürbisse werden auf Sardinien schon ewig angebaut und der Mensch – findet er etwas Rundes und so leicht Aushöhlbares – ist sich vielleicht wirklich ähnlich. Die Idee ist ja auch ein bisschen naheliegend …

Da wird das Gemüse zum Totenschädel – ist ja auch ein bisschen schöner anzuschauen, als der echte aus dem Grab.

Der Tod gehörte zum Leben dazu und manchmal war er auch echt unangenehm. Es ist ja nur unsere heutige Generation die erste, die den Tod aus dem echten Leben entfernt und sich nur noch in Komfortzonen bewegt …

Wie auch immer. Ich war mehr als komfortabel in Sardiniens Nebensaison unterwegs. Würde es immer wieder tun und jedem wärmstens empfehlen 🙂

 

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