Die einen sagen, der Karneval von Lula sei extrem und beeindruckend, andere sind schlicht irritiert oder ihnen wird gar übel. Die nächsten wenden sich erschrocken ab, wenn sie genauer hinsehen und plötzlich wissen, was sie sehen. Von Staunen zum Grusel ist es in Lula nur ein schmaler Grat.

Wer aber möglichst reale, theatrale Darstellungen liebt und auch Schönheit im Schaurigen und Merkwürdigen erkennen kann, für den ist der Karneval von Lula genau das richtige.

Live und in Farbe in Lula: die Tragödie des Su Battileddu

Live und in Farbe in Lula: die Tragödie des Su Battileddu

Also, gehen wir direkt in die Vollen: Mägen und Blut spielen eine zentrale Rolle. Echte Tiermägen. Echtes Tierblut.

Dazu die Auflösung, dann gruselt es gleich etwas weniger: Mit Blut und einem damit verbundenen Ritual wurde in antiken Zeiten der Boden fruchtbar gemacht. Düng sozusagen. Der Magen diente den Bauern als Transportbehälter – übrigens auch für Wasser, Milch und Wein, nicht alles war merkwürdig.

Die Symbolik leuchtet erstmal ein. Warum man diesen sehr archaisch anmutenden Brauch allerdings heute noch wie im Original pflegt, erschließt sich vermutlich nicht jedem.

Die gute Nachricht: Du kannst weggucken. Die schlechte: Dann erlebst du nicht, was da vor sich geht.

Ein wolliges Dilemma – und sicher nichts für zart besaitete Lämmer! Und so geht das schwarze Schaf mit seiner dicksten Wolle, die es finden kann, nach Lula, ein Dorf in den Bergen des Nuorese.

Alte, archaische Riten beim Karneval von Lula

Alte, archaische, blutige Riten beim Karneval von Lula

Die Geschichte, die wir hier erzählen, ist alt. Sehr alt. Die Zeremonien des Karnevals in Lula haben ihre Ursprünge in vorchristlichen Riten zu Ehren des Dionysos, dem griechischen »Gott des Weines, der Freude, der Trauben, der Fruchtbarkeit, des Wahnsinns und der Ekstase« (Quelle: Dionysos » Wikipedia, mehr weiter unten in diesem Artikel).

Su Battileddu – das Opfer

Die Hauptfigur ist Su Battileddudas Opfer (ital. la vittima).

Su Battileddu: wirklich keine Schönheit

Su Battileddu: wirklich keine Schönheit

Su Battileddu ist in ein dunkles Fell von Schafen oder Widdern gekleidet. Sein Gesicht ist ganz mit Ruß verdunkelt, der Kopf umhüllt von einem Tuch, das die Frauen zur Landarbeit trugen.

In der »Vestizione«, dem öffentlichen Ankleiden, das dem Spektakel voraus geht, setzt man ihm Hörner auf. Meist die eines Ziegenbocks / Caprone. Zwischen diesen Hörnern wird ein Teil eines Ziegenmagens (sardisch: sa ‘entre ortata) arrangiert.

Allein das klingt schaurig und dazu angetan, das Böse zu vertreiben. Und das soll es ja auch tun. Doch es ist noch nicht alles.

Auf der Brust trägt Su Battileddu einige Glocken, sos marrazzos, die auch die Arbeitstiere auf dem Land tragen. Diese Glocken verstecken halb su chentu puzone, einen Stiermagen. Dieser ist gefüllt mit Blut und Wasser, das nach und nach austritt. Wie erwähnt, für die Düngung des Feldes, das damit fruchtbar gemacht wird.

Su Battileddu sieht merkwürdig aus und trägt blutige Mägen. Ok. Das ist noch zu ertragen. Doch nun wird es anstrengend für die zarten Gemüter.

Archaische Szenen in Lula

Mehrere Szenen spielen sich in Lula ab:

Su Battileddu streift durch das Dorf. Im Gefolge sind die Battileddos Massajos, die Aufseher der Tiere, in einfacher, bäuerlicher Kleidung.

Der Custode von Su Battileddu geht nicht zimperlich mit ihm um

Der Custode von Su Battileddu geht nicht zimperlich mit ihm um

Zwei oder drei sind die Aufseher des Opfers / custodi della vittima. Auch ihre Gesichter sind mit Ruß aus dem Holz der Korkeiche (sughero) tief schwarz, sie tragen Stöcke und socas / Lederbänder. Damit binden und peitschen sie das Opfer.

Besonders einer, als Inbegriff des Bösen, jagt den armen Su Battileddu vor sich her, schlägt und misshandelt ihn.

Die Menge an Zuschauern verdckt manchmal die Sicht auf die weiteren Szenen. Die Battileddos Gattias sind Männer, die als Witwen verkleidet sind, und Männerstiefel tragen. Sie intonieren sos attitos, Beerdigungsgesänge, zu Ehren des Karnevalsopfers.

Die Witwen beklagen Su Battileddu

Die Witwen beklagen Su Battileddu

Zusammen mit den Glocken, die von Su Battileddu tönen, bildet der Gesang einen schaurigen Klangteppich in den Straßen des Dorfes.

Die Battileddos Gattias setzen sich hier und da in einem Kreis auf den Boden und nötigen jemanden aus dem Publikum, mitzumachen. Manche versuchen,  umstehende Mädchen und Frauen zu fangen, zu Boden zu werfen und zu küssen. Einige Battileddos wiegen eine Puppe aus Lappen in ihren Armen, und halten sie den Frauen in der Menge hin, damit sie sie füttern.

Die Stiefel der Witwen

Die Stiefel der Witwen bei »Zwicken ohne Lachen«

Dann spielen sie »Zwicken ohne Lachen« (sard.: pitzilica e non rie / ital.: pizzica ma non ridere). Einer beginnt und piekt den Nächsten in die Seite, der wiederum seinem Nächsten, rundherum. Wer zuerst lacht, zahlt das Pfand. Gewöhnlich in Wein.

Apropos Wein: Zwei der Battileddos Massajos ziehen einen Wagen, auf dem ein dritter sitzt.

Tod und Wiedergeburt

Im Laufe des Umzugs / sfilata verliert Su Battileddu seine Kräfte und versinkt irgendwann in einer Art Delirium, bis er fast stirbt. Das geschieht auf dem zentralen Festplatz des Dorfes, unterhalb der Kirche.

Wiederbeleben mit Wein

Wiederbeleben mit Wein

Die Umstehenden bilden einen Kreis. Die Battileddos versuchen, in su chentu puzone, den Magen, den Su Battileddu mit sich trägt, zu stechen, damit das Blut austritt.

Wenn das Opfer schlisslich auf den Boden fällt und dot ruft jemand laut »L’an mortu, Deus meu, l’an irgangatu!« »Sie haben ihn umgebracht, mein Gott, sie haben ihn abgemetzelt!«. Doch mit einem Becher Wein kann Su Battileddu wieder belebt werden.

Su Battileddu im Sterben

Su Battileddu im Sterben

Die Witwen indes inszenieren sein Begräbnis mit skurrilen Gesten und Gesängen, sos attittos, traditionelle Klagelieder bei Beerdigungen. Su Battileddu wird auf den Karren gelegt und damit die Wiedergeburt symbolisiert.

Karneval von Lula: Gestern und Heute

In Lula, in diesem kleinen Ort in der Barbagia, findet sich mit Su Battileddu eine der archaischsten und rohsten Traditionen inselweit.

Der Deutungen gibt es viele. Die einfachste meint, es sei der Winter, der geopfert und zu Grabe getragen wird. Andere sagen, es sei ein tatsächliches Opfer, man hält ihn für einen Wahnsinnigen, der (zu Unrecht) verfolgt wird. Wurden früher vermeintlich Wahnsinnige aufs Feld getrieben und selbiges mit ihrem Blut gedüngt? Denkbar ist auch das.

Ist Su SuBattileddu ein Wahnsinniger?

Ist Su Battileddu ein Wahnsinniger?

Der Name könnte von battile stammen. Im sardischen Sprachgebrauch bedeutet das Wort »nutzlose Sache«, »Lumpen« und bezeichnet in Bezug auf eine Person einen »Nichtsnutz«. Der griechische Begriff bathileios hingegen bedeutet »reich an Ertrag« – und kann sich tatsächlich auf die ernte und das Düngen beziehen.

Was den alten Dionysos betrifft, passt das Ritual ganz gut: »Aus den kultischen Gesangs-, Tanz- und Opferriten entwickelten sich die griechische Tragödie und Komödie in religiösem Kontext.« (Quelle: Dionysien » Wikipedia). Schräg nur, dass die Griechen nie auf Sardinien waren … Nun gut, aber andere Völker, die diese Riten vielleicht mitbrachten. Passiert ja in der Welt öfter mal.

Su Battileddu vor Lenin, im Wandel der Zeiten

Su Battileddu vor Lenin, im Wandel der Zeiten

Die Tradition verschwand in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und verlor sich dann völlig während des Krieges. Erst zur Jahrtausendwende interessierte sich die Forschung für die antiken Masken und Kulturen Sardiniens. Und auch die Sarden lernten, sie wertzuschätzen, auch als Anziehungspunkt für den Tourismus auf der Insel. Wieder auferstanden ist der Karneval von Lula 2001 und wird seitdem jährlich gezeigt.

Zum Glück ist das heute nur noch eine Geschichte, erzählt im Rahmen des sardischen Karnevals. Wobei … Sie zeigt auch, wie schlimm tatsächliche Opfer und vermeintlich Verrückte in ganz früheren Zeiten behandelt wurden. Und auch heute leidet der, der vermeintlich nicht in die Gesellschaft passt. Und manchmal geht das blutig aus. Insofern doch aktuell.

Auf jeden Fall musst du echte Verständnishürden überwinden. Denn in Lula scherzt man nicht. Da ist das Blut kein Foto, sondern echt und rot …

No Happyend beim Karneval von Lula: Su Battileddu wird abgemetzelt

No Happyend beim Karneval von Lula: Su Battileddu wird abgemetzelt

Fotos: Daniele Sanna

Redaktioneller Hinweis: Artikel zuerst veröffentlicht im Februar 2013 auf diesem Blog. 2018 reiste das schwarze Schaf erneut nach Lula.

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